Podcasts Sich Gehör verschaffen

Finanzberater können mit ihrer Stimme Vertrauen aufbauen. Mit innovativen Audioformaten präsentieren sie sich persönlich ihren Kunden. Wie Sie dieses Instrument erfolgreich nutzen.
Kommentieren

Hamburg Er hat bereits 167 Folgen aufgenommen: Patrick Greiner ist Finanzberater, Autor, Sprecher und Podcaster. Wer auf dem Smartphone oder auf dem PC über die Podcast-App oder über Greiners Website die Nummer 167 anklickt, hört zuerst eine E-Gitarre und dann eine Ansage wie bei einem American-Football-Spiel. Eine sonore Stimme verkündet: „Get ready for your breakthrough!“, und: „Good Morning, this is your wake-up call!“ Dann geht es los: Im lockeren Plauderton erklärt der 44-Jährige in einfachen Worten, wie Menschen gute Investmentfonds finden und das für sie passende Portfolio aufbauen. Die Sprache ist klar. Es hört sich so an, als würde er mit einem Freund sprechen, allerdings fehlt ein Dialogpartner.

Die Folge dauert 20 Minuten. Zeitverschwendung? Keineswegs: Rund 30 000 Menschen pro Monat laden seine Podcasts mit Tipps und Tricks rund um Fonds, Cashflow, ETFs und Versicherungen herunter. „Das kam nicht von heute auf morgen“, sagt der gebürtige Pirmasenser. Für ihn sind Podcasts ein wichtiger Teil seiner Vertriebsstrategie. Knapp drei Jahre hat er daran gearbeitet und in Podcasts investiert.

Das Wort Podcast setzt sich aus „Pod“, von iPod, und aus „cast“, von broadcast, zusammen. Einst wurden die überall abrufbaren Mini-Audioshows ausschließlich auf iPods abgespielt. Heute laufen sie auf allen digitalen Geräten. Es ist einer der großen Kommunikationstrends des Jahres. Die Werbewirtschaft bejubelt die Audioinhalte als eine neue Form des Storytellings mit großem Potenzial.

Die Kommunikationsagentur A&B One in Berlin fand heraus, dass die erfolgreichsten Podcasts „Conversational Podcasts“ sind, also einen Gesprächscharakter haben. Dabei unterhalten sich die Protagonisten in einem lockeren Gespräch meist unkonventionell. „Der Conversational Podcast steht quer zu dem, was man kennt“, erklärt Nina Przybill. Sie ist Studienleiterin bei A&B One. Das Ohrenkino wirke aktuell so stark, weil Podcasts etwas inzwischen Seltenes mitbringen: Raum für Eigenheiten, Nonkonformismus und Vielfalt. „Podcasts fungieren als menschlicher Gegenentwurf zur perfektionistischen Insta-Kultur“, ist Przybill überzeugt.

Die kleinen Sendungen sind Wegbegleiter. Man kann sie auf dem Handy speichern und dann abspielen, wenn es passt. Die Reduktion auf das Hören schafft Raum für neue Einsichten und Erfahrungen, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Audioinhalte dienen dazu, Themen zu vertiefen, Zielgruppen besser zu binden und ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen. Das Einsatzspektrum für Werbetreibende reicht vom Mitarbeiter-Podcast über Vertriebsimpulse im B2C-Geschäft bis zur Bindung von B2B-Kunden.

Was kann heute in Bezug auf Finanzen authentischer sein als Offenheit, Transparenz – und die Bereitschaft, mit seiner eigenen Stimme sein Wissen mit der eigenen Community direkt zu teilen? Patrick Greiner, Finanzberater

Was bedeutet das für die Finanzbranche? „Ein Podcast dient dazu, im Dschungel der Medienkanäle sichtbar zu werden und vor allem mehr Reichweite zu erzielen“, sagt Greiner. Er habe 2017 erkannt, dass diese Plattform optimal zu ihm passt, als er auf einem Live-Event von einem Fremden angesprochen wurde: „Sie sind doch Patrick Greiner! Ich kenne Sie von Ihren Podcasts!“ Damit war die Richtung klar: Als Podcaster wollte er sich mit System eine eigene Personenmarke aufbauen.

Die Idee zu seinem Podcast kam Greiner beim Entwickeln seiner Onlinestrategie. Als Finanzexperte wird er von seinen Kunden per Honorar vergütet. Er erklärt seiner Community, welche Alternativen man als Verbraucher zu den klassischen Provisionsprodukten hat – ohne versteckte Kosten und mit deutlich geringeren Gebühren. „Das Netto-Prinzip“, nennt Greiner das. „Viele Berater sprechen von Authentizität. Was kann heute in Bezug auf Finanzen authentischer sein als Offenheit, Transparenz – und die Bereitschaft, mit seiner eigenen Stimme sein Wissen mit der eigenen Community direkt zu teilen?“ Diese Frage stellte sich der IHK-geprüfte Honorar-Finanzanlageberater und legte im April 2017 los.

„Jeder kann einen Podcast starten“, ist Greiner überzeugt. Er verbindet sein Mikrofon mit seinem Laptop und nimmt seinen Monolog über die Audio-App „GarageBand“ selbst auf. Anschließend schneidet ein Techniker das zu einer professionellen Tonspur zusammen. Einmal im Monat führt Greiner ein Interview mit einem prominenten Unternehmer, Speaker oder Coach. „Daraus mache ich dann zwei Folgen“, sagt Greiner. Flankiert wird seine Sendung von der App „Upspeak“. Hier können Hörer Fragen stellen, die er dann in einer der kommenden Sendungen beantwortet. „Eine perfekte Community-Bindung“, meint Greiner.
Über seinen Podcast-Hoster hat er Zugriff auf Statistiken, die belegen, wie viele Menschen von welchem Ort aus seine Podcasts hören. Er baut mit seinem Content ein großes Vertrauen zu seinen Zuhörern auf, die dann seine Beratung in Anspruch nehmen oder auf eine seiner Veranstaltungen kommen können. „Kaltakquise habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Aus meinen Zuhörern werden oftmals Kunden oder treue Follower.“

Brigitte Hagedorn, die in Berlin als Coach arbeitet und Unternehmern erklärt, wie man einen eigenen Podcast ins Leben ruft, ist davon überzeugt, „dass die Stimme unverwechselbar ist“. Das mache Podcasts zu einem sehr persönlichen und authentischen Instrument der Kundengewinnung und der Kundenbindung. Noch ein paar Vorteile: „Podcasts sind schnell zu verbreiten, persönlich, aktuell und lassen sich auch im Vorfeld und später optimal zur Verbreitung nutzen.“

Alleinstellungsmerkmale aufbauen

Das ist auch die Strategie von Patrick Greiner: „In erster Linie sollte jeder Podcaster ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln.“ Das Ziel muss es ein, einen Expertenstatus aufzubauen. „Was kann ich besser als andere?“: Diese Frage müssen Podcaster vor der Aufzeichnung für sich beantworten. Schließlich komme es auf Sichtbarkeit an. Potenzielle Hörer müssen die Audiostücke leicht finden, am besten über verschiedene Kanäle. Die Social Media gehören auch dazu. Dafür müsse jeder Podcaster seine Zielgruppe definieren. „Hier sollte man sich breit aufstellen“, empfiehlt Greiner. Der Bekanntheitsgrad sollte kontinuierlich steigen. Auch ein Buch kann dazu beitragen. Das hat Greiner bereits geschrieben und selbst verlegt. Titel des gedruckten Buchs und des Podcasts sind identisch: „Deine beste Investition“. Da er es im Eigenverlag herausgebracht hat, gehen alle Bestellungen bei ihm ein: „Das ist eine perfekte Möglichkeit, mit meinen Lesern in Kontakt zu bleiben.“

Kein Wunder, dass ein Podcast inzwischen in der Digitalszene „zum guten Ton“ gehört. Häufig entstehen Podcasts – ähnlich wie Blogs – aus einem Hobby heraus, um eigene Interessen zu teilen oder Wissen zu einem Thema zu präsentieren. Unternehmen können von einem Audioformat profitieren und Podcasts als Marketingkanal einsetzen. Podcasts sind kein Nischenmedium mehr: Laut Branchenverband Bitkom hören 22 Prozent der Deutschen regelmäßig zu. 2016 waren es nur 14 Prozent. Der Anteil bei den unter 50-Jährigen liegt sogar bei 30 Prozent. Der Automobilhersteller Audi „plaudert“ über Elektromobilität, und die Krankenkasse AOK beschäftigt sich regelmäßig hörbar mit Ernährungstipps.

Zahl der Woche

32

32 Prozent der Beteiligten einer YouGov-Umfrage gaben an, sich Podcasts anzuhören, um sich zu bilden oder etwas Neues zu lernen.

„Blogs sind nicht mehr für jede Botschaft das richtige Mittel“, sagt Steffen Jecke, Head of Content & Creative der Onlinemarketing-Agentur Projecter in Leipzig. „Besonders Meinungsinhalte und Themen auf der Metaebene haben über Audio einen besonderen Charme.“ Das kommt auch Konzernen und mittelständischen Unternehmen zugute, die Corporate Podcasts einsetzen. Hörer, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren, werden auf das Unternehmen aufmerksam gemacht. Zudem können Unternehmen Führungskräfte vorstellen und als nahbare Personen in Szene setzen. Podcasts lassen sich außerdem zum Recruiting oder im Kundenservice nutzen und sind eine spannende Ergänzung zu den bisherigen Content-Marketing-Formaten eines Unternehmens.

Bei allem Enthusiasmus sollten Finanzberater den Aufwand für die Produktion eines Podcasts allerdings nicht unterschätzten. Dazu gehört auch die Auswahl eines passenden Hosters, der die Infrastruktur liefert. Auf dieser Plattform liegen alle Audiodateien. Von hier aus startet die Veröffentlichung auf den gewünschten Kanälen wie iTunes, Stitcher, Spotify, Soundcloud oder Youtube. Wer nicht alles vollständig in Eigenleistung erbringen will, kann einen Podcast auch extern produzieren lassen.

Für Patrick Greiner ist die Rechnung aufgegangen. Er erreicht mit seinem Podcast seine Zielgruppe. Der Aufwand dafür hält sich für ihn im Rahmen. Seine Expertise als Podcaster und Branding-Stratege ist in der Finanzbranche gefragt. Als Speaker hält er regelmäßig Vorträge – und er hat die Veranstaltung „Expert-Secrets-Mastermind“ gegründet. Hier lädt er per Bewerbungsverfahren Ende Februar 2020 die Topberater nach Köln zum gemeinsamen Strategieaustausch ein. Was ihn am Podcasting am meisten reizt? „Das ist die eigene Kreativität, die dadurch entsteht. Jeder Podcast ist anders, und bei jeder Folge habe ich eine neue Idee.“

Die Gesamtausgabe der Handelsblatt Finanzberater Edition finden Sie hier.

0 Kommentare zu "Podcasts: Sich Gehör verschaffen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.