Zielgruppe Senioren Aktien zahlen sich auch im Alter aus

Menschen über 80 Jahre sind hierzulande die erfolgreichsten Geldanleger. Warum viele von ihnen Wertschwankungen nicht fürchten, wofür sie sparen und wieso Wissenschaftler dazu raten, nach dem Renteneintritt die Aktienquote kontinuierlich zu erhöhen.
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Quelle: Boris Roessler / dpa
(Foto: Boris Roessler / dpa)

Düsseldorf Das Jahr 1964 war gut: Die Weltwirtschaft wuchs um 7,2 Prozent, Martin Luther King erhielt den Friedensnobelpreis – und in der Bundesrepublik wurden mehr als 1,3 Millionen Kinder geboren. Es war der Höhepunkt des Babybooms, der von 1955 bis 1965 dauerte. In den kommenden Jahren nähert sich diese Generation nun dem Rentenalter.

Angehende Rentner sollten sich in Sachen Geld von den derzeitigen Rentnern inspirieren lassen: Denn keine Bevölkerungsgruppe steigerte ihr Vermögen in den vergangenen fünf Jahren so stark wie die über 80-Jährigen, zeigt die aktuelle Einkommens- und Verbraucherstichprobe des Statistischen Bundesamts. So legte deren Nettogesamtvermögen von durchschnittlich 150 900 auf 218 700 Euro zu, also um knapp 45 Prozent. Ein Grund: Während der Durchschnitt der Bundesbürger über alle Altersklassen hinweg etwa 29 Prozent des Geldvermögens in Wertpapiere investiert, liegt dieser Anteil bei den über 80-Jährigen bei 43 Prozent und bei den über 70-Jährigen bei 40 Prozent. Etwa 24 Prozent des Wertpapiervermögens machen Aktien aus. Nur 23 Prozent der Deutschen bevorzugen Aktien oder Aktienfonds, in der Generation unter 30 Jahren sind es lediglich 13 Prozent. Für diese Erhebung wurden 10 000 Deutsche befragt.

Eine Studie, die das Flossbach von Storch Research Institute in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut GfK erstellt hat, zeigt ebenfalls die Affinität der über 70-Jährigen für Aktien. Dass Senioren deutlich öfter zu Aktien greifen als der Durchschnitt, zeigt bereits die Antwort auf die Eingangsfrage: So nutzten nur 15 Prozent der älteren Studienteilnehmer für die Ausbildung der Enkel das Sparbuch oder Girokonto. Mehr als ein Viertel der Senioren vertraut dabei auf Aktien. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller Befragten setzen 30 Prozent auf Sparbuch oder Girokonten.

Ältere halten Schwankungen aus

Ein Grund dafür ist die Lebenserfahrung. Nicht einmal jeder sechste Senior begreift die zwischenzeitlichen Kursschwankungen bei Aktieninvestments als ein großes Risiko. Mit den Jahren haben sie das Wesen von Aktienanlagen kennengelernt: Die Kurse schwanken, dafür sind die Ertragschancen höher – wenn man langfristig investiert bleibt.

Größere Sorgen macht den Senioren hingegen die Inflation (42 Prozent). Bei der jüngeren Generation ist es genau umgekehrt, die Angst vor der Geldentwertung ist niedriger, die Angst vor Volatilität dafür deutlich höher: „Ältere Anleger waren oft schon jahrzehntelang an den Aktienmärkten investiert und haben dabei auch Situationen mit massiven Kursrückgängen erlebt. Doch breit gestreute Portfolios haben auf lange Sicht immer gewonnen. Eine solche Erfahrung kann gelassen stimmen“, meint Marius Kleinheyer, Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute.

Und so zeigt diese Studie auch, dass sich Aktien und selbst genutzte Immobilien nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis überdurchschnittlich oft in den Vermögensaufstellungen der Rentner finden. Sparbücher sowie Leben- und Rentenpolicen sind hingegen deutlich weniger häufig vertreten. Beachtlich: Trotz des fortgeschrittenen Alters gaben 70 Prozent der von Flossbach von Storch befragten Senioren an, regelmäßig Geld zurückzulegen. Ein Viertel spart dabei mehr als 200 Euro monatlich, 10 Prozent mehr als 400 Euro. Als häufigstes Sparziel nannten sie den Aufbau einer Risikovorsorge für Schadensfälle, am zweithäufigsten den Konsum – etwa ein neues Auto oder einen längeren Urlaub.

Viele wollen Vermögen übertragen

„Die Prinzipien der Geldanlage werden im Rentenalter nicht neu geschrieben“, sagt Kleinheyer. Und für künftige Rentner sei es wichtig, sie zu kennen. Denn bei den meisten werde die gesetzliche Rente allein im Alter nicht reichen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Die Ersparnisse müssen ausreichend bemessen sein, auch weil viele einen Teil des Vermögens an die nächste Generation übertragen wollen. Auch in der Rentenphase sind nach Abzug der Inflation positive reale Renditen wichtig. Aktien im Depot werden angesichts der vielleicht noch sehr lange anhaltenden Niedrigzinsphase immer wichtiger.

War es bislang üblich, Ersparnisse über eine Sofortrente verrenten zu lassen, zeigt eine Berechnung, dass diese Anlage wenig lohnt: Ein 65-Jähriger, der 100 000 Euro einzahlen würde, käme auf eine lebenslange Rente von 269 Euro monatlich. Wer das Geld hingegen unverzinst liegen lassen und regelmäßig 269 Euro abheben würde, könnte knapp 30 Jahre von dieser Summe leben – also bei einem Renteneintritt mit 65 Jahren bis zum Alter von 95. Zum Vergleich: Würde sich das Kapital mit durchschnittlich drei Prozent jährlich verzinsen, könnte der Besitzer über einen Entnahmeplan Monat für Monat 246 Euro entnehmen, und die 100 000 Euro blieben voll erhalten. Doch wie können Senioren drei Prozent Plus pro Jahr erreichen, ohne zu viel zu riskieren?

„Eine Rendite in dieser Höhe ist heute langfristig wohl nur noch zu erzielen, wenn Anleger ihrem Portfolio zumindest einen Teil Aktien beimischen“, sagt Kleinheyer. Was für diese These spricht: Seit den 1960er-Jahren hat sich die Lebenserwartung und damit der Anlagehorizont von Menschen, die in den Ruhestand eintreten, mehr als verdoppelt. Während die Menschen damals noch im Durchschnitt rund zehn Jahre ihr arbeitsfreies Leben genießen konnten, sind es heute mehr als zwanzig Jahre. Der Löwenanteil des Kapitals kann also noch Jahrzehnte an den Finanzmärkten arbeiten.

Wie das funktioniert, zeigt eine Untersuchung des Vermögensverwalters Flossbach von Storch zum US-Aktienmarkt S&P 500, bei der auch die Dividenden berücksichtigt werden. Die rollierenden Zeiträume von 1940 bis heute zeigen: Auf Jahressicht schwankte die Wertentwicklung in diesem sehr langen Zeitraum zwischen minus 47 Prozent und plus 52 Prozent. Wer seit 1940 in den vergangenen Dekaden über zehn Jahre investiert blieb, musste im schlechtesten Fall eine Wertentwicklung von weniger als minus 1,5 Prozent hinnehmen. Im besten Falle lag die Wertentwicklung bei mehr als 20 Prozent pro Jahr. Bei längeren Zeiträumen sinken die Schwankungen weiter. Bei einem Horizont von mehr als 20 Jahren erzielten Investoren im schlechtesten Fall ein Plus von mehr als fünf Prozent pro Jahr. Mit einer klugen Auswahl von Einzeltiteln und Diversifikation der Anlageklassen lassen sich Schwankungen weiter reduzieren.

Aktienquote im Ruhestand anheben

Welche Aktienquote für Rentner optimal ist, zeigt auch eine Erhebung des US-amerikanischen Finanzwissenschaftlers Wade Pfau aus dem Jahr 2018. Wichtigstes Ergebnis: Die Rente reicht umso länger, je höher die Aktienquote im Alter sein kann. Dafür empfiehlt Pfau, die laufende Zweitrente zunächst aus dem sicheren Vermögensteil zu entnehmen. „So kann der am Aktienmarkt investierte Teil länger liegen bleiben, was die Ertragschancen erhöht und Verlustrisiken senkt.“

Wer zudem jeden Monat einen fixen Betrag bei schwankenden Kursen aus seinem Depot entnimmt, verkauft bei niedrigen Kursen besonders viele Anteile und bei hohen Kursen besonders wenige. Es ist also ein umgekehrt wirkender Cost-Average-Effekt wirksam. Dieser vermögenszehrende Effekt ist nicht zu unterschätzen, und Pfau entwickelte dafür eine Gegenstrategie. Zunächst untersuchte er, welche Aktienquote für angehende Rentner in verschiedenen Kapitalmarktumfeldern über 20, 30 oder 40 Jahre optimal gewesen wäre, wenn Rentner jedes Jahr vier oder fünf Prozent des anfänglich investierten Vermögens entnehmen würden, also ihr Kapital aufbrauchen wollen. Ergebnis: In der überwältigenden Mehrheit der Fälle ist es für Rentner, die ihr Vermögen voraussichtlich verbrauchen wollen, ratsam, mit einem Anteil von 20 Prozent Aktien in den Ruhestand zu starten und diesen Anteil dann Jahr für Jahr zu steigern. Denn unmittelbar nach Beginn des Ruhestands kann ein Crash das Portfolio besonders hart treffen. Nach einigen guten Jahren hingegen kann ein Puffer aufgebaut werden, und weitere Kursverluste fallen nicht mehr so stark ins Gewicht.

Finanzberater sollten also wissen: Entgegen der landläufigen Meinung ist es nicht optimal, nach dem Renteneintritt den Aktienanteil systematisch abzubauen. Die kommende Generation der über 80-Jährigen kann daher eine spannende Zielgruppe sein.

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