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Händlerin an der Börse New York

Die Kurse steigen, weil die Hilfe der Fed als ausgemacht gilt.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Aktienmärkte Warum Anleger zu viel Vertrauen in die Fed haben könnten

Anleger spekulieren auf eine rasche Zinssenkung in den USA. Doch Experten warnen, dass die US-Notenbank keineswegs eine lockere Geldpolitik versprochen hat.
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FrankfurtDie Weltwirtschaft strauchelt. Jüngster Anlass für die Sorgen der Anleger waren die in der vergangenen Woche enttäuschend ausgefallenen Arbeitsmarktzahlen der USA: Im Mai wurden 100.000 Stellen weniger geschaffen als erwartet, und der Wert des Vormonats wurde um 39.000 Jobs nach unten korrigiert. Aber Aktienanleger lassen sich offenbar nicht entmutigen.

Sie hoffen, dass die US-Notenbank Fed die trübe Stimmung mit Zinssenkungen aufhellt – steht doch auf ihrer Seite außerdem ein prominenter Unterstützer: „Die US-Leitzinsen sind viel zu hoch ... die haben keine Ahnung“, twitterte US-Präsident Donald Trump am Dienstag Richtung Fed. Von dieser Fantasie profitieren besonders stark die Technologie-Werte, während die Papiere von US-Banken unter Druck geraten könnten. Möglicherweise geht aber die Fantasie mit den Investoren durch.

„Besonders interessant ist die Entwicklung auf den Terminmärkten, die jetzt sogar für die Sitzung der Fed am 19. Juni eine Leitzinssenkung mit gut 30 Prozent Wahrscheinlichkeit einpreisen“, sagt Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden.

Ein solcher Schritt gilt für den 31. Juli mit knapp 80 Prozent schon fast als ausgemacht. Daher läuft der Aktienmarkt, wie der US-Ökonom Mohamed El-Erian sagt, in dem Modus „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Die Kurse bleiben trotz der trüben Aussichten stark, weil die Hilfe der Fed als ausgemacht gilt.

Nach Meinung von Strategen überziehen die Märkte allerdings mit ihren Erwartungen. Luca Paolini, Chef-Anlagestratege von Pictet Asset Management, sagt: „Die Fed wird geduldig sein.“ Die vom Markt erwartete lockerere Geldpolitik sieht der Experte bis auf Weiteres nicht. Die US-Notenbank habe lediglich ihre Absicht signalisiert, Zinsschritte nach unten zu machen, wenn die Wirtschaft das erfordere.

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Für Paolini besteht aber kein Grund, dass die Fed bald aktiv werden muss. Die US-Wirtschaft wachse mit 1,5 bis zwei Prozent im Quartal. Das entspreche dem viel beachteten Trendwachstum. Eine Rezession drohe in diesem Jahr nicht mehr. Dem stimmt der Chefanleger des HQ Trusts, Reinhard Panse, zu: „Auch wenn sich die Daten zuletzt verschlechtert haben – noch deutet sich keine Rezession an.“

Jan Hatzius, Chefökonom von Goldman Sachs, warnt ebenfalls vor zu hohen Erwartungen. Der Optimismus der Aktienmärkte speist sich aus einer Anmerkung von Fed-Chef Jerome Powell, der am Dienstag voriger Woche versprochen hatte, die Notenbank werde alles Notwendige tun, um die Wirtschaft in Schwung zu halten.

„Nach unserer Meinung war das aber kein starker Hinweis auf eine baldige Zinserhöhung, sondern lediglich die Versicherung, dass die Notenbanker die Risiken des Handelskriegs im Blick behalten“, analysiert Hatzius. Seiner Meinung nach wollte Powell in der Konferenz, in der es um langfristige Strategien ging, die aktuelle Situation nur kurz ansprechen, um nicht so zu wirken, als habe er kein Verständnis für die Sorgen der Investoren.

Hatzius glaubt „bei aller Vorsicht“, dass die Fed die Zinsen bis Jahresende nicht senke. El-Erian schreibt ganz ähnlich in einer Kolumne für die Nachrichtenagentur Bloomberg, die Erwartungen der Märkte gingen „weit hinaus über alles, was die Fed signalisiert hat“. Er stellt zudem heraus, dass der Optimismus der Aktienmärkte nicht gut zu den Reaktionen in anderen Bereichen des Kapitalmarkts, etwa bei Anleihen, passt. Die Ökonomen von JP Morgan gehen dagegen von zwei Zinssenkungen noch in diesem Jahr aus.

Für Paolini von Pictet droht dagegen erst im nächsten Jahr ein Wirtschaftsabschwung in den USA. Zugleich rechnet der Schweizer Vermögensverwalter dort mit anziehender Inflation. Eine Zinssenkung wäre aus seiner Sicht zurzeit deshalb das falsche Signal, urteilt der Stratege.

Ohnehin rechnet er mit einem Kompromiss im Dauerhandelsstreit zwischen den USA und China. Die Fed müsse der Wirtschaft deshalb auch gar nicht helfen. „Donald Trump braucht eine stark laufende Konjunktur, wenn er die US-Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr erneut gewinnen will“, betont Paolini. Die Wahl zwinge Trump, pragmatisch zu sein. Das werde sich allerdings nur kurzfristig positiv auswirken, schränkt er ein.

Folglich rät der Aktienexperte Anlegern, sich in ihrem Depot vorsichtig, aber auch nicht zu ängstlich zu positionieren. Die als sicher geltenden deutschen Staatsanleihen bescheren Investoren etwa bei zehnjährigen Papieren negative Renditen – daher sollten auch vorsichtige Naturen diese Bonds derzeit nicht übergewichten, sagt er. In Großbritannien und in Schwellenländern gebe es dagegen attraktiv bewertete Anlagen. Stark macht Paolini sich zudem etwa für Gold.

Schwellenländer werden seiner Meinung nach von einem schwachen Dollar in den nächsten Jahren profitieren. Die US-Währung wird „extrem unter Druck geraten“, wenn Paolini recht behält. „Ich bin schockiert, wie viel Vertrauen die Investoren in den Dollar haben“, sagt er. In den nächsten fünf Jahren könne die Währung um fünf bis zehn Prozent abwerten.

Bei der erwarteten Abkühlung der Weltkonjunktur wolle zudem jedes Land eine schwächere Währung haben, um die jeweils eigene Industrie damit zu unterstützten. In Dollar-Schwächephasen seien Schwellenländer indes immer gut gelaufen. Besonders angetan haben es Paolini Indien, Brasilien und Tunesien. Marc Chandler, Kapitalmarkt-Experte der US-Bank BBH, pflichtet bei, dass der Dollar zumindest seine stärkste Phase hinter sich habe.

Auch die Euro-Zone erscheint Paolini aussichtsreicher als die USA. In den nächsten fünf Jahren erwartet er auf dem Kontinent eine um fünf Prozent bessere Ertragsentwicklung als in den USA. Er glaubt, dass die USA nächstes Jahr und 2021 eine Rezession erleben werden.

Dann sei das wirtschaftliche Strohfeuer durch die Steuererleichterungen Trumps abgebrannt, das sich auch in der Bewertung von US-Aktien widerspiegele: Die Konzerne werden mit dem 17-Fachen des geschätzten Jahresgewinns für 2019 bewertet. Zum Vergleich: In Europa ist es das Zwölffache. Die Gewinne je Aktie werden nach Ansicht des Strategen ohnehin durch die massiven Rückkäufe der Papiere durch die US-Unternehmen stark überzeichnet.

Gleichzeitig seien die Investitionen der Firmen seit der Finanzkrise massiv gestiegen. Doch auf Dauer könnten die Konzerne sich das nicht leisten, da die Firmen überschuldet seien. Schwinde das Vertrauen in die Wirtschaft, ziehe das weniger Investitionen nach sich, was das Wachstum bremse und wiederum zu einer Zurückhaltung der Verbraucher führe.

Einiges spricht also dafür, dass Aktieninvestoren zu optimistisch sind. Einen Abschwung könnten auch fallende Gewinne der Unternehmen auslösen. Der Handelskonflikt ist Gift für die Firmen und damit für die Aktienmärkte, wie Sebastian Klein, Vorstandschef der Fürstlich Castell‘schen Bank, betont. Auch andere Experten zeigen sich skeptisch mit Blick auf den Streit zwischen China und den USA.

Nach Einschätzung von Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, wird der eskalierende Handelskonflikt „auch an der erfolgsverwöhnten US-Wirtschaft nicht vorübergehen“. Seine Bank senkt deshalb die Wachstumsprognose für das laufende Jahr um 0,2 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent. Über die Parteigrenzen hinweg wollten die Amerikaner verhindern, dass die aufstrebende Macht China ihren Einfluss ausweite, sagt der Ökonom.

Sie sähen in einem technologisch erstarkten, reideologisierten China den entscheidenden politischen und militärischen Rivalen des 21. Jahrhunderts. Umgekehrt sei China nicht bereit, seine geopolitischen Ambitionen zurückzunehmen oder sein staatskapitalistisches Wirtschaftsmodell wesentlich zu ändern.

Mehr: Entwicklungsländer hängen am Tropf der US-Notenbank, im Guten wie im Schlechten. Doch die Fed will nichts von ihrem starken Einfluss wissen.

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