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Die türkische Zentralbank in Ankara

Man hat die Qual der Zinswahl – und den Druck von Erdogan.

(Foto: Reuters)

Analyse Hohe Kreditkosten oder schwache Währung? Türkische Zentralbank steht vor Dilemma

Dass die Währungshüter in Ankara stillhalten, sorgt für Turbulenzen in allen türkischen Anlageklassen. Den Unternehmen aber könnte es helfen.
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Türkische Lira im freien Fall – „Das Ansehen der Zentralbank ist angekratzt“

IstanbulAnalysten waren sich so gut wie einig. Als die türkische Zentralbank am Dienstag über die Leitzinsen in dem Land entschied, sollten die Geldwächter diese um einen Prozentpunkt erhöhen, auf 18,75 Prozent. So hatten es viele von der Finanznachrichtenagentur Bloomberg befragte Anlageexperten vermutet. Sie wurden enttäuscht. Die Zentralbank entschied vielmehr, sich nicht zu entscheiden, und ließ den Leitzins bei 17,75 Prozent.

Anleger reagierten innerhalb weniger Minuten. Sie flohen aus allen möglichen türkischen Werten. Die Börse sackte um vier Prozent ab, die türkische Lira verlor zum US-Dollar 2,9 Prozent an Wert. Weil viele Investoren außerdem ihre zehnjährigen türkischen Staatsanleihen auf den Markt warfen, mussten sie neuen Käufern mit einer um 1,84 Prozentpunkte höheren Zinsprämie angeboten werden.

Auch aus politischer Perspektive ist der überraschende Zinsentscheid problematisch: Präsident Erdogan und seine Partei gewannen Ende Juni die Präsidenten- und Parlamentswahlen, seitdem ist er mit ausgedehnten Befugnissen ausgestattet. Viele Türkei-Beobachter befürchten, dass er die Kontrolle über die Zentralbank übernehmen will, um Unternehmen billige Kredite zu ermöglichen. Das treibt seit Längerem Investoren aus türkischen Werten.

Niedrige Zinsen könnten doch Erfolg bringen

Doch aus langfristiger Sicht gibt es auch Anzeichen, dass die Zentralbank mit vorschnellen Zinserhöhungen vorsichtig sein sollte, sich der ausgebliebene Zinsschritt also als sinnvoll erweist. Die Unternehmen des Landes könnten in der heiklen Lage davon profitieren – zumindest vorübergehend.

Die Leitzinsen legen fest, zu welchem Zinssatz sich eine Bank bei der Zentralbank ihr Geld leihen kann. Durch eine Senkung kommen die Institute billiger an Geld. Was dazu führt, dass diese wiederum Kredite zu günstigeren Konditionen ausreichen können. Und wenn Kredite günstiger sind, sind Unternehmen stärker geneigt zu investieren. Eine Senkung des Leitzinses kann also die Wirtschaft ankurbeln.

Gleichzeitig treibt die Kauflaune die Preise – die Inflation im Land steigt an. In der Türkei liegt sie inzwischen bei 15 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: In der Euro-Zone beträgt sie knapp zwei Prozent. Und das, obwohl der Leitzins in der Euro-Zone derzeit bei null Prozent liegt.

Die Türkei hat den Leitzins in den vergangenen Jahren kontinuierlich angehoben, auf inzwischen 17,75 Prozent. Das war wichtig, um die Inflation sowie die schwächelnde Lira zu stützen. Seitdem nämlich die US-amerikanische Zentralbank ankündigte, ihrerseits die US-Leitzinsen schneller zu erhöhen als gedacht, werden US-Werte für Investoren wieder attraktiver.

Fed sorgt für Riesenabflüsse bei Schwellenländern

Das Geld dafür ziehen sie aus Schwellenländern ab. Deswegen haben die Währungen vieler „Emerging Markets“ wie die Argentiniens, Südafrikas oder eben der Türkei in den vergangenen Monaten stark gelitten. Und nicht hauptsächlich wegen einer zu schwachen türkischen Leitzinspolitik.

Auch steigen die Preise in der Türkei nicht nur, weil die Zentralbank zu niedrige Leitzinsen ansetzt. Sondern zum Beispiel, weil die türkische Führung schon vor Jahren damit begonnen hat, verschiedene Konsumsteuern zu erhöhen, etwa für Autos oder Alkohol. Die Lebensmittelpreise steigen derzeit am stärksten.

Einmal wegen der schwachen Währung, andererseits aber auch wegen politischer Fehler bei Importen für Grundnahrungsmitteln. Hier hängt es von der neuen Regierung ab, ob sie bessere Bedingungen schafft und die Preisspirale eindämmt.

Nächster kritischer Punkt: die Entwicklung der Istanbuler Börse. Seit Jahresbeginn hat die „Borsa Istanbul“ 18 Prozent an Wert verloren. Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe: die erwähnte Zinspolitik der USA sowie die Unsicherheit unter Marktteilnehmern, was Erdogans Politik angeht.

Die Vorstandschefs der gelisteten Unternehmen, wie etwa die Konglomerate Koc oder Sabanci bis hin zu Erstliga-Fußballvereinen wie Besiktas oder Fenerbahce Istanbul, dürften grundsätzlich höhere Zinsen unterstützen, weil diese Maßnahmen die Lira zuletzt gestützt hatten.

Außerdem sorgt viele Anleger die hohe Verschuldung türkischer Konzerne in ausländischer Währung. Inzwischen sitzen türkische Unternehmen auf mehr als 240 Milliarden US-Dollar, die sie in ausländischer Währung zurückzahlen müssen. Mehrere bekannte Großunternehmen des Landes, darunter die Holdings Dogus und Yildiz, befanden sich zuletzt in Verhandlungen mit Großbanken über eine Umstrukturierung ihrer Kredite. Alleine bei Dogus geht es um 2,5 Milliarden US-Dollar, Yildiz meldete kürzlich die Restrukturierung von sieben Milliarden Dollar Schulden.

Allein, wenn die Zentralbank die Leitzinsen erhöht, steigen damit auch die Zinsen für neue Kredite. Das ist nicht bloß schlecht für Unternehmen, die neue Kredite aufnehmen wollen. Sondern auch für diejenigen, die gerade ihre alten Kredite neu verhandeln.

Ausstieg aus Konjunkturprogramm entscheidend

Nicht zuletzt geht es auch um die gesamtwirtschaftliche Lage im Land. Nach einem Putschversuch im Juli 2016 legte die Regierung umfangreiche Konjunkturprogramme auf, die über Milliardenkredite finanziert wurden. Auch das trieb die Inflation nach oben und die Währung nach unten.

Noch viel wichtiger ist aber, wie die Politik auf das Auslaufen dieser Programme reagieren wird. Im Jahr 2017 stieg das Bruttoinlandsprodukt der Türkei um 7,4 Prozent, weltweiter Spitzenreiter in dem Jahr. Jetzt zeigen viele Indikatoren nach unten, durchaus von der Regierung gewollt. Würde die Zentralbank jetzt weiter die Zinsen erhöhen, könnte sie das Wachstum komplett abschnüren.

In der Gleichung der Währungshüter befinden sich derzeit also viele Parameter: Neben der Preisstabilität und dem Auslaufen der Konjunkturprogramme sind das die geopolitische Lage sowie die politische Unsicherheit im eigenen Land. Den ohnehin hohen Zinssatz von 17,75 Prozent erst einmal beizubehalten, muss dabei aber nicht unbedingt ein Fehler sein.

Die Börse jedenfalls scheint den Kursrutsch kurz nach der Zentralbankentscheidung gut verkraftet zu haben: Bis zum Mittwochnachmittag haben die Unternehmen ihre Kursverluste vom Vortag fast vollständig ausgeglichen. Die Lira konnte die Hälfte der Vortagsverluste wettmachen. Langfristig dürften jedoch weder kreditfreundliche niedrige Zinsen noch stabilisierende hohe Zinsen den Unternehmen nützen – sondern eine glaubwürdige Wirtschaftspolitik aus Ankara.

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