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Analyse Warum Investitionen kein Heilmittel gegen die deutsche Exportstärke sind

Angelsächsische Ökonomen kritisieren Deutschlands Ungleichgewicht im Außenhandel. Doch ihre Ratschläge sind zum Teil wenig überzeugend.
09.08.2018 - 11:47 Uhr Kommentieren
Warum Investitionen kein Heilmittel gegen Exportstärke sind Quelle: AP
Investitionen

Würde BMW lieber in München investieren als in den USA, dann wäre das sicher kein Weg zu einem geringeren Überschuss in der Leistungsbilanz.

(Foto: AP)

Frankfurt Ökonomen, das zeigt sich in Zeiten hitziger und nationaler werdender Debatten, geht es nicht immer um wissenschaftliche Erkenntnis. Also darum, aus der Beobachtung Hypothesen abzuleiten und für diese Hypothesen Belege oder Widerlegungen zu finden. Manchmal dienen Argumente scheinbar nur dazu das zu belegen, was man ohnehin glaubt oder was den Interessen des eigenen Landes dient.

Ein Beispiel dafür ist die leidige Debatte über die hohen Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands. Kein Zweifel: Sie stellen in Zeiten des wachsenden Protektionismus ein politisches Problem dar.

Kein Zweifel auch: Schneller steigende Löhne würden helfen, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie bremsen und den Binnenkonsum stärken, was wahrscheinlich zu mehr Importen führt.

Die Regierung hat aber nur wenig Einfluss auf die Lohnbildung. Selbst die konservative Bundesbank ist zwar dafür aufgeschlossen, aber niemand kann die Gewerkschaften zum Streik zwingen, um den Arbeitsgebern Dampf zu machen.

Helfen würde wahrscheinlich auch eine stärkere Staatsverschuldung, um die Konjunktur anzuschieben und damit die Nachfrage zu stärken, die dann auch die Importe erhöhen sollte.

Die Frage ist allerdings, ob die Regierung dieses Mittel nicht für einen Konjunktureinbruch aufheben sollte. Das Programm von Keynes, dem die meisten angelsächsischen Ökonomen ja im Prinzip folgen, sieht staatlichen Anschub für schwache Zeiten vor und nicht für starke.

Die deutsche Stärke im Export ist keineswegs ein Nachteil

Einige Ratschläge angelsächsischer Ökonomen zur „Heilung“ des „deutschen Problems“ sind aber weitaus problematischer. Weil die Deutschen sich nicht wirklich in ihre Tarifpolitik reinreden lassen und auch nicht bereit sind, zum Heil der restlichen Welt die Staatsverschuldung wieder zu erhöhen, lautet ein wichtiger Ratschlag der angelsächsischen Kritiker: Wir sollten mehr investieren.

Nach dem Motto: Das liegt doch in eurem eigenen Interesse. Und in der Tat könnten wir mehr Investitionen gebrauchen, zum Beispiel in marode Schulbauten oder digitale Infrastruktur.

Man redet uns auch ein, eigentlich sei der Leistungsbilanzüberschuss eine Schwäche Deutschlands als Investitionsstandort und nicht etwa eine Stärke als Produktionsland. Zuletzt hat der sehr renommierte Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Maurice Obstfeld, in einem Gastbeitrag für die „Welt“ so argumentiert.

Das ist aber auch nur eine höfliche Umschreibung von Kritik. Keynesianische Ökonomen haben ein Weltbild, das den meisten Deutschen fremd ist. Sie sehen den Kampf um die Nachfrage als ausschlaggebend für die Weltwirtschaft an. Wer nicht genug für Nachfrage im eigenen Land sorgt und stattdessen massenhaft Kunden in anderen Ländern bedient, handelt nach dieser Vorstellung unfair.

Die deutsche Stärke im Export, die keineswegs eine Schwäche ist, wird als eine Art von Protektionismus angesehen. Das ist diametral der Vorstellung mancher Deutscher entgegen gesetzt, nach der andere Länder uns ausbeuten, indem sie unsere Waren kaufen, statt – hier kommen dann auch Faulheits-Vorurteile zum Vorschein – selber mehr zu produzieren.

Die Ratschläge von außen klingen erstmal vernünftig. Aber sind sie auch plausibel? Wieso sollten mehr Investitionen zu weniger Überschuss in der Leistungsbilanz führen? Wenn Unternehmen mehr in Deutschland investieren statt im Ausland, dann werden sie in Zukunft wahrscheinlich noch mehr exportieren. Würde BMW lieber in München investieren als in den USA, dann wäre das sicher kein Weg zu einem geringeren Überschuss in der Leistungsbilanz.

Für öffentliche Investitionen lässt sich ganz ähnlich feststellen: Wenn der Staat das schnelle Internet oder Verkehrsverbindungen in der Fläche verbessert, wäre das sicher eine gute Idee. Aber damit würden einige Unternehmen besser an den Weltmarkt angeschlossen, was ihre Chancen im Export noch erhöht.

Woher rührt also die Idee, mit höheren Investitionen ließe sich der Überschuss der Leistungsbilanz heilen?

Möglicherweise erliegen die Ökonomen zum Teil der Suggestion ihrer eigenen Formeln. Eine Standardformel sagt zum Beispiel, dass der Überschuss des privaten Sparens über die privaten Investitionen gleich dem Staatsdefizit plus dem Überschuss der Leistungsbilanz ist.

Das lässt sich aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ableiten, ist aber auch so verständlich: Das Geld der Sparer, das nicht von anderen privat investiert wird, fließt über Staatsanleihen oder auf anderen Wegen mit in die Finanzierung des Staates. Außerdem fließt es indirekt in die Finanzierung der deutschen Exporte.

Gefährlich wird es, wenn solche Formeln allzu statisch interpretiert werden. Dann lassen sich leicht Gedankenspiele anstellen.

Zum Beispiel: Wenn weniger gespart wird, aber Investitionen und Staatsverschuldung sich nicht verändern, muss zwangsläufig der Exportüberschuss sinken. Warum? Böse gesagt, weil sonst die Gleichung nicht aufgeht. Wenn auf der linken Seite der Gleichung der Sparüberschuss geringer wird, muss auf der rechten Seite auch etwas sinken und da bleibt nur der Exportüberschuss übrig, wenn sich sonst nichts verändert.

Oder: Wenn mehr investiert wird, die Bürger aber genauso viel sparen und der Staat sich wie bisher verschuldet, dann muss ebenfalls der Exportüberschuss sinken, damit die Gleichung wieder stimmt. Mit solchen Gedankenspielen kann man leicht zu dem Ergebnis kommen, dass Deutschland zu viel spart oder zu wenig investiert, oder dass der Staat zu wenig Geld ausgibt – was immer man gerade erzählen möchte.

Das Problem dabei ist die Annahme, dass man an einer Größe derartiger Gleichungen herumschrauben kann, ohne dass sich mehr als eine andere Größe ändert. Wer sagt denn zum Beispiel, dass höhere private Investitionen nicht zu noch mehr Sparen führen, zum Beispiel, wenn es sich vor allem um Investitionen in eigene Wohnung handelt? Das wäre im Detail zu prüfen.

Deutsche Unternehmen sind im Vergleich zu amerikanischen nicht besonders profitabel.

Ähnlich stellt sich die Frage bei stärkeren Investitionen der Unternehmen. Wahrscheinlich würden sie das Wirtschaftswachstum anheizen. Aber möglicherweise wird damit allenfalls der Exportüberschuss in Prozent des dann höheren Bruttoinlandprodukts sinken, aber nicht in absoluten Zahlen. Und das hilft keinem Land, dass mit Deutschland in Konkurrenz um Absatzmärkte steht. Außerdem: Wenn an der Nachfrage vorbei investiert wird, gibt es irgendwann Probleme, die die Entwicklung wieder umkehren.

Volkswirtschaftliche Gleichungen besagen zunächst nur, wie sich einmal erfasste Größen zueinander Beziehung setzen lassen. Aber Rückschlusse darauf, wie sich die Veränderungen einzelner Größen bis in die Folgejahre auf andere Größen auswirken würden, sind schwierig und mit sehr vielen Ungewissheiten behaftet. Zumindest in den öffentlichen Diskussionen hat man nicht den Eindruck, dass die Ökonomen, die Deutschland kritisieren, dabei immer mit der nötigen Sorgfalt vorgehen.

Es ist wenig überzeugend, aus Gleichungen Zusammenhänge abzuleiten, die ansonsten wenig plausibel sind. Angesichts der großen Exportstärke Deutschlands ist kaum einzusehen, dass die Exportindustrie zu wenig investiert. Und bei allen Unternehmen muss man doch unterstellen, dass sie so viel investieren, wie sie hoffen, auch sinnvoll verwenden zu können.

Deutsche Unternehmen sind im Vergleich zu amerikanischen nicht besonders profitabel. Das spricht nicht dafür, dass sie mit mehr Investitionen gutes Geld verdienen würden. Die öffentliche Infrastruktur in Deutschland hat sicherlich Mängel, aber weit weniger als zum Beispiel die der USA mit ihrem notorischen Defizit in der Leistungsbilanz.

Die Deutschen sparen eine Menge, aber das tun die Italiener auch, ohne dass Italien einen auffallend hohen Exportüberschuss hätte. Die Idee, dass wir mit höheren Investitionen im Inland anderen Ländern zu mehr Konkurrenzfähigkeit verhelfen, wirkt bei näherem Hinsehen nicht sehr überzeugend.

Der Euro ist für die deutsche Wirtschaft zu schwach.

Plausibler sind andere Zusammenhänge, die in Deutschland, geblendet vom Stolz über die eigenen wirtschaftliche Stärke, allerdings manchmal übersehen werden. Der Euro ist für die deutsche Wirtschaft zu schwach, weil er die Situation der gesamten Euro-Zone widerspiegelt.

Die Zinsen sind für den deutschen Staat wie auch für deutsche Unternehmen extrem niedrig, weil das Land als relativ sicher für Finanzkapital gilt – übrigens auch eine Stärke und keine Schwäche. Beide Effekte zusammen werden gerne unterschätzt und dürften in der Hauptsache dafür verantwortlich sein, dass die traditionelle deutsche Exportstärke seit einigen Jahren geradezu ausufert.

Was lässt sich daraus folgern? Der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands ist nicht so einfach abzubauen, wie manche Ökonomen im Ausland sich das vorstellen. Das heißt nicht, dass man das Problem ignorieren soll, aber es wären doch etwas differenziertere Analysen wünschenswert, wo die Politik überhaupt sinnvoll ansetzen kann.

Auf der anderen Seite sollte die Erkenntnis, dass die heimische Wirtschaft extrem von Spannungen innerhalb der Euro-Zone profitiert – bei der Währung und bei den Zinsen – dem deutschen Komplex entgegen wirken, dass „wir“ angeblich so viel Geld für unsere Nachbarländer ausgeben, was sich bei näherem Hinsehen ohnehin als falsch erweist.

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