Andrea Enria Der neue Chef der EZB-Bankenaufsicht hat ein 657-Milliarden-Problem

Andrea Enria, künftiger Chef der EZB-Bankenaufsicht, ist unabhängig und erfahren. Er muss vor allem eine gewaltige Aufgabe lösen.
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Acht Jahre lang leitete er die Europäische Bankenaufsicht in London. Quelle: TOM JAMIESON/The New York Times//Redux/laif
Andrea Enria

Acht Jahre lang leitete er die Europäische Bankenaufsicht in London.

(Foto: TOM JAMIESON/The New York Times//Redux/laif)

DüsseldorfAls Charismatiker würden wohl nicht mal seine Freunde Andrea Enria bezeichnen, dafür ist der designierte Chef der EZB-Bankenaufsicht einfach zu nüchtern. Wenn der kahlköpfige Italiener mit der kleinen Brille einen seiner Vorträge zur Bankenregulierung hält, wird klar, warum es an seiner Fachkenntnis nie einen Zweifel gab, seine Führungsqualitäten aber schon mal zur Debatte standen.

Acht Jahre lang leitete der 57-Jährige die Europäische Bankenaufsicht (Eba) in London. Das lief nicht immer glatt. Kurz nach ihrer Gründung 2011 wirkte die Behörde mit der Organisation der ersten europaweiten Stresstests überfordert. Auch später musste Enria Rückschläge verkraften. Im vergangenen Jahr blitzte er bei den EU-Finanzministern mit dem Vorschlag einer europaweiten Bad Bank ab, die den Geldhäusern ihre faulen Kredite abkauft und an private Investoren weitergibt.

Seinem Ruf hat das nicht geschadet. Enria sei eine „exzellente Wahl“ für den EZB-Posten, lobt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Er habe stets Kompetenz und Unabhängigkeit bewiesen. Der aus dem norditalienischen La Spezia stammende Ökonom wurde von den südeuropäischen Ländern durchgesetzt – Deutschland hatte die irische Gegenkandidatin Sharon Donnery unterstützt.

Bis zum Abgang von Notenbankchef Mario Draghi im Oktober 2019 stehen damit zwei Italiener an der EZB-Spitze. Doch Befürchtungen, der neue Bankenaufseher könne zu nachsichtig mit den krisenanfälligen Banken seines Heimatlandes sein, sind laut Kollegen unbegründet. In der Debatte um faule Kredite vertrat die Eba stets eine harte Position.

In Italien ein Falke

In Italien gilt der Absolvent der Eliteuniversitäten Bocconi und Cambridge als Falke. Die populistische Regierung in Rom hatte daher seine Kandidatur nicht unterstützt. Das sei „vielleicht die beste Empfehlung für ihn“, heißt es in Frankfurt.

Enria wird seinen Job im Januar antreten. Er ist dann verantwortlich für die 125 größten Banken der Euro-Zone. Ein zentrales Thema wird der Umgang mit Problemkrediten sein. Noch immer schleppen Banken im Euro-Raum faule Kredite im Wert von 657 Milliarden Euro mit sich herum. Stark betroffen ist Italien. Die EZB will sich mit den Banken auf individuelle Pläne zum Kreditabbau verständigen.

Enria hat das Glück, dass der Aufbau des Single Supervisory Mechanism (SSM) zur Kontrolle der Banken inzwischen abgeschlossen ist. Und auch die meisten neuen Regeln, die als Reaktion auf die Finanzkrise eingeführt wurden, sind in Kraft oder zumindest beschlossen. Somit kann Enria neue Schwerpunkte setzen – etwa bei der Digitalisierung der Banken oder bei der überfälligen Konsolidierung des Sektors.

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