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Bank of England in London

An der Position der Zentralbank zum Brexit hat sich nichts geändert.

(Foto: Reuters)

Andy Haldane Chefvolkswirt der Bank of England sieht „erschüttertes Vertrauen“ in Notenbanken

Der Chefvolkswirt der Bank von England über die Macht der Notenbanken, ihren Vertrauensverlust und neue Wege der Kommunikation mit der Bevölkerung.
02.07.2018 - 18:12 Uhr Kommentieren

London Andy Haldane empfängt seine Gäste in einem überraschend lichten Büro in der Bank of England, deren dicke Mauern die jahrhundertalte Geschichte der Notenbank spüren lassen. Gleich zu Beginn stellt der Chefvolkswirt klar, dass er nichts zum Brexit oder der aktuellen Geldpolitik sagen wird. An der Position der Zentralbank hat sich nichts geändert: Sie hält den EU-Austritt für das größte Konjunkturrisiko und lässt sich daher Zeit mit Zinserhöhungen. Haldane, der sich Hoffnungen auf die Nachfolge von Gouverneur Mark Carney macht, redet lieber über ein Problem, das vielleicht sogar noch tiefer geht als der Brexit: der enorme Vertrauensverlust der Notenbanken.

Herr Haldane, Zentralbanken sind mächtiger denn je, zugleich haben sie das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren. Sehen Sie da einen Zusammenhang?
In jedem Land haben öffentliche Institutionen an Vertrauen verloren. Das betrifft die Politik, die Medien, große Unternehmen und auch die Notenbanken. Dieser Trend hat schon weit vor der Finanzkrise begonnen. Seit 2008 stehen die Zentralbanken in der Kritik, weil ihnen die Schuld daran gegeben wird, dass sie die Finanzkrise nicht verhindert haben, und dass die Krise so teuer geworden ist. Ob die Kritik nun richtig oder falsch ist, sie hat das Vertrauen in die Notenbanken jedenfalls weiter erschüttert.

Um das Vertrauen wiederzugewinnen, touren Sie mittlerweile durchs Land und reden auf Townhall-Meetings über Ihre Arbeit. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Es ist schwer, Vertrauen in etwas zu haben, was Sie nicht verstehen. Unser Publikum sind die Sparer, die Verbraucher, die Arbeitnehmer, die Unternehmer. Sie treffen die Entscheidungen, die die wirtschaftliche Entwicklung bestimmen. Wir müssen Wege finden, direkt mit ihnen zu kommunizieren, nicht nur auf dem Umweg über die Medien.

„Die Bank of England hat mehr Instrumente als zu jedem anderen Zeitpunkt ihrer Geschichte.“ Quelle: Reuters
Andy Haldane

„Die Bank of England hat mehr Instrumente als zu jedem anderen Zeitpunkt ihrer Geschichte.“

(Foto: Reuters)

Die Sprache von Notenbankern gilt nicht als besonders verständlich. Müssen Sie da nicht komplett umdenken?
Es hat wirklich eine Revolution gegeben in der Art, wie Notenbanken sich heutzutage vor aller Welt erklären. In Sachen Transparenz hatten wir uns jahrhundertelang darin gefallen, geheimniskrämerisch, rätselhaft und vage zu bleiben. Seit einigen Jahren bemühen wir uns aufzuholen. Ich hoffe, dass wir als Bank of England in einigen Punkten Vorreiter sind, zum Beispiel im direkten Kontakt mit den Bürgern. Für mich ist das der nächste Schritt in der Evolution der Notenbanken.

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    Der Schritt hat lange auf sich warten lassen.
    Die Bank von England ist 324 Jahre alt. Ich sage immer, die ersten dreihundert Jahre unserer Existenz haben wir mit niemandem gesprochen. In den vergangenen 24 Jahren haben wir uns so weit geöffnet, dass heute kaum ein Tag ohne eine öffentliche Äußerung vergeht. Bisher richten sie sich vor allem an Experten. In der dritten Phase müssen wir nun an die restlichen 99 Prozent ran, deren Job nichts mit Finanzen zu tun hat, aber von der Geldpolitik abhängt. Sie ist nicht ihr Leben, beeinflusst aber ihren Lebensunterhalt. Das ist ein notwendiger Schritt für Notenbanken. Man könnte sagen, dass es ein nötiger Schritt für viele öffentliche Institutionen ist, wenn sie den Vertrauensverlust beheben wollen. 

    Sie produzieren bunt animierte Erklär-Videos. Ist Geldpolitik dafür nicht zu kompliziert?
    Um die Öffentlichkeit zu erreichen, müssen wir so viele Kommunikationskanäle wie möglich nutzen. Anfangs war ich skeptisch, ob Animationsvideos das richtige Mittel sind, um komplexe Botschaften zu überbringen. Aber sie haben mich vollkommen überzeugt. Sie bringen die Unterhaltungen, die ich mit Bürgern führe, auf den Punkt.

    In Frankfurt wurde gerade diskutiert, ob EZB-Präsident Mario Draghi auf Twitter sein sollte. Wie sehen Sie das?
    Ich habe kein Twitter-Konto, aber die Bank of England hat eins. Ich sehe darin kein Problem. Es ist ein weiterer Weg, um unser Material zu verbreiten, inklusive unsere Videos.

    Besteht nicht die Gefahr, dass durch Vereinfachung Missverständnisse entstehen, die zu Chaos an den Finanzmärkten führen?
    Wenn wir ein breiteres Publikum erreichen wollen, müssen wir experimentieren. Ich habe keine Angst, das Wort „experimentieren“ zu benutzen. Wir können nicht erwarten, dass sich die Bürger auf unsere traditionelle Kommunikation einlassen. Nicht jeder hat die gleiche Aufmerksamkeitsspanne für Geldpolitik. Für die große Mehrheit reicht ein kleines Erklär-Video oder eine einfache Grafik vollkommen aus. Für professionelle Beobachter stellen wir natürlich weiterhin umfangreiches technisches Material bereit. Entscheidend ist, die Kanäle zu diversifizieren.

    In den Townhall-Meetings diskutieren Sie mit den Bürgern über die Wirtschaft. Wie hilfreich ist dieser Input bei Ihren Entscheidungen?
    Zuhören ist genauso wichtig wie Erklären. Es gibt ein Sprichwort: Beim Reden zeigen wir unser Wissen, beim Zuhören entsteht Weisheit. Die Townhall-Meetings sind daher ein zentraler Teil unseres Outreach-Programms. Häufig sind das Gruppen der Gesellschaft, mit denen die Bank of England historisch wenig Berührung hatte. Wir hören ihnen zu, um zu verstehen, wie sie Geld sparen, leihen und ausgeben.

    Wer kommt freiwillig zu so einem Event, um über Geldpolitik zu reden?
    Wir arbeiten mit gemeinnützigen Organisationen zusammen, um ein möglichst repräsentatives Publikum zu haben. Wir müssen auch nicht jede Woche in der Öffentlichkeit präsent sein. Aber gelegentlich wollen wir in verschiedenen Teilen des Landes die Temperatur fühlen. Nach einem Jahr des Herumreisens kann ich Ihnen sagen: Das bringt ungeheuer wertvolle Erkenntnisse.

    Zum Beispiel?
    Zentralbanken reden gern über Inflation. Wir haben ein vom Parlament vorgegebenes Ziel, das wir zu erreichen versuchen. Ich habe viele Aufsätze darüber geschrieben, welche Kosten die Inflation für die Gesellschaft hat. Aber wenn man von den Menschen hört, wie höhere Preise ihr Ausgabeverhalten ändern, bekommt man noch ein ganz anderes Verständnis. Einmal war ich in Cardiff, das ist schon fast ein Jahr her. Damals gingen die Preise in den Läden hoch, weil das Pfund nach dem Brexit-Referendum abgewertet hatte. Die Leute, mit denen ich da redete, hatten nun die Wahl: Entweder sie sparten beim Heizen oder beim Essen. Das hat mir noch einmal eindrücklich klargemacht, warum es so wichtig ist, die Inflation wieder auf den Zielwert von zwei Prozent zu drücken und nicht zu lange damit zu warten. Jede Verzögerung stellt viele Menschen vor ein hartes Dilemma.

    Was für Themen kommen noch zur Sprache?
    Ich war neulich in Schottland bei einem Event der Seniorenorganisation Age UK. Das dringendste Problem der älteren Leute war der Zugang zu ihrem Bankkonto. Sie waren nicht online, sondern brauchten eine Filiale. Wenn diese nun 10, 20, 30 Meilen entfernt ist, weil die Banken sich aus vielen kleineren Orten zurückgezogen haben, stellt das ein echtes Problem dar. Das ist ein Thema, für das die Bank of England nicht zuständig ist. Aber ein Finanzsystem zu haben, das für alle zugänglich ist, ist von wachsender gesellschaftlicher Bedeutung – ebenso wie der Wohnungsbau oder der öffentliche Nahverkehr.

    Das fällt alles nicht in Ihren Zuständigkeitsbereich. Was sagen Sie den Menschen dann?
    Ich sage, die Bank of England baut keine Häuser und keine Straßen und keine Bahnstrecken, aber diese Themen sind relevant für uns als Hüter der Wirtschaft, auch wenn wir sie als Notenbank nicht lösen können.

    Das zeigt, wie mächtig Zentralbanken geworden sind. Plötzlich wird erwartet, dass sie Probleme lösen, für die eigentlich die Regierung zuständig ist. Ist das eine gute Entwicklung?
    Es stimmt, die Bank of England hat mehr Verantwortlichkeiten und mehr Instrumente als zu jedem anderen Zeitpunkt in ihrer 324-jährigen Geschichte. Das ist uns sehr bewusst. Mit dieser Macht kommen auch Rechenschaftspflichten. Wir verbringen viel Zeit vor Unterhausausschüssen, wo wir unsere Arbeit erklären und wo wir zur Verantwortung gezogen werden. Das ist absolut notwendig, aber es reicht nicht aus. Wir müssen auch der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen. Letztlich sind wir den Bürgern verantwortlich.

    Aber ist das nicht ein Teufelskreis? Mit Ihren öffentlichen Auftritten agieren Sie wie Politiker. Sie erweitern Ihren Einfluss und Ihre Macht.
    Diesen Eindruck müssen wir in jedem Fall vermeiden. Es geht nicht darum, den öffentlichen Status der Notenbanken noch weiter zu erhöhen. Wir erkennen nur an, dass wir mehr Zuständigkeiten haben und dass wir neue angemessene Kontrollmechanismen für diese größere Macht finden müssen. Wir passen sehr auf, dass wir nicht unsere Grenzen überschreiten. Alles, was wir tun, führen wir auf unseren Kernauftrag der Geldpolitik und der Finanzstabilität zurück.

    Wäre es nicht besser, einige Aufgaben an gewählte Politiker zurückzugeben, statt als Notenbanker selbst zunehmend wie ein Politiker zu kommunizieren?
    Wir wollen nicht wie Politiker kommunizieren. Wir wollen einfach unsere Aufgaben der Öffentlichkeit erklären, in einer Sprache, die jeder versteht. Eine andere Frage ist es, ob Politiker für manche dieser Aufgaben zuständig sein sollten. Wir haben aus der Erfahrung der vergangenen hundert Jahre gelernt, dass es gefährlich ist, die Verantwortung für Zinssätze in die Hände von Politikern zu legen. Dann wird wieder Geldpolitik mit Blick auf den Wahlzyklus statt auf den Konjunkturzyklus gemacht. Das wäre langfristig keine gute Entwicklung. Wir haben diesen Film gesehen, und er hatte kein gutes Ende. Ich sehe auch keinerlei Lust bei Politikern oder Notenbankern, die Uhren zurückzudrehen.

    Ihr früherer Kollege Paul Tucker schreibt in seinem neuen Buch, die Notenbanken seien zu mächtig geworden.
    Wir haben aus guten Gründen mehr Zuständigkeiten erhalten. Vor allem sollte die Verbindung zwischen der technokratischen Geldpolitik und der Politik gekappt werden. Für mich lautet die entscheidende Frage nicht, ob wir zu viel oder zu wenig Macht haben, sondern ob wir unser Mandat erfüllen können.

    Was bedeutet der zunehmende Populismus für die Notenbanken?
    Eine häufige Kritik lautet, dass Notenbanken nicht im Sinne aller Bevölkerungsgruppen handeln. Das könnte dazu geführt haben, dass sich manche Bürger zurückgelassen fühlen. Deshalb versuchen wir, möglichst viele Bürger zu treffen und ihnen eine Stimme zu geben. Nun behaupte ich nicht, dass das die Welle des Populismus zurückrollen kann. Aber es geht in die richtige Richtung.

    Wieso ist gerade die Bank of England so weit vorn, wenn es um den direkten Kontakt mit den Bürgern geht?
    Das Umfeld nach der Finanzkrise hat den Wandel begünstigt. Wir haben die Krise genutzt, darüber nachzudenken, wie eine stärkere, bessere und offenere Bank of England aussehen könnte. Wir wollten nicht nur verhindern, dass so etwas noch mal passiert, sondern die Schäden beheben. Die Frage nach der Rolle der Notenbanken und wie sie in die übrige Gesellschaft passen, wird uns noch eine Weile beschäftigen.

    Herr Haldane, vielen Dank für das Interview.

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