Agustin Guillermo Carstens

Der Gouverneur der Mexikanischen Zentralbank ist der erste Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

BIZ-Generaldirektor Agustín Carstens „Wir könnten in einen Teufelskreis rutschen“

Der Chef der obersten Notenbank warnt im Interview vor einem Handelskrieg – und erklärt, weshalb er die Kryptowährung Bitcoin für gefährlich hält.
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FrankfurtNormalerweise halten sich Notenbanker mit politischen Aussagen zurück. Dass sich Agustín Carstens dennoch äußert, hat gute Gründe: Der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) fürchtet, dass der Protektionismus die Weltwirtschaft belastet – und damit auch zum Problem für die Notenbanken wird. Beim Interview mit dem Handelsblatt bleibt der Mexikaner trotzdem gut gelaunt. Ob es wohl am Fußball liegt?

Herr Carstens, bevor wir anfangen, müssen wir mit Ihnen ein ernstes Wort reden: In der Vorrunde der Fußball-WM hat Mexiko Deutschland geschlagen. So haben wir uns das nicht vorgestellt.
Wie Sie wissen, repräsentiere ich ja nicht Mexiko, sondern die globale Gemeinschaft der Notenbanken. Lassen Sie es mich so sagen: Es war eine angenehme Überraschung, das Spiel zu schauen. Aber ich denke, dass „die Mannschaft“ in den kommenden Spielen besser sein wird.

Lassen Sie uns über ernstere Dinge sprechen. Am Sonntag hat die BIZ ihren Jahresbericht vorgelegt. Darin heißt es, die politischen Entscheidungsträger sollten die „Gelegenheit nutzen und Wachstum sichern“. Wen meinen Sie damit – und was muss sich ändern?
Wir sehen breites Wirtschaftswachstum und niedrige Inflation. Aber die Frage ist, wie wir dieses Wachstum erhalten können. Ein großer Beitrag dazu kam von der Geldpolitik. Doch die hatte ihren Preis. Es sind einige Ungleichgewichte entstanden, etwa die sehr hohen Bewertungen an den Finanzmärkten. Die Geldpolitik muss normalisiert werden, damit die Zentralbanken auf den nächsten Abschwung reagieren können. Wenn wir wollen, dass sich das Wachstum fortsetzt, brauchen wir mehr fiskalischen Spielraum und mehr wachstumsorientierte Strukturreformen. Darum geht es.

Was genau sollen Politiker tun?
Da gibt es viele Themen. Etwa Reformen am Arbeitsmarkt oder in der Wettbewerbspolitik. In manchen Ländern müssen Altlasten im Finanzsystem bewältigt werden, etwa bei notleidenden Krediten. Und natürlich sollten die Länder nicht zulassen, dass sich Protektionismus ausbreitet, denn das würde dem Wachstum schaden.

Trotzdem haben die USA Strafzölle eingeführt, China hat zurückgeschlagen. Es scheint, als steuerten wir auf einen Handelskrieg zu.
Ja, und das finde ich beunruhigend. Tatsächlich führt schon die Erwartung einer Eskalation des Protektionismus dazu, dass die Investitionen in manchen Ländern sinken. Man muss gar nicht warten, bis die Maßnahmen umgesetzt werden. Allein die Erwartung beeinflusst schon die Wirtschaft.

Wie teuer wäre ein solcher Handelskrieg?
Das ist schwierig zu berechnen. Wir betreten hier Neuland. In den vergangenen 20 Jahren sind komplizierte Wertschöpfungsketten entstanden. Sie machen die Produktion sehr effizient, sind aber sehr abhängig vom Handel mit halbfertigen Produkten. Wir wissen nicht, wie die Produktion gestört wird, wenn diese Wertschöpfungsketten von Zöllen betroffen sind.

Das müssen Sie erklären.
Denken Sie an die Überschwemmungen in Thailand vor sieben Jahren. Damals wurde durch die Naturkatastrophe die Produktion mancher Elektronikbauteile beeinträchtigt, was zahlreiche Industrien in vielen anderen Ländern betroffen hat. Wenn bestimmte Teile des Handels verzerrt werden, können sich die Auswirkungen vervielfachen. Das hat schwere Konsequenzen für die Finanzierungsbedingungen und die wirtschaftliche Aktivität in vielen Ländern.

Könnte es zu einem Währungskrieg kommen, wenn sich die Spannungen im Handel verschärfen?
Die Theorie besagt, dass die Einführung eines Zolls zu einem Gegeneffekt im betroffenen Land führt. Die Währung wertet ab. Deswegen sind Handelskriege so schädlich. Letztendlich stellt sich der erhoffte Effekt im Handel gar nicht ein. Das haben wir etwa im Fall von Mexiko gesehen…

…wo der amerikanische Präsident Donald Trump gedroht hat, die Vereinigten Staaten würden sich aus dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen Nafta zurückzuziehen.
Genau. Die bloße Ankündigung führte zu einer Abwertung des Pesos, die dem potenziellen Effekt der Zollerhöhung entgegengewirkt hat. Manche Regierungen wollen ein besseres Handelsergebnis erzielen und pochen deshalb auf Zölle. Aber das führt zu Entwicklungen bei den Wechselkursen, die zu weiteren willkürlichen Politikschritten führen können. Wir könnten in einen Teufelskreis rutschen, in dem die Beziehung zwischen Ländern immer weiter verkompliziert wird.

Im Moment sieht es eher so aus, als ob Ihre Warnungen verpuffen. Der Multilateralismus war schon in besserer Verfassung. Der jüngste G7-Gipfel endete bitter, die USA haben sich aus der Vereinbarung zurückgezogen. Wie beeinflusst dieser konfrontative Kurs die Zusammenarbeit zwischen den Zentralbanken?
Bislang ist der Dialog zwischen den Zentralbanken sehr konstruktiv. Aber wenn es zu einem ernsthaften Handelskonflikt kommt, der Auswirkungen auf das Finanzsystem hat, werden die Aufseher reagieren müssen. Die Finanzstabilität zu wahren zählt in vielen Ländern zum Mandat der Zentralbanken. Ich denke, sie könnten wieder eine stabilisierende Rolle spielen. Aber die Politik der Notenbanken kann nicht die Defizite wettmachen, die durch andere politische Entscheidungen entstehen. Deswegen fordern wir ein konsistentes Maßnahmenpaket.

Heißt das, dass die Ära sehr aktiver Zentralbanken mit Negativzinsen und quantitativer Lockerung zu Ende geht?
Diese Maßnahmen waren eine ganze Weile im Einsatz. Sie waren erfolgreich. Aber jetzt muss die Geldpolitik normalisiert werden, und deswegen ist es so wichtig, dass andere Maßnahmen umgesetzt werden, insbesondere falls das Wachstum ins Stocken gerät. Wir brauchen ein koordiniertes Vorgehen. Sonst wird es sehr schwierig, den Aufschwung zu erhalten.

Aber sind wir überhaupt schon so weit? Die Inflation scheint im Moment nur im Schneckentempo anzuziehen.
Sie haben recht: Es ist ein Rätsel, warum der Inflationsdruck zu diesem Zeitpunkt des Konjunkturzyklus so niedrig ist. Aber in manchen Ländern beginnen die Preise für halbfertige Produkte und die Löhne anzuziehen. Mancherorts ist die Arbeitslosenquote so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Je länger es dabei bleibt, desto wahrscheinlicher werden wir Aufwärtsdruck bei den Löhnen sehen, was Auswirkungen auf den Inflationsprozess selbst haben dürfte. Im Vorgriff darauf haben die amerikanische Federal Reserve und zu einem gewissen Grad auch die EZB die Normalisierung der Geldpolitik eingeleitet. Wir sind so nahe an der Vollbeschäftigung, dass der Inflationsdruck eher früher als später kommen wird.

Könnte die Inflation schlagartig steigen?
Bislang sehen wir eine schrittweise Erhöhung, aber stärkere Inflation können wir nicht ausschließen. Vor allem, falls es zu externen Schocks käme, etwa einem starken Anstieg des Ölpreises. Dann würden die Preise wahrscheinlich schneller steigen.

Die amerikanische Fed hat auf ihrer letzten Sitzung ein etwas höheres Tempo bei Zinserhöhungen in Aussicht gestellt. Könnte das zu Verwerfungen in den Schwellenländern führen?
Das ist eine Sorge, aber es heißt nicht, dass man die Normalisierung deshalb aufschieben sollte. Je länger die lockeren finanziellen Bedingungen erhalten bleiben, desto mehr Ungleichgewichte entstehen, sodass die Normalisierung am Ende noch schwieriger wäre. Wir müssen berücksichtigen, dass wir an vielen Märkten aus einer Phase sehr niedriger Volatilität kommen. Wichtig ist, dass sie nicht außer Kontrolle gerät.

Wie kann das gelingen?
Dazu braucht es Besonnenheit der Zentralbanken in den großen Wirtschaftsräumen, aber auch in den Schwellenländern. Die Länder mit größeren Ungleichgewichten werden es schwerer haben. Deswegen brauchen wir in den Schwellenländern eine schlüssigere Finanzpolitik. Sie sollten die großen Ungleichgewichte im Fiskalbereich und bei den Leistungsbilanzen angehen. Es gibt keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen.

Lassen Sie uns nach Europa zurückkehren. Mario Draghi sagte, dass Wertpapierkäufe nun zum Werkzeugkasten der EZB gehören und auch in Zukunft eingesetzt werden könnten. Sind Negativzinsen und Anleihekäufe jetzt etwa der neue Normalfall für Notenbanken?
Vor zehn Jahren galten Negativzinsen oder große Notenbankbilanzen als unvorstellbar. Diese Maßnahmen wurden getroffen, um die globale Finanzkrise anzugehen und die Euro-Zone zu stärken. Wir haben gelernt, dass sie unter bestimmten Umständen funktionieren. Wenn es in Zukunft zu ähnlichen Umständen käme, wäre es wahrscheinlich ratsam, diese Instrumente wieder einzusetzen. Aber ich möchte unterstreichen, dass sie außergewöhnlicher Art sind. Sie sollten nur sehr sorgsam genutzt werden.

Wenn es um ein anderes Thema geht, scheint uns die Meinung der BIZ pointierter. In Ihrem Bericht kritisieren Sie den Bitcoin und andere Kryptowährungen als „schlechten Ersatz“ für normales Geld. Fürchten die Zentralbanken, in Zukunft einfach überflüssig zu werden?
Das denke ich nicht. Privat ausgegebene Kryptowährungen, die privaten Regeln folgen und ihren Emittenten einen Profit bescheren, sind einfach eine gefährliche Mischung. Kryptowährungen entsprechen nicht dem, was eine normale Währung ausmacht.

Warum nicht?
Wenn Sie mit Geld zahlen, können Sie davon ausgehen, dass Ihre Verpflichtung erfüllt wird. Diese sogenannte Finalität der Zahlungen ist bei Kryptowährungen nicht gewährleistet. Und je mehr Menschen Bargeld verwenden, desto besser funktioniert das Geldsystem. Bei Kryptowährungen ist das nicht der Fall. Damit sich deren Ausgabe lohnt, braucht es Gebühren. Und damit es Gebühren gibt, ist übermäßiger Andrang nötig. Das bedeutet, dass Ihre Transaktionen mitunter Stunden dauern.

Sie plädieren für eine stärkere Überwachung von Kryptowährungen. Warum?
Wir haben große Anstrengungen unternommen, um den Missbrauch des Finanzsystems durch Kriminelle und Geldwäscher zu verhindern. Zugleich wurden Kryptowährungen zum fruchtbaren Boden für kriminelle Aktivitäten, weil sie anonym sind. Wir vermuten, dass ein Großteil des Erfolgs von Kryptowährungen mit illegalen Aktivitäten zu tun hat. Zudem investieren viele Menschen in gutem Glauben in diese Anlagen, aber die Qualität und Offenlegung von Informationen ist sehr beschränkt. Deswegen brauchen wir mehr Schutz für Kunden und Investoren.

Trotzdem bieten Kryptowährungen doch ein enormes Innovationspotenzial…
...und deswegen sind wir nicht gegen den Einsatz elektronischen Geldes. Wir glauben, dass digitale Währungen durchaus Potenzial haben. Aber es kommt auf den Emittenten an. Zentralbanken haben die institutionellen Möglichkeiten. Sie haben erfolgreich bewiesen, dass sie verschiedene Geldformen einsetzen und dabei die Stabilität des Finanzsystems wahren können, private Emittenten haben das nicht getan.

Wir sind uns nicht sicher, ob das jeder unterschreiben würde. Ob beim Bitcoin oder der Vollgeld-Initiative in der Schweiz – viele Menschen scheinen zu bezweifeln, dass das Finanzsystem so sicher ist, wie Sie und andere Notenbanker sagen. Wie erklären Sie sich dieses Misstrauen?
Wir haben viel getan, um unser Finanzsystem zu stärken. In den vergangenen zehn Jahren waren die Reaktionen auf die globale Finanzkrise gewaltig. Ich glaube, dass unser Finanzsystem heute sehr viel stabiler ist. Private Banken müssen sehr viel mehr Kapital und Liquidität vorhalten. Aber vielleicht müssen wir das alles der Öffentlichkeit besser erklären.

Wenn es um Regulierung geht, scheint das Pendel eher in die entgegengesetzte Richtung zu schwingen. Die Vereinigten Staaten haben damit begonnen, den Finanzsektor zu deregulieren. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich nicht beunruhigt. Es ist wichtig zu verstehen, dass sich der Basler Ausschuss auf einen Minimalstandard verständigt hat. In den USA wurden Regeln umgesetzt, die sehr viel strenger waren. Viele der Aspekte, die jetzt angepasst werden, bringen die dortigen Regeln wieder zurück in Richtung des Minimums der Basel-Regeln. Also wurde der Geist der Regulierung respektiert.

Herr Carstens, vielen Dank für das Interview.

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