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Bundesbank Verbrannt, verrottet, geschreddert – Wie Experten beschädigtes Bargeld retten

Die Bundesbank beschäftigt ein Team, was nur eins macht: Geldscheine restaurieren. Machtlos sind die Experten nur bei einer Bedrohung des Baren.
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Auch das Puzzeln gehört zu den Aufgaben der Geldretter im Mainzer Analysezentrum. Quelle: Image Source/Getty Images
Zerstörter Euroschein

Auch das Puzzeln gehört zu den Aufgaben der Geldretter im Mainzer Analysezentrum.

(Foto: Image Source/Getty Images)

MainzWenn Horst Werner Hofmann über seinen Job spricht, bezeichnet er sich scherzhaft als Saisonarbeiter. Der Anzugträger mit dem grauen Schnäuzer kann die Jahreszeit von den Schreibtischen in seiner Abteilung ablesen. Derzeit sieht er dort vor allem: Asche. „Wir merken sofort, wenn geheizt wird. Denn die Leute vergessen oft, dass sie Bargeld in ihren Öfen versteckt haben“, erklärt Hofmann.

Er ist stellvertretender Leiter des Nationalen Analysezentrums der Bundesbank in Mainz, zu dem unter anderem die Fachstelle für beschädigtes Geld gehört. Auch genannt: Abteilung H 31.

Egal, ob verbrannt, verrottet oder vom Hund gefressen: Wer einen beschädigten Schein hat, kann ihn Hofmann und seinem Team per Post schicken. Ist mindestens die Hälfte übrig und wurde der Schein nicht mit Absicht zerstört, bekommt der Besitzer ihn kostenlos erstattet. Die Bundesbank will so den Zahlungsverkehr sauber halten. Abteilung H 31 ist eine Art Versprechen: „Euer Geld ist was wert, auch wenn es nicht mehr so aussieht.“

Die Bundesbank erstattet jährlich etwa 40 Millionen Euro. Davon sind 90 Prozent Banknoten und zehn Prozent Münzen. 17 Jahre nach Einführung des Euros sind auch immer wieder D-Mark-Schätze darunter. Auch die erstattet die Bundesbank. Die Experten brauchen in der Regel mehrere Wochen, um einen Antrag zu bearbeiten. Sie dokumentieren jeden Schritt ihrer Arbeit mit der Kamera, um sich rechtlich abzusichern.

Auch im Büro gelten strenge Regeln: Niemals darf ein Mitarbeiter allein mit den Geldresten im Raum sein. Und jeder Bericht muss von einem Kollegen bestätigt werden – es gilt das Vier-Augen-Prinzip.

Viele Anträge, die Hofmanns Team bearbeitet, stammen von Privatpersonen, die ihr Geld zu Hause gehortet haben. Beliebte Verstecke sind der Kamin, die Mikrowelle oder eben der Ofen. Vergisst einer seinen Schatz, landet irgendwann ein Päckchen Asche auf einem Schreibtisch in Abteilung H 31, zum Beispiel auf dem von Frank Herzog. Er ist einer der 15 Experten, die dort jeden Tag puzzeln und mikroskopieren, um zu retten, was zu retten ist.

Gerade bearbeitet er mit seiner Pinzette ein vermodertes Portemonnaie. Der Besitzer erklärt in seinem mitgeschickten Antrag, dass er es im Garten verloren und erst nach fünf Jahren wiedergefunden habe. Die Geschichte passt zu dem schwarzen Klumpen unter Herzogs Mikroskop. Der Experte hat deshalb gute Nachrichten: Die Bundesbank wird dem Absender mehr als 100 Euro erstatten.

Feinmotorik und Ermittlergespür

Wie alle seine Kollegen hat auch Herzog schon vor seinem Job als Geldretter für die Bundesbank gearbeitet. Die Personalabteilung schreibt die Stellen im Analysezentrum in der Regel nur intern aus. Trotzdem scheitern 99 von 100 Bewerbern am Einstellungstest. „Wer hier arbeiten will, braucht Feinmotorik, ein bildhaftes Gedächtnis und vor allem Ermittlergespür“, erklärt Hofmann.

Geld zu retten ist immer auch Detektivarbeit. Herzog erinnert sich an eine Frau, die angesengtes Geld eingeschickt hat. Unter dem Mikroskop hat der Bundesbank-Mitarbeiter auch kleine Metallteile gefunden. Auf Nachfrage gab die Frau an, dass sie das Geld von ihrem Sohn erhalten hatte.

Der bekam dann Besuch von der Polizei: Die Scheine stammten aus einem aufgeschweißten Tresor. „Irgendwann hört man einfach auf, sich zu wundern“, sagt Herzog. Dann gehe es nur noch darum, ob die Geschichten der Antragsteller plausibel seien.

Doch gegen einen Angriff auf die Bargeldversorgung sind auch Hofmann und sein Team machtlos: das elektronische Bezahlen. Wohin sich der Zahlungsverkehr entwickelt, zeigen Länder wie die USA, Schweden oder China. In der Volksrepublik ist elektronisches Bezahlen mit dem Smartphone schon heute beliebter als Bargeld. Statt Scheinen und Münzen sind dort die Apps von Alipay und WeChat Pay angesagt.

Grafik

Heike Wörlen, Expertin bei der Bundesbank aus der Abteilung Grundsatzfragen Bargeld, sieht aber nach wie vor eine „hohe Beständigkeit mit den klassischen Bezahlverfahren“. Zu den Gründen dafür gehörten die „breit aufgestellte Infrastruktur an Automaten und die Bargeldausgabe an der Kasse im Supermarkt“.

Alles in allem wird noch in 48 Prozent aller Fälle in bar gezahlt, natürlich überwiegend kleinere Summen. Außerdem wird Bares gehortet: Ende 2017 lag der Wert der von der Bundesbank ausgegebenen Banknoten bei 635 Milliarden Euro. Wörlen geht aber davon aus, dass nur knapp zehn Prozent dieser Summe in Deutschland „für Transaktionszwecke“ verwendet werden. Die Arbeit der Bundesbank trägt dazu bei, die Qualität der Banknoten in Deutschland im europäischen Vergleich hochzuhalten, ergänzt Hofmann.

Mehr als Nostalgie

Es sei nicht unbedingt so, dass Deutschland sich zu einer bargeldlosen Gesellschaft entwickeln müsse, sagt daher Wörlen. Schließlich hätten Scheine und Münzen mehr zu bieten als Nostalgie, etwa den besseren Überblick über die eigenen Ausgaben. Ein weiterer Vorteil von Bargeld: Es hinterlässt keine Datenspur. Die Bundesbank will zwar neutral bleiben, aber Bargeld abzuschaffen nehme „den Leuten die Möglichkeit zu wählen“, sagt Wörlen.

Die Zahl der Anträge, die im Analysezentrum der Bundesbank eingehen, zeigt, dass der Kampf noch nicht verloren ist. Seit der Finanzkrise werden es jedes Jahr mehr, erzählt Hofmann. 2017 waren es 30 000.

Obwohl die Debatte rund um das Bargeld über die Zukunft ihrer Jobs entscheiden wird, möchten die Experten im Analysezentrum sie nicht weiter kommentieren. Sie konzentrieren sich lieber auf das Hier und Jetzt. Schließlich ist bald Weihnachten – Hochsaison in der Abteilung H 31. Hofmann weiß schon, welche Art von Fällen sich dann wieder auf den Schreibtischen häufen werden: zerstückelte Geldscheine, die mit der Grußkarte von Oma in den Schredder gewandert sind.

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