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Coronakrise Mehr Liquidität, mehr Erleichterungen: Wie Israels Notenbank die Wirtschaft durch die Krise steuert

Mit innovativen Maßnahmen versucht Israels oberster Notenbanker die Märkte zu beruhigen. Dennoch kommt regelmäßig Kritik an seiner Person auf.
05.12.2020 - 11:00 Uhr Kommentieren
Der israelische Notenbankchef war vorher Ökonom in den USA. Quelle: Reuters
Amir Yaron

Der israelische Notenbankchef war vorher Ökonom in den USA.

(Foto: Reuters)

Tel Aviv Amir Yaron geht bei der Hilfe für kleine Unternehmen etwas weiter als die Europäische Zentralbank (EZB). Israels Referenzzinssatz liegt zwar knapp über null. Doch der Chef der israelischen Zentralbank gewährt Banken seit Kurzem Sonderkredite zu einem Zinssatz von minus 0,1 Prozent, falls sie diese an Klein- und Kleinstunternehmen ausleihen.

Dabei begrenzt die Bank of Israel (BoI) den Zinssatz, den die Banken von Kreditnehmern verlangen können. Damit unterscheidet sie sich von der EZB. Diese vergibt zwar ebenfalls zinsgünstige Kredite, aber sie verzichtet darauf, die Zinssätze vorzuschreiben oder die Kreditvergabe zu den heruntergesetzten Zinsen auf einen bestimmten Sektor zu beschränken.

In der neuen Woche steht die letzte Ratssitzung der Europäischen Zentralbank in diesem Jahr an. Die Notenbank wird die geldpolitischen Zügel aller Voraussicht nach lockern – diesen Schluss lassen zumindest ihre Signale im Vorfeld der Sitzung zu. Wenn es um innovative Maßnahmen und Zentralbankinstrumente geht, lohnt sich auch der Blick nach Israel.

Bereits im Februar, als viele die Coronakrise noch als vorübergehendes Phänomen verniedlichten, richtete Yaron einen „Kriegsraum“ ein, um den ökonomischen Folgen der Pandemie zu begegnen. Um zeitnahe Informationen über den Zustand der Wirtschaft zu erhalten, erstellte er eine umfangreiche Datenbank.

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    Sie umfasste Indikatoren wie Stromverbrauch, Cashzirkulation und Kreditkartenstatistiken, Kreditvergaben oder Entwicklungen auf den Arbeits-, Kapital- und Devisenmärkten. Mithilfe dieser ständig aktualisierten Indikatoren konnte die Zentralbank Trendänderungen in Echtzeit erkennen und entsprechend reagieren.

    Yarons Initiative, die negativen Effekte der Coronakrise und des Lockdowns mithilfe von Echtzeitdaten unter Kontrolle zu bringen, ist vom Magazin „Central Banking“ Ende Oktober ausgezeichnet worden.

    Vom Professor zum Notenbankchef

    Für Yaron, 56 Jahre alt, ist der Job eines Notenbankers neu. Bis zu seinem Amtsantritt vor zwei Jahren war der Israeli Finanzprofessor an der Wharton School University of Pennsylvania mit Spezialgebieten wie Risikostrategien, Makroökonomie und Finanzen. In Fachzeitschriften wie „Econometrica“, „Journal of Monetary Economics“, dem „Journal of Finance“ oder in der „American Economic Review“ war er häufig vertreten, und er war aktiv bei der Organisation wichtiger Konferenzen – von Berkeley, Boston und Chicago bis Washington.

    Der Übergang von der akademischen Welt in die Geldpolitik sei für ihn ein Kulturschock gewesen, sagt Yaron dem Handelsblatt. Im Gegensatz zum akademischen Leben sei das Leben als Zentralbankchef sehr viel intensiver und verlange schnelle Entscheidungen. „Der Kreis der Beteiligten, die man berücksichtigen muss, ist bei einer Zentralbank viel breiter als an einer Universität,“ sagt er und fügt hinzu: „Zudem muss ich jetzt natürlich auf jedes Wort achten, da die Märkte sehr genau beobachten, wann, was und wie ich etwas sage.“

    Statt zu reden, handelte er. Die Bank of Israel beruhigte die Märkte und sorgte für Liquidität, indem sie Staatspapiere und Unternehmens-Bonds aufkaufte. Sie forderte die Banken auf, die Rückzahlung fälliger Schulden bis in den Sommer 2021 aufzuschieben.

    Damit wollte Yaron verhindern, dass Tausende von Immobilienbesitzern ihr Zuhause verlieren und gesunde Unternehmen Konkurs anmelden müssen, weil wegen der Coronakrise die Kunden wegbleiben. Yaron lockerte die Eigenkapitalvorschriften der Banken und ermöglichte ihnen eine Erhöhung der Kreditlimits.

    Die Lockerungen waren möglich, weil die Voraussetzungen vor der Coronakrise gut waren. Das Wirtschaftswachstum betrug im vergangenen Jahr rund 3,5 Prozent, es herrschte praktisch Vollbeschäftigung, externe Schulden lagen unter 30 Prozent des Sozialprodukts, und der Stand der Devisenreserven betrug ein Drittel des Sozialprodukts. „Das waren unsere strategischen Vorteile,“ fasst Yaron die komfortable Ausgangslage bei Beginn der Krise zusammen.

    Der Vorwurf: Zu zurückhaltend, zu leise

    Als er von Premier Benjamin Netanjahu vor zwei Jahren aus dem Elfenbeinturm in die Schaltzentrale der israelischen Geldpolitik geholt wurde, nannte er das strukturelle Budgetdefizit, das damals 2,9 Prozent des Sozialproduktes betrug, noch als eines der Hauptprobleme. Yaron, Akademiker durch und durch, ließ deshalb ein Papier mit detaillierten Maßnahmen für Strategien ausarbeiten, wie die Produktivität der Wirtschaft in den nächsten Jahren erhöht werden könne.

    Doch das war, aus heutiger Perspektive, aus zwei Gründen ein Luxusproblem. „Eine Stunde nach meiner Vereidigung als Gouverneur stürzte die Regierung,“ so Yaron. „Und dann kam die Coronakrise, was uns zu einem neuen Denken und zu neuen Prioritäten zwang.“ Yaron setzte ein neues Paradigma durch. Da er als Chef der BoI gleichzeitig auch die Oberaufsicht über die Finanzmärkte hat, konnte er die Senkung der Eigenmittel widerstandslos beschließen.

    Kritische Fragen muss sich Yaron allerdings als ökonomischer Berater der Regierung gefallen lassen – eine Aufgabe, die der Zentralbankchef laut Gesetz ebenfalls hat. Das in sich zerstrittene Kabinett hat bisher für das laufende Jahr kein Budget verabschiedet. Das führe dazu, dass die Regierung „ziel- und richtungslos herumirrt,“ sagt der Tel Aviver Ökonomieprofessor Dan Ben-David, „und es werden keine nationale Prioritären festgelegt.“

    Yaron rügte zwar wiederholt das Unvermögen der Regierung, ein Budget zu verabschieden. Aber er tat das zu zurückhaltend und zu leise. Yaron sei ein Gentleman und könne sich deswegen in der groben Politlandschaft Israels kaum durchsetzen, sagt ein Wirtschaftsjournalist: „Niemand hört auf ihn, wenn er die Minister berät.“

    Das sei unter dem früheren Notenbankchef Stanley Fischer, der bis 2013 an der Spitze der Zentralbank gestanden hatte, anders gewesen: „Fischer war DER Wirtschaftsberater der Regierung“, sagt Shaul Amsterdamski, Wirtschaftschef beim öffentlichen TV-Sender Channel Kan.

    Trotz der politischen Instabilität haben internationale Bonitätsprüfer das Rating Israels bisher unverändert belassen. Falls bis Ende Dezember der Staatshaushalt für das zu Ende gehende Jahr nicht verabschiedet wird, drohen indes die vierten Neuwahlen innerhalb von nur zwei Jahren, was die Noten verschlechtern könnte.

    Ab 2022 müsse Israel zudem „substanzielle Budgetkürzungen“ vornehmen, sagt Yaron, um eine Verschlechterung der Bonitätsmarke zu vermeiden. Die Ratingagentur S&P beurteilt Israels Wirtschaftsaussichten mit einem AA- derzeit als „stabil“. Aber dieser Wert könne sich zum Nachteil Israels ändern, so Yaron, wenn sich die Pandemie verschlimmere – und die Fiskalpolitik keinen Sparkurs durchsetze.

    Mehr: Mitten in der Coronakrise haben israelische Tech-Unternehmen Hochkonjunktur.

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