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Devisenmärkte Die rätselhafte Stabilität der Lira

Alles anders bei der Lira: Die türkische Währung verliert an Wert – seit Jahren. Doch seit Mitte Mai ist der Wechselkurs zum Dollar stabil. Die Regierung will, dass das so bleibt.
23.07.2020 - 12:46 Uhr Kommentieren
Die türkische Währung bleibt zum Dollar seit Mitte Mai konstant. Quelle: Reuters
Lira

Die türkische Währung bleibt zum Dollar seit Mitte Mai konstant.

(Foto: Reuters)

Istanbul Es gibt wirklich genug Gründe, weshalb die türkische Lira mal wieder in echte Turbulenzen stürzen könnte. Die Corona-Pandemie hält die Weltwirtschaft in Atem und bedroht Schwellenländer. In Libyen liefert sich das türkische Militär einen Schlagabtausch mit anderen Mächten. In der Ägäis stehen die Nato-Partner Türkei und Griechenland vor einer militärischen Auseinandersetzung. Und der türkische Präsident Erdogan steht laut Meinungsumfragen im eigenen Land immer weiter unter Druck.

Und wie verhält sich die türkische Währung? Sie bleibt stabil – zumindest zum US-Dollar. Seit Mitte Mai verharrt der Wechselkurs bei 6,85 Lira pro US-Dollar und bewegt sich innerhalb eines einprozentigen Bandes.

Zwischen Jahresbeginn und Mitte Mai betrug der Wertverlust der Lira 17 Prozent, und Anfang Mai sank sie mit 7,23 Lira pro Dollar sogar auf ein historisches Allzeittief. Doch seitdem hat sich der Kurs gefangen und folgt einem Seitwärtstrend, den man sonst nur bei fixierten Wechselkurssystemen beobachtet.

Zum Euro verliert die Lira dagegen weiter an Wert. Zwischen Jahresanfang und Mitte Mai lag der Wertverlust – noch parallel zum US-Dollar – bei rund 13 Prozent. Doch während sich der Wechselkurs zum Dollar seitdem stabilisiert hat, ist die Lira zum Euro weiter um sechs Prozent gefallen.

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    Eine offizielle Erklärung ist bislang ausgeblieben. Dabei hat das Phänomen weitreichende Folgen für Unternehmer, Touristen und Investoren. Doch die Regierung dürfte ein großes Interesse daran haben, dass die Währung stabil bleibt. Und inzwischen verfügt sie über die Instrumente, um dieses Ziel zu forcieren.

    Viele Indizien für eine Abwertung

    Nicht nur in politischer Hinsicht häufen sich eigentlich die Anzeichen, dass die Lira angreifbar bleibt. Die türkischen Finanzmärkte stehen unter Druck. Am 21. Mai hatte die türkische Zentralbank zuletzt den Leitzins gesenkt, von 8,75 Prozent auf 8,25 Prozent. Damit sollte die Konjunktur nach der ersten Pandemiewelle vom Frühjahr angekurbelt werden.

    Die Analysten von Oyak Securities gingen damals noch davon aus, „dass die Zentralbank der Wechselkurs- und Preisstabilität keine Priorität zuordnen wird“.

    Gleichzeitig stieg allerdings auch die Inflation in der Türkei wieder an, von 11,39 Prozent im Mai auf 12,62 Prozent im Juni. Bis Oktober 2019 war die Inflation in dem Land noch auf 8,55 Prozent gesunken, seitdem steigt sie mit Ausnahme der härtesten Corona-Monate März und April.

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    Hinzu kommt die schwache Leistungsbilanz der Türkei. Pro Monat leistet sich die Volkswirtschaft des G20-Landes ein Defizit in Höhe von rund fünf Milliarden US-Dollar. Die Verbindlichkeiten türkischer Unternehmen in Fremdwährungen wie dem Dollar liegen bei weit über 200 Milliarden US-Dollar.

    Fallende Zinsen, steigende Inflation, hohe Auslandsschulden: Das ist eigentlich die perfekte Mischung für eine Währungsabwertung. Doch nicht in der Türkei, die Lira bleibt zum Dollar seit Mitte Mai konstant.

    Über die Gründe wird derzeit viel spekuliert. Dass die Zentralbank Ende Juni den Leitzins bei ihrer jüngsten Entscheidung unangetastet ließ, ist bloß ein schwaches Indiz. Die Lira war in der Vergangenheit auch abgerauscht, wenn die Zinsen konstant blieben.

    Schon im Mai kamen Gerüchte auf, die türkische Zentralbank würde intervenieren, um den Lira-Kurs zu stützen. Damals hatte die Zentralbank zuletzt den Leitzins gesenkt. Der Wechselkurs zum Dollar blieb daraufhin erstaunlich stabil und bewegte sich konstant unterhalb der Marke von sieben Lira pro Dollar.

    Später kam heraus, dass Staatsbanken Devisen im Wert von 300 Millionen US-Dollar an den Märkten verkauft hatten, um so den Wert der US-Währung künstlich zu verwässern. Die Lira blieb daraufhin stabil, zumindest im Verhältnis zum Dollar.

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    Die Unabhängigkeit der Zentralbank hat zuletzt immer mehr gelitten. Im vergangenen Jahr trat der damalige Notenbankchef Murat Cetinkaya zurück. Der Nachfolger Cetinkayas hatte binnen eines Jahres kontinuierlich die Leitzinsen gesenkt, von 24 auf 8,25 Prozent.

    Im Juli lockerte Staatschef Erdogan per Dekret außerdem die Anforderungen an Notenbankmanager. Sie müssen fortan keine Erfahrung im Bankensektor mehr vorweisen, bevor sie zum stellvertretenden Gouverneur ernannt werden können.

    Türkische Firmen weichen dem Dollar aus

    Gleichzeitig gibt es Anzeichen, dass der Druck auf die Lira zuletzt abgenommen haben könnte. So rechnen immer mehr türkische Unternehmen ihre Geschäfte mit ausländischen Firmen in lokaler Währung ab, um dem starken Dollar zu entgehen. Grundlage dafür sind sogenannte Swap-Abkommen zwischen der türkischen Notenbank und der Zentralbank Chinas, Russlands oder Katars.

    Auch die relativ gute Entwicklung der Corona-Infektionszahlen dürfte sich positiv auf die chronische Lira-Schwäche ausgewirkt haben. Die türkischen Behörden hatten die Auswirkungen der Pandemie schnell unter Kontrolle bekommen. Während die Türkei bislang rund 5500 Corona-Tote zu beklagen hat, liegt der Wert in Deutschland bei gleicher Einwohnerzahl bei 9182.

    Zu den größten Profiteuren des stabilen Wechselkurses dürften in jedem Fall türkische Unternehmen zählen. Dank ihm können die Firmen einen Großteil ihrer Importe zu berechenbaren Preisen einkaufen. Und nicht nur das: Auch die Auslandsverschuldung türkischer Konzerne sinkt seit Mitte Mai.

    Laut türkischer Zentralbank seien die kurzfristigen Auslandskredite des Privatsektors umgerechnet um 1,23 Milliarden Euro gesunken, auf 6,65 Milliarden Euro. 78,7 Prozent dieser kurzfristigen Verbindlichkeiten entfielen demnach auf den Finanzsektor.

    Auch die langfristigen Kredite sind der Erhebung zufolge gesunken. Sie lagen Ende Mai bei umgerechnet 142,03 Milliarden Euro, das entspricht einem Rückgang von 15,14 Milliarden Euro. 63,6 Prozent dieser langfristigen Verbindlichkeiten sind in US-Dollar notiert.

    Mehr: Die türkische Regierung sichert sich mehr Einfluss auf die Geldpolitik. Lesen Sie hier mehr.

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