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Elvira Nabiullina im Interview Russlands Zentralbankchefin: „Wir raten von Euro und Dollar ab“

Elvira Nabiullina, Chefin der russischen Zentralbank, sieht Gefahren bei billigem Geld und hoher Abhängigkeit vom Ausland. Man warne russische Banken vor Operationen mit dem Euro.
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Russland: Elvira Nabiullina: „Wir raten von Euro und Dollar ab“ Quelle: Reuters
Elvira Nabiullina

Die Zentralbank-Gouverneurin hält wenig von Konjunkturprogrammen mittels billigen Geldes.

(Foto: Reuters)

Die Villa der russischen Zentralbank liegt unweit vom Kreml und der Duma, dem Parlament. Von dort kommen immer lauter Forderungen nach weiteren Zinssenkungen zur Konjunkturankurbelung.

Zwar hat Moskaus Notenbank gerade in einem vierten Schritt den Satz auf 6,5 Prozent gesenkt. Doch die Zentralbank-Gouverneurin Elvira Nabiullina hält wenig von Konjunkturprogrammen mittels billigen Geldes.

Frau Gouverneurin, Sie sind ja noch im Tal der Glückseligen. In Europa herrschen Minuszinsen, und Russlands Leitzins liegt bei 6,5 Prozent.
Aber wie hoch ist in der Euro-Zone die Inflation? Bei uns ist sie mit etwa 4,2 Prozent deutlich höher. Wenn man den Leitzins sieht, muss man den realen Zinssatz betrachten, also die Inflationsrate abziehen. Wir peilen real zwei bis drei Prozent an.

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, Wirtschaftswachstum über billiges Geld anzukurbeln, wie es Politiker in Russland fordern?
Kredite können nur helfen. Das Wachstum muss über private Investitionen gesunder, erfolgreicher Unternehmen kommen, die ihren Gewinn reinvestieren. Billiges Geld würde nur die Inflation steigen lassen. Unsere Probleme sind struktureller Art.

Was heißt das?
Unsere Wirtschaft ist zu sehr von Rohstoffen abhängig, die Arbeitsproduktivität ist zu niedrig, und es gibt zu wenig Anreize für private Investitionen.

Welche Folgen hat für Russland die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Minuszinsen und neuen Anleihezukäufen?
Die EZB-Entscheidung ist eine Antwort auf die Entwicklung der Weltwirtschaft, auf immer niedrigeres Wirtschaftswachstum und Handelsstreitigkeiten. Das lässt Zentralbanken überall ihre Geldpolitik überdenken. Aber es gibt keine großen Spielräume. Die Zinsen sind ja fast überall ziemlich niedrig, und das hat negative Folgen für Sparer und Pensionsfonds. Deshalb muss in Europa auch über die Fiskalpolitik nachgedacht werden.

Wie läuft die russische Wirtschaft?
Rohstoffe sind sehr preisanfällig im globalen Konjunkturzyklus. Wir sehen bereits einen Exportrückgang. Das wird negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, den Finanzsektor und unseren Staatshaushalt haben.

Was folgt aus der weltweit laxen Geldpolitik?
Bei zu lockerer Geldpolitik nehmen Investoren verstärkt Risiken in Kauf, um Renditen in Schwellenländern zu erwirtschaften, auch in Russland. Das kann zu stärkeren Kapitalzuflüssen führen.

Aber wollen Sie denn überhaupt den Zufluss von Euro-Milliarden?
Wir warnen russische Banken vor Operationen mit Euro. Die bringen ihnen keinen Gewinn mehr. Wenn Sparer Geld auf Euro-Konten anlegen, muss dieses Geld ja irgendwo von der Bank angelegt werden. Und dabei gibt es fast nur noch Instrumente mit Minuszinsen. Das bringt Banken Verluste. Da Negativzinsen für Einlagen in Russland untersagt sind, haben die Banken die Gebühren für Euro-Konten so erhöht, dass kaum noch Sparkonten in dieser Währung angelegt werden. Wir als Zentralbank achten darauf, dass russische Banken kein zu hohes Devisenrisiko in ihren Büchern haben, egal ob in Euro oder Dollar.

Vor fünf Jahren wurden die Sanktionen gegen Russland verhängt, nach der Annexion der Krim. Welche Folgen haben die heute?
Als die Sanktionen verhängt wurden, mussten wir radikale Maßnahmen ergreifen. Wir haben den Rubel-Kurs freigegeben, statt ihn wie vorher in einem Wechselkurskorridor zu halten. Im Prinzip hat sich das Bankensystem heute aber an die Sanktionen angepasst. Und wir betreiben – das verheimlichen wir keineswegs – eine De-Dollarisierung unseres Finanzsektors und Handels, um uns weniger angreifbar zu machen.

Wie machen Sie das?
Wir schaffen Anreize für den Abbau der Dollar-Einlagen und der Kreditvergabe in Dollar und anderen westlichen Währungen. 2014 gerieten Firmen in eine Krise, weil sie – obwohl sie nicht einmal Außenhandel betrieben – sich in Dollar verschuldet hatten. Als der Rubel dann stark fiel, bekamen sie große Probleme. Wir wollen die Währungs- und Sanktionsrisiken aus der russischen Wirtschaft weitgehend vertreiben.

Haben die Sanktionen heute für Russlands Banken noch Folgen?
Faktisch nicht mehr. Nur noch direkt sanktionierte Firmen und Banken leiden unter Beschränkungen. Aber sie werden durch ihren Zugang zum innerrussischen Finanzsystem weitgehend ausgeglichen.

Ein Risiko wäre also nur noch, wenn die USA auch noch in Rubel notierte kurzfristige Staatsobligationen (OFZ) unter Sanktionen stellen?
Selbst das Risiko ist gering, weil Russland eine minimale Staatsverschuldung und sehr wenig Auslandsschulden hat. OFZ machen 8,4 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt aus. Sie sind nur eine Verschuldung innerhalb des Landes. Insgesamt haben wir heute mehr Gold- und Währungsreserven sowie Rücklagen in staatlichen Fonds als Schulden.

Wie stabil ist das Bankensystem?
Wir haben viel dafür getan, das Finanzsystem, wozu neben den Banken ja auch Versicherungen und Pensionsfonds gehören, zu stabilisieren. In den letzten fünf Jahren haben wir chronisch unterkapitalisierte Banken, Geldhäuser ohne normales Kreditgeschäft und Institute, die Geldwäsche betrieben, vom Markt genommen.

Wie vielen Banken haben Sie die Lizenz entzogen?
Insgesamt 439, das waren vor allem kleine und mittelgroße Institute. Jetzt gibt es in Russland noch 454 Banken – und die haben auch reales Kapital. Bei einem zweiten Thema sind wir dagegen noch nicht ganz am Ende: Risiken aus den Bankbilanzen zu nehmen, wo die Institute faktisch die Projekte ihrer Eigentümer finanzieren. Viele Probleme rührten vor allem daher.

Warum ist der Staatsanteil im Bankensektor so stark gestiegen?
Er war von Anfang an mit 59,1 Prozent sehr hoch und ist um weitere neun Prozent seit der Krise 2014 angestiegen. Und zwar nicht, weil wir eine Verstaatlichungspolitik betreiben würden, sondern weil wir einige ziemlich große illiquide Banken retten mussten. Aber dieser höhere Staatsanteil im Bankensektor ist nur vorübergehend. Wir bereiten verstaatlichte Banken, wie Otkrytie, zum Verkauf vor. 2021 soll sie wieder privat sein. Aber das Problem ist gar nicht allein der große Staatsanteil, sondern die Dominanz der wenigen großen Institute. Es gibt ja einen sehr großen und dominanten Spieler.

Die mehrheitlich der Zentralbank gehörende Sberbank baut ihren Marktanteil sogar immer weiter aus.
Nicht mehr in allen Bereichen. Für uns ist das Wichtigste, dass neue Technologien im Finanzsektor nicht nur den großen Spielern zur Verfügung stehen. Deshalb bauen wir als Zentralbank den Bereich Digital Finance aus, um Konkurrenz zu schaffen.

Gibt es eine Strategie zur Verringerung des Staatsanteils?
Administrativ nicht, aber wir sorgen dafür, dass Gelder aus dem Staatshaushalt und Rücklagen der Regierung auch bei kleineren privaten Instituten lagern.

In letzter Zeit mehrt sich weltweit die Einmischung der Politik in die Zentralbanken. Ruft Präsident Wladimir Putin Sie ständig an, oder sind Sie wirklich unabhängig?
In die Geldpolitik versuchen viele hereinzureden. Deshalb ist es so wichtig, dass Zentralbanken ihre Entscheidungen allein auf Basis ihrer professionellen Analyse treffen. Das versuchen wir.

Sie spüren also keinen Druck?
Nein. Aber Diskussionen gibt es natürlich immer. Vor allem, wenn die Wachstumsraten der Wirtschaft hinter Erwartungen und Wünschen zurückbleiben.

Frau Gouverneurin, vielen Dank für das Interview.

Mehr: „Jeder hat Angst vor den Sanktionen“ – Der Chef der zweitgrößten russischen Bank VTB über die Krise der Finanzbranche, die Folgen der westlichen Sanktionen und seine Hochachtung für die Deutsche Bank. Lesen Sie hier mehr.

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