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EZB in Frankfurt

Der Abbau fauler Kredite ist seit Langem ein strittiges Thema.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Europäische Zentralbank EZB drängt Banken mit gestaffelten Fristen zum Abbau fauler Kredite

Die Bankenaufseher drängen Institute zum zügigen Abbau ihrer faulen Kredite. Die härtesten Vorgaben erhalten die starken Banken. Die schwachen bekommen mehr Zeit.
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FrankfurtSeit der Finanzkrise leiden Europas Banken unter einem Hunderte Milliarden schweren Berg fauler Kredite, deren Abbau bislang nur schleppend voranging. Jetzt erhöht die Europäische Zentralbank (EZB) den Druck auf die Geldhäuser: Die Finanzaufseher der EZB haben bei den Jahresgesprächen mit den Banken konkrete Erwartungen geäußert, bis wann die Kreditinstitute ihre bestehenden Problemkredite vollständig wertberichtigt haben sollen, sagten mehrere mit dem Sachverhalt vertraute Personen dem Handelsblatt.

Dabei misst die Notenbank offenbar mit zweierlei Maß: An Banken mit einem geringen Anteil fauler Kredite in der Bilanz werden strengere Maßstäbe angelegt als an solche mit hohen Beständen an notleidenden Krediten.

Schongang für die Schwachen. Die EZB hat die Banken für ihren Vorstoß in drei Gruppen eingeteilt, die mit Blick auf ihre Problemquote im Kreditbuch vergleichbar sind. Daneben spielt auch die wirtschaftliche Lage des Instituts eine Rolle. Die Banken aus der besten Gruppe sollen Kredite, die unbesichert und mindestens seit zwei Jahren faul sind, bis 2023 vollständig abgeschrieben haben.

Kredite, die zwar besichert sind, aber seit mehr als sieben Jahren problematisch, sollen bis 2024 vollständig aus den Büchern getilgt sein. Die Banken aus der zweiten Gruppe erhalten ein Jahr mehr Zeit, und die Institute der schwächsten Gruppe müssen diese Ziele jeweils erst zwei Jahre später erfüllt haben.

Eine Sprecherin der Notenbank verwies auf eine Aussage vom vergangenen Juli. Darin hatte die EZB betont, dass ihre Erwartungen an die einzelnen Banken auf „einem Benchmarking vergleichbarer Banken“ beruht, das sich „an den aktuellen Quoten notleidender Kredite und den wesentlichen finanziellen Merkmalen der einzelnen Banken“ orientiere. Unter notleidenden Krediten versteht man ein Darlehen, bei dem der Schuldner mit den Zins- und Tilgungszahlungen in Verzug geraten ist.

Zeitlich gestaffelter Abbau

Bislang war zwar bekannt, dass die EZB entschlossener gegen hohe Bestände an faulen Krediten in Bankbilanzen vorgehen will, Details waren aber nicht durchgesickert. Die EZB hatte im Juli 2018 nur angekündigt, dass sie mittelfristig eine ähnlich hohe Absicherung für diese problematischen Bestandsportfolien anstrebt wie für neue faule Kredite. Formal gesehen formuliert die Notenbank den Banken gegenüber nur ihre „Erwartungen“ zum Abbau der faulen Kredite, über die man diskutieren kann.

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Doch da die Aufseher Banken, die keine überzeugenden Gegenargumente vorbringen, zu höheren Kapitalaufschlägen zwingen können, gelten diese Erwartungen als relativ verbindlich. „De facto ist es vermutlich nicht einfach, sich diesen aufsichtsrechtlichen Erwartungen zu entziehen“, sagt deshalb auch Burkhard Eckes, der bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Partner ist und den Bereich Banken und Kapitalmärkte Europa leitet.

Der Druck der Notenbank kommt nicht von ungefähr. Der Abbau der faulen Kredite ist für die EZB-Bankenaufseher seit Langem ein wichtiges Anliegen. Wegen der über Jahre hinweg schlechten Wirtschaftslage in der Euro-Zone sind in den vergangenen Jahren viele Unternehmen und Privatleute in Zahlungsschwierigkeiten geraten.

Bis Sommer 2015 schwollen die Problemkredite in der Euro-Zone auf 989 Milliarden Euro an. Auf Druck der Notenbank haben viele Kreditinstitute seither Problemengagements entweder verkauft oder abgeschrieben, ihr Volumen ist mittlerweile auf 628 Milliarden Euro gesunken.

Aus Sicht der EZB gehen die Fortschritte aber noch nicht weit genug. Das Großreinemachen in den Bilanzen soll „die Banken in die Lage versetzen, sich (wieder) auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, insbesondere auf die Kreditvergabe an die Wirtschaft“, mahnt die EZB in einem ihrer Leitfäden zum Umgang mit faulen Krediten.

Vor allem in Griechenland, Zypern, Portugal und Italien ist der Anteil der leistungsgestörten Darlehen im Kreditbuch der Institute gefährlich hoch. In Griechenland betraf das 43,4 Prozent aller Kredite, in Italien waren es 9,4 Prozent, zeigen Daten der EZB zum dritten Quartal 2018.

Kritik aus Italien – und Deutschland

Vor allem italienische Politiker hatten sich in der Vergangenheit stets gegen Vorstöße der EZB-Bankenaufsicht gewehrt, die seit Jahresbeginn von ihrem Landsmann Andrea Enria geführt wird. Das ist dieses Mal nicht anders. Im Januar war in Italien durchgesickert, dass die EZB den Geldhäusern konkrete Zieldaten für den Abbau bestehender Problemdarlehen (Non-performing Loans, NPL) genannt hat.

Vizeministerpräsident Matteo Salvini hatte der Notenbank daraufhin vorgeworfen, das heimische Bankensystem zu attackieren. Salvini forderte mehr Transparenz, um den Verdacht zu zerstreuen, die EZB gehe politisch motiviert vor.

Die gestaffelten Abbaupläne zeigen nun, dass die EZB keineswegs strenger gegen italienische Banken vorgeht: Die Zeitung „Il Sole 24 Ore“ hatte damals berichtet, italienische Geldhäuser sollten bis etwa 2026 ihre faulen Kredite komplett abschreiben. Dieser Zeitrahmen wurde den eher schwächeren Geldhäusern mit hohen Beständen an faulen Krediten genannt, von denen sich vermutlich viele in Italien befinden. Von den besseren Kreditinstituten erwartet die Notenbank ein zügigeres Vorgehen.

Straffe Vorgaben der EZB-Bankenaufseher für faule Darlehen haben schon immer für Kritik seitens der Banken geführt. Mit ihren Vorstellungen zur Abschreibung solcher Engagements sind die europäischen Bankenaufseher regelmäßig strenger als die internationalen Bilanzregeln. Die EZB ist somit konservativer als das Bilanzrecht. Die Notenbank betont, dass sie das Recht dazu hat, über die Rechnungslegungsvorschriften hinauszugehen.

Im aktuellen Fall kommt neben der generellen Kritik noch der Vorwurf der Ungleichbehandlung hinzu: „Es gibt in einigen EU-Ländern Kritik daran, dass Banken mit höheren NPL-Quoten mehr Zeit für die Abschreibungen auf Problemkredite bekommen als Institute, die eine geringere Quote aufweisen“, sagt Clemens Koch, der den Bereich Financial Services von PwC leitet. „Einige Banken sehen dies kritisch im Hinblick auf gleiche Wettbewerbsbedingungen“, so Koch, der auch in der Geschäftsführung von PwC Deutschland sitzt.

Unmut regt sich etwa in Deutschland. „Es ist für uns zwar unstrittig, dass notleidende Kredite ein Problem darstellen und es Handlungsbedarf gibt. Notleidende Kredite sind aber nur in wenigen EU-Ländern ein massives Problem“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken BdB, Christian Ossig.

„Die EZB zwingt alle Banken, gesund oder krank, eine Medizin einzunehmen, die Nebenwirkungen hat. Alle anderen werden in Sippenhaft genommen“, ärgert sich Ossig. Für Ärger sorgt das Vorgehen der EZB Finanzkreisen zufolge aber etwa auch in Frankreich.

Unschön, aber realistisch

Ob der Protest die Notenbank beeindruckt, ist die andere Frage. Aus Sicht der Bankenaufseher sollten alle Banken das konjunkturell noch günstige Umfeld nutzen, um ihre Bilanzen vor dem nächsten Konjunktureinbruch zu bereinigen. „Das trägt zur Stabilität des gesamten Finanzsystems bei“, heißt es in Aufseherkreisen.

Nicht alle Aufseher sollen über das dreistufige Modell von Beginn an glücklich gewesen sein. „Aber es ist ein großer Fortschritt, dass es jetzt überhaupt einen verbindlichen Fahrplan gibt“, meint ein Aufseher. Unrealistisch rigide Vorgaben für die schwachen Banken hätten der Sache letztlich auch nicht gedient.

„Die Strategie scheint kurzfristig sinnvoll, weil sie die wirtschaftliche Lage in den Krisenländern stabilisiert. Längerfristig werden die Probleme hingegen noch größer“, sagt Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Er hält das ordnungspolitisch für „sehr bedenklich“.

„Aus ordnungspolitischer Sicht widerspricht dieser Ansatz dem Haftungsprinzip, nach dem jeder für die Konsequenzen seines wirtschaftlichen Handelns selbst verantwortlich ist“, argumentiert er. Über die Zeit würden dadurch nicht leistungsfähige Unternehmen und Banken am Leben erhalten. Das schwäche die Produktivitätsgewinne und letztlich das Wachstum.

Aus Schnabls Sicht befinde sich die EZB in einem Zwiespalt: Sie muss die südeuropäischen Banken dazu bringen, ihre hohen Bestände an faulen Krediten abzubauen, will aber auch weitere Bankrotte solcher Geldhäuser vermeiden. Schließlich würde das nur die Staatsverschuldung in Südeuropa weiter steigen lassen, was letztlich zu einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone führen könnte.

„Nun scheint die EZB diesen Zwiespalt dadurch lösen zu wollen, dass sie stärkeren Druck auf stärkere Banken ausübt, die faulen Kredite abzuschreiben, als auf schwächere Banken“, meint er. „Vielleicht hofft die EZB, dass bei einer weiteren Konsolidierung der starken Banken diese später die schwachen Banken übernehmen können.“

Nur eines scheint sicher: Der Berg an faulen Krediten, er bleibt Europa noch eine Weile erhalten.

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1 Kommentar zu "Europäische Zentralbank: EZB drängt Banken mit gestaffelten Fristen zum Abbau fauler Kredite"

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  • Die Politik der EZB bei Null Prozent Zinsen oder gar negativen Zinsen plus knapp 2% Inflation bedeutet nichts anderes als den Ausgleich unterschiedlicher Entwicklungen längerfristig auf Kosten der "solide" wirtschaften Staaten zu erreichen. Politisch sind die Forderungen nach Reformen bei wachsendem Populismus kaum durchzusetzen, siehe Griechenland und neuerdings auch Frankreich. Natürlich wird Griechenland seine Schulden auch langfristig kaum zurückzahlen können, wenn der Wert der Schulden nicht durch Inflation reduziert wird. Mit den sog. faulen Krediten in den Bankbilanzen kann man nur fertig werden, wenn genügende Gewinne in den Banken erwirtschaftet werden. Das können nur "solide" wirtschaftende Banken (wie auch Staaten). Alle anderen können nur auf die Inflation hoffen. Wenn sie doch die vergehende Zeit wenigstens für Reformen nutzen würden. Mal sehen, ob es in Griechenland klappt und funktioniert.!!!
    Bei der Schaffung des Euro wurde die von Wissenschaftlern geäußerte Kritik von Politikern wegen der politischen Vorteile zurückgewiesen. Die EZB versucht mit ihrer Geldpolitik den Politikern Zeit für ihre Aufgaben zu verschaffen. Aber trotzdem sollten die Europapolitiker weiterhin auf Reformen - wie sie gerade in Frankreich versucht werden - bestehen und dabei solidarisch helfen (!) . Nur so kann Europa zu das werden, was Europäer sich erträumen.

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