Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Ewald Nowotny im Interview EZB-Ratsmitglied fordert flexibleres Inflationsziel

Ewald Nowotny setzt sich für eine Überprüfung der geldpolitischen Strategie der EZB ein. Das Inflationsziel von zwei Prozent müsse breiter ausgelegt werden.
Kommentieren
Bei der Europäischen Zentralbank steht ein Führungswechsel an. Quelle: dpa
EZB in Frankfurt

Bei der Europäischen Zentralbank steht ein Führungswechsel an.

(Foto: dpa)

Wien Der österreichische Notenbankchef Ewald Nowotny plädiert für ein breiteres Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB). „Ich persönlich glaube, dass es vernünftig wäre, etwas mehr Flexibilität zu haben, wie es etwa die israelische oder die tschechische Notenbank gemacht haben“, sagte Nowotny im Interview mit dem Handelsblatt. Er sei dafür, das Zwei-Prozent-Ziel zu erhalten, „aber mit einem Korridor von 0,5 oder einem Prozent auf oder ab“.

Die US-Notenbank überprüft derzeit ihre geldpolitische Strategie. Laut Nowotny steht dies auch bei der EZB an. „Die Fed hat das eingeleitet, und die EZB ist auch dabei, so etwas vorzubereiten“, sagte er. Angesichts des weitreichenden Führungswechsels bei der EZB in diesem Jahr sei es eine natürliche Sache, dass es zu strategischen Überlegungen kommen müsse.

Hinsichtlich eines möglichen Tierings, also einer Staffelung des Einlagenzinses für Banken, sagte Nowotny, dass es sehr auf die Ausgestaltung ankomme. „Wenn es um ein System wie in der Schweiz geht, wo vor allem kleine Banken mit traditionellem Geschäftsmodell von einer Kostenentlastung profitieren, hat das aus meiner Sicht eine gewisse Berechtigung.“

Hintergrund ist, dass aus Sicht von Nowotny vor allem kleine Banken, bei denen das Einlagengeschäft eine größere Rolle spielt, stärker durch die Negativzinsen auf Einlagen belastet werden. Aktuell zahlen Banken, die überschüssige Liquidität bei der EZB halten, einen Minuszins von 0,4 Prozent.

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit dem österreichischen Notenbankchef:

Gouverneur Nowotny, wie schätzen Sie die wirtschaftlichen Aussichten für den Euro-Raum ein? Droht uns eine Rezession?
Wir sehen keine Rezessionsgefahr. Wir haben aber schon eine deutliche Wachstumsschwäche. Seit Dezember hat es einen starken Rückgang gegeben. Wir sehen derzeit wenig Chancen auf eine höhere wirtschaftliche Dynamik.

Das Mitglied des EZB-Rats hält Entlastungen für kleine Banken bei den Minuszinsen für möglich. Quelle: Reuters
Ewald Nowotny

Das Mitglied des EZB-Rats hält Entlastungen für kleine Banken bei den Minuszinsen für möglich.

(Foto: Reuters)

Besonders bemerkbar macht sich die konjunkturelle Schwäche in Deutschland. Die Bundesbank hat kürzlich ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 0,6 Prozent gesenkt.
Leider dauert die Wachstumsschwäche in Deutschland länger als ursprünglich erwartet. Lange gab es die Hoffnung, dass dies auf zeitlich limitierte Sonderfaktoren zurückzuführen war, aber das war ein Trugschluss. Die starke Orientierung auf die Außenwirtschaft ist nicht mehr so tragfähig wie in der Vergangenheit. Das stellt zweifellos einen Risikofaktor dar.

Was ist denn noch zu befürchten?
Zum Glück erkennen wir in Deutschland bereits Gegenbewegungen. Es hat eine technologische Aufholjagd begonnen und die Autoindustrie hat sich zum Teil neu orientiert. Daher erwarte ich keine lang dauernde Schwächephase Wir befinden uns aber bereits in einem Handelskrieg und es gibt zweifellos das Risiko einer Verschärfung. Das trifft vor allem exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland, aber auch ganz Europa.

Welche Folgen hat das für die Weltwirtschaft?
Die Handelskriege sind eine erhebliche Gefahr. Es kann aber auch sein, dass es als Folge des Konflikts zwischen den USA und China eine gewisse Umorientierung gibt – zum Vorteil Europas. Wir sollten uns nicht auf eine Politik einlassen, deren Ziel es ist, China kleinzuhalten. Der Welthandel ist kein Nullsummenspiel, wie es der amerikanische Präsident Trump glaubt. Wenn China reicher wird, wird die übrige Welt nicht ärmer, sondern wir können davon profitieren.

An den Märkten wird schon darüber spekuliert, was die EZB tun könnte, um die Wirtschaft zu stützen. Hat sie überhaupt noch Instrumente?
Die EZB hat sicher noch Instrumente. Ich würde sie nur nicht leichtfertig einsetzen. Wenn es tatsächlich zu einer Rezessions- oder Deflationsgefahr käme, dann ist es sicherlich sinnvoll, weitere Instrumente einzusetzen. Nur sehe ich das auf absehbare Zeit nicht.

Und welche Instrumente hätte sie?
Da sollte man sich nicht festlegen. Es gibt ein ganzes Spektrum von den Zinsen bis hin zu Kaufprogrammen oder bankorientierten Maßnahmen, wie wir das jetzt mit den neuen Langfristkrediten (TLTRO) gemacht haben. Ich bin aber nicht glücklich über diese Diskussion, die es jetzt an den Märkten gibt. Das erzeugt einen Druck, der glaube ich von der Sache her nicht gerechtfertigt ist.

In den USA preisen die Märkte schon mehrere Zinssenkungen ein.
Die Kapitalmärkte lieben immer niedrige Zinsen. Die USA sind natürlich in einer anderen Situation, weil sie bei der Normalisierung der Geldpolitik weiter fortgeschritten sind und das Zinsniveau dort höher ist. Darüber hinaus reagiert die amerikanische Volkswirtschaft stärker auf die Zinsentwicklung, weil der Kapitalmarkt und die Immobilienmärkte eine größere Rolle spielen.

Ihr finnischer Kollege Olli Rehn hat Entlastungen für Banken und eine Neuauflage der Anleihekäufe (QE) angedeutet, falls sich die Konjunktur im Euro-Raum weiter abkühlt. Wie sehen Sie das?
Ich warne davor, das Mandat der EZB größer zu sehen, als es tatsächlich ist. Primär ist die EZB für die Preisstabilität zuständig. Da haben wir genug zu kämpfen, um das Ziel zu erreichen. Ich würde daher nicht voreilig oder zu rasch für expansive Maßnahmen der EZB plädieren.

Aber der Bankensektor im Euro-Raum ist äußerst schwach. Erschwert das nicht die Geldpolitik?
Es gibt keine generelle Schwäche der Banken, das betrifft nur einzelne Institute. Wir haben eine Reihe regulatorischer Instrumente entwickelt, um damit umzugehen. Zum Beispiel durch den Abwicklungsmechanismus für Banken. Ich glaube, es ist durchaus möglich, eine stabilitätsorientierte Geldpolitik zu führen und unabhängig davon die Probleme einzelner Banken spezifisch zu lösen.

Es gibt Diskussionen über mögliche Entlastungen der Banken durch eine Staffelung des Einlagezinses, ein sogenanntes Tiering. Sind Sie dann gegen einen solchen Schritt?
Ich glaube, da muss man sehr genau schauen, was gemeint ist. Wenn es um ein System wie in der Schweiz geht, wo vor allem kleine Banken mit traditionellem Geschäftsmodell von einer Kostenentlastung profitieren, hat das aus meiner Sicht eine gewisse Berechtigung.

Was meinen Sie genau?
Es ist ja so, dass vor allem kleine Banken, bei denen das Einlagengeschäft eine größere Rolle spielt, stärker durch die Negativzinsen belastet werden. Anders als im Großkundengeschäft können sie die Negativzinsen nicht weitergeben. Da gibt es schon einen Strukturdruck. Wenn man hier für etwas Entlastung sorgen kann, ohne die Wirksamkeit der Negativzinsen zu reduzieren, dann ist das etwas, über das man reden kann. Aber das hat keine große Priorität.

Ein großes Thema aktuell sind die geringen sogenannten marktbasierten Inflationserwartungen. Sprich: Investoren rechnen auch für die Zukunft mit einer sehr geringen Inflation im Euro-Raum – deutlich unter dem EZB-Ziel von knapp zwei Prozent. Macht Ihnen das Sorgen?
Die Inflationsraten und auch die Inflationserwartungen sind niedriger als in der Vergangenheit. Das liegt aber an strukturellen Gründen, weil es weltweit einen Überhang an Ersparnissen gegenüber der Investitionsnachfrage gibt. Das ist keine konjunkturelle Sache, auf die man speziell reagiert, sondern etwas, das in die langfristige Strategie von Notenbanken eingehen sollte.

Aber die Inflationserwartungen hängen ja auch stark von der Konjunktur ab.
Kurzfristig ja, aber interessant ist vor allem die langfristige Entwicklung. Dort sehen wir natürlich ein Absinken der Inflationserwartungen. Das sollte in die Langfriststrategie der Notenbanken eingehen. Die meisten Notenbanken beginnen ja jetzt mit einer Überprüfung ihrer Strategie. Die Fed hat das eingeleitet und die EZB ist auch dabei so etwas vorzubereiten.

Einige Ratsmitglieder wie etwa der frühere EZB-Chefvolkswirt Peter Praet haben sich skeptisch dazu geäußert, weil sie dagegen sind, alles infrage zu stellen, und auch den Zeitpunkt für ungünstig halten. Wird die EZB dennoch ihre Strategie überprüfen?
Ich glaube, es ist eine natürliche Sache, dass es bei einem so weitreichenden Führungswechsel in der EZB, so wie es in diesem Jahr sein wird, zu strategischen Überlegungen kommen muss. Genauso wie in den USA und in Schweden. Die kanadische Notenbank hat sogar die gesetzliche Vorschrift, alle fünf Jahre eine Überprüfung zu machen. Ich glaube, wenn man es richtig macht, wird das unsere Glaubwürdigkeit stärken.

Sollte das dann vom Nachfolger oder der Nachfolgerin von Mario Draghi als EZB-Präsident angestoßen werden?
Ich glaube, dass es sinnvoll ist, jetzt schon die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Die Entscheidungen müssen dann das künftige Direktorium und der EZB-Rat fällen.

Sehen Sie eigentlich eine Chance, auf absehbare Zeit die Inflation in Richtung des EZB-Ziels von knapp zwei Prozent zu bringen?
Sie kennen unsere Prognosen. Sie zeigen, dass wir auch bis 2021 noch nicht in dieser Größenordnung sind. Ich persönlich glaube, dass es vernünftig wäre, etwas mehr Flexibilität zu haben, wie es etwa die israelische oder die tschechische Notenbank gemacht haben. Ich bin dafür, das Zwei-Prozent-Ziel zu erhalten, aber mit einem Korridor von 0,5 oder einem Prozent auf oder ab. Eine Punktlandung ist kaum zu erreichen.

Ist das Ziel zu hoch?
Es ist zumindest gut, etwas Flexibilität zu haben. Die EZB hat das ja auch. Ihr Inflationsziel ist ja auch auf mittlere Sicht definiert. Aber inzwischen ist die mittlere Sicht schon sehr lang, sodass ein Modell mit Korridoren vielleicht die Glaubwürdigkeit der Notenbanken erhöhen könnte.

Kommen wir zu Österreich. Die konservativ-rechtspopulistische Regierung in Österreich ist geplatzt. Ist damit auch der geplante Entzug der Bankenaufsicht für die Oesterreichische Nationalbank passé?
Ja! Im Einvernehmen mit der Finanzmarktaufsicht – kurz FMA – haben wir die Projektgruppe aufgelöst, welche zum Ziel hatte, die Bankenaufsicht von der Oesterreichischen Nationalbank zur FMA zu verlagern. Damit ist aber nicht für alle Zeiten die Diskussion um eine Verlagerung der Bankenaufsicht beendet.

Wie groß ist denn die Gefahr einer Neuauflage durch die nächste Regierung? Schließlich wird Ende September bereits in Österreich gewählt.
Ich erwarte, dass es danach eine weitere strukturelle Diskussion über die Bankenaufsicht in Österreich geben wird. Daher sollten wir die Zeit nutzen, um unsere Argumente gegen eine Verlagerung der Bankenaufsicht noch deutlicher zu machen als es in der Vergangenheit geschehen ist. Wir bereiten uns bereits auf eine neue Diskussion vor. Die Entscheidung trifft aber die neue Regierung.

Was ist denn Ihre Lösung?
Österreich sollte dem deutschen Beispiel folgen. Das heißt also Vier-Augen-Prinzip bei der Bankenaufsicht und ein enges Zusammenspiel zwischen Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

Stand die geplante Abberufung eines Vorstands der FMA mittels des Sondergesetzes der Regierung Kurz im Widerspruch zu den Grundprinzipien des Baseler Komitees für Bankenaufsicht?
Das nun nicht in Kraft getretene Sondergesetz verstößt meines Erachtens gegen die Grundprinzipien des Basler Komitees für Bankenaufsicht. Es war eine ungewöhnliche Variante, das Vier-Augen-Prinzip in der Bankenaufsicht – einer sensiblen Aufgabe - aufgeben zu wollen.

Die FPÖ hat den Wirtschaftswissenschaftler Robert Holzmann als Ihren Nachfolger durchgesetzt. Ist das angesichts der veränderten politischen Bedingungen eine gute Wahl als Währungshüter in Österreich und auch der EZB?
Ich habe mit dem Kollegen Holzmann ein sehr gutes Arbeitsverhältnis. Wir befinden uns bereits in einer sehr intensiven Übergangsphase. Ich glaube, er kann ein sehr guter Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank werden.

Mit Holzmann wird der erste von Rechtspopulisten nominierte Notenbanker im EZB-Rat sitzen. Ist er eine gute Visitenkarte für Ihr Land?
Ich weiß, dass es derartige Fragen aus dem Ausland gibt. Ich bin überzeugt, dass Holzmann sowohl seine fachliche Kompetenz als auch seine proeuropäische Position deutlich machen wird.

Seit Januar fungiert die umstrittene Ökonomin Barbara Kolm auf Wunsch der FPÖ als Vizepräsidentin. Welche Erfahrungen haben Sie mit ihr gemacht?
Frau Kolm ist Vizepräsidentin des Generalrates der OeNB, einer Art Aufsichtsrat ohne Exekutivfunktion, und leistet dort konstruktive Arbeit. Wir kennen natürlich die Diskussion der vergangenen Monate um ihre Person, die sich auf Aktivitäten in ihrem privaten Bereich beziehen. Das ist für eine Notenbank, auch wenn sie nicht direkt betroffen ist, nicht sehr angenehm.

Ihre Amtszeit als österreichischer Notenbankchef endet im September. Wie sieht Ihre Planung für die Zeit danach aus?
Ich komme ja aus dem akademischen Leben und werde auch dorthin zurückkehren. Unmittelbar aber werde ich mich ins Salzkammergut zurückziehen und dort ein Buch schreiben über meine Erfahrungen.

Mehr: Laut dem früheren EZB-Chefvolkswirt Peter Praet prüft die Notenbank die Möglichkeit, die Lasten der Strafzinsen für die Banken abzumildern. Ob sie handelt, sei aber offen.

Finance Briefing
Startseite

Mehr zu: Ewald Nowotny im Interview - EZB-Ratsmitglied fordert flexibleres Inflationsziel

0 Kommentare zu "Ewald Nowotny im Interview: EZB-Ratsmitglied fordert flexibleres Inflationsziel"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote