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Vítor Constâncio

Der frühere EZB-Vize ist sich sicher: Der Brexit birgt weniger Gefahren als die US-Konjunktur.

(Foto: Bloomberg)

Ex-EZB-Vize Vítor Constâncio „Amerika ist das große Risiko“ – So soll der Euro die Dollar-Dominanz brechen

Der Ex-Vizepräsident der EZB fürchtet eine Rezession, die von den USA ausgeht. Im Interview sagt er: Europa müsse ein Bollwerk dagegen errichten und den Euro stabilisieren.
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FrankfurtDer Mann wirkt befreit. Wenige Monate nach seinem Ausscheiden aus der Europäischen Zentralbank (EZB) hat Vítor Constâncio eine neue Rolle gefunden. Als Professor an der Madrider Universität Navarra muss er mit seiner persönlichen Meinung nicht mehr hinter dem Berg halten und bringt seine Erfahrung als Notenbanker und Politiker in die Debatte über Europas Zukunft ein – gerne auch über Twitter.

Die wirtschaftliche Entwicklung in den USA sieht Constâncio als größtes Risiko für die Weltwirtschaft. „Wie viele andere Ökonomen erwarte ich für das Jahr 2020, dass die USA eine deutliche Abschwächung erleben und eine Rezession in viele Teile der Welt exportieren,“ sagte er im Interview mit dem Handelsblatt.

Constâncio, der bis Ende Mai 2018 Stellvertreter von EZB-Präsident Mario Draghi war, kritisierte, dass die US-Regierung „Finanzspritzen zu einer Zeit beschlossen habe, wo die Arbeitslosigkeit schon sehr niedrig lag.“

Das werde die Inflation hochtreiben und die Notenbank zu einer strengeren Geldpolitik zwingen, was sich negativ auf das Wachstum auswirke. Davon seien dann auch die Schwellenländer und Europa betroffen.

„Es gibt viele Untersuchungen, die belegen, dass die Weltkonjunktur sich in einem Zyklus bewegt, der sehr stark von den USA, vor allem von der US-Notenbank, abhängig ist.“ Aus Sicht von Constâncio ist die Euro-Zone für eine derartige Krise nicht ausreichend vorbereitet.

In einem solchen Fall könne es die EZB mit ihrer Geldpolitik alleine nicht richten und auch die Finanzpolitik müsse eingreifen. Außerdem fordert Constancio mehr Tempo bei der Reform der Euro-Zone.

Nötig sei eine gemeinsame Einlagensicherung im Euro-Raum und ein Fonds für schlechte Zeiten unter Kontrolle des Europaparlaments. Wichtigster Punkt sei aber, ein wirklich sicheres Wertpapier für die Euro-Zone zu schaffen.

Constâncio schlägt vor, eine gemeinsame europäische Zweckgesellschaft zu schaffen. „Man schafft eine gemeinsame europäische Zweckgesellschaft, die Staatsanleihen im Wert 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von jedem Land übernimmt.“

Diese Anleihen sollten dann im Rang bevorzugt werden. Die Zweckgesellschaft könnte dann ihrerseits spezielle Anleihen begeben, die als sichere Papiere und als Wertmaßstab für die Euro-Zone gelten würden.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Constâncio, Europa hat eine Menge Probleme wie etwa die schwierige Situation in Italien und der Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Was bereitet Ihnen die größte Sorge?
Amerika ist das große Risiko. Wie viele andere Ökonomen erwarte ich für das Jahr 2020, dass die USA eine deutliche Abschwächung erleben und eine Rezession in viele Teile der Welt exportieren. Das wird zuerst die Schwellenländer betreffen, dann aber auch Europa erreichen. Dabei können auch Zölle, etwa auf Autos, eine Rolle spielen.

Ausgerechnet Amerika? Dort läuft die Wirtschaft doch immer noch rund.
Die Regierung dort hat eine zusätzliche Finanzspritze zu einer Zeit beschlossen, in der die Arbeitslosigkeit schon sehr niedrig lag. Das wird die Inflation hochtreiben und die Notenbank zu einer strengeren Geldpolitik zwingen, was sich negativ auf das Wachstum auswirkt. Ein höherer Dollar wird den Welthandel bremsen. Es gibt viele Untersuchungen, die belegen, dass die Weltkonjunktur sich in einem Zyklus bewegt, der sehr stark von den USA, vor allem von der US-Notenbank (Fed), abhängig ist.

Wie sollte Europa auf eine Krise reagieren?
Die Geldpolitik allein kann es nicht richten, die Finanzpolitik muss dann auch eingreifen.

Aber was würden Sie der EZB empfehlen?
Zur kurzfristigen Geldpolitik kann ich mich nicht äußern, weil ich die EZB erst vor wenigen Monaten verlassen habe. Aber wenn es mittelfristig zu einer Rezession kommt, könnte eine Kontrolle der Renditekurve das richtige Mittel sein, so wie die Japaner es machen. Das heißt: Die EZB würde nicht nur für den kurzfristigen Leitzins, sondern auch für langfristige Zinsen ein Ziel angeben.

Die Italiener sollten tun, wozu sie sonst ohnehin gezwungen werden. Kein Land kann gegen die Märkte gewinnen. Vítor Constâncio – Ex-Vizepräsident der EZB

Würde das heißen, dass die EZB einen einheitlichen Risikoaufschlag auf die Zinsen für alle 19 Euro-Länder festsetzt?
Nein, im Euro-Raum sollte es kein genaues Ziel für die langfristigen Renditen geben, sondern eine Spanne, innerhalb derer sie sich bewegen können. Ein Land mit unverantwortlicher Finanzpolitik wird immer noch die Konsequenzen spüren.

Was ist der Vorteil einer Kontrolle der Renditen?

Die technischen Details sind kompliziert. Aber das wäre ein leichterer Weg, als erneut große Mengen an Anleihen zu kaufen. Und der kurzfristige Leitzins dürfte 2020 noch nicht hoch genug sein, als dass man ihn schon wieder deutlich senken könnte.

Die neuesten Stimmungsindikatoren und Wachstumszahlen für die Euro-Zone waren schwach. Kommt die Rezession schon früher als gedacht?
In Deutschland war das Wachstum wegen der neuen Abgastests für Autos schwach. Das geht vorbei, jeder erwartet eine Erholung im vierten Quartal. Viele Ökonomen werden aber ihre Prognosen für den Euro-Raum für 2019 senken. Ich glaube dabei immer noch an ein Plus von 1,5 Prozent.

Reden wir über ein anderes Risiko: Der Brexit macht Ihnen weniger Sorgen als die USA?
Ja, ich erwarte keinen harten Brexit. Es kann zu Neuwahlen kommen, und dann sollte die Europäische Union das Ergebnis abwarten und nicht auf einem sturen Zeitplan bestehen. Am Ende wird es vielleicht eine Kompromisslösung geben, bei der Großbritannien letztlich doch Teil der Zollunion bleibt.

Aber was ist mit Italien? Die Regierung dort verfolgt eine Politik, die auf Dauer nicht haltbar ist.
Die Wachstumszahl dort für das dritte Quartal ist gesenkt worden und jetzt leicht negativ. Das ist schon eine Auswirkung der höheren Zinsen, die eine Reaktion auf die Finanzpolitik der Regierung sind. Ich gehe aber davon aus, dass die Regierung unter dem Druck der Kapitalmärkte letztlich einlenken wird. Sonst wird Italien 2019 kaum wachsen.

Warum brodelt es ausgerechnet in Italien?
Seit 1993, als der Euro beschlossen und als Projekt gestartet wurde, hat sich das Wachstum der Kaufkraft pro Kopf der einzelnen Länder einander angenähert. Aber Italien und Griechenland blieben unter dem Durchschnitt, während Irland, Spanien und Portugal darüberlagen. Man muss schon etwas Verständnis für die Situation in Italien haben, das ist im Interesse von allen Ländern. Deutschland hat von allen am meisten vom Euro profitiert.

Besteht die Gefahr einer neuen Euro-Krise?
Ich sehe keine Krise kommen. Die Situation in Italien ist völlig anders als die in Griechenland vor einigen Jahren. Trotzdem sollten die Italiener den Rat des griechischen Regierungschefs beachten und jetzt tun, wozu sie sonst ohnehin gezwungen werden. Kein Land kann gegen die Märkte gewinnen.

Was muss passieren, um den Euro zu sichern?
Eine Menge. Wir brauchen mehr Disziplin und mehr Risikoausgleich. Einmal ist eine gemeinsame Versicherung für Bankeinlagen wichtig, um sicherzustellen, dass unser Geld überall gleich gilt. Sie muss nicht das ganze Finanzsystem absichern, sondern nur ein paar Banken schützen können. Nach der letzten Finanzkrise sind auch nur wenige Banken untergegangen, und die Einlagensicherung wurde gar nicht in Anspruch genommen.

Und weiter?
Der wichtigste Punkt ist, wirklich sichere Wertpapiere für die Euro-Zone zu schaffen. Das ist übrigens auch eine Voraussetzung dafür, dass der Euro irgendwann ein ernst zu nehmender Konkurrent für den Dollar werden kann.

Das heißt, Anleihen der Euro-Staaten in verschiedene Risikotranchen aufzuteilen?
Das ist eine Möglichkeit. Sie ist aber kompliziert. Es wäre schwierig, Käufer für die sogenannte Juniortranche zu finden, die ein höheres Risiko trägt. Es gibt eine einfachere Lösung. Man schafft eine gemeinsame europäische Zweckgesellschaft, die Staatsanleihen im Wert von 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von jedem Land übernimmt. Diese Anleihen wären dann im Rang bevorzugt, alle andere Bonds müssten sich ihnen unterordnen.

Diese Zweckgesellschaft könnte ihrerseits spezielle Anleihen begeben, die als sichere Papiere und als Wertmaßstab für die Euro-Zone gelten. Sie könnten auch von den Banken gekauft werden, die dann nicht mehr so viele Papiere ihrer jeweiligen nationalen Regierungen erwerben müssten. Die vorrangigen Anleihen wären für die Regierungen etwas billiger zu begeben, die anderen etwas teurer. Alles in allem sollten die Finanzierungskosten daher nicht höher werden.

Das sieht sehr nach Euro-Bonds mit gemeinsamer Haftung aus.
Nein. Da gibt es keine gemeinsame Haftung. Ein bisschen Kapital von jedem Euro-Staat für die Zweckgesellschaft wäre zwar sehr hilfreich, aber nicht wesentlich. Die Unterordnung der normalen Staatsanleihen wäre Sicherheit genug.

Wäre damit Europa sicher?
Zusätzlich würde ich einen Fonds für schlechte Zeiten unter der Kontrolle des Europaparlaments vorschlagen.

Was hielten Sie davon, den Rettungsschirm (ESM) zu einer Art Währungsfonds auszubauen?
Ich bin dagegen, Funktionen von der EU-Kommission auf eine Institution zu übertragen, die außerhalb des EU-Vertrags allein von den nationalen Regierungen vereinbart worden ist. Wäre diese Institution dem Europaparlament verantwortlich, dann wäre ich dafür. Dann bräuchte man auch keinen extra Schlechtwetterfonds.

Wie sehen Sie den Stabilitätspakt?
Mit leichten Veränderungen würden ich einem französischen Papier zustimmen. Es schlägt vor, die Defizitregel mit ihren vielen Unterregeln durch eine Vorgabe für Staatsausgaben zu ersetzen. Die Euro-Länder und die EU-Kommission sollten sich auf einen Ausgabenplan einigen, der über die Jahre hinweg die Staatsverschuldung herunter auf das gewünschte Ziel bringt. Ausgaben sind leichter zu kontrollieren als Defizite, und dieses Modell wäre weniger zyklisch als das, was wir jetzt haben.

Sollte die maximale Verschuldung bei 60 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Landes bleiben?
Darüber könnte man auch diskutieren, aber ich würde es so lassen.

Das sind weitreichende Vorschläge, sie werden auf große politische Widerstände stoßen.
Das ist mir klar.

Was wird denn in absehbarer Zeit realistischerweise noch passieren?
Nicht viel. Wahrscheinlich wird man sich zunächst nur auf den sogenannten Backstop einigen, die staatliche Absicherung des Fonds, mit dem Banken im Notfall saniert werden können. Ich würde mich freuen, wenn sich zeigt, dass ich mich geirrt habe.

Nehmen wir trotzdem mal an, Ihre Vorschläge würden umgesetzt. Glauben Sie, dass ein derart gestärkter Euro dem Dollar als weltweiter Leitwährung Konkurrenz machen könnte?
Das ist ein weiter Weg. Die USA profitieren von ihrer tief verankerten Vorrangstellung. Europa sollte die Internationalisierung des Euros weiter fördern. Die USA sind zwar seit den 90er-Jahren weltweit verschuldet. Aber sie sind sozusagen die Bank der Welt. Ihre kurzfristigen Schulden werden überall akzeptiert, und sie können dieses Geld langfristig und in illiquiden Projekten anlegen. Deswegen haben sie immer noch einen Finanzüberschuss, obwohl sie Schuldner sind.

Was könnte diesen Zustand beenden?
Wenn ein Land seine Währung als Waffe einsetzt, dann reizt das andere Länder dazu, ihre eigene Währung zu stärken. China geht dabei aggressiv vor. Aber weil dazu auch tiefe, transparente und effiziente Kapitalmärkte und Rechtssicherheit gehören, ist der Weg dort letztlich noch weiter als im Euro-Raum. Europa kann mit einer wirklichen Kapitalmarktunion dorthin gelangen.

Wenn die Investoren eine Alternative zu den sicheren Dollar-Anlagen bekommen, könnte das zu einer Schwächung der US-Position führen?
Das dauert sehr lange, aber wenn es einmal kippt, kann es sehr schnell gehen. Das hat sich gezeigt, als das britische Pfund, nachdem sich Großbritannien im Zweiten Weltkrieg stark verschuldet hatte, vom Dollar als weltweit führende Währung abgelöst wurde.

Werfen wir einen Blick auf die politischen Zustände in Europa, wo ja immer mehr populistische Parteien an Einfluss gewinnen. Ist die Demokratie gefährdet?
Das glaube ich nicht, aber es gibt natürlich Probleme. Hoffentlich wird etwas Wachstum die Bitterkeit nach der Finanzkrise abmildern. Einen großen Einfluss in allen Ländern hat die Einwanderung. Wir haben das in der Geschichte gesehen. Im 19. Jahrhundert sind sehr viele Menschen in die USA und nach Brasilien eingewandert.

In den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts gab es dann in beiden Ländern eine migrationsfeindliche Politik. Das bewegt sich in Wellen. Jetzt gibt es viel Angst vor Einwanderung in Europa, und bestimmte politische Gruppen nutzen das aus. Aber die versprechen mehr, als sie halten können.

Glauben Sie, dass die populistische Welle in Europa wieder abebbt?
Ja, es gibt ja kaum noch nennenswerte Einwanderung.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie fühlt es sich an, jetzt nicht mehr in der Leitung der EZB zu sein und dafür die Möglichkeit zu haben, freier zu reden?
Mehr Freiheit zu reden ist die gute Seite. Aber natürlich vermisse ich die EZB und ihre ausgezeichneten Mitarbeiter.

Herr Constâncio, vielen Dank für das Interview.

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1 Kommentar zu "Ex-EZB-Vize Vítor Constâncio: „Amerika ist das große Risiko“ – So soll der Euro die Dollar-Dominanz brechen"

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  • sollte die USA in eine Rezessionsphase übergehen, steigt und stabilisiert sich automatisch der Euro - und die Rohstoffpreise werden günstiger, da diese auf USD Basis festgelegt werden.