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EZB-BeschlüsseLagarde kündigt weitere Zinsschritte und Bilanzabbau an – Wie Märkte und Ökonomen darauf reagieren

Die EZB erhöht ihre Inflationsprognosen kräftig – und will 2023 die Zinsen in mehreren Schritten weiter erhöhen. Investoren reagieren nervös.Leonidas Exuzidis und Jan Mallien 15.12.2022 - 17:17 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Im Kampf gegen die Inflation setzt die Notenbank auf weitere Zinserhöhungen.

Foto: dpa

Frankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt die Zinsen erneut an – aber nicht nur das. Notenbankchefin Christine Lagarde hat auch mit deutlichen Worten weitere Schritte in Aussicht gestellt. Auch soll demnächst mit dem Abbau des Anleihebestands begonnen werden. Ein Überblick über die wichtigsten Entscheidungen, die Reaktion der Märkte und von Ökonomen.

Die Entscheidungen der EZB

Die EZB hat das Zinsniveau im Euro-Raum weiter erhöht. Sie hob den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent an. Der zurzeit noch wichtigere Zins, den Banken für ihre Einlagen bei der EZB bekommen, stieg von 1,5 auf 2,0 Prozent. Der Zinsschritt fällt damit geringer aus als im September und Oktober, wo die EZB jeweils um 0,75 Prozentpunkte erhöht hatte. Dies war im Vorfeld so erwartet worden.

Allerdings hat sich ein Teil der Währungshüter auch am Donnerstag für eine erneute Anhebung um 75 Basispunkte ausgesprochen. Das gab Lagarde implizit zu. „Einige haben vielleicht ein bisschen mehr gewollt, andere ein bisschen weniger.“

Außerdem signalisiert die EZB nun, dass sie ab März nicht mehr alle auslaufenden Anleihen aus ihrem älteren Kaufproramm APP erneuern will. So sollen Papiere im Umfang von 15 Milliarden Euro pro Monat auslaufen.

Bislang hatte die EZB alle auslaufenden Anleihen erneuert. Damit leitet die Notenbank die Reduktion ihres Anleihebestands ein. Dieser beläuft sich derzeit auf rund fünf Billionen Euro, die hauptsächlich in Staatsanleihen der Euro-Länder investiert sind.


EZB mit Blick auf hohe Inflation für „langes Spiel“ gerüstet

Die für die Märkte wichtigste Botschaft war jedoch Christine Lagardes Ansage, dass die Zinsen noch deutlich und in einem gleichmäßigen Tempo steigen müssten. Auf der Basis der derzeitigen Daten sei derzeit zu erwarten, dass der Leitzins für eine gewisse Zeit im Tempo von 50 Basispunkten steigen müsse, sagte Lagarde. Die EZB sei mit Blick auf die hohe Inflation für ein „langes Spiel“ gerüstet.

Einen Zeitplan, wann das Ende des Erhöhungszyklus erreicht ist, gibt es nicht. Allerdings dürften die Zinsen für längere Zeit im restriktiven Bereich bleiben, also auf einem Niveau, das die Wirtschaft bremst. Dies sei unausweichlich, um die Inflation wieder in Richtung des Zweiprozentziels zu drücken.

Die Währungshüter um die EZB-Präsidentin haben den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf nunmehr 2,5 Prozent angehoben. Christine Lagarde sieht die EZB im Kampf gegen die Inflation gut gerüstet.

Die Marktreaktionen auf die Entscheidungen der EZB

Vor allem die deutliche Ankündigung weiterer Erhöhungen beeinflusste die Kurse maßgeblich. An einem ohnehin schwachen Handelstag baute der Dax seine Verluste während der Äußerungen der Französin um weitere 350 Punkte aus. Am Nachmittag lag der deutsche Leitindex insgesamt 450 Punkte beziehungsweise knapp drei Prozent tiefer an der Marke von 14.000 Punkten.

Auch an anderen europäischen Handelsplätzen lagen die Aktienkurse im tiefroten Bereich. Der Euro-Zonen-Leitindex Euro Stoxx 50 büßte ebenso rund 2,5 Prozent ein. Der Euro lag im Verhältnis zum US-Dollar 0,5 Prozent tiefer bei 1,06 Dollar.

Die wichtigsten Indizes in den USA lagen im Vormittagshandel zwischen zwei und 2,5 Prozent im Minus. Sie hatten bereits am Vorabend, nach der Zinserhöhung der Fed und den Worten von Notenbankchef Jerome Powell, ins Minus gedreht.

Die Anleiherenditen sind hingegen deutlich nach oben geklettert. Der Wert für eine zehnjährige Bundesanleihe lag am Nachmittag bei 2,08 Prozent nach zuvor 1,94 Prozent. Zweijährige Bundesbonds warfen 2,36 Prozent ab nach 2,16 Prozent im Vorfeld.

Das sagen Ökonomen zu den Zinserhöhungen

Der Chefökonom der VP Bank, Thomas Glitzel, zeigte sich beeindruckt. „Wow, man kann es heute kaum fassen. Die EZB zeigt der Inflation die Zähne“, kommentierte er. Die Aussage von Lagarde, dass mehrere Zinserhöhungen um 50 Basispunkte nötig seien, erinnere ihn an „Worte altgedienter Volkswirte der Bundesbank“.

Dagegen sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer, dass er sich einen großen Zinsschritt um 0,75 Prozentpunkte gewünscht hätte. Aus seiner Sicht muss die EZB „viel entschiedener vorgehen“. Auch der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, sieht noch einen langen Weg. „Die Zinserhöhungen müssen noch ein gutes Stück weitergehen.“

Christine Lagarde zu Wachstums- und Inflationsprognosen

Außerdem präsentierte Christine Lagarde neue Vorhersagen zur Wachstums- und Inflationsentwicklung in den Jahren bis 2025. Die EZB erwartet nun für das Jahr 2023 eine Inflationsrate von 6,3 Prozent (bisherige Prognose: 5,5 Prozent). 2024 dürfte die Teuerungsrate auf 3,4 Prozent (2,4) sinken. Für 2025 liegt die Prognose bei 2,3 Prozent.

Die Prognose für die Kerninflation – hier werden schwankungsanfällige Preise für Energie und Lebensmittel ausgeklammert – liegt bei 4,2 Prozent für 2023, 2,8 Prozent für 2024 sowie 2,4 Prozent für 2025. Lagarde betonte, dass der Preisanstieg bei Energie und Lebensmitteln in den kommenden Monaten anhalten dürfte.

Auch die kurzfristigen Wachstumsaussichten haben sich abgeschwächt. Die Wirtschaft dürfte 2023 um 0,5 Prozent wachsen, erwartet die EZB. Bislang war sie von 0,9 Prozent ausgegangen.

Spannend wird zu sehen sein, wie sich die weiteren Zinserhöhungen sowie der im März beginnende Abbau der Notenbankbilanz auf die Konjunkturentwicklung auswirken. Geldpolitik wirkt im Allgemeinen mit Verzögerung, sodass der restriktive Effekt höherer Zinsen immer stärker durchschlägt.

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Die mittelfristigen Wachstumsprognosen bleiben jedoch robust. 2024 sollen es 1,9 Prozent sein (statt 1,8 Prozent) sowie 1,8 Prozent im Jahr 2025. Lagarde verweist auf den starken Arbeitsmarkt sowie die sich abzeichnende Entspannung bei den gestörten Lieferketten.

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