EZB-Konferenz in Portugal Ex-EZB-Chefökonom Ottmar Issing: „Soll Draghi twittern wie Trump?“

Auf der EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra werden eine Menge origineller Vorschläge präsentiert. Nicht alle finden breite Zustimmung.
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EZB-Präsident Mario Draghi spricht in Sintra mit dem seinem Vize Luis de Guindos (l.). Quelle: ECB 2018
EZB-Konferenz in Sintra

EZB-Präsident Mario Draghi spricht in Sintra mit dem seinem Vize Luis de Guindos (l.).

(Foto: ECB 2018)

Warum nicht mal die Dinge auf den Kopf stellen? Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) versuchen, mit ihren Zinsen die Inflation zu beeinflussen. Aber Yuriy Gorodnichenko von der Berkley-Universität machte auf der EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra einen anderen Vorschlag. Weil die Leitzinsen der Notenbanken am oder zumindest nahe am Nullpunkt sind, schlug er vor, die Inflation direkt zu beeinflussen.

Damit, so sein Argument, das er zusammen mit drei US-Kollegen erarbeitet hat, lassen sich die realen Zinsen beeinflussen, bei denen die Inflation von dem nominalen Prozentsatz abgezogen wird. Im Grunde läuft es darauf hinaus, statt über die Zinsen die Inflation zu beeinflussen, über die Inflation die – realen – Zinsen zu steuern.

Dazu sollten nach Meinung des Professors die Geldpolitiker direkt mit Haushalten und Unternehmen statt mit Finanzmärkten kommunizieren. Und zwar, wie er sagt, „möglichst einfach, und möglichst direkt, ohne die Medien zwischenzuschalten, und möglichst häufig wiederholt.“ Die Idee ist also, statt komplizierte, nur für Fachleute verständliche Statements abzugeben, die Bürger mit einfachen Formulierungen anzusprechen, und damit ihre Erwartung der künftigen Inflation – und darüber auch die tatsächliche Inflation – zu beeinflussen.

Der Widerspruch auf diesen provokanten Vorschlag kam sofort. „Soll EZB-Präsident Mario Draghi dann im Stil von Donald Trump twittern?“ fragte Otmar Issing, ehemaliger Chef-Ökonom der EZB und einer der bekanntesten deutschen Professoren mit Schwerpunkt Geldpolitik.

Gorodnichenko ließ sich nicht beirren. „Trump hat auf Twitter jedenfalls deutlich mehr Follower als die EZB“, sagte er. „Die Glaubwürdigkeit der EZB steht doch nicht auf dem Spiel, wenn sie die Wahrheit sagt“, fügte er hinzu, „also zum Beispiel sehr deutlich ihr angestrebtes Inflationsziel kommuniziert.“

EZB-Präsident Mario Draghi selber korrigierte: „Die Glaubwürdigkeit der Notenbank hängt nicht davon ab, was sie sagt, sondern ob sie ihr Ziel erreicht.“ Und um keine Verwirrung zu stiften, will er auf keinen Fall wechselnde Inflationserwartungen wecken. „Deswegen sind wir auch dagegen, das Inflationsziel zu verändern“, sagte er; es liegt seit langem bei knapp unter zwei Prozent.

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet und Irlands Notenbankchef Philip Lane, der als möglicher Nachfolger Praets ab folgendem Sommer gilt, widersprachen ebenfalls. Ihrer Meinung ist es sehr wichtig, mit den Finanzmärkten zu kommunizieren, die direkte Ansprache der Bürger halten sie dagegen für wenig effektiv.

„Die Märkte reagieren sofort, die meisten Leute mit denen ich sonst spreche, kümmern sich dagegen wenig um die Inflation oder vermischen sie mit anderen wirtschaftlichen Fragen“, sagte Praet. Aus seiner Sicht kann es schwierig werden, wenn Geldpolitiker versuchen, möglichst einfach und plakativ für die Öffentlichkeit zu kommunizieren, weil die Finanzmärkte diese Botschaften ebenfalls auffangen und falsche Schlüssen ziehen könnten, wenn sie zu undifferenziert geäußert werden.

Die massive Unterstützung der Konjunktur durch die Notenbanken verschleiere den realen Zinssatz der Wirtschaft, so der US-Ökonom. Quelle: Reuters
Larry Summers (Archivbild)

Die massive Unterstützung der Konjunktur durch die Notenbanken verschleiere den realen Zinssatz der Wirtschaft, so der US-Ökonom.

(Foto: Reuters)

Ein guter Teil der Konferenz beschäftigt sich mit einer anderen Frage, die allerdings eher für Fachleute verständlich ist. Es geht um die so genannte Phillips-Kurve, die den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation darstellt. Nach der reinen Lehre sollte die Inflation steigen, wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, weil die Unternehmen dann höhere Löhne zahlen müssen, um ihre Stellen zu besetzen, was wiederum auf die Preise durchschlagen sollte. Tatsächlich rätseln die Experten seit Jahren, ob dieser Zusammenhang überhaupt noch existiert. Die Antworten in Sintra waren so zahlreich, dass das Bild nicht unbedingt klarer wurde.

Lucrezia Reichlin von der London School of Economics fand: „Die Phillips-Kurve lebt, aber sie ist nicht leicht zu finden.“ Der Genfer Professor Charles Wyplosz meinte: „Sie lebt, aber bewegt sich kaum.“ Jim Bullard, Chef der Fed St. Louis, fragte: „Wer hat die Phillips-Kurse umgebracht?“ Und setzte fort: „Ich fürchte, die Verdächtigen sind hier anwesend.“

Bullard präsentierte ein Modell, nachdem gerade der aggressive und relativ erfolgreiche Kampf der Notenbanken, die Inflation im gewünschten Rahmen zu halten, den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Preisen zum Verschwinden gebracht hat. Harvard-Professor James Stock vertrat die These, das Problem sei die schlechte Datenlage. In einzelnen Bereichen wie etwa Lebensmitteln seien Preissteigerungen gut zu messen, in anderen Bereich wie einer Reihe von Dienstleistungen, aber auch Kleidung, sei die Erfassung dagegen schwierig. „Klammert man die schwierigen Bereiche aus, dann ist der Zusammenhang wieder feststellbar“, sagte er.

Kristin Forbes vom MIT bei Boston hat eine andere Lösung parat. Sie schlug vor, internationale Faktoren, etwa Rohstoff- und andere Importpreise, stärker mit einzubeziehen und rechnete vor, damit seien die Zusammenhänge besser zu verstehen. Sie beklagte, besonders mit Blick auf die USA: „Es ist unglaublich, wie viel Makro-Ökonomik immer noch betrieben wird, ohne externe Faktoren zu berücksichtigen.“

Mario Draghi selber hatte den ersten vollen Tag der Konferenz mit einer Rede eingeleitet, die wenig neue Impulse brachte. Wer ganz genau hinhörte, konnte vielleicht ein bisschen mehr Vorsicht erkennen als noch vor kurzem. Draghi benannte die US-Zölle sehr direkt als Risiko für die Weltwirtschaft. Er betonte, es gebe in der Geldpolitik der EZB sehr viele Möglichkeiten, auf neue Entwicklungen zu reagieren.

Die EZB hat zwar recht deutlich gemacht, dass sie ihre Zukäufe von Anleihen per Jahresende stoppen will, aber selbst das steht unter dem Vorbehalt, dass die Daten stimmen. Sie lässt offen, wann sie aufhören will, auslaufende Papiere zu ersetzen. Und sie hat bewusst nur sehr ungenau angedeutet, wann sie frühestens die Zinsen erhöht, wohl irgendwann nicht zu früh im Sommer 2019. Keine für Twitter geeignete Botschaft.

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