EZB-Krise Starks Abgang stürzt Europa ins Ungewisse

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Was sind Starks „persönliche Gründe“?

Stark wird sich vermutlich mit einer für die historischen Dimensionen seiner Demission angemessenen Lautstärke verabschieden. Der Zurückgetretene ist kein Mann, der sein Licht unter den Scheffel stellt. Weder dürfte er an eine von anderen kolportierte Legendenbildung seiner Betätigungen und Beweggründe als EZB-Bediensteter interessiert sein, noch an einen bequemen Lebensabend in einem akademischen Elfenbeinturm - weit entfernt von währungspolitischen Streiflichten oder auf einer Touristeninsel. Es steht folglich zu erwarten, dass Stark bald preisgeben wird, welche „persönlichen Gründe“ ihn zu diesem höchst ungewöhnlichen Schritt verleitet haben: zunächst vermutlich nach einer angemessenen Schonfrist, eher in akademisch-professionellen Kreisen, aber warum auch nicht in einem formellen, an Trichet und die Öffentlichkeit gerichteten Demissionsschreiben?

Bisher hat sich Stark als EZB-Vorstandsmitglied bemerkenswert loyal verhalten - sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bank. Auch während des seit Mai 2010 schwebenden Streits über die Staatsanleihekäufe, der sich im vergangenen Monat mit der Ausweitung der Aktionen von zunächst Griechenland, Irland und Portugal auf Spanien und Italien, die dritt- und viertgrößten Ökonomien im Euro-Raum, voll entfesselt hat. Auch gegenüber dem zwar protokollarisch höher eingestuften, von Stark aber nie so bewerteten Trichet, dem EZB-Präsidenten seit 2003 - einer schillernden Figur, die zuletzt einen immer auffälligeren Selbstdarstellungswillen zeigte.

Trichets chamäleonartigem Verhalten im europäischen Medientheater zum Trotz, ist es kaum zu verbergen, dass im Zweifelsfall sein Herz eher für ein französisches als für ein deutsches Europa schlägt. Auch für eine französische - das heißt finanzpolitisch staatsunterstützende - Form der Notenbankgestaltung. Stark wird jetzt durch seinen Befreiungsschlag von der Pflicht entbunden, seine Kritik an den Aktionen des Instituts sowie des Präsidenten nur mit äußerster Diskretion kundzutun.

An Stoff zum Kommentieren dürfte es in der kommenden Zeit nicht mangeln. Aller Voraussicht nach ist Starks Entscheidung, seinen Hut zu nehmen, nicht zuletzt darauf angelegt, einer persönlichen Verstrickung in kommende Widrigkeiten unter Trichets designiertem Nachfolger, dem italienischen Notenbankchef Mario Draghi, zuvorzukommen. Nach dem bisherigen Muster seit Mai 2010 und in Anbetracht der strukturellen Minderheit für die deutsche Position innerhalb des EZB-Rats dürften in den kommenden Wochen die EZB-Ankäufe italienischer Staatspapiere noch weiter ansteigen. Dann ist für die EZB unter der neuen Führung eines Mario Draghi, eines zwar international gewieften, für ein solch heikles Amt von den kompliziertesten politischen Unwägbarkeiten behafteten und bisher nicht kampferprobten italienischen Finanzbeamten, ein schwerwiegender Interessenkonflikt programmiert, der das bisher Geschehene noch in den Schatten stellt. In den vergangenen Wochen war das Ausmaß der Stark'schen Protestnote, unüberhörbar mit Sarkasmus bestückt und stets penibel an die Außenwelt vorgetragen, nur durch verschlüsselte Bewegungen seines akkurat gestutzten Oberlippenbarts zu registrieren.

In Zukunft wird die Tonart wahrnehmbarer; sie kann auch schlagartig von Moll auf Dur übergehen. Im Lebensalter von 63 ist Stark Vollblutökonom genug, sieben Jahre jünger immerhin als sein Vorgänger Otmar Issing zum Zeitpunkt seines regulären Ausscheidens aus der EZB vor fünf Jahren. Anschließend blieb Issing im Dienste der Investmentbank Goldman Sachs sowie auf anderen Bühnen als Kommentator und - zunehmend skeptischer - Begleiter des europäischen „Experiments“ auch weltweit exponiert. Zeit und Gelegenheit genug dürfte Stark finden, in den kommenden Monaten seine Meinung zu sagen.

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10 Kommentare zu "EZB-Krise: Starks Abgang stürzt Europa ins Ungewisse"

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  • entschuldige, aber wie kann man einen solchen schwachsinn von sich geben.

  • Es wäre zu wünschen, dass Herr Stark öffentlich seine Gründe für den Rücktritt erläutert.
    Das ist er den deutschen Bürgern schuldig.
    Wenn deutsche Stabilitätsinteressen in der EZB permanent überstimmt werden, muss Deutschland im eigenen Interesse endlich aus dieser unsäglichen Währungsunion austreten!
    Je eher umso besser.

  • "Trichets chamäleonartigem Verhalten im europäischen Medientheater zum Trotz, ist es kaum zu verbergen, dass im Zweifelsfall sein Herz eher für ein französisches als für ein deutsches Europa schlägt......
    Das Zeitalter der ursprünglich konzipierten, im Sinne der alten D-Mark gestalteten, das Erbe der Deutschen Bundesbank wahrenden Währungsunion scheint nun vorbei zu sein. Wenn kein Wunder geschieht, wird eine neue Ära der Ungewissheit und der Unberechenbarkeit folgen." (Zitate)

    Trübe Aussichten also -aber nicht überraschend. Irgendetwas stimmte schon lange nicht mehr mit der EZB - haben sicherlich viele vermutet, wenn es hier dann noch heißt:

    "Stein des Anstoßes waren Differenzen mit EZB-Präsident Trichet über den Ankauf von Staatsanleihen schwächerer Euro-Länder. "

    Bisher konnte die EZB sich immer anonym vornehm zurücknehmen - bis die Sache plötzlich mit dem "Krug" kam, jenem Krug also, der plötzlich einen Sprung hat und der bekanntlich nur so lange zum Brunnen gehen konnte, bis .... usw. usw. .?

    Nur -so ohneweitersl wird man nicht zur "Tagesordnung" zurückkehren können, wenn man hier
    schon voraussagt:

    "....unter der neuen Führung eines Mario Draghi,.... ein schwerwiegender Interessenkonflikt programmiert (wird), der das bisher Geschehene noch in den Schatten stellt."

  • Leser-Kommentar aus der BZ, dem ich voll und ganz zustimme:

    "Jetzt sind wir in einer Situation, in der die EU in einem gewaltigen Tempo aufgebläht wurde und noch wird, die einzelnen Staaten aber für das von Ihnen gewünschte Fundament nicht reif sind. Hinzu kommt, dass Deutschland in der EU nicht das Gewicht hat, das ihm auf Grund seiner Bevölkerungszahl zukommt.

    Deutschland und die wenigen Staaten, mit denen das von Ihnen gewünschte Fundament gebaut werden könnte, sind also in der Minderheit. Wenn wir da weiter bauen, werden wir stets überstimmt. Es besteht sogar die Gefahr, dass wir ausgenutzt werden. Es besteht die Gefahr, dass wir auf diese Weise auf das Niveau des Durchschnitts heruntergezogen werden. Dies kann aber letztendlich weder für uns, noch langfristig für die anderen Staaten sinnvoll sein"

  • Ins Chaos werden uns andere stürzen. Neben Frankreich hat Portugal, Spanien und Italien eine Stimme im EZB-Rat (insgesamt 6 Stimmen). Und das sind dann 4 Ja-Stimmen bei zwei Gegenstimmen bei jeder Entscheidung neue Schrottanleihen der PIGS zu kaufen und deren marode Haushalte mit der Notenpresse zu stützen. Deshalb ist es auch ganz egal wen wir da hinschicken. Die PIGS haben im EZB-Rat ohnehin die Mehrheit.

    Diese Inflation wird den Karren immer weiter in den Dreck fahren. Die EZB ist schon jetzt die größte Bad Bank der Welt.

    Das uns Deutschen vor dem Euro etwas ganz anders versprochen wurde, nämlich Geldstabilität, interessiert außer Herrn Stark niemanden in der EZB.

    Der einzige Ausweg ist der Austritt aus der Eurozone.

    Begründung: Alle Versprechen, Verträge, Regeln und Gesetze wurden gebrochen!

  • Nun man ruhig Blut

    Das alles muss so sein
    es gehört zum Plan

    Und bitte verschon das Umfeld mit wissenden Sprüchen, wie man es anders machen könnte. Hihi, Ihr ändert eh so nix.

    Verändert Euch besser
    Alles andere liegt außerhalb von dem, wo ihr Einfluss habt.

  • @ Ron777,

    Totgesagte leben länger!

  • Starks Abgang ist der Kontrapunkt einer schizophrenen Euroideologie, die derzeit ihr absehbares Ende findet. Die EZB hat sich als Währungsorgan durch die wiederholten illegalen Aufkäufe von Staatsanleihen und das Target2-Desaster selbst aus dem Kreis der Rechtstaatlichkeit verabschiedet. Sie hat jegliche Solidität und Autorität in der Finanzwelt und bei den empörten Bürgern verloren und setzt sich durch ihr Tun der Gefahr späterer Strafverfolgung aus. Kein Banker genießt die Imunität, die Politiker derzeit ungestraft zu Ungeheuerlichkeiten greifen lässt. Banker laufen Gefahr, in einer späteren rechtstaatlichen Aufarbeitung der Geschehnisse bitteren Konsequenzen ausgesetzt zu sein. Die Mächtigen ahnen das Kommende und verabschieden sich rechtzeitig.

  • Ein Kampf scheint ausgebrochen zu sein, die Antieuro haben ihre Chance gewittert. Jetzt legen sie los.
    Die Verteidigung organisiert sich langsam, zu langsam wie mir scheint.
    Die Deutsche Industrie und Kapitaladel handeln vereint und nach einem präzisen Schema. Für sie ist der Kampf um die Herrschaft über Europa noch nicht beendet, sie haben den Krieg verloren aber Deutschland ist wieder da. Jetzt versuchen sie es mit Geld.
    Von Integrationswillen keine Spur, das entspricht nicht der deutschen Mentalität. Die EU war nur Mittel zum Zweck. Endlich scheint das Ziel nah, Europa wird zu einer deutschen Wirtschaftsinteressenzone mit horizontale Arbeitsteilung, wobei, selbstverständlich, die Deutsche die Creme de la Creme wären und die Südländer die billige Arbeitskräfte, nach der Lehre der Herrenrasse. Also mögen die Griechen die Löhne noch weiter sinken, schon verdienen sie nur ungefähr soviel wie ein Hartz IV-er, wenn sie überhaupt Arbeit haben, es ist immer noch zu viel, entspricht nicht der Produktivität.

  • Das ist doch schlicht und ergreifend lächerlich. Herr Stark ist und war nie ein guter Ökonom. Wer so das Ganze auf die Abwehr von Inflation verkürzt, lässt sehr zu wünschen übrig. Ein monetaristischer Überzeugungstäter, der hinter jeder Ecke Inflation vermutet kann getrost abtreten. Den Gipfel finanzpolitischer Inkompetenz leistete sich Stark im Juli 2008, damals hat er sehendes Auges im Vorfeld der Finanzkrise Inflations-Alarm geschlagen und für eine fatale Zinserhöhung gesorgt. Das jedenfalls bleibt uns in Zukunft erspart. Ein Zentralbanker, der seine Aufgabe einzig und alleine in der Inflationsabwehr sieht, ist kein „Hüter der Stabilität“, wie es deutsche Medien in zahlreichen Nachrufen behaupten, sondern ein destabilisierender Faktor. Der Abgang Starks wäre somit eigentlich ein Grund zu jubeln – umso unverständlicher mutet in diesem Zusammenhang das Heldenepos vom tapferen Stabilitätsgaranten an, das in den Medien an diesem Wochenende gesponnen wurde.

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