Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

EZB-Präsidentschaft Draghi-Nachfolge: Weidmann oder nicht Weidmann?

Der Bundesbank-Chef wird als EZB-Präsident gehandelt. Manchen gilt er als zu wenig pragmatisch. Ökonomen trauen ihm jedoch ein gutes Krisenmanagement zu.
Kommentieren
In seinen öffentlichen Äußerungen sehr vorsichtig geworden. Quelle: imago/Hannelore Förster
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann

In seinen öffentlichen Äußerungen sehr vorsichtig geworden.

(Foto: imago/Hannelore Förster)

FrankfurtWeidmann oder nicht Weidmann? Die Frage, wer im Herbst Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) beerben soll, wird wenige Tage vor der Europawahl nicht nur in Deutschland heiß diskutiert. Und dabei fällt der Name des bisherigen Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann seit einigen Wochen wieder sehr häufig.

Der wichtigste Grund dafür ist politischer Natur: Zuletzt ist immer klarer geworden, dass die Chancen des als Spitzenkandidat der europäischen Konservativen antretenden CSU-Politikers Manfred Weber schwinden, Nachfolger von EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zu werden.

Sollte die Bundesregierung daher das Interesse an dieser Position verlieren, wäre im Rahmen des europäischen Postengeschachers Weidmann wieder im Spiel. Schließlich kann Deutschland nur eine Top-Position in der EU für sich reklamieren.

Der wundersame Wandel des Herrn Weidmann: Auch der Bundesbank-Chef selbst hat sich zuletzt mehr denn je für den Job des wichtigsten Zentralbankers Europas positioniert. In seinen öffentlichen Äußerungen bemüht er sich, nicht zu typisch deutsch zu wirken.

Vor Kurzem ließ er in einer Rede sogar Kritik am hohen deutschen Exportüberschuss anklingen. Und anders als in früheren Jahren beißt er sich eher auf die Zunge, als die Politik der EZB zu kritisieren. Nach der Europawahl dürfte die Diskussion über europäische Spitzenjobs an Fahrt gewinnen.

Über Draghis Nachfolge müsste, damit es einen reibungslosen Übergang Ende Oktober geben kann, allerspätestens im September entschieden sein. Schon jetzt aber versuchen Ökonomen, Politiker und Investoren, sich ein Bild zu verschaffen: Was für ein EZB-Präsident wäre Weidmann?

Früher ein Einzelgänger

Wichtiger als die Frage, wann oder ob die Zinsen um einen Schritt erhöht werden, ist die Sorge: Wie reagiert der nächste EZB-Chef in Krisensituationen? Wie steht er zu „Whatever it takes“? Draghi hat nach weitverbreiteter Meinung 2012 den Euro gerettet mit seiner Aussage, die EZB werde im Rahmen ihres Mandats die Währungsunion zusammenhalten – „was immer es kostet“.

Weidmann hielt damals öffentlich dagegen, es sei Aufgabe der Politik, über die Zusammensetzung der Euro-Zone zu entscheiden, die EZB solle sich auf die Preisstabilität konzentrieren. Er stimmte auch als einziges Mitglied im EZB-Rat gegen den danach folgenden Beschluss, im Notfall Euro-Ländern gezielt mit Käufen kurzfristiger Staatspapiere zu helfen – ein Instrument, das bis heute nicht eingesetzt wurde, aber trotzdem eine gewisse Sicherheit geschaffen hat.

Grafik

OMT heißt dieses Programm. Weidmann unterstützte mit seiner Aussage de facto sogar den vergeblichen Versuch einiger Kläger, OMT durch das Bundesverfassungsgericht abwenden zu lassen. Das haben seine Kollegen im EZB-Rat, die Wert auf Geschlossenheit wenigstens nach außen hin legen, bis heute nicht vergessen. Aber, wie einer von ihnen anmerkt: Auch die Kapitalmärkte werden vom künftigen EZB-Chef ein deutliches Bekenntnis erwarten, dass OMT Teil des Instrumentariums bleibt.

Aus Sicht von Adam Posen, dem Präsidenten des Washingtoner Peterson Institute for International Economics, muss jeder mögliche Nachfolger von Draghi klares Profil zeigen. „Wer sich nicht dazu bekennt, dass die EZB im Notfall als letzte Instanz einspringt, ist für die Aufgabe als EZB-Präsident von vornherein ungeeignet,“ sagt er.

Es gehöre zu den zentralen Aufgaben einer Notenbank zu entscheiden, wann und wie man in einer Krise eingreift. „Das sollte selbstverständlich sein.“ Posen verweist auf die Erfahrungen in der Euro-Krise und in den 1930er-Jahren. Da habe sich gezeigt, wie destruktiv es sei, wenn Notenbanker zögern, dieser Verantwortung nachzukommen.

Die diversen von Deutschland ausgehenden Gerichtsverfahren gegen Maßnahmen der EZB nennt er „lächerlich“. „Notenbanker sollten sich auf Ergebnisse konzentrieren und sich nicht darauf festlegen, wie sie diese erreichen", sagt er. „Ideologische Scheuklappen sind für sie nicht akzeptabel.“

Lucas Guttenberg vom Delors-Institut in Berlin sieht dies ähnlich: „Die EZB ist auch in Zukunft so etwas wie eine Lebensversicherung der Euro-Zone.“ Jochen Andritzky, ehemaliger Generalsekretär der deutschen „Wirtschaftsweisen“, hielt auf Twitter dagegen: „Das ist eine vertretbare Meinung, aber nicht jeder in Berlin oder Amsterdam und anderen Städten teilt sie. ‚Whatever it takes‘ schwächt ja auch die Anreize für eine nachhaltige Politik.“

Trotz einer gewissen Skepsis über seine Eignung als Krisenmanager hört man von Ökonomen und erfahrenen Notenbankern aber auch sehr viel Positives. Weidmann gilt als umgänglich und als ‧äußerst kompetenter Ökonom, der schnörkellos seine Meinung vertritt. Man hält ihm zugute, dass er großes Vertrauen in Deutschland genießt, was ihm bei einer Krise den Rücken stärken dürfte.

Überzeugter Europäer

Wer Weidmann in Diskussionen erlebt, stellt fest, dass ihn zwei Motive bewegen, die manchmal in Konflikt zueinander stehen. Auf der einen Seite tritt er für eine saubere Ordnungspolitik ein. Daher scheut er sich, schon im Vorhinein irgendwelche Zusagen abzugeben, die die Geldpolitik über ihr Mandat hinausführen würde.

Auf diese Weise möchte er verhindern, dass die EZB für politische Zwecke, etwa zur bequemen Finanzierung staatlicher Schulden, missbraucht wird. Auf der anderen Seite ist er aber überzeugter Europäer und in hohem Maße verantwortungsbewusst. Daher liegt die Einschätzung nahe, dass er als EZB-Präsident ohne Not wenig versprechen, aber – wenn es nicht mehr anders geht – doch entschlossen handeln würde.

Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding ist daher optimistisch. Weidmann verkörpere die Tradition der Bundesbank, sagt er. Die habe sich oft als wesentlich pragmatischer erwiesen, als es ihrem heutigen harten Image entspreche. So hat sie in den 1970er-Jahren auch mal Staatsanleihen gekauft und in früheren Währungskrisen immer wieder den französischen Franc unterstützt und gelegentlich auch Italien geholfen.

Die deutsche Inflationsrate lag meist weit über der heute von der EZB angestrebten Marke von knapp zwei Prozent. „In bester Bundesbank-Tradition würde Weidmann im Krisenfall vermutlich ähnlich pragmatisch handeln, wie es die Bundesbank früher gemacht hat und es die EZB unter Draghi heute tut“, glaubt Schmieding.

„Im Ernstfall könnte er die deutsche Öffentlichkeit vermutlich besser als viele andere überzeugen, dass in einer außergewöhnlichen Krise auch außergewöhnliche Maßnahmen notwendig sein können.“ Dass er früher gegen das OMT-Programm eingetreten sei, werde ihm aber in einigen Ländern immer noch negativ angekreidet.

Draghi distanziert sich

Frederik Ducrozet von Pictet glaubt auch, dass Weidmann im Ernstfall entschlossen handeln würde. „Das Risiko für die Märkte ist, dass er möglicherweise strengere politische und finanzielle Vorbedingungen für die Unterstützung durch die EZB einfordert oder bestimmte Instrumente in einer Krise zurückhaltender einsetzt“, fügt er hinzu.

Draghi selbst distanzierte sich bei einer EZB-Konferenz am Mittwoch von einigen typischen Bundesbank-Argumenten, ohne Weidmann, der schräg vor ihm saß, direkt anzusprechen. Er wandte sich dagegen, private Risikostreuung über die Kapitalmärkte und öffentliche Risikoteilung über politische Institutionen gegeneinander auszuspielen.

„Das ergänzt sich, das ist kein Gegensatz“, sagte er. Ähnlich stellte er das deutsche Argument infrage, vor einer gemeinsamen Absicherung der Bankeinlagen im Euro-Raum müssten die Risiken in den Bankbilanzen ganz abgebaut werden: „Ohne gemeinsame Absicherung steigen diese Risiken in einer Krise viel schneller.“

Recht deutlich ging er auf Distanz gegenüber „Leuten, die immer wieder unüberwindbare Hürden für jeden Fortschritt“ errichten. Damit wurde deutlich, dass auch ein vorsichtiger Weidmann in manchen Fragen deutlichen Gegenwind von anderen Notenbankern spüren könnte.

Weitere Kandidaten

Es gibt natürlich noch mehr Kandidaten für die EZB, und die Entscheidung wird letztlich von Politikern getroffen und nicht von Ökonomen oder anderen Geldpolitikern. Und auf wen die Wahl fällt, bleibt vorerst unabsehbar. Besonders großes Ansehen genießt jedenfalls der Franzose Benoît Cœuré, ein Schwergewicht im EZB-Direktorium.

Er hat in beide Richtungen Glaubwürdigkeit, sowohl bei den Anhängern einer harten wie denen einer weichen Geldpolitik. Weil seine Amtszeit im Direktorium sich dem Ende nähert, laut EZB-Statut nicht verlängert werden darf und der EZB-Präsident Mitglied des Direktoriums ist, gilt seine Ernennung aber als juristisch schwierig bis unmöglich.

Ein weiterer Kandidat ist sein Landsmann François Villeroy de Galhau, der die nationale Notenbank Banque de France führt und damit ebenso wie Weidmann ‧Mitglied des EZB-Rats ist. Villeroy bemüht sich schon lange um Akzeptanz, gerade auch in Deutschland. Anders als Cœuré, der den Typ des modernen Managers verkörpert, tritt Villeroy eher wie ein Politiker auf.

Weil der vor einem Jahr berufene EZB-Vizepräsident Luis de Guindos auch eher als Politiker wahrgenommen wird, wäre seine Berufung in den Augen vieler Experten aus fachlicher Sicht ein starker Abfall gegenüber dem früheren Gespann von Draghi mit Vítor Constâncio, die beide als exzellente Ökonomen gelten.

Als weitere Kandidaten werden manchmal Olli Rehn oder Erkki Liikanen, der finnische Notenbankchef und sein Amtsvorgänger, genannt. Sozusagen im Hintergrund, falls Weidmann doch aus dem Personalkarussell herausfällt, steht auch der Niederländer Klaas Knot bereit.In einer Bloomberg-Umfrage unter Volkswirten wurde im April Villeroy mit 49 von 100 möglichen Punkten als Favorit gehandelt. Dahinter folgten Liikanen, Cœuré, Rehn und erst auf dem fünften Platz Jens Weidmann. Diese Ergebnisse können sich aber sehr schnell ändern.

In jedem Fall dürfte in Zukunft der neue EZB-Chefökonom Philip Lane eine sehr wichtige Rolle spielen. Der Ire ist in allen geldpolitischen Lagern als exzellenter Ökonom hochangesehen, auch Weidmann hält große Stücke auf ihn. Wann immer es zu Stress innerhalb des EZB-Rats oder zu Unsicherheit an seiner Spitze kommen sollte, dürfte Lane eine ganz entscheidende Stimme haben.

Wie auch immer das Rennen ausgeht: In normalen Zeiten dürfte dies keinen allzu großen Einfluss auf die Geldpolitik haben. Die Amtszeit des EZB-Präsidenten beträgt jedoch acht Jahre. In dieser langen Zeit könnte es durchaus zu einer neuen Krise kommen – und erst dann wird sich zeigen, ob der neue Chef eine gute Wahl gewesen ist.

Mehr: Die Wirkung der Geldpolitik wird nicht nachlassen, sagt EZB-Direktor Benoît Cœuré. Doch die Effekte brauchen mehr Zeit.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: EZB-Präsidentschaft - Draghi-Nachfolge: Weidmann oder nicht Weidmann?

0 Kommentare zu "EZB-Präsidentschaft: Draghi-Nachfolge: Weidmann oder nicht Weidmann?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote