Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

François Villeroy de Galhau im Interview Französischer Notenbankchef stützt Vorschläge von Merkel und Macron zur Stärkung der Euro-Zone

Frankreichs Notenbankchef spricht im exklusiven Handelsblatt-Interview über die Zukunft der europäischen Währungsunion und die Pläne von Merkel und Macron.
03.07.2018 - 19:09 Uhr Kommentieren
Französischer Notenbankchef Villeroy de Galhau stützt Vorschläge von Merkel und Macron Quelle: Kamil Zihnioglu/SIPA für Handesblatt
François Villeroy de Galhau

Der Notenbanker plädiert für eine stärkere Wirtschaftsunion.

(Foto: Kamil Zihnioglu/SIPA für Handesblatt)

Er spricht fließend Deutsch und verweist gerne auf seine Beziehung zum Saarland. Seine Vorfahren zählen zu den Gründern der Firma Villeroy & Boch. Geräuschlos bringt François Villeroy de Galhau sich als Kandidat für die Nachfolge von Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank, in Stellung.
Er wirbt dabei besonders für einen Schulterschluss zwischen Deutschland und Frankreich. Am Mittwoch verleiht er in Berlin einen Journalistenpreis und trifft ein Mitglied der Bundesregierung. Vorher redete er mit dem Handelsblatt – in seinem Büro mit Kronleuchter, Spiegel, goldener Uhr und klassischen Ölgemälden.

Herr Villeroy de Galhau, ganz Europa schaut auf die Meseberg-Vorschläge von Merkel und Macron. Können sie die Euro-Zone sicherer machen?
Meseberg ist eine gute Antwort auf eine deutsche Sorge, die ich teile: dass die Geldpolitik im Falle eines neuen Abschwungs in der Euro-Zone als alleinige Antwort überfordert wäre. Um das zu vermeiden, müssen wir die Wirtschaftsunion stärken. Das bedeutet gar nicht, dass man eine Transferunion einrichtet, Euro-Bonds auflegt oder den Stabilitätspakt aufweicht. In dieser Hinsicht ist Meseberg eine sehr gute Etappe.

Nur eine Etappe?
Eine wesentliche Etappe. Deutschland kann mehr Vertrauen haben: Mit Frankreich und Präsident Macron hat es einen verlässlichen Partner. Jetzt oder nie müssen wir unsere Euro-Zone gemeinsam stärken. Warten wir nicht auf das Ende des aktuellen wirtschaftlichen Aufschwungs! Aber die Entscheidung haben wir erst, wenn die 19 Mitglieder der Währungsunion einverstanden sind.

In Deutschland gibt es große Sorgen, dass am Ende doch alles auf eine Vergemeinschaftung der Risiken hinausläuft.
Ich sage meinen deutschen Freunden: Wenn Sie zu Recht vermeiden wollen, dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Aufgaben überlastet wird, dann müssen wir andere wirtschaftspolitische Instrumente in Europa stärken, ohne zugleich Transfers einzuführen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Aber sind die politischen Gegensätze in Europa überhaupt überbrückbar?
    Deshalb braucht es Deutschland und Frankreich. Es gibt Länder im Süden, die große Forderungen stellen. Es gibt umgekehrt Länder im Norden, die gar nichts verändern wollen, weil sie mit der bisherigen Situation gut leben können. Aber das ist eine sehr kurzfristige Sichtweise, wenn ein Abschwung kommt.

    Was ist für Sie das Besondere an Meseberg?
    Der parallele Fortschritt in den beiden Schlüsselfragen der Wirtschaftsunion. Die erste ist die private Risikoteilung. Darüber spricht man weniger, aber sie ist essenziell. Die zweite ist die öffentliche Risikoteilung.

    Mit der privaten meinen Sie die Kapitalmarktunion?
    Um ganz präzise zu sein: die Addition von Banken- und Kapitalmarktunion.

    Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig bei der Bankenunion?
    Herausragende Bedeutung hat der Vorschlag, die Restrukturierung („Resolution“) im Notfall durch ein gemeinsames Sicherheitsnetz zu unterstützen, wenn die Beteiligung der Eigner und Gläubiger nicht ausreicht. In den USA hat das Sicherheitsnetz die Bewältigung der Bankenkrise stark beschleunigt, ohne den Steuerzahler Geld zu kosten. Da konnte man verfolgen, dass der Abbau von Risiken in den Bankbilanzen und die Risikoteilung Hand in Hand gehen.

    Das ist die zweite Säule, als erste gilt die gemeinsame Finanzaufsicht, als dritte die gemeinsame Versicherung der Bankeinlagen. Wie steht es damit?
    Die erste, die gemeinsame Aufsicht, haben wir schon. Und die dritte Säule, die gemeinsame Versicherung, ist weniger dringend, wenn die zweite Säule der Restrukturierung steht.

    Sehen Sie weitere Pluspunkte in den Vorschlägen von Merkel und Macron?
    Wichtig ist es, Krisen zu verhüten. Bisher haben wir sie immer erst bekämpft, wenn sie schon ausgebrochen waren. In dem Zusammenhang ist zu begrüßen, dass laut den Vorschlägen der Rettungsfonds (ESM) leichter eine Kreditlinie einräumen kann, wenn ein Land unverschuldet in Schwierigkeiten gerät. Das soll künftig auch präventiv geschehen können, damit die Krise erst gar nicht ausbricht.

    Die Banque de France holt in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium im Kampf gegen hohe Gebühren für finanzschwache Kunden den dicken Knüppel heraus. Quelle: Bloomberg
    Frankreichs Notenbank

    Die Banque de France holt in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium im Kampf gegen hohe Gebühren für finanzschwache Kunden den dicken Knüppel heraus.

    (Foto: Bloomberg)

    Mit schwächeren wirtschaftspolitischen Auflagen, als es bislang der Fall war?
    Mit vernünftigen wirtschaftlichen Auflagen jedenfalls.

    Aber wäre das tatsächlich über ein Wochenende zu aktivieren, wenn es brennt?
    Das nicht. Es handelt sich hier nicht um Krisenbewältigung, sondern um Verhütung.

    Wenn es zu einer neuen Krise kommen sollte, bevor die EZB ihre Zinsen nennenswert erhöht hat, wie kann die Geldpolitik dann gegensteuern? EZB-Präsident Mario Draghi hat gesagt, Anleihekäufe seien jetzt ein normales Instrument der Geldpolitik. In Deutschland gibt es Vorbehalte dagegen, dort gelten diese Käufe allenfalls als Instrument für Notlagen.
    Wichtig ist die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik, und darüber herrscht Einstimmigkeit im EZB-Rat. Wir haben gesagt, dass wir die Geldpolitik normalisieren, wenn wir uns unserem Inflationsziel von knapp zwei Prozent nähern. Und genau das tun wir jetzt. Wir fahren die Anleihekäufe herunter, stoppen sie per Jahresende und wollen dann frühestens im kommenden Sommer die Zinsen erhöhen.

    Das beantwortet aber nicht die Frage, wie bereitwillig die EZB wieder zu unkonventionellen Maßnahmen greifen sollte, wenn schneller als gedacht eine neue Krise aufzieht.
    Pragmatismus ist eine deutsche Tugend. Ich bin pragmatisch, ich denke lieber über die heutige Situation nach.

    In der kann es durch einen Handelskrieg wesentlich schneller als erwartet zu einem wirtschaftlichen Abschwung kommen.
    Teil der einvernehmlichen Analyse im EZB-Rat ist, dass wir noch ein robustes Wachstum erwarten, obwohl Protektionismus eine Bedrohung wäre.

    Trotzdem noch eine hypothetische Frage: Ist die EZB verantwortlich dafür, die Euro-Zone mit allen heutigen Mitgliedern zusammenzuhalten? In Deutschland gibt es zum Teil die Ansicht, dies sei allein Aufgabe der Politik.
    Nach den Europäischen Verträgen ist die Einführung des Euros unumkehrbar für alle seine Mitglieder. Und die EZB ist Hüterin des Euros, unser Mandat ist Preisstabilität. Die EZB ist zwar unabhängig, aber trotzdem durch die Verträge gebunden. In dem Punkt kann es keine Unklarheit geben.

    Was kann die Politik noch tun, um die Währungsunion krisenfester zu machen?
    Alle 19 Notenbankpräsidenten stimmen darin überein, dass wir einen gemeinsamen Kapitalmarkt brauchen, um wirtschaftliche Schocks über private Märkte abzufangen. Trotzdem steht das Projekt ziemlich weit unten auf der politischen Agenda. Das muss sich ändern, es sollte eine möglichst hohe Priorität bekommen.

    Was müssen wir uns unter einer Kapitalmarktunion vorstellen?
    Es geht im Kern darum, den Überschuss an Spargeldern, auch aus Deutschland, besser zu nutzen. Im vergangenen Jahr lag er in der EU bei 390 Milliarden Euro. Dieses Geld sollte privat in Innovationen, etwa die Digitalisierung, in höheres Eigenkapital für die kleinen und mittleren Unternehmen und in Umweltprojekte wie den Übergang zu nachhaltigen Energien investiert werden.

    Wie kann die Politik das vorantreiben?
    Die Bankenunion, über die wir schon gesprochen haben, ist Teil einer solchen Finanzierungs- und Investitionsunion. Zusätzlich müssen Europa-übergreifende Produkte für langfristige private Anlagen geschaffen werden. Außerdem sollte die Annäherung der Vorschriften zu Steuern, Rechnungslegung und Insolvenzen grenzüberschreitende Beteiligungen und Fusionen erleichtern. Dazu gehört, die Rolle der gemeinsamen Wertpapieraufsicht (Esma) zu stärken. Ende des Jahres muss die politische Einigung über diese Agenda stehen. In drei Jahren könnten wir fertig sein.

    Es wird ja viel über grenzüberschreitende Bankenfusionen geredet. Aber bisher ist wenig zu sehen.
    Richtig, die fünf größten europäischen Banken stehen für weniger als 20 Prozent des Marktes, in den USA repräsentieren die fünf größten 40 Prozent. Die neuen internationalen Aufsichtsregeln, die unter dem Stichwort „Basel III“ bekannt sind, kennen jetzt alle Banken. Die größten strategischen Unsicherheiten sind beseitigt. Jetzt müssen die Banken und Investoren die nächsten Schritte wagen.

    Wir haben über die private Risikoteilung geredet. Deutschland beschäftigt viel mehr die öffentliche Teilung von Risiken. Skepsis erzeugt vor allem die Idee eines gemeinsamen Budgets.
    Das gemeinsame Budget wird Wettbewerbsfähigkeit und Stabilisierung fördern. Es wird fast nur darüber geredet, dabei ist es nur ein wichtiger Teil unter vielen. Reden wir nicht ständig nur darüber!

    Aber dieses Budget soll es ja geben. Wird es innerhalb des bestehenden EU-Haushalts geschaffen oder durch zusätzliche Finanzmittel gespeist?
    Die Finanzierung ist noch offen. Es kann eine zusätzliche Komponente geben. Das müssen die 19 Mitglieder entscheiden.

    19? Die EU ohne die Briten hat doch 27 Mitglieder.
    Wenn es um eine stärkere Wirtschaftsunion geht, entscheiden die 19 Mitglieder der Euro-Zone. Wir sind enger verbunden, als die 27 es sind, und müssen mehr Entscheidungen zu neunzehnt treffen.

    Bleiben wir bei der Politik und werfen einen Blick in den Süden. Macht Ihnen die derzeitige Regierung in Italien Sorgen?
    Ich habe nicht die Politik anderer Länder zu kommentieren. Aber der italienische Finanzminister hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Italien der Euro-Zone angehört und sich der Notwendigkeit einer soliden Haushaltspolitik bewusst ist.

    Wie kommt es, dass in Italien, das enorm von der EU profitiert hat, die Zustimmung zum Euro so viel geringer ist als zum Beispiel in Deutschland?
    Sie ist geringer als in Deutschland, aber die Mehrheit der Italiener ist für den Euro. Wir – und besonders die Deutschen – verkennen manchmal, dass sehr viele Italiener den Eindruck haben, große Anstrengungen unternommen und Opfer gebracht zu haben. In der Tat ist das Bankensystem heute solider, und es hat budgetäre Reformen gegeben, wenn auch nicht genug Strukturreformen.

    Und wie erklären Sie sich, dass die Deutschen die Politik von EZB-Präsident Draghi kritisieren, aber zugleich weit überwiegend den Euro mögen?
    Weil der Euro eine Währung von hoher Qualität ist. Alle Länder in der Währungsunion haben vom Euro profitiert. Aber Deutschland mehr als alle anderen.

    Wann startet die Debatte über Draghis Nachfolge?
    Die Ära Draghi ist glücklicherweise nicht zu Ende. Ich will nicht an seiner statt reden, aber er konzentriert sich auf zwei Dinge: voranzukommen bei der graduellen Normalisierung der Geldpolitik und bei der Wirtschaftsunion, damit die Euro-Zone auf Dauer stabiler ist.

    Trotzdem könnte es eine transparente Personaldebatte geben.
    Ganz im Ernst: Wenn wir im EZB-Rat 18 Monate vor der Entscheidung über eine Personalie diskutierten, die wir nicht zu entscheiden haben, würden wir unserer Verantwortung nicht gerecht. Unsere tägliche Aufgabe ist es, für einen stabilen Euro zu sorgen.

    Herr Villeroy de Galhau, vielen Dank für das Interview.

    Startseite
    Mehr zu: François Villeroy de Galhau im Interview - Französischer Notenbankchef stützt Vorschläge von Merkel und Macron zur Stärkung der Euro-Zone
    0 Kommentare zu "François Villeroy de Galhau im Interview: Französischer Notenbankchef stützt Vorschläge von Merkel und Macron zur Stärkung der Euro-Zone"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%