Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Friedrich Merz „Eine Eskalation des Handelsstreits ist das größte politische Risiko“

Der ehemalige CDU-Politiker spricht im Interview über die Dauerschwäche der Großbanken, die fragile Euro-Zone und industriepolitische Leuchtturmprojekte in Europa.
1 Kommentar
„Wir sind Zeitzeugen einer grundlegenden Neuordnung der politischen und ökonomischen Kraftzentren auf der Welt.“ Quelle: Andreas Pein/laif
Friedrich Merz

„Wir sind Zeitzeugen einer grundlegenden Neuordnung der politischen und ökonomischen Kraftzentren auf der Welt.“

(Foto: Andreas Pein/laif)

FrankfurtGut gebräunt und entspannt betritt Friedrich Merz den Raum „Maximilian“ in der schicken Münchener Dependance von Blackrock. Eigentlich ist er gerade mit seiner Familie im Urlaub am Tegernsee. Doch die dreiwöchige Auszeit kann sich der umtriebige Aufsichtsratschef des US-Vermögensverwalters Blackrock in Deutschland nach eigenem Bekunden nur gönnen, wenn er zwischendurch den einen oder anderen Termin wahrnimmt – so wie das Interview mit dem Handelsblatt.

Herr Merz, wir sind im zehnten Jahr des Börsenaufschwungs. Wie dünn ist die Luft?
Sie wird deutlich dünner. Aber wir sehen in allen großen Regionen der Welt immer noch ein ordentliches Wirtschaftswachstum. Zeichen für ein abruptes Ende lassen sich nicht erkennen. Für 2018 bleiben wir daher für alle Wirtschaftsregionen verhalten optimistisch.

Gilt das auch für 2019?
Vorläufig ja. Politische Entscheidungen können aber zu externen Schocks und zu kurzfristigen Veränderungen führen, die sämtliche Vorhersagen korrigieren.

Welche externen Schocks könnten das sein?
Eine weitere Eskalation des Handelsstreits ist das größte politische Risiko, und bei dem gibt es jetzt schon nur Verlierer. Wenn dieser Konflikt außer Kontrolle gerät, wird das auch die deutsche Exportwirtschaft hart treffen. Deshalb liegt es in unser aller Interesse, dass die Europäer mit den USA zu einer Lösung kommen.

Ist das Verhältnis zwischen den USA und Europa so schwer belastet, dass dies dauerhafte Spuren hinterlassen wird?
Ja, das ist zu befürchten. Wir sind Zeitzeugen einer grundlegenden Neuordnung der politischen und ökonomischen Kraftzentren auf der Welt. Trump beschleunigt mit seiner destruktiven Haltung gegenüber allen multilateralen Vereinbarungen und Institutionen diesen Prozess, und keiner vermag heute zu sagen, welche politische Ordnung denn an die Stelle der 70 Jahre alten Pax Americana treten wird. Wir werden erst in vielen Jahren die gesamte Dimension dieser Zeitenwende erkennen.

Welche politische Ordnung erwarten Sie?
Heute sind allenfalls Fragmente einer solchen neuen politischen Ordnung erkennbar. Amerika wird sich vermutlich noch weiter seiner internationalen Verantwortung entziehen. China nutzt die entstehenden Lücken, gerade im pazifischen Raum. Die arabische Welt befindet sich in einem tiefen Umbruch, Russland steckt nach wie vor in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Lage.

Und Europa trifft seine Entscheidungen erneut zu langsam, um dauerhaft eine wichtige globale Rolle zu spielen. Ich habe auch den Eindruck, dass die meisten Europäer, die Deutschen eingeschlossen, die globale Dynamik sowohl in den USA in die eine Richtung und in Asien in die andere Richtung unterschätzen.

Was halten Sie vom Vorstoß von Außenminister Heiko Maas, das Verhältnis zu Amerika neu auszurichten?
Der Bundesaußenminister hat eine wichtige Debatte angestoßen, die Europäer brauchen eine neue Strategie im Umgang mit den USA. Und so, wie die Bundeskanzlerin es schon im letzten Jahr gesagt hat, müssen wir einen wesentlich größeren Teil unseres Schicksals selbst in die Hand nehmen und dürfen nicht länger erwarten, dass die Amerikaner uns die unangenehmen Aufgaben auf der Welt abnehmen.

Vor zwei Jahren haben Sie im Interview mit dem Handelsblatt vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone gewarnt. Seither ist nichts passiert. War das also eine Fehleinschätzung?
Nein. Die Krisensymptome sind einigermaßen unter Kontrolle, aber die Ursachen der Krise sind noch längst nicht beseitigt. Die Voraussetzungen für einen dauerhaften Bestand der Währungsunion sind aus meiner Sicht nach wie vor nicht gegeben.

Und welche Voraussetzungen wären das?
Der triviale Satz stimmt immer noch: Keine Währungsunion funktioniert auf Dauer ohne eine Politische Union. Ganz konkret: In einer Währungsunion müsste eine wesentlich höhere Integration in der Wirtschaftspolitik, in der Arbeitsmarktpolitik und in der Sozialpolitik erreicht werden. Aber das ist angesichts der gegenwärtigen Lage in den Mitgliedstaaten kaum vorstellbar.

Es fehlen ja schon die wirtschaftspolitischen Leuchttürme. Das letzte große gemeinsame europäische Industrieprojekt heißt heute Airbus und stammt aus der Zeit von Franz Josef Strauß. Wo ist der Airbus des 21. Jahrhunderts? Digitale Infrastruktur, geostationäre Satellitensysteme, eine europäische Ratingagentur, ein gemeinsamer europäischer Börsenplatz – es ließen sich viele weitere Themen nennen, aber es geht nicht wirklich voran. Eine gemeinsame Währung allein reicht eben nicht!

Derzeit ist wieder einmal Italien im Visier der Märkte. Wie groß ist die Gefahr, dass das Land unter dem Druck der Investoren und steigender Zinsen zusammenbricht?
Die spannende Frage ist, ob sich die italienische Regierung an die europäischen Haushaltsregeln halten wird. Italien ist ja immer noch ein sehr wohlhabendes Land, und die Staatsverschuldung ist überwiegend eine Binnenverschuldung. Italien wäre in der Lage, seine Probleme zu lösen.

Für Sie ist das also kein akutes Risiko?
Die Verschuldung in Italien ist und war immer ein latentes Risiko. Ob sich dieses Risiko jetzt unter der neuen Regierung konkretisiert, wird man abwarten müssen.

Eine weitere Gefahr ist der geplante Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Handelsminister Liam Fox sieht die Chance für einen harten Brexit bei 60 Prozent. Wie würde sich das wirtschaftlich auswirken?
Die Wasserstandsmeldungen um einen harten oder weichen Brexit gehören zur Verhandlungsstrategie der Beteiligten auf beiden Seiten. Ich halte einen unkontrollierten Austritt der Briten aus der EU für ziemlich unwahrscheinlich. Im Zweifel werden in Brüssel eben die Uhren für ein paar Wochen oder Monate angehalten.

Aber der Austritt ist – ganz unabhängig davon, wie er stattfindet – ein schwerer Rückschlag für ganz Europa. Rein ökonomisch betrachtet ist der Brexit ja so, als ob 19 der insgesamt 28 Mitglieder zeitgleich die Gemeinschaft verlassen würden. Großbritannien ist nach Deutschland die zweitgrößte Wirtschaftsnation der EU. Das ist schon eine sehr tiefe politische und wirtschaftliche Zäsur in der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Die britische Finanzaufsicht FCA verlangt von den Banken bereits, für einen harten Brexit gerüstet zu sein. Die deutsche Bafin geht in eine ähnliche Richtung. Wie gut ist die Branche vorbereitet?
Wir Vermögensverwalter haben vergleichsweise kleine Probleme, die lösbar sind. Die Versicherungen und noch mehr die Banken stehen vor ganz anderen Herausforderungen, insbesondere wenn sie von Großbritannien aus europaweit agieren. Die Institute haben aber bereits reagiert und schaffen jetzt die Voraussetzungen für regulierte Einheiten außerhalb Londons. Und je länger die Unsicherheit über die Details andauert, desto mehr wird umgebaut.

Was bedeutet das für den Standort London?

Die Verlagerungen sind vermutlich bei fast allen Betroffenen unumkehrbar, selbst wenn es später zu einer vernünftigen, längerfristigen Übergangsregelung käme. Die britische Politik, aber auch große Teile der Bevölkerung auf der Insel haben unterschätzt, welche Dynamik sie hier ausgelöst haben.

Frankfurt wird zwar vom Brexit profitieren, aber vor allem Paris hat unerwartet große Achtungserfolge erzielt. Müsste die Bundesregierung nicht mehr für den Finanzplatz tun?
Die Franzosen unter tatkräftiger Führung ihres Präsidenten versuchen, den Standort Paris zum Gewinner des Brexits zu machen. In Deutschland gibt es zwischen Berlin und Frankfurt dagegen nicht nur räumlich einen großen Abstand. Das lässt sich am Beispiel der Deutschen Börse gut illustrieren.

Bei allen Fusionsvorhaben, die ich als Mitglied des Aufsichtsrats bis 2015 miterlebte, gab es eine vornehme Zurückhaltung der deutschen Politik. Strategisch war das ein Fehler, denn wir bräuchten gerade jetzt eine Börse, die den Euro-Raum und vielleicht sogar die gesamte Europäische Union umfasst.

Was uns wieder zum Airbus des 21. Jahrhunderts zurückbringt: Müssten Frankreich und Deutschland nicht auch bei den großen Banken über gemeinsame Projekte nachdenken?
Nachdenken sollte man immer. Aber aus deutscher Sicht ist das jetzt vermutlich nicht der richtige Zeitpunkt. Die deutschen Banken müssen ihre Hausaufgaben zunächst einmal zu Hause erledigen.

Müssten dafür nicht die Deutsche Bank und die Commerzbank zusammengehen?
Darüber mag ich nicht öffentlich spekulieren.

Sehen Sie mit Sorge, dass beide Großbanken in Europa bald in der zweiten Börsenliga spielen, da die Commerzbank wohl aus dem Dax und die Deutsche Bank aus dem Euro Stoxx absteigen wird?
Das ist für uns ein wichtiges Thema. Bei meinen Besuchen in London und in New York stellen mir die Kollegen dort oft die Frage, wie eine so starke Volkswirtschaft wie Deutschland auf Dauer denn ohne eigene starke Banken auskommen kann.

Und wie lautet Ihre Antwort?
Ich versuche zu erklären, dass viele Anstrengungen unternommen werden, um das Problem zu lösen. Aber es bleibt für die Betroffenen offenkundig schwierig. Es ist eine Frage des Marktumfeldes und der sich bietenden Chancen.

Wenn die Commerzbank und die Deutsche Bank aus dem Dax und dem Euro Stoxx fliegen, werden Blackrock und andere Indexfondsanbieter massiv Aktien verkaufen müssen. Wie sehr wird das den beiden Banken schaden?
Wenn Aktien aus großen Leitindizes herausgenommen werden, verringert das natürlich zunächst ihre Präsenz an den Finanzmärkten.

Versuchen Sie, die Folgen eines Kursabstiegs über Derivate abzumildern?
Am Tag der Indexumstellung sollten Anleger sich auf größere Kursschwankungen einstellen. Wenn die Deutsche Bank aus dem Euro Stoxx absteigt, beträfe das allein bei unseren Indexfonds etwa 12,5 Millionen Aktien. Aber wir bereiten uns zusammen mit einer Auswahl aus 750 weltweiten Brokern auf die erwartete Situation vor, um die Auswirkungen trotz großer Umsätze möglichst klein zu halten.

Herr Merz, vielen Dank für das Gespräch.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Friedrich Merz - „Eine Eskalation des Handelsstreits ist das größte politische Risiko“

1 Kommentar zu "Friedrich Merz: „Eine Eskalation des Handelsstreits ist das größte politische Risiko“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Frau Merkel ist es seinerzeit gelungen mit Friedrich Merz einen fuer die gefaehrlichen
    Konkurrenten kalt zu stellen. Aber leider gibt es nur wenige Leute mit diesem Format -
    er fehlt uns. Persoenlich war es fuer ihn ein Gluecksfall - er verdient sehr viel mehr Geld
    als in der Politik, und ist aus dieser Schlangengrube heraus.

Serviceangebote