Geldpolitik Das steckt hinter den unklaren EZB-Aussagen zur Zinserhöhung

Die Sitzungsprotokolle zeigen die Sorge der Ratsmitglieder, das Ende der Anleihekäufe könnte als Zeichen einer zu harten Geldpolitik verstanden werden.
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Die EZB will so lange wie nötig an ihrer Nullzinspolitik festhalten. Quelle: dpa
Europäische Zentralbank

Die EZB will so lange wie nötig an ihrer Nullzinspolitik festhalten.

(Foto: dpa)

FrankfurtMitte Juni hatte die Europäische Zentralbank (EZB) die Märkte überrascht und zum Teil auch verwirrt. Sie kündigte damals deutlicher als von vielen erwartet an, ab Anfang 2019 nur noch auslaufende Zinspapiere zu ersetzen, aber keine zusätzlichen Anleihen mehr zu kaufen.

Zugleich äußerte sie sich sehr unklar zum Zeitpunkt einer ersten Zinserhöhung, was die Märkte als Zeichen einer weichen Geldpolitik deuteten. Das am Mittwoch veröffentlichte Protokoll der Ratssitzung im Juni klärt den Hintergrund dazu etwas auf. Es löste wiederum zunächst eine kurzzeitige Euro-Schwäche aus, gefolgt aber von einer Gegenbewegung.

Deutlich wird aus der Niederschrift, dass die Ratsmitglieder zum Teil besorgt waren, ihre Ankündigung, per Ende des Jahres 2018 netto keine Anleihen mehr zuzukaufen, könnte als Zeichen einer zu weichen Geldpolitik verstanden werden.

Deswegen wollten sie zugleich deutlich machen, dass es eben vorerst mit einem immer noch weichen Kurs weitergeht. Oder wie es im (aus dem Englischen übersetzten) Wortlaut heißt: „Alles in allem sollte die Kommunikation die Balance wahren zwischen der Ankündigung des Abschlusses der Anleihekäufe Ende Dezember 2018 und einer Betonung der Selbstverpflichtung, so lange wie möglich einen ausreichenden geldpolitischen Stimulus aufrechtzuerhalten.“

Das Ergebnis dieser Überlegungen war eine sehr vage Kommunikation zu der Frage, wann die erste Zinserhöhung zu erwarten sei. Auf Englisch hieß es nach der Ratssitzung, die Zinsen sollten mindestens „through the summer of 2019“ unverändert bleiben.

Selbst Geldpolitiker mit Muttersprache Englisch können nicht genau erklären, was damit gemeint ist. Offenbar heißt es nicht, dass der Termin bis mindestens ans Ende des Sommers 2019 verschoben wird.

Eher überraschend wäre nach der Ankündigung aber auch eine Zinsanhebung schon zu Beginn des Sommers. Viele Beobachter rechnen jetzt mit September. Und wer nachfragt, bekommt die Auskunft, dass die Formulierung bewusst offen geblieben ist.

Damit hat die EZB versucht, den Märkten zugleich Orientierung zu geben, sich aber doch alles offenzuhalten. Ein Problem damit hatten auch die Übersetzer. Auf Deutsch könnte die Formulierung „bis mindestens in den Sommer hinein“ dem Englischen Ausdruck nahekommen.

Das Protokoll zeigt recht deutlich, was zuvor schon zu vermuten war: Die EZB-Räte waren etwas ratlos und haben sich deswegen hinter einem schwammigen Wortlaut versteckt.

Stefan Bielmeier, Chefökonom der DZ Bank wirft der EZB vor, mit der Verschiebung einer möglichen Zinserhebung „weit in die Zukunft“ einen „strategischen Fehler“ zu machen. Er fürchtet, dass sich die Wachstumsdynamik im Laufe des Jahres 2019 abschwächt – und die EZB somit den richtigen Zeitpunkt für die Anhebung verpasst.

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