Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Geldpolitik Ökonom Otmar Issing: „Die EZB neigt zu hektischem Aktivismus “

Für weitere Zinssenkungen sieht der ehemalige EZB-Chefvolkswirt keinen Grund, die Geldpolitik war erfolgreich. Allerdings wirft er der Notenbank Aktivismus vor.
Kommentieren
„Die EZB hat sich in eine Kommunikationsfalle manövriert.“ Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Otmar Issing

„Die EZB hat sich in eine Kommunikationsfalle manövriert.“

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Frankfurt Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich zu kleinteilige Ziele gesetzt – und sich selbst unter Zugzwang, sagt ihr ehemaliger Chefvolkswirt Otmar Issing. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über das Risiko einer sich beschleunigenden Deflation, die Nachhaltigkeit von Anleihekäufen und darüber, warum sich die EZB in eine Kommunikationsfalle manövriert hat.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Issing, EZB und Fed schwenken um auf eine großzügige Geldpolitik. Ist das gerechtfertigt?
Wir hatten in den USA und in Europa einen langen Aufschwung. Jetzt zeigen sich Abschwächungen vor allem in Europa. Dazu kommen Risiken, etwa aus dem Handelskrieg und dem Brexit. Das ist für mich aber noch kein Grund für geldpolitische Gegenmaßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt.

Warum reagieren die Notenbanken so eilfertig?
Weil sie immer weniger bereit sind, das Risiko selbst kleiner Rückschläge hinzunehmen, und daher zu hektischem Aktivismus neigen.

Die EZB sagt, dass ihr 1,6 Prozent Inflation nicht genug sind. Wie ist das zu verstehen?
Die EZB ist der Preisstabilität verpflichtet. Die hat sie auf meinen Vorschlag hin 1998 als Inflation unter zwei Prozent definiert. 2003 kam der Zusatz, diese sollte möglichst nahe an zwei Prozent heranreichen. Aber so genau kann Geldpolitik die Preise nicht steuern.

Wozu dann der Zusatz?
Der gilt als Schutz gegen Deflation, also ein Abrutschen in stark fallende Preise. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 sind die deutschen Großhandelspreise zum Beispiel in zwei Jahren um nicht weniger als 35 Prozent gefallen. Ein solches Ereignis ist ein volkswirtschaftlicher GAU. Aber das Risiko einer sich beschleunigenden Deflation ist nirgendwo auf der Welt zu beobachten.

Warum sind dann nur 1,6 Prozent Inflation gefährlich?
Die EZB hat sich in eine Kommunikationsfalle manövriert. Wenn sie ankündigt, sie wolle die Inflation möglichst rasch an die Marke von zwei Prozent heranführen, dieses Ziel aber nicht erreicht, steht sie wie ein Versager da. Dagegen möchte ich als ehemaliger Notenbanker bemerken: Zehn Jahre Aufschwung und Inflation bei 1,6 Prozent, da sind wir doch schon fast auf einer Insel der Seligen.

Die EZB will noch mehr Mittel einsetzen. Aber werden die auch wirken?
Der Spielraum der Notenbanken ist sehr eng geworden. Außerdem nutzt sich die Wirkung etwa der Anleihekäufe ab. Das ist so, als wenn Sie schon bei jedem Schnupfen ein Antibiotikum nehmen.

In Europa haben wir Minuszinsen, und es geht möglicherweise noch tiefer. Schaden die unserer Wirtschaft?
Man sprach bei Einführung der Minuszinsen von schädlichen Nebenwirkungen, etwa für Lebensversicherungen und Pensionsfonds. Es kommt hinzu, dass in dieser Welt niedriger Zinsen die Jagd nach Rendite die Prämien für riskante Anlagen zusammenschrumpfen lässt. Dieses Ungleichgewicht kann sich im Falle einer Krise in einer heftigen Korrektur entladen.

Was halten Sie von gestaffelten negativen Zinsen für Bankeinlagen bei der EZB?
Das wirkt für mich wie ein verzweifelter Versuch, den Schaden für die Banken abzumildern. Aber das ist nicht wirklich die Lösung.

Der Trend zu niedrigen Zinsen ist ja weltweit zu beobachten. Sind dafür äußere Gründe, etwa die Überalterung der Bevölkerung, ausschlaggebend? Oder haben die Notenbanken diesen Trend selbst geschaffen?
Die Diskussion dreht sich hier um den realen neutralen Zins, also den Zins unter Abzug der Inflation, bei dem die Wirtschaft sich im Gleichgewicht befindet. Diesen Zins kennt leider niemand. Es spricht einiges dafür, dass er gesunken ist. Aber die Notenbanken tragen dazu bei, indem sie mit niedrigen Zinsen künstlich schwache Banken und Unternehmen am Leben erhalten. Das drückt die Produktivität und damit auch den Gleichgewichtszins. Es gibt eine Reihe von Studien, etwa von der OECD, die einen beträchtlichen Anteil an solchen wirtschaftlichen „Zombies“ in einigen Ländern belegen.

Weil der EZB die Mittel ausgehen, fordern immer mehr Ökonomen, vor allem Deutschland solle mehr Schulden machen, um die Wirtschaft zu unterstützen.
Die Forderungen gibt es schon länger, etwa vom Internationalen Währungsfonds. Da heißt es dann mit Blick auf alte Brücken und Schienen, wir sollten mehr in die Infrastruktur investieren, um den Überschuss in der Leistungsbilanz abzubauen. Aber ob das so wirken würde wie erhofft, ist ungewiss.

Aber Defizite könnten doch allgemein die Konjunktur unterstützen.
Deutschland hat annähernd Vollbeschäftigung und erfährt eine extrem expansive Geldpolitik, verbunden mit einem schwachen Wechselkurs. Ich kenne kein Lehrbuch, das für diesen Fall zusätzliche staatliche Defizite empfiehlt. Das spricht allerdings nicht dagegen, Infrastrukturmaßnahmen oder Mitteln für Bildung und Forschung eine höhere Priorität einzuräumen.

Zuletzt haben sich Schwächen gezeigt.
Ja, in der Industrie, etwa im Automobilsektor, sieht es ziemlich düster aus. Das spricht aber nicht dafür, schon jetzt finanzpolitisch gegenzusteuern.

Bei einer Konjunkturschwäche wirken ja gleichbleibende Staatsausgaben und zum Beispiel die Arbeitslosenversicherung als automatische Stabilisatoren. Ganz ohne Defizit würde das wegen geringerer Steuereinnahmen aber wahrscheinlich nicht abgehen. Und dann kommt das Thema Schuldenbremse dazwischen. Ist sie obsolet?
Die Schuldenbremse betrifft das strukturelle Defizite, nicht etwa die automatischen Stabilisatoren. Sie wurde immerhin im Grundgesetz verankert, war bisher irrelevant, und jetzt will man sie schon wieder abschaffen.

Aber die Regierung bekräftigt doch die „schwarze Null“: also kein Defizit.
Da ist viel Rhetorik dabei. Wenn man künftige Lasten der Rentenversicherung oder durch den Kohleausstieg einrechnet, steht die deutsche Finanzpolitik alles andere als besonders gut da.

Mehr: Wege aus der Minus-Falle. Die Antworten auf die drängendsten Verbraucherfragen.

Finance Briefing
Startseite

Mehr zu: Geldpolitik - Ökonom Otmar Issing: „Die EZB neigt zu hektischem Aktivismus “

0 Kommentare zu "Geldpolitik: Ökonom Otmar Issing: „Die EZB neigt zu hektischem Aktivismus “"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote