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Geldpolitik Türkische Lira steht vor der Notenbanksitzung unter Druck

Die türkische Notenbank könnte die Leitzinsen senken. Präsident Erdogan bekäme damit seinen Willen, doch Investoren werden genau auf die Wortwahl des neuen Notenbankchefs achten.
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Ein Mitarbeiter einer Wechselstube zählt türkische Lira. Der Zinsentscheid der Notenbank am Donnerstag dürfte den Wechselkurs deutlich beeinflussen. Quelle: dpa
Türkische Lira

Ein Mitarbeiter einer Wechselstube zählt türkische Lira. Der Zinsentscheid der Notenbank am Donnerstag dürfte den Wechselkurs deutlich beeinflussen.

(Foto: dpa)

Istanbul Immer wenn Recep Tayyip Erdogan über Geldpolitik redet, halten Investoren den Atem an. Mal fordert er mehr Einfluss auf die Entscheidungen der landeseigenen Zentralbank (TCMB), mal fordert er direkt niedrigere Zinsen.

Seit dem Rauswurf des Gouverneurs der türkischen Notenbank Murat Cetinkaya Anfang Juli ist klar: Der türkische Präsident will seinen Einfluss auf die Geldpolitik des Landes ausweiten.

Die türkische Währung bleibt damit weiter unter Druck. Die Lira hat in den vergangenen zwei Jahren zum Dollar rund 60 Prozent an Wert verloren, in den vergangenen sechs Monaten allerdings 7,5 Prozent zugelegt. Gegenüber dem Euro konnte die Lira in den vergangenen zwei Monaten sogar um rund zehn Prozent aufwerten. Ein leicht positiver Seitwärtstrend bei den Lira-Wechselkursen deutete aus Sicht vieler Analysten eine wirtschaftliche Entspannung an.

Doch der Druck auf die Währung steigt wieder an. Die größten Risikotreiber lauten: Geldpolitik und Innenpolitik.

In den vergangenen Wochen hatten auch die Notenbanken in den Schwellenländern Südafrika, Südkorea und Indonesien angefangen, die Zinsen zu senken, nachdem sie zuvor mit Leitzinserhöhungen ihre heimische Währung stabilisiert hatten. Jetzt, im beginnenden Sog einer möglichen Zinssenkung in den USA und vielleicht sogar in Europa, lassen die Schwellenländer bei der Geldpolitik die Zügel locker.

Die türkische Zentralbank hatte den Leitzins seit Mitte 2018 in drei Schritten um 11,25 Prozentpunkte auf ein Level von 24 Prozent angehoben, um der grassierenden Inflation von zwischenzeitlich rund 25 Prozent entgegenzutreten. Inzwischen sinkt die Inflationsrate tatsächlich, wenn auch leicht und unter anderem durch Basiseffekte hervorgerufen.

Inzwischen gehen alle Beobachter davon aus, dass die Zinsen auch in der Türkei sinken werden. Die Frage lautet bloß, wie stark? Die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu befragte 19 türkische Analysten dazu. Sie gehen von einer Senkung zwischen 150 und 500 Basispunkten aus, im Schnitt immer noch von 250 Basispunkten.

Burak Kanli, Chefökonom der türkischen QNB Finansbank, hält eine Zinssenkung um mindestens 300 Basispunkte auf ein Level von 21 Prozent für möglich. Er glaubt, dass sich die Zentralbank von ihrer konventionellen Politik der Preisstabilität verabschieden werde. „Der künftige Ansatz wird die kurz- und mittelfristige Erwartung beim Wirtschaftswachstum miteinbeziehen“, ist Kanli überzeugt. Auch die Wirtschaftspolitik aus dem Präsidialamt werde seiner Meinung nach in die Zinsentscheidungen miteinbezogen.

Goldman sieht Leitzins bei 15 Prozent in 2020

Experten der US-Bank Goldman Sachs erwarten aufgrund der veränderten Lage, dass die türkische Zentralbank bereits bis September 2020 die Leitzinsen auf 15 Prozent senken wird. Zuvor waren die Analysten der Bank davon ausgegangen, dass dieses Level nicht vor Mai 2021 erreicht werden würde. Von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Analysten glauben, der Leitzins werde langsamer fallen.

Die Goldman-Analysten sehen aber ein weiteres Risiko, und das hat mit den Schulden türkischer Unternehmen bei den Banken des Landes zu tun. Viele Konzerne können ihre Dollar-Schulden nicht zurückzahlen und beantragen Restrukturierungsprogramme bei den türkischen Banken. Darunter leiden die Bilanzen der Geldhäuser.

Und deswegen könnten sie auch bei einem niedrigeren Zinsniveau abgeneigt sein, zu viele Kredite zu vergeben. „Für die Banken dürfte es trotz einer Zinssenkung wichtig sein, ihr Kernkapital zu stärken, anstatt die eigene Bilanz durch mehr Kredite aufzublähen“, befürchten die Analysten der US-Bank.

Einen Tag vor der Entscheidung des neuen Notenbankchefs Murat Uysal über den Leitzins scheinen sich Investoren unsicher. Die Lira schloss am Dienstagabend zum Dollar rund ein halbes Prozent schwächer bei 5,70 Lira pro Dollar. Am Mittwoch startete der Handel bei 5,73 Lira, um sich dann am Vormittag (Ortszeit) bei 5,71 Lira einzupendeln. Das zeigt auch: Investoren wissen nicht, wie weit Uysal gehen wird - und wie sehr der Zinsschritt der Lira schaden wird.

So weit zur Geldpolitik. Aber auch das Verhalten der Regierung spielt eine Rolle. Aus dem Wahlsieg der Opposition in mehreren Großstädten bei den jüngsten Kommunalwahlen haben Bürger und Investoren zwar wieder Vertrauen in das politische System des Landes geschöpft.

Gleichzeitig steigt die Angst davor, dass Präsident Erdogan jetzt mit Gegenmaßnahmen zeigen will, wer die Macht im Staat hat. Der Rauswurf des alten Notenbankchefs Murat Cetinkaya ist ein solches Zeichen. Er habe die Zinsen nicht senken wollen, begründete Erdogan die Demission Cetinkayas. Ein deutliches Zeichen, dass ihm die politische Unabhängigkeit der Notenbank so viel wert ist wie die alte Verfassung des Landes.

Kreditzinsen haben den Konsum gebremst

Der türkische Präsident versteht, dass niedrige Zinsen die Wirtschaft ankurbeln können. In türkischen Fernsehsendern und Zeitungen melden sich bereits Ökonomen, Bankenvorstände und Immobilienunternehmer zu Wort, die auf einen Rückgang der hohen Zinsen für Kredite für Häuser, Autos, Kühlschränke und andere Konsumgegenstände hoffen. Die Kreditzinsen für diese Produkte waren in den vergangenen vier Jahren kontinuierlich gestiegen und haben den Konsum entsprechend gebremst.

Doch Märkte – und insbesondere Finanzmärkte – funktionieren nicht nur plump nach Zahlen. Die Zinsen kräftig zu senken und dann auf die nächste Wachstumsstory zu hoffen reicht nicht. Investoren und Analysten handeln und beurteilen auch danach, ob eine Leitzinsentscheidung überzeugend und glaubwürdig erklärt werden kann.

Anders ausgedrückt, wenn der neue Notenbankchef Murat Uysal am Donnerstag die Zinsen senken wird, dann trifft er nicht nur den Nerv unter Geldpolitikern in den USA, Europa und einigen Schwellenländern. Er macht womöglich auch das Richtige, um die Türkei durch die nächsten Monate zu steuern.

Aber wenn er seine Entscheidung nicht anhand von handfesten Entwicklungen und Ausblicken begründen kann, dann werden Investoren trotzdem kein Vertrauen in die Türkei entwickeln. „Notenbankchef Uysal muss sehr vorsichtig dabei sein, wie er seine geldpolitischen Schritte kommuniziert, insbesondere wenn eine stärkere Zinssenkung angekündigt wird“, glauben die Analysten der Ratingagentur Scope. Die Lira bleibt damit weiter unter Druck.

Mehr: „Erdogans geldpolitisches Experiment wird scheitern“ –  Interview mit Devisenanalyst Ulrich Leuchtmann.

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