Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
EZB in Frankfurt am Main

Einzelne Worte der Notenbank reichen aus, um große Marktreaktionen auszulösen.

(Foto: dpa)

Geldpolitik Wie Notenbanken weltweit mit neuen Kommunikationskanälen experimentieren

Die Notenbanken haben oft Mühe, mit der breiten Bevölkerung zu kommunizieren. Experten wie der Ökonom Michael Weber fordern jetzt einen neuen Ansatz.
Kommentieren

FrankfurtAls die Bundesbank noch Herrscher über die D-Mark war, liebte sie die Überraschung: Sie war bekannt dafür, den Markt mit Zinsänderungen ohne nähere Erklärung zu überrumpeln. Heute läuft Geldpolitik in geordneteren Bahnen: Sie besteht fast nur noch aus Kommunikation. Aber funktioniert das auch?

Michael Weber, deutscher Ökonom der Booth School of Business an der Universität Chicago, hat da seine Zweifel. Er glaubt nicht, dass Verbraucher so rational reagieren, wie die Notenbanken in ihren ökonomischen Modellen unterstellen. Er hat seine Skepsis zusammen mit Kollegen in einer Studie untermauert.

Webers Schlussfolgerung lautet: Notenbanken müssen viel stärker mit der breiten Öffentlichkeit sprechen, damit möglichst jeder die Geldpolitik versteht und diese effektiver wirkt. Eine Erkenntnis, die zunehmend auch bei den Zentralbankern um sich greift. Lange Zeit haben sie sich vor allem auf ein Spezialpublikum aus Analysten, Händlern und Finanzpresse fokussiert.

Inzwischen experimentieren sie weltweit mit neuen Kommunikationskanälen. So hat zum Beispiel der Chefvolkswirt der Bank of England, Andy Haldane, sogenannte Townhall-Meetings eingeführt, bei denen er durch das Land reist und Leute trifft, die nichts mit dem Londoner Finanzsektor zu tun haben.

Notenbanken setzen aber auch auf Schulbesuche und soziale Medien. Die Wahl der Mittel hängt dabei auch von den Gegebenheiten im jeweiligen Land ab.

Einen aufsehenerregenden Versuch unternimmt die finnische Notenbank unter der Leitung ihres europaweit bekannten Präsidenten Olli Rehn: Sie ermuntert ihre Mitarbeiter zu twittern. Anders als etwa die Bank of England setzt sie dabei nicht auf zentrale Kontrolle dieses Informationskanals, sondern überlässt die Verantwortung jedem Einzelnen, der eine Botschaft in die Welt hinauszwitschern will.

Ein kühnes Experiment angesichts der Ängstlichkeit, mit der Geldpolitiker sonst ihre Worte wählen und oft so lange hin und her wenden, bis sie kaum mehr zu verstehen sind. Peter Praet etwa, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), ist stets in Sorge, die Finanzmärkte könnten auf seine Botschaften zu heftig reagieren.

Notenbankchef hat viele Follower

Die finnische Notenbank organisiert interne Twitter-Trainings, lädt dazu externe Kommunikationsexperten ein und zeigt den Mitarbeitern, wie sie einen Account einrichten und interessante Inhalte produzieren.

Die Notenbank ermuntert ihre Mitarbeiter, sich auf eine persönliche Art an Diskussionen zu beteiligen. Dabei akzeptiert sie es durchaus, berufliche und private Inhalte zu mischen und auch witzige und originelle Tweets zu teilen. Gleichzeitig rät sie den Mitarbeitern, sich aus erhitzten politischen Debatten herauszuhalten.

Auf dem Twitter-Profil der Notenbank in Helsinki ist eine Liste mit Accounts von 89 Mitarbeitern zu sehen – insgesamt hat sie 380 Angestellte. Einer der eifrigsten Zwitscherer ist Notenbankchef Olli Rehn mit 18.500 Followern. Auch sein Vorgänger Erkki Liikanen ist dort aktiv. „Unser Ziel ist es, mit einer größeren Gruppe von Leuten in Kontakt zu treten, die wir mit den traditionellen Medien nicht erreichen“, sagt die Kommunikationschefin der finnischen Notenbank, Elisa Newby.

Die finnische Notenbank unter Leitung von Präsident Olli Rehn organisiert Twitter-Trainings und zeigt Mitarbeitern, wie sie einen Account einrichten und interessante Inhalte produzieren. Quelle: Bloomberg
Olli Rehn

Die finnische Notenbank unter Leitung von Präsident Olli Rehn organisiert Twitter-Trainings und zeigt Mitarbeitern, wie sie einen Account einrichten und interessante Inhalte produzieren.

(Foto: Bloomberg)

Ökonom Weber findet das gut. „Die Notenbanken sollten direkt mit den Verbrauchern kommunizieren“, sagt er und hält den Einsatz von Twitter für einen Versuch wert. „Wichtig ist, die Botschaften möglichst einfach, möglichst direkt und möglichst häufig wiederholt zu formulieren“, glaubt er.

Weber hat die Situation in Finnland in einer im Dezember erschienenen Studie zusammen mit Francesco D’Acunto, Daniel Hoang und Maritta Paloviita untersucht. Und kommt dabei zu einem überraschenden Ergebnis: Die Kommunikation der Geldpolitik droht daran zu scheitern, dass die Verbraucher, böse gesagt, möglicherweise zu dumm sind.

Twittern wie Trump?

Finnland bietet ein ausgezeichnetes Versuchsfeld. Denn dort müssen alle jungen Männer bei der Musterung fürs Militär einen ausführlichen Intelligenztest absolvieren. Die Ergebnisse werden auf einer Skala von eins bis neun dargestellt. Die Studie teilt die Finnen ein in solche mit hohem IQ über fünf und solche mit niedrigem IQ darunter.

Nach der Auswertung zahlreicher Befragungen ergibt sich dann: Die Schlauen schätzen die künftige Inflation viel besser ein als die weniger Schlauen. Außerdem reagieren sie recht rational auf ihre eigenen Inflationserwartungen – also so, wie die Geldpolitiker unterstellen.

„Die Modelle der Notenbanken gehen davon aus, dass die Verbraucher mehr kaufen, wenn sie höhere Inflation erwarten“, erläutert Weber und formuliert es noch einmal anders: „Optimales Verhalten in Bezug auf die zeitliche Verschiebung von Konsumausgaben ist die Basis aller modernen makroökonomischen Modelle.“

Aber nur die Finnen mit hohem IQ verhalten sich nach den Forschungsergebnissen so rational. Der IQ ist dabei die einzige Variable, die tatsächlich zählt. Andere Merkmale, etwa die finanzielle Situation oder das Bildungsniveau, wurden ebenfalls getestet, allerdings ohne Ergebnisse zu liefern.

Wer ist scharf auf Notenbank-Tweets?

Wenn Webers Erkenntnisse zutreffen, kann die Politik der Notenbanken aber nur eingeschränkt funktionieren. Möglicherweise hat er eine bisher verpasste Chance entdeckt: Die direkte Kommunikation könnte ein Weg sein, um sehr genaue Vorstellungen über die künftige Inflation in die Welt zu setzen.

Weil Inflationserwartungen die tatsächlichen Preissteigerungen beeinflussen, hätten die Geldpolitiker so ein einfaches Mittel, ihr Ziel – bei den meisten Notenbanken eine Inflation von rund zwei Prozent – zu erreichen. Weber glaubt nicht, dass es ausreicht, über die Wirtschaftsmedien zu kommunizieren. „Nicht jeder liest das Handelsblatt“, sagt er. Aber ob die breite Bevölkerung scharf auf Notenbanker-Tweets ist?

Webers Forderung, sehr einfach und direkt zu kommunizieren, ist unter Notenbankern durchaus umstritten. Als Weber bei einer Tagung der EZB im vergangenen Juni dafür plädierte, fragte der bekannte deutsche Notenbanker Otmar Issing: „Soll EZB-Präsident Mario Draghi dann im Stil von Donald Trump twittern?“ Weber gesteht Trump abseits von inhaltlichen und stilistischen Fragen zu, dass er per Twitter viele Leute erreicht.

Issing dagegen zweifelt an diesem Instrument. Auch er glaubt, dass Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit einen Beitrag für das Vertrauen der Bevölkerung in die Notenbanken leisten kann. Aber: Der Erfolg hänge ganz entscheidend davon ab, inwieweit es gelinge, vergleichsweise einfache Botschaften glaubwürdig zu vermitteln. „Twittern, und das noch von vielen, halte ich für eine sehr riskante Strategie“, sagt er.

Restriktiver als die Finnen hinsichtlich der Twitter-Nutzung ihrer Mitarbeiter ist beispielsweise die Bank of England. In ihren Dienstvorschriften steht, dass sich Mitarbeiter auf Twitter nicht ohne eine vorherige Genehmigung zu Notenbankthemen äußern oder Material dazu posten sollen.

Bei EZB und Bundesbank heißt es in den Richtlinien: Mitarbeiter sollten ihre persönliche Meinung als solche erkennbar machen und Privates und Berufliches deutlich voneinander abgrenzen. Die Notenbanken dort setzen bei der Kommunikation hauptsächlich auf ihren zentralen Twitter-Account.

Einer der aktivsten Twitter-Nutzer der EZB ist – wenig überraschend – Pressechef Michael Steen. Er sieht Twitter vor allem als Instrument, um zu lesen, was andere Leute zu bestimmten Themen sagen – und schnell Dinge klarzustellen. Dabei hat er vor allem das professionelle Publikum im Blick, also etwa Journalisten.

Mit ihrem zentralen Account dagegen nimmt die EZB ein breiteres Publikum ins Visier – vor allem junge Leute. Aus dem Direktorium haben Chefvolkswirt Peter Praet und sein Direktoriumskollege Benoit Coeuré Fragestunden auf Twitter abgehalten. Dabei konnten Nutzer sie jeweils eine Stunde lang direkt ansprechen.

„Die hohe Komplexität [der Geldpolitik] macht es schwer, Dinge in 280 Zeichen zu erklären“, hat Coeuré einmal gesagt, „aber wir sollten es versuchen.“ Bislang allerdings lassen die Führungskräfte von EZB und Bundesbank bis auf wenige Ausnahmen die Finger von Twitter. Im Bundesbank-Vorstand hat einzig der ehemalige Politiker Burkhard Balz einen Account aus seiner Zeit als Abgeordneter im Europaparlament, den er weiterführt. Aus dem EZB-Direktorium ist niemand dabei.

Wie man auf lockere Art bei jungem Publikum punktet, hat jüngst die Notenbank von Jamaika gezeigt. Sie hat ein Video mit einem Reggae-Musiker gepostet, der singt, eine niedrige und stabile Inflationsrate sei für die Wirtschaft so wichtig wie die Basslinie für die Reggae-Musik. Geldpolitisch sicher besser als der Karibik-Hit „Don’t worry, be happy“.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Geldpolitik - Wie Notenbanken weltweit mit neuen Kommunikationskanälen experimentieren

0 Kommentare zu "Geldpolitik: Wie Notenbanken weltweit mit neuen Kommunikationskanälen experimentieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.