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Digitalisierung

Die Menschen werden durch enorme Datenmengen immer transparenter.

(Foto: Stone/Getty Images)

Gutachten Die Angst vor Big Brother – Welche Gefahren Scoring-Modelle für Verbraucher bergen

Der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen sieht beim Scoring die Politik in der Pflicht. Die Aufsicht werde ihrer Verantwortung nicht gerecht.
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Berlin Wohl kaum ein Verbraucher ist sich bewusst, welche Datenspuren er hinterlässt und wie die Daten genutzt werden können. Ist der Weg zum gläsernen Kunden unaufhaltsam, und droht uns bald ein Sozialkredit-System wie in China?

Der Sachverständigenrat beim Bundesverbraucherministerium plädiert dafür, die Entwicklung in China, wo viele Lebensbereiche überwacht und mit einem Punktesystem bewertet werden, „sorgfältig zu verfolgen und zu analysieren“.

Denn die Entwicklung von „Super-Scores“, also die Zusammenfassung von Bewertungen verschiedener Lebenslagen durch internationale kommerzielle Anbieter, könnte auch in Deutschland relevant werden, warnen die Forscher in ihrem Gutachten „Verbrauchergerechtes Scoring“.

Mit „Scoring“ bezeichnet man eine Technik, mit der Menschen bewertet werden können. Durch Zuordnung eines Zahlenwerts zu einem Menschen soll dessen Verhalten prognostiziert werden. Ein Kreditscore gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der Verbraucher in der Lage sind, ihre Verbindlichkeiten zu begleichen.

Ist ein Verbraucher als unzuverlässiger Schuldner auffällig geworden, schlägt sich das in einem schlechten Score bei der Auskunftei Schufa nieder. Das könnte Anlass für die Bank sein, ihm einen Kredit zu verweigern.

Wohl jeder Bundesbürger ist mit dem Scoring schon mal in Berührung gekommen. Bevor ein Kredit bewilligt, ein Handyvertrag abgeschlossen wird oder ein Mietvertrag zustande kommt, versuchen Banken, Händler und Vermieter, die Bonität des Kunden abzuschätzen.

Das Zustandekommen von Scores ist aber für Verbraucher noch häufig ein Buch mit sieben Siegeln. „Es herrscht Verunsicherung“, heißt es in dem Gutachten: „In der Bevölkerung besteht in Bezug auf Daten, Algorithmen, Geschäftsentscheidungsprozesse und deren Zusammenspiel ein hoher Aufklärungs- und Erklärungsbedarf.“

Der Aufklärung sind aber Grenzen gesetzt. So entschied der Bundesgerichtshof vor drei Jahren, dass die Schufa ihren Algorithmus zur Berechnung der Kreditwürdigkeit von Kunden nicht offenlegen muss. Das sei ein Geschäftsgeheimnis. Allerdings müssen die Auskunfteien darüber informieren, welche personenbezogenen und kreditrelevanten Informationen bei ihnen gespeichert sind.

Eine immer größere Rolle spielt das Scoring im Bereich Gesundheit und bei der Kfz-Versicherung. Stichworte in diesem Zusammenhang sind Boni für Krankenversicherte und Telematiktarife, für die das Fahrverhalten im Auto technisch gemessen wird. Fehlentwicklungen sind dabei möglich.

„Wenn bestimmte Versicherte benachteiligt werden, weil ihnen der Erwerb von Vergünstigungen im Rahmen von verhaltensbasierten Tarifen etwa durch körperliche Einschränkungen verwehrt wird, kann das Solidaritätsprinzip gefährdet sein“, heißt es im Gutachten.

„Verbrauchern muss bewusst sein, dass sie den Unternehmen mit der Erlaubnis zum Datenzugriff einen tiefen Einblick in ihr Leben ermöglichen. Sie machen sich gläsern und versetzen Firmen in die Lage, Rückschlüsse auf ihre Gesundheitsprobleme und Kreditausfallrisiken zu ziehen“, weiß Felix Hufeld, Präsident der Finanzaufsicht Bafin.

Es gibt aber nicht nur Probleme, sondern auch Chancen. „Scoring hat das Potenzial, individuelle Fehler und unerwünschte Diskriminierung von Entscheidungen zu reduzieren“, sagt Professor Gert Wagner, Mitverfasser des Gutachtens. Aber das Scoring müsse für die Betroffenen zu verstehen sein. Dabei gelte das Gebot der Verständlichkeit auch für Algorithmen.

Bereits jetzt haben Verbraucher einen Anspruch darauf, in Textform auf verständliche Weise darüber informiert zu werden, dass sie gescort werden. Was fehle, sei ein gemeinsamer Standard für Score-Anbieter.

China wird kritisch beäugt

An der Regulierung lassen die Experten kein gutes Haar. „Die zuständigen Aufsichtsbehörden sind mit ihrer gegenwärtigen personellen und technischen Ausstattung nicht annähernd in der Lage, ihren Prüfaufträgen (…) tatsächlich nachzukommen“, schreiben die Gutachter. Sie fordern eine Digitalagentur als zentrale Kompetenzstelle.

Welche Blüten ein Scoring-System treiben kann, zeigt China. So plant die chinesische Regierung, bis 2020 jedem Bürger einen Score zu verpassen, der die Vertrauenswürdigkeit in finanzieller, rechtlicher, sozialer und politischer Hinsicht messen soll. Bürger mit niedrigem Score könnten ihre Kinder nicht mehr auf die besten Schulen schicken oder keine schnellen Züge nutzen.

Auch wenn in Deutschland nicht an die Einführung eines solchen Systems gedacht werde, sieht Wagner Gefahren. Durch Datenhändler wachse das Potenzial, aus kommerziellen Gründen Informationen aus verschiedensten Lebensbereichen in einer Datenbank und in einem Unternehmen zu vereinen. Konkret bezieht Wagner das auf Versicherungsunternehmen, die verschiedene Sparten betreiben.

Ein Beispiel: Wer laut Daten der Krankenversicherung gesund lebe, könnte eine günstigere Berufsunfähigkeitsversicherung angeboten bekommen – aber eben auch umgekehrt.

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