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Interbankenmarkt Finanzaufsicht kontrolliert täglich Liquidität von Großbanken

In der Coronakrise müssen große Institute die EZB jetzt jeden Tag über ihre verfügbaren Mittel informieren. Die Anspannung am Geldmarkt ist groß.
30.03.2020 - 03:56 Uhr Kommentieren
Finanzaufsicht kontrolliert täglich Liquidität von Großbanken Quelle: Reuters
Frankfurter Bankenviertel

Das Thema Liquidität steht bei allen Geldhäusern in der Coronakrise ganz oben auf der Agenda.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Wenn Banken pleitegehen, liegt das häufig nicht an zu dünnen Kapitalpuffern, sondern an fehlender Liquidität. Mit anderen Worten: Den Instituten geht schlicht das Geld aus. In der Coronakrise wollen das die Notenbanken, die Finanzaufsicht und die Geldhäuser auf jeden Fall verhindern. Das Thema Liquidität steht deshalb bei allen ganz oben auf der Agenda.

Die größten, systemrelevanten Institute der Euro-Zone müssen der europäischen Finanzaufsicht derzeit täglich in Telefonkonferenzen ihre Liquiditätskennziffern sowie ihre internen Planungen zur Steuerung der flüssigen Mittel durchgeben, wie mehrere mit dem Thema vertraute Personen dem Handelsblatt sagten. Eine zweite Gruppe an etwas kleineren Banken müsse gegenüber den Kontrolleuren ein bis zwei Mal pro Woche Rechenschaft ablegen. Die EZB-Bankenaufsicht wollte sich dazu nicht äußern.

Im Vergleich zur Finanzkrise 2008 haben die Banken heute dickere Liquiditätspuffer. Bisher ist es nach Informationen des Handelsblatts auch bei keiner europäischen Großbank zu Engpässen gekommen. Doch die Anspannung ist bei allen Beteiligten groß. „In Zeiten wie diesen kann man nicht ausschließen, dass sich von einem Tag auf den anderen sehr viel ändert“, sagt eine mit den Diskussionen vertraute Person.

Eine wichtige Rolle bei der Liquiditätssteuerung von Finanzinstituten spielt der sogenannte Interbankenmarkt. Dort leihen und verleihen sich nicht nur Finanzinstitute Liquidität, sondern auch Geldmarktfonds, Asset Manager, Unternehmen und Staaten.

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    In der Finanzkrise gab es am Geldmarkt heftige Verwerfungen. Weil nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Angst groß war, dass noch weitere Institute zusammenbrechen, hielten alle Beteiligten ihre Mittel zusammen statt diese untereinander zu verleihen.

    Alle horten flüssige Mittel

    Ein solches Misstrauen gegenüber anderen Geldhäusern gebe es heute nicht, betonen mehrere Banker, mit denen das Handelsblatt in den vergangenen Tagen gesprochen hat. „In der Coronakrise geht keine Bedrohung von anderen Banken aus“, sagt einer von ihnen. „Die Herausforderung ist die steigende Liquiditätsnachfrage aus der Realwirtschaft.“

    Statt am Geldmarkt überschüssige Mittel anzulegen, saugen sich viele Unternehmen derzeit selbst mit Liquidität voll. Sie ziehen ihre Kreditlinien bei den Banken und beantragen zusätzlich Darlehen. Damit reagieren sie auf die große Unsicherheit, schließlich weiß niemand, wie lange die Coronakrise noch andauern und die Wirtschaft lahmlegen wird.

    Auch Asset Manager und Geldmarktfonds, die mit Kursverlusten und Mittelabflüssen zu kämpfen haben, fallen derzeit als Bereitsteller von langfristiger Liquidität aus. Das Gleiche gilt für viele Staaten und deren Förderinstitute, die dabei sind, die Wirtschaft mit umfangreichen Hilfsprogrammen zu stützen. „Derzeit ist keiner bereit, Geld für drei oder sechs Monate zu vergeben“, berichtet ein Banker.

    Das alles führt dazu, dass Banken am Geldmarkt derzeit nur noch Liquidität für kurze Zeit aufnehmen können. Es gebe eine Konzentration der Marktteilnehmer auf Laufzeiten von bis zu einem Monat, sagte Helaba-Kapitalmarktchef Hans-Dieter Kemler am Mittwoch. „Der Markt für langfristige, unbesicherte Transaktionen ist momentan eher schwierig.“

    Von einer Finanzkrise 2.0 will Kemler aber nichts wissen. Die Lage sei „noch nicht zu vergleichen mit der Situation, wie wir sie 2008 und 2009 hatten“, sagte er. Damals hatten viele Banken auch Probleme, kurzfristig Liquidität aufzunehmen. Ihnen ging also tatsächlich das Geld aus.

    Von einer solchen Situation ist der europäische Bankensektor aktuell noch weit entfernt – und das hat mehrere Gründe. Zum einen haben viele Institute ihre Abhängigkeit vom Interbankenmarkt seit der Finanzkrise deutlich reduziert. Zum anderen stellen die Zentralbanken den Geldhäusern Liquidität in großem Umfang zur Verfügung.

    Toilettenpapier-Effekt am Geldmarkt

    „Im Vergleich zu 2008 haben die Zentralbanken rechtzeitig und sehr schnell reagiert“, lobt ein Banker. Besonders wichtig aus Sicht der europäischen Finanzinstitute war, dass mehrere Zentralbanken weltweit Mitte März beschlossen haben, den Geldhäusern gegen die Stellung von Sicherheiten US-Dollar im großen Stil bereitzustellen.

    Über die EZB können Banken seitdem täglich Dollar-Liquidität für sieben Tage aufnehmen – und das zu günstigeren Konditionen als zuvor. Darüber hinaus hat die EZB einen Tender eingeführt, bei dem sich Institute einmal pro Woche Dollar für 84 Tage leihen können. Bei der ersten Zuteilung sicherten sich die Institute satte 76 Milliarden Dollar, bei der zweiten nochmal 28 Milliarden Dollar.

    Für europäische Banken ist dieses Instrument wichtig, weil sie relativ viele Forderungen in Dollar haben. Große Teile des globalen Handels sowie Geschäfte in Sektoren wie Öl oder Luftfahrt werden schließlich in der US-Währung abgewickelt. Auf der anderen Seite haben europäische Banken relativ wenig natürliche Dollar-Finanzierung – etwa durch stabile Dollar-Einlagen von Privatkunden oder Unternehmen.

    Die Institute nehmen Dollar deshalb normalerweise am internationalen Geldmarkt auf. Doch dort bekommen sie aktuell nur sehr schwer Geld für mehr als einen Monat. „Seit Anfang März horten Investoren und Banken Dollar-Liquidität wie viele Deutsche Toilettenpapier“, klagt ein Marktteilnehmer. „Das Ganze ist ein Ausdruck von Angst.“ Er hofft, dass sich der Schockzustand bald wieder auflöst. „Jeder muss wieder davon ausgehen, dass es auch morgen noch Toilettenpapier gibt, und dass ich nicht Unmengen davon im Keller lagern muss.“

    Grafik

    Wie groß die Sorgen am Dollar-Geldmarkt sind, kann man am Libor-OIS-Spread ablesen. Er zeigt an, wie teuer es ist, sich für einen bestimmten Zeitraum in Dollar zu refinanzieren. Der Spread ist seit Anfang Februar von unter 20 auf fast 120 Basispunkte gestiegen. Von den Höchstständen aus der Finanzkrise, als das Stressbarometer über 350 Basispunkte kletterte, ist man damit allerdings noch weit entfernt.

    Nichtsdestoweniger ist die Lage angespannt – und die Notenbanken stehen in engem Austausch mit den Banken. Die Money Market Contact Group (MMCG), in der die EZB mit Bankenvertretern über die Situation am Geldmarkt diskutiert, tauschte sich allein im März fünf Mal aus. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2019 gab es lediglich vier Treffen.

    In der MMCG sind Schwergewichte wie Deutsche Bank, BNP Paribas, ING und UniCredit vertreten. Und sie stellen sich auf eine anhaltend schwierige Situation am langfristigen Dollar-Geldmarkt ein, wie aus einer Zusammenfassung der Debatte vom 20. März hervorgeht. Der Tenor: Es wird noch einige Zeit vergehen, bis das Vertrauen zurückkehrt und sich die Lage verbessert.

    Mehr: Privatanleger sind besonders betroffen von Pannenserie bei Handelsplattformen.

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