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Interview Jean-Claude Trichet: „Lässt man die EZB allein, folgt die Krise“

Der Ex-Chef der EZB warnt davor, den Notenbanken zu viel Verantwortung aufzubürden. Trichet fordert Hilfe aus der Politik – und hat für Deutschland einen besonderen Auftrag.
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Heute ist er Ehrenpräsident der Banque de France. Quelle: AFP/Getty Images
Jean-Claude Trichet

Heute ist er Ehrenpräsident der Banque de France.

(Foto: AFP/Getty Images)

Frankfurt, Saint-Malo Viele Deutsche schütteln nur noch den Kopf oder ärgern sich über den kompletten Schwund von Sparzinsen. Und jetzt hat die Europäische Zentralbank (EZB) auch noch angekündigt, den Geldhahn weiter aufzudrehen. Was ist da los?

Jean-Claude Trichet, der früher die EZB geleitet hat, warnt: Die Notenbanker stehen vor viel größeren Problemen, als viele Leute ahnen. Sie greifen deshalb zu extremen Mitteln, weil sie das Abgleiten in die Deflation verhindern wollen, die erfahrungsgemäß schwere Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung hat.

Trichet warnt vor einer Krise, wenn die Notenbank mit der Aufgabe, den Euro-Raum gegen einen wirtschaftlichen Einbruch zu sichern, keine Hilfe aus der Politik bekommt. „Die EZB wird bisher allein gelassen“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wie sie selbst immer wieder betont, kann das nicht immer so weitergehen – sonst werden wir die nächste tiefe Krise erleben.“

Vor allem aber fordert Trichet höhere Löhne, gerade auch in Deutschland. Die Zurückhaltung bei der Bezahlung ist aus seiner Sicht eine der wichtigsten Ursachen für die hartnäckig ni edrige Inflation. „Viele Arbeitnehmer in den entwickelten Ländern haben mehr Interesse, ihre Jobs zu behalten, als höhere Löhne zu verlangen“, sagte der Franzose dem Handelsblatt.

Der Franzose ist einer der Architekten der Euro-Zone. Er hat als Chef der französischen Notenbank den Franc so weit gehärtet, dass er reif für den Übergang zum Euro wurde. Er beobachtet die Geldpolitik immer noch sehr genau. Von seinem Feriendomizil in Saint-Malo aus erläutert er am Telefon unter anderem, wie deutsche Arbeitnehmer der EZB ihren Job erleichtern könnten.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Trichet, die EZB will die Geldpolitik noch weiter lockern. Ist das wirklich nötig?
Die EZB steht vor einem viel größeren Problem, als viele Leute glauben. In den meisten entwickelten Ländern sehen wir eine anomal niedrige Inflation und deswegen eine sehr großzügige Geldpolitik, um das Risiko einer möglichen Deflation abzuwenden. In Europa steht die EZB nicht allein damit: Dänemark und Schweden haben auch Minuszinsen. Die Schweiz, einst das Bollwerk orthodoxer Geldpolitik, geht am weitesten mit dem Einsatz konventioneller und unkonventioneller Mittel.

Ist das eine ganz neue Entwicklung?
Das ist anders als in der Vergangenheit. Als ich 2011 die EZB verließ, hatten wir in einigen Monaten bis zu drei Prozent Inflation.

Was hat sich denn grundlegend geändert?
Vieles: die intensivere Globalisierung, das Aufkommen neuer Technologie, die fortschreitende Alterung der Bevölkerung. Aber ein Punkt ist besonders wichtig: Das Verhalten der Sozialpartner hat sich geändert. Es gibt eine gewisse Angst bei Arbeitgebern und -nehmern, auch durch neue Konkurrenz aufstrebender Mächte wie China und Brasilien bedingt. Viele Arbeitnehmer in den entwickelten Ländern haben mehr Interesse, ihre Jobs zu behalten, als höhere Löhne zu verlangen.

Die Angst ist der entscheidende Faktor?
Ja, ich glaube, die Sorge, den Job zu verlieren, trägt zu der abnorm niedrigen Inflation bei. Und die Angst hat nicht nur wirtschaftliche Folgen. Sie ist auch einer von mehreren Faktoren für das Aufkommen des sogenannten Populismus – und das selbst in Deutschland, trotz dessen wirtschaftlichen Erfolgs.

Wie sehen Sie die Position Deutschlands?
Deutschland spielt eine spezielle Rolle in der Euro-Zone. Nicht nur, weil es die größte Volkswirtschaft ist, sondern vor allem, weil es, gemessen an den Lohnstückkosten, am wettbewerbsstärksten ist. Um aufzuholen, müssen daher die anderen Länder ihre eigenen Lohnkosten senken – und damit auch ihre Inflation. Das ist übrigens genau der Weg, auf dem Deutschland 1999 bis ungefähr 2009 die eigene Wettbewerbsfähigkeit wiedergewonnen hat.

Was bedeutet das für die Euro-Zone?
Die deutsche Inflation ist de facto eine Obergrenze für fast alle anderen Länder. Durch diese niedrige Grenze drückt Deutschland die Inflation im gesamten Euro-Raum auf ein sehr niedriges Niveau.

Aber warum ist niedrige Inflation ein Problem?
Wenn sie zu lange zu niedrig bleibt, kann sie zu Perioden von Deflation, also insgesamt fallenden Preisen führen. Und das wäre wirtschaftlich extrem schädlich, wie wir aus Erfahrung wissen.

Wie kann man gegensteuern außer mit großzügiger Geldpolitik?
Vor allem vier Faktoren beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung, die Nachfrage und die Preise: Geldpolitik, Finanzpolitik, strukturelle Reformen und das Verhalten der Sozialpartner. Aus Sicht der Notenbanken haben sie selbst zweifellos am meisten geleistet, während die anderen drei Bereiche vernachlässigt wurden. Sie haben in den entwickelten Ländern, und das gilt gerade auch für die EZB, immer gesagt, dass sie nicht die einzigen Spieler in dem Geschehen sein können.

Die Zentralbanken sagen das, doch keiner hört zu.
Die EZB wird bisher alleingelassen. Wie sie selbst immer wieder betont, kann das nicht immer so weitergehen – sonst werden wir die nächste tiefe Krise erleben. Alle anderen Akteure müssen auch ihre Rolle spielen. Vor allem eine höhere Dynamik bei Löhnen, Gehältern und Lohnstückkosten in den Ländern mit Vollbeschäftigung und Exportüberschüssen würde es der Notenbank erlauben, die Zügel deutlich weniger zu lockern.

Folgen die Notenbanken mit den niedrigen Zinsen einem Trend, oder setzen sie selbst den Trend?
Das ist die Frage nach dem realen neutralen Zins, also dem Satz minus Inflationsrate, bei dem die Wirtschaft im Gleichgewicht ist. Ich bin kein Anhänger der These einer säkularen Stagnation – eines anhaltenden Zustands mit sehr niedrigem Wachstum also. Aber wir haben gute Gründe zu der Annahme, dass der reale Zinssatz deutlich niedriger ist als früher. Der Grund dafür ist vor allem die miserable Entwicklung der Produktivität, die wir trotz bemerkenswerter Fortschritte in Wissenschaft und Technik seit 2005 beobachten. Aber selbst bei einem niedrigen Realzins könnten die ausgewiesenen Zinsen höher sein, wenn die Inflation höher wäre.

Sind Minuszinsen über Jahre schädlich?
Ich habe immer eingeräumt, dass Geldpolitik auch Belastungen mit sich bringt – vor allem, wenn andere ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Es gibt eine schlechte Seite der Medaille. Entscheidend ist, dass der Nutzen den Schaden überwiegt. Das ist bisher der Fall in Europa, und ich vertraue in dem Punkt auch dem EZB-Rat.

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