Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview mit Peter Praet Ehemaliger EZB-Chefvolkswirt über die Anleihekäufe: „Der Ausstieg wird extrem schwierig“

Peter Praet mahnt Regierungen und Märkte, sich rechtzeitig auf steigende Zinsen einzustellen. Zudem sieht der frühere Top-Notenbanker Argumente für eine langfristig steigende Inflation.
18.01.2021 - 16:44 Uhr Kommentieren
Der Belgier hat als Chefvolkswirt von 2012 bis 2019 die Geldpolitik der EZB entscheidend geprägt. Quelle: Reuters
Peter Praet

Der Belgier hat als Chefvolkswirt von 2012 bis 2019 die Geldpolitik der EZB entscheidend geprägt.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Als Chefvolkswirt hat Peter Praet den geldpolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2012 bis 2019 entscheidend geprägt. Dabei verteidigte er auch umstrittene Entscheidungen wie den massiven Kauf von Anleihen. In der Corona-Pandemie hat die EZB erneut die Märkte stark gestützt. Erst im Dezember weitete sie ihre Anleihekäufe über das Notprogramm PEPP auf 1,85 Billionen Euro aus.

Im Interview mit dem Handelsblatt warnt Praet nun vor den Risiken dieses Kurses, den er grundsätzlich für richtig hält. „Ich glaube, der Ausstieg wird extrem schwierig.“ Daher ist es aus seiner Sicht wichtig, einen möglichen Kurswechsel früh genug vorzubereiten. „Es ist nicht einfach, die Zinsen in einem Umfeld mit hoher Verschuldung zu erhöhen, wenn jeder erwartet, dass die Zinsen für immer niedrig bleiben.“

Praet sieht die Gefahr, dass es zu Übertreibungen an den Märkten kommt, wenn diese davon ausgehen, dass die Inflation auf Dauer niedrig bleibt. Im Falle einer Wende könne es dann zu Verwerfungen kommen.

Zudem verweist er auch auf die negativen Folgen, die ein solcher Schritt für die Bilanzen der Notenbanken hätte. Durch die aktuellen Kaufprogramme halten die Notenbanken im Euro-Raum hohe Anleihebestände. Wenn die Zinsen steigen, würden die Kurse der Anleihen in ihrem Bestand sinken, was zu Verlusten führt. Das könnte dazu führen, dass die Notenbanken Zinserhöhungen hinauszögern.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Theoretisch können Notenbanken anders als Geschäftsbanken auch mit negativem Eigenkapital funktionieren. Praet ist jedoch skeptisch, ob dies in der Praxis funktioniert. „Wenn eine Notenbank Verluste macht, schlägt das den Verantwortlichen aufs Gemüt, und es stellt ihre Glaubwürdigkeit infrage“, sagt er.

    Praet hält längerfristig eine anziehende Inflation für möglich. Der britische Ökonom Charles Goodhart argumentiert, dass durch die alternde Bevölkerung und den Rückgang der Beschäftigten die Preise künftig wieder stärker steigen. Laut Praet hat Goodhart plausible Argumente. Allerdings sei dies eher ein längerfristiges Risiko. Aus seiner Sicht müssen sich die Notenbanken auf verschiedene Szenarien vorbereiten, auch auf die Möglichkeit einer steigenden Inflation. „Meine Erfahrung sagt mir, dass alles passieren kann.“

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Praet, zurzeit wird wieder viel über Inflation geredet. Auffällig ist vor allem die These des britischen Ökonomen Charles Goodhart, der von einer Rückkehr höherer Preissteigerungen ausgeht. Was halten Sie davon?
    Goodhart hat einige gute Argumente, zum Beispiel, dass die alternde Bevölkerung in vielen Ländern zu einem sinkenden Anteil der Beschäftigten führt und dass die Globalisierung nicht mehr wie bisher die Preise drückt.

    Also wird die Inflation bald wieder anspringen?
    Nicht unbedingt in den nächsten zwei Jahren, aber vielleicht in fünf oder zehn Jahren. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass Goodhart eine Alternative zu der gängigen Anschauung bietet, dass Zinsen und Inflation immer weiter niedrig bleiben müssen. Wir hatten immer wieder große Erzählungen – zuletzt die des US-Ökonomen Larry Summers – von der säkularen Stagnation. Goodhart setzt dagegen die These von der großen Umkehr und argumentiert, dass die Inflationsgefahr näher ist als die Mainstream-Ökonomen denken.

    Aber welche Version halten Sie denn für wahrscheinlich?
    Meine Erfahrung sagt mir, dass alles passieren kann. Deswegen muss man sich auf verschiedene Szenarien vorbereiten, auch auf die Möglichkeit einer steigenden Inflation. Das größte Risiko besteht darin, dass die Märkte nur in eine Richtung denken. Ich denke, dass in den USA das Inflationsrisiko deutlich höher ist als in Europa.

    Sind Sie nach dem Ausscheiden als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) von einer Taube, also einem Vertreter weicher Geldpolitik, zum Gegenteil, zu einem Falken geworden?
    Ich glaube, dass die EZB bisher alles richtig gemacht hat. Aber die Zukunft bereitet mir Sorgen. Und ich bin sicher, dass das auch für die Tauben unter meinen ehemaligen Kollegen gilt.

    Warum?
    Als die bisherigen Maßnahmen beschlossen wurden, basierten sie auf der Erwartung eines schweren, aber vorübergehenden Corona-bedingten Schocks und einer schnellen Erholung, so wie es China erlebt hat. Dazu waren die Voraussetzungen zunächst ja auch gut, vor allem in Deutschland.

    Anders als in der großen Finanzkrise vor über zehn Jahren kam der Schock ja von außen. Kernbereiche wie die Industrie sind daher nicht stark betroffen, da liegt die Stärke Deutschlands.

    Warum gerade in Deutschland?
    Von einem Lockdown sind, so schwer das die Beschäftigten auch trifft, vor allem weniger produktive Branchen wie Gastronomie, Kinos und Tourismus betroffen. Anders als in der großen Finanzkrise vor über zehn Jahren kam der Schock ja von außen. Kernbereiche wie die Industrie sind daher nicht stark betroffen, da liegt die Stärke Deutschlands. Dank der finanz- und geldpolitischen Maßnahmen ist die Produktionskapazität weitgehend erhalten geblieben.

    Aber Branchen wie Gastronomie und Tourismus werden sich nach Corona doch schnell erholen.
    Ja, die Arbeitsplätze dort wird man rasch wieder besetzen können. Das Problem ist: Jetzt gibt es eine zweite Welle, deswegen dauert die Erholung sehr viel länger als gedacht.

    Die EZB hat das Notfallprogramm PEPP ausdrücklich als vorübergehende Maßnahme eingeführt. Quelle: dpa
    EZB in Frankfurt

    Die EZB hat das Notfallprogramm PEPP ausdrücklich als vorübergehende Maßnahme eingeführt.

    (Foto: dpa)

    Ende Dezember hat die EZB unter anderem das Volumen ihrer Anleihekäufe über das Pandemie-Notprogramm PEPP aufgestockt und zeitlich verlängert. Reicht das aus?
    Ich war überrascht, dass die EZB in ihren Prognosen im Dezember bis 2023 eine Inflation von nur 1,4 Prozent vorhersagt. Eigentlich hätte man dann noch stärkere Maßnahmen erwartet, statt sich mit so niedriger Inflation zufriedenzugeben. Ich wäre nicht unbedingt für stärkere Maßnahmen gewesen, aber so etwas muss besser erklärt werden.

    Aber Sie gehen auch davon aus, dass die Notenbanken in der Corona-Pandemie noch viel mehr tun müssen als anfangs geplant?
    Nicht unbedingt mehr, aber länger. Die EZB hat das Notfallprogramm PEPP ausdrücklich als vorübergehende Maßnahme eingeführt. Wenn das verlängert wird, darf daraus keine Abhängigkeit entstehen. Ich halte es zum Beispiel für sehr gefährlich, wenn ein Land wie Italien Kredite der Europäischen Union ausschlägt, weil es sich mithilfe der EZB zu sehr niedrigen Zinsen allein am Kapitalmarkt finanzieren kann.

    Die EZB finanziert also indirekt die Staaten?
    Die EZB kauft nach aktuellen Schätzungen im laufenden Jahr praktisch alle zusätzlichen Schulden der Euro-Länder auf. Wie EZB-Chefvolkswirt Philip Lane sagt, ist es aber das Ziel der Geldpolitik in der Pandemie-Krise, Kurschwankungen der Staatsanleihen zu begrenzen, die nicht auf fundamentalen Problemen oder zum Beispiel politischen Entwicklungen beruhen. In der Praxis ist jedoch der Eindruck entstanden, dass die Zentralbank unter allen Umständen eingreifen wird.

    Viele Ökonomen fordern jetzt die Regierungen auf, die niedrigen Zinsen zu nutzen, um mit Schulden nötige Investitionen zu ermöglichen.
    Richtig. Die USA können so zum Beispiel ihre Infrastruktur verbessern, was dringend notwendig ist. Aber die Erfahrung zeigt leider, dass gerade bei niedrigen Zinsen die Regierungen nicht sehr weise bei ihren Ausgaben sind. Billiges Geld bedeutet nicht unbedingt, dass es mit Bedacht ausgegeben wird.

    Wie soll die EZB, wenn die Staaten sich an die Anleihekäufe gewöhnen, den Ausstieg aus der heutigen Geldpolitik schaffen?
    Ich glaube, der Ausstieg wird extrem schwierig. Das könnte sich zum Beispiel im Jahr 2023 zeigen. Deswegen muss man sich darauf früh genug vorbereiten.

    Aber Rich Clarida, der Vizechef der US-Notenbank (Fed), hat doch gesagt: „Wir wissen, wie man steigender Inflation begegnet.“
    Ja, mit steigenden Zinsen. Man weiß, wie es geht, aber tut man es auch? Es ist nicht einfach, die Zinsen in einem Umfeld mit hoher Verschuldung zu erhöhen, wenn jeder erwartet, dass die Zinsen für immer niedrig bleiben. Damit die Geldpolitik glaubwürdig bleibt, muss sie mögliche Zinserhöhungen vorbereiten und kommunizieren.

    Auch in der großen Bilanz der Notenbank stecken Risiken.

    In den USA wird darüber bereits diskutiert, was zum Teil auch zur Verunsicherung der Märkte führt.
    Die Regierungen und die Märkte müssen sich rechtzeitig auf steigende Zinsen einstellen, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist. Nach einer langen Zeit sehr niedriger Zinssätze können die Vermögenspreise überhöht und die Schulden zu hoch sein.

    Wo liegen die Risiken?
    An den Märkten gibt es Übertreibungen, das ist ein Thema der Finanzstabilität. Außerdem: Auch in der großen Bilanz der Notenbank stecken Risiken. Wenn die Zinsen steigen, sinken die Kurse der Anleihen im Bestand, das kann zu Verlusten führen.

    Aber Aufgabe der Notenbanken ist es nicht, Gewinne zu erwirtschaften. Sie können, anders als Geschäftsbanken, doch problemlos sogar mit negativem Eigenkapital funktionieren.
    Faktisch ist das richtig. Aber glauben Sie mir: Wenn eine Notenbank Verluste macht, schlägt das den Verantwortlichen aufs Gemüt, und es stellt ihre Glaubwürdigkeit infrage. Niemand will in den Medien von hohen Verlusten der Notenbank lesen. Die Zentralbanken verfügen über ein starkes Risikomanagement und waren in letzter Zeit recht profitabel, wovon die Regierungen durch ausgeschüttete Gewinne profitiert haben. Sie sollten aber auch bereit sein, dazu mehr zu veröffentlichen.

    Glaubwürdigkeit ist der zentrale Punkt. Wie schätzen Sie die Diskussion der EZB über eine neue Strategie ein?
    Das ist eine große Herausforderung. Bisher hat die EZB in ihren Bürgerdialogen das Gespräch vor allem mit Vertretern von Institutionen wie Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften gesucht. Aber es ist noch schwieriger, wirklich die breite Gesellschaft zu erreichen.

    Die Strategiedebatte der EZB ist noch nicht abgeschlossen. Quelle: Reuters
    EZB-Präsidentin Christine Lagarde

    Die Strategiedebatte der EZB ist noch nicht abgeschlossen.

    (Foto: Reuters)

    Die Strategiedebatte umfasst ein großes Themenfeld, von der Geldpolitik im engeren Sinn bis hin zum Klimaschutz. Wo würden Sie Prioritäten setzen?
    Wichtig sind ganz viele Punkte. Je breiter die Überprüfung ausfällt, desto höher ist das Risiko einer Verwässerung des Kernmandats der Preisstabilität. Einige Punkte sind besonders dringend und müssten im Grunde sofort geklärt werden. Dazu gehört zum Beispiel die Definition des Inflationsziels der EZB.

    Bisher strebt die EZB in einer etwas komplizierten Formulierung eine Inflation von „unter, aber nahe“ zwei Prozent an. Die Fed in den USA, die ihre Strategiedebatte schon abgeschlossen hat, will jetzt nur noch im Durchschnitt zwei Prozent erreichen. Kann die EZB davon lernen?
    Das Konzept der Fed ist sehr differenziert, ich bin nicht sicher, ob die Märkte und die breite Öffentlichkeit es genau verstehen. Es geht darum, die Inflationserwartungen bei zwei Prozent zu verankern. Dazu will die Fed, wenn nötig, die Preissteigerung für eine Weile auch etwas höher laufen lassen, nachdem sie lange Zeit unter zwei Prozent lag. Aber wenn sich die Erwartungen schnell stabilisieren, dann wird das nicht nötig sein.

    Ein bisschen kompliziert, oder?
    Ich würde für die EZB einfach sagen: Wir wollen zwei Prozent auf mittlere Sicht erreichen. Dies kann bedeuten, dass die Inflation manchmal unter oder über zwei Prozent liegen kann. Entscheidend für die Zentralbank ist es, zu erklären, was „mittelfristig“ bedeutet, da dies von der Art der Schocks abhängt, dem die Wirtschaft ausgesetzt ist.

    Also das Preisziel als sehr dringendes Thema der Strategiedebatte. Was sonst?
    Die Finanzstabilität gehört ebenfalls dazu. Und die EZB muss ihr Verhältnis zur Finanzpolitik klären. Es ist gut, dass die Geldpolitik nicht mehr der einzige Akteur ist, wenn es zu Krisen kommt. Eine engere Kooperation mit der Finanzpolitik ist wichtig. Aber wie lässt sich dabei verhindern, dass die Unabhängigkeit verloren geht – das muss geklärt werden.

    Große Herausforderungen also für Ihre ehemaligen Kollegen. Fühlen Sie sich gut als Notenbanker im Ruhestand?
    Sehr gut. Ich habe einige Beratungsaufträge – und das Netzwerk ist noch da.
    Herr Praet, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Lagarde als Krisenmanagerin – So fällt die Bilanz des ersten Jahres aus

    Startseite
    Mehr zu: Interview mit Peter Praet - Ehemaliger EZB-Chefvolkswirt über die Anleihekäufe: „Der Ausstieg wird extrem schwierig“
    0 Kommentare zu "Interview mit Peter Praet: Ehemaliger EZB-Chefvolkswirt über die Anleihekäufe: „Der Ausstieg wird extrem schwierig“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%