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Interview Patrick Harker US-Notenbanker hält Wirtschaft für robust: „Wollen keine Störung an den Märkten verursachen“

Der Chef der Notenbank in Philadelphia über die Unruhe an den Märkten, die Lage der US-Wirtschaft und wie die Fed ihre Bilanz verändern will.
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USA: Philadelphias Fed-Chef hält US-Wirtschaft für robust Quelle: Bloomberg
Patrick Harker

Dem Präsidenten der Federal Reserve Bank von Philadelphia bereitet das Staatsdefizit in Höhe von einer Billion Dollar Sorgen.

(Foto: Bloomberg)

New YorkDer Chef der Notenbank in Philadelphia, Patrick Harker, hält die US-Wirtschaft trotz der geringeren Wachstumsprognose weiter für robust. „Im Moment sehe ich in den USA nicht viele Anzeichen, die auf eine erhöhte Rezessionswahrscheinlichkeit hindeuten“, sagte er.

Vergangene Woche war ein wichtiger Teil der Zinskurve invertiert und hatte an den Märkten für Turbulenzen gesorgt. Invertiert bedeutet: Die Rendite von US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von drei Monaten lag über dieser Kennziffer von zehnjährigen Papieren – ein Zeichen, das oft als Vorbote eines Abschwungs gewertet wird.

Harker gibt sich dagegen optimistisch. „Wir erwarten, dass das Bruttoinlandsprodukt um gut zwei Prozent in diesem Jahr wächst und 2020 beim Trendwachstum von zwei Prozent ankommt. Das ist immer noch eine gute Ausgangslage“, stellte Harker klar.

Er geht davon aus, dass der Arbeitsmarkt weiter robust wachsen werde, bei moderater Lohnsteigerung. Die schwachen Arbeitsmarktdaten vom Februar seien nur ein Einzelfall gewesen.

Harker hat sich dafür ausgesprochen, die Zinsen in diesem Jahr „höchstens ein Mal“ zu erhöhen und dann noch einmal im kommenden Jahr. Damit vertritt er die Mehrheitsmeinung.

Die Folgen des Brexit und der schwächelnden Wirtschaft in den USA verfolgt Harker genau. Letzteres sei derzeit jedoch „kein großer Grund zur Sorge“.

In den kommenden Wochen werden sich Harker und seine Kollegen der Notenbank intensiv mit der Restrukturierung der Bilanzsumme beschäftigen. Das sollte für Marktteilnehmer jedoch kaum spürbar sein, versicherte er. „Wir wollen keine Störung an den Märkten verursachen.“

Lesen Sie nachfolgend das vollständige Interview:

 Herr Harker, ein wichtiger Teil der Zinskurve ist vergangene Woche invertiert. Anleger sehen das als Vorbote einer Rezession. Sind Sie besorgt?
Es gibt eine ökonomische Debatte darüber, wie wichtig das ist. Klar ist, dass es ein Verhältnis gibt zwischen einer invertierten Zinskurve und einer Rezession. Aber das muss nicht unbedingt heißen, dass es eine Rezession geben wird, weil die Zinskurve invertiert. Allerdings: Wenn genügend Marktteilnehmer glauben, dass dies eine Rezession verursachen kann, dann kann das eine Rezession verursachen. Im Moment sehe ich in den USA jedoch nicht viele Anzeichen, die auf eine erhöhte Rezessionswahrscheinlichkeit hindeuten.

Fed-Chef Jay Powell hat vergangene Woche einen vorsichtigeren Ausblick auf die US-Wirtschaft gegeben, als viele erwartet hatten. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Der Klarheit halber: Ich gebe Ihnen hier nur meine Meinung und spreche nicht für andere Geldpolitiker der Fed. Ich sehe zwar ein paar Schwächen hier und da. Aber grundsätzlich ist die Wirtschaft weiter stark. Wir erwarten, dass das Bruttoinlandsprodukt um gut zwei Prozent in diesem Jahr wächst und 2020 beim Trendwachstum von zwei Prozent ankommt. Die Arbeitslosenzahlen im Februar waren zwar ziemlich schwach, aber wir glauben, dass das nur ein Einzelfall ist und gehen davon aus, dass der Arbeitsmarkt weiter wachsen wird.

Wo sehen Sie Schwächen in der US-Wirtschaft?
Wir stellen fest, dass Unternehmen zunehmend unsicherer werden. Außerdem haben sich die Bedingungen an den Finanzmärkten verschlechtert. Die Investmentaussichten für dieses Jahr sind daher nicht ganz so rosig wie 2018. Es ist sicherlich nicht duster, aber die anhaltende Unsicherheit belastet. Ich schaue mir auch externe Einflüsse an, wie die Wachstumsaussichten außerhalb der USA und die Entwicklungen im Handelsstreit. Erst am Montag war ich in London, daher, klar: Der Brexit gehört auch ins Bild.

Sie haben am Dienstag auch auf einer Konferenz in Deutschland gesprochen. Wie besorgt sind Sie, wenn es um die europäische Wirtschaft geht?
Für uns ist wichtig zu verstehen, wie genau sich die Wachstumsschwäche in der EU aber auch in China auf die US-Wirtschaft auswirkt. Und daran arbeiten wir noch. Im Moment ist das für uns kein großer Grund zur Sorge, aber etwas, was wir genau beobachten.

Was bedeutet das für die Zinspolitik der Fed?
Die Inflation ist nahe an unserem Ziel von zwei Prozent und vor allem sie tendiert im Zweifel eher nach unten. Daher bin ich weiter in Wartestellung. Ich gehe davon aus, dass wir die Zinsen höchstens ein Mal in diesem Jahr anheben und einmal im kommenden Jahr.

Wir sind also bei dem sogenannten neutralen Zinssatz angekommen, bei dem die Wirtschaft weder wächst noch schrumpft.
Ja, oder zumindest nahe dran. Es ist schwierig, das genau zu bestimmen. Wir steuern auf eine Phase des Trendwachstums zu. Ich war immer der Ansicht, dass wir nun dort angekommen sind, wo wir hinwollten. Daher musste ich meinen Zinsausblick zuletzt auch nicht ändern.

Händler an den Märkten schienen zuletzt allerdings ziemlich große Sorgen vor einer Rezession zu haben. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen in Deutschland ist vergangene Woche ins negative gedreht, am gleichen Tag als die Zinskurve in den USA invertierte. Liegen die Investoren falsch?
Ich habe nie das Bedürfnis, Marktteilnehmern zu sagen, was sie tun sollten und was nicht. Ich sehe unsere Entscheidung, die Zinsen bis im kommenden Jahr konstant zu halten, jedoch nicht wirklich als ein Zeichen einer entspannteren Geldpolitik – anders als andere. Die Löhne steigen in einem guten Tempo, nicht zu schnell. Das Wirtschaftswachstum bewegt sich abwärts in Richtung Trendwachstum. Das ist immer noch eine gute Ausgangslage.

Was muss getan werden, damit das Job-Wachstum weiter anhält?
Ich sehe zwei Dinge, die die Wirtschaft braucht. Erstens: Wir müssen weiter daran arbeiten, die Produktivität zu steigern. Und Zweitens: Wir müssen die Zahl der Beschäftigten steigern. Zu diesem Punkt haben wir in der Philadelphia Fed besonders viel geforscht, denn er ist extrem wichtig.

Wie kann man das Beschäftigungsniveau erhöhen?
Mit dualen Ausbildungsmodellen, zum Beispiel, ähnlich wie es sie ja schon seit Jahren in Deutschland gibt. Wir haben mehr offene Stellen als Leute, die nach Jobs suchen. So etwas gab es noch nie. Mir müssen daher Leute zurück in den Arbeitsmarkt holen, wenn wir weiter wachsen wollen. Das Gute: Nicht jeder braucht einen Uni-Abschluss.

Sie sagen das als ehemaliger Präsident einer Universität.
Genau! Ich glaube natürlich, dass ein College-Abschluss ein effektiver Weg ist, eine Bildung zu erhalten, die ihnen ein Leben in der Mittelschicht ermöglicht. Aber das ist nicht der einzige Weg. Die amerikanische Gesellschaft schätzt Ausbildungsberufe derzeit nicht ausreichend. Ich kenne jemanden, der eine LKW-Reparatur führt und dringend Diesel-Mechaniker sucht. Er zahlt ihnen 100.000 Dollar pro Jahr.

Das ist fast doppelt so viel wie ein junger Lehrer verdient.
Und er findet niemanden. Eine andere Idee ist: College muss nicht zwingend nach der Highschool sein. Durch die Ausbildungsprogramme erwirbt man sogenannte Credits, die an der Uni später angerechnet werden. So kann man erst einen Beruf erlernen und dafür bezahlt werden. Später dann, wenn man Erspartes hat, kann man dann ein verkürztest Studium drauf satteln.

Klingt, als könnte das auch dabei helfen, das Problem mit den Studentenkrediten in den Griff zu bekommen. Die belaufen sich mittlerweile auf über 1,4 Billionen Dollar.
Auf jeden Fall. Der Anstieg der Studentenkredite führt dazu, dass die Generation der Millennials ihr Verhalten ändert, was uns besorgt. Haushalts- und Unternehmensgründungen starten später als in vorherigen Generationen, was die Wirtschaft belasten kann. Das ist auf jeden Fall ein Bereich, um den wir uns kümmern müssen. Aus meiner Zeit als Universitätspräsident weiß ich aus erster Hand, wie schwierig es für Familien ist, eine Ausbildung für ihre Kinder zu finanzieren. Dabei gibt es ja Alternativen zur Verschuldung. Wir müssen nur sicherstellen, dass die auch angenommen werden.

Eine Idee, die gerade überraschend beliebt bei jungen Leuten ist, ist die sogenannte Modern Monetary Theory. Sie besagt, dass ein Land wie die USA noch höhere Staatsdefizite schultern können als das derzeit der Fall ist, um damit zum Beispiel für Studiengebühren zu finanzieren. Wie stehen Sie dazu?
Ich bin gelinde gesagt kein Anhänger, aus zwei Gründen. Zum einen halte ich nichts von der Annahme, das Defizite ohne Folgen angehoben werden können. Im vergangenen Jahr haben wir das Staatsdefizit um eine Billion Dollar erhöht. Das bereitet mir Sorgen, denn ich halte das nicht für nachhaltig.

Und zweitens?
Der Theorie zufolge soll man dann investieren, wenn die Rendite größer ist als die Kapitalkosten. In den USA geben wir derzeit jedoch 80 Prozent des Staatshaushaltes für Verteidigung, soziale Systeme wie Medicare und Medicaid und für Zinszahlungen aus. Es fällt mir schon schwer zu sehen, wie diese Ausgaben die Produktivität der amerikanischen Wirtschaft steigern sollen.

Das andere große Projekt der Fed in diesem Jahr ist die Arbeit an der Bilanzsumme. Die wird ab Oktober nicht mehr schrumpfen. Welches Endziel verfolgt die Fed damit?
Mehrere. Wir wollen, dass die Bilanzsumme überwiegend aus US-Staatsanleihen besteht. Das ist derzeit noch nicht der Fall und wird auch nicht so schnell gehen. Der Anteil an Hypothekenanleihen liegt immer noch bei rund 40 Prozent. Zudem schauen wir uns die Laufzeiten der Staatsanliehen an. Derzeit sind die noch relativ lang und wir diskutieren, wie ein idealer Mix an Papieren mit längeren und kürzeren Laufzeiten aussehen sollte.

Warum ist eine kürzere Laufzeit besser?
Je kürzer die Laufzeiten im Portfolio, desto größer der Anteil der fällig werdenden Papiere. Dieser sogenannte Flow kann dann je nach Bedarf in Anleihen mit einer längeren Laufzeit umgeleitet werden, ohne die Bilanzsumme auszuweiten und ohne Papiere zu verkaufen. Ein einfacher Weg, um das sicherzustellen ist, den Anteil der Treasury Bills zu erhöhen, die eine Laufzeit von einem Jahr oder weniger haben.

Könnte das für neue Unruhe in den Finanzmärkten sorgen?
Wir werden das langsam und methodisch angehen. Unser Ziel ist es, keinen Schaden anzurichten, das ist ein bisschen so wie der Hippokratischer Eid, den Ärzte ablegen: Wir wollen keine Störung an den Märkten verursachen. Egal wie unsere Treasury-Bestände aussehen, das sollte im Prinzip niemanden an den Märkten beunruhigen.

Herr Harker, vielen Dank für das Interview.

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