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Interview US-Notenbanker James Bullard: „Wenn es so weitergeht, sollten wir die Zinsen senken“

Dem Geldpolitiker bereitet die dauerhaft niedrige Inflation mehr Sorgen als der Handelskonflikt zwischen den USA und China und Trumps Attacken auf die Fed.
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„Der Wind in der US-Geldpolitik hat sich komplett gedreht.“ Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
James Bullard

„Der Wind in der US-Geldpolitik hat sich komplett gedreht.“

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

AmsterdamDer US-Notenbanker James Bullard hält engen Kontakt nach Europa. Er ist für eine Konferenz der niederländischen Zentralbank nach Amsterdam gekommen, wo er über die Auswirkungen der niedrigen Zinsen sprechen wird. Trotz der Spannungen zwischen Europa und den USA funktioniert der Austausch zwischen den Notenbanken nach wie vor sehr gut, meint Bullard. Aktuell gibt es durch den Handelsstreit zwischen den USA und China und wegen der Sorgen um die Unabhängigkeit der Notenbanken viel Gesprächsstoff.

Präsident Bullard, die US-Notenbank (Fed) hat Anfang des Jahres eine Wende vollzogen. Nach vier Zinserhöhungen im vergangenen Jahr geht sie nun von keinem weiteren Schritt 2019 aus. War diese Wende aus Ihrer Sicht richtig?
Ich glaube, das war ein sehr guter Schritt. Ich war schon auf der Sitzung im Dezember gegen die Entscheidung, die Zinsen anzuheben. Danach haben sich die Märkte weltweit schwach entwickelt. Seit Januar hat der geldpolitische Ausschuss der Fed (FOMC) sich meiner Meinung angenähert, für 2019 keine weiteren Zinserhöhungen vorzusehen.

Das war ein deutlicher Kurswechsel.
Ja, meiner Meinung nach hat sich der Wind in der US-Geldpolitik komplett gedreht. Das sehen sie daran, dass die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen im Herbst bei 3,25 Prozent lag und jetzt nur noch 2,5 Prozent erreicht.

Wie bewerten Sie die Lage der US-Wirtschaft?
Die US-Wirtschaft entwickelt sich recht gut. Das Wachstum liegt bei über drei Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist sehr niedrig. Aber unser bevorzugtes Inflationsmaß, die PCE-Kerninflation …

… also der Preisindex der privaten Konsumausgaben ohne Energie und Lebensmittel …
… liegt nur bei 1,6 Prozent im Jahresvergleich. Das bereitet mir Sorgen.

Trotz guter Konjunktur steigt die Inflation nicht.
In dieser Phase des Konjunkturzyklus würde ich normalerweise mit einer Inflation von mindestens zwei Prozent rechnen. Stattdessen liegt sie unter unserem Ziel von zwei Prozent. Das geht schon seit einigen Jahren so, daher macht es mir Sorgen. Eine mögliche Strategie wäre, die Inflation besonders in Zeiten, wo die Wirtschaft gut läuft, in Richtung des Ziels zu bringen.

Wenn die Kerninflation also länger bei 1,6 Prozent bleibt, sollte die Fed die Zinsen senken?
Wenn das anhält, werde ich das FOMC stärker dazu drängen, die Zinsen zu senken und zu versuchen, die Inflationserwartungen auf zwei Prozent zu bringen.

Warum ist die Inflation nicht höher?
Die Beziehung zwischen der Realwirtschaft und Inflation ist in den letzten Jahren zusammengebrochen. Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass eine niedrige Arbeitslosigkeit die Inflation auf unseren Zielwert oder noch höher bringt.

Warum ist es so weit gekommen?
Die Notenbanken haben die Inflationserwartungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr gut gesteuert, verglichen mit den 1970er- und 1980er-Jahren, wo sie viel stärker geschwankt haben. Die tatsächliche Inflation war viel geringer als in früheren Zeiten. Möglicherweise haben wir die Erwartungen auf ein zu niedriges Niveau gebracht.

Wie sehr belasten die Handelsspannungen zwischen den USA und China die US-Wirtschaft?
Das hängt davon ab, wie lange sie dauern. Eine Deutung der Ereignisse ist, dass es nach vielen hektischen Aktivitäten eine Einigung gibt. Ich hoffe, dass es so kommt. Die Finanzmärkte gehen auf Nummer sicher, weil noch keine Einigung in Sicht ist. Aber um den USA wirklich Schaden zuzufügen, müsste der Streit noch einige Zeit andauern.

Wer ist vor allem betroffen?
Der Handelskrieg hat Auswirkungen in den USA und wird viel diskutiert. Aber außerhalb der USA fällt er mehr ins Gewicht. Wenn ich mit Leuten in Asien oder Europa spreche, ist die Sorge dort noch größer.

Einige Studien sehen aber auch für Amerika einen größeren Schaden voraus.
Die USA haben eine so große und diversifizierte Volkswirtschaft, dass die Auswirkungen im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft relativ gering wären.

US-Präsident Donald Trump übt Druck auf die Fed aus, die Zinsen zu senken. Ist damit deren Unabhängigkeit gefährdet?
Es überrascht mich nicht, dass Präsident Trump Kommentare zur Geldpolitik abgibt angesichts seines Hintergrunds in der Immobilienbranche, wo Zinsen von entscheidender Bedeutung sind. Er ist sachkundig und hat Meinungen. Wir werden wahrscheinlich noch viel von ihm hören.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Politiker auf diese Weise zur Fed äußern?
Wir erhalten Input von unterschiedlichen Seiten. Ich halte es nicht für sinnvoll zu sagen, dass ein Politiker sich nicht äußern soll.

Aber der US-Präsident hat besonderes Gewicht.
Es ist ganz natürlich für einen Präsidenten, der sich für die Zinsen interessiert, dass er sich zur Geldpolitik äußert. Auch in der Vergangenheit haben Präsidenten die Fed-Politik kommentiert. Lediglich die jüngsten Regierungen der Präsidenten Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama verfolgten die Linie, sich herauszuhalten.

Was hat sich da geändert?
Ich führe das vor allem auf Robert Rubin zurück, der von 1995 bis 1999 Finanzminister unter Clinton war. Weil er viel Erfahrung mit den Märkten hatte und Clinton nicht, hat er ihm dazu geraten, sich rauszuhalten. Man sollte sich aber klar sein, dass der Fed-Chef wöchentlich mit dem Finanzminister spricht, sie haben normalerweise ein gemeinsames Frühstück oder Mittagessen.

Ich glaube, die Clinton-Regierung hat das als Möglichkeit gesehen, ihre Meinung geltend zu machen. Präsident Trump hat eine andere Arbeitsweise, aber auch frühere Regierungen haben ihre Ansichten kundgetan.

Der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing sagt, die Unabhängigkeit der Notenbanken könnte eine vorübergehende historische Episode bleiben.
Ich stimme zu. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Notenbanken relativ unabhängig von der Politik bleiben. Es gibt Dutzende Beispiele in der Nachkriegszeit, wo Regierungen versucht haben, die Notenbank für ihre Zwecke einzusetzen. Normalerweise brauchen sie Geld, um ihre Ausgaben zu finanzieren, und das führt zu hoher Inflation. Argentinien und Venezuela sind Beispiele dafür.

Eine Möglichkeit für Präsident Trump, politischen Einfluss auf die Fed auszuüben, sind die Nominierungen für den Vorstand.
Er hat vier der fünf Gouverneure ernannt, die heute im Gremium sitzen. Dabei hat er Leute ausgewählt, die sehr in der Tradition der Fed stehen, sehr erfahrene Fachexperten sind. Ich denke, er hat bei diesen Ernennungen gute Arbeit geleistet. Wenn er eine radikalere Politik gewollt hätte, hätte er früher andere Leute ernennen müssen.

Die jüngsten Nominierungen von Stephen Moore und Herman Cain waren aber kontrovers und sind letztlich gescheitert. Was passiert jetzt?
Das liegt am Weißen Haus. Das FOMC hätte bei voller Stärke 19 Leute. Ein neues Mitglied wird die Richtung der Geldpolitik nicht sehr ändern. Ich begrüße alle Arten von Ansichten.

Selbst EZB-Präsident Mario Draghi hat kürzlich seine Besorgnis über die Unabhängigkeit der Fed zum Ausdruck gebracht. Zu Recht?
Die Fed ist ein Geschöpf des Kongresses. Insofern hat die Fed, glaube ich, weniger Unabhängigkeit als die EZB, die durch einen Vertrag mehrerer Staaten gegründet wurde. Trotzdem ist es in beiden Fällen ziemlich schwierig, die Regeln zu ändern. Das gibt beiden Institutionen einen gewissen Schutz vor dem politischen Tagesgeschäft.

Worum geht es bei der Unabhängigkeit?
Ich vermeide es, von der Unabhängigkeit zu sprechen, weil das den Anschein hat, als wären wir nicht rechenschaftspflichtig. Wir leben in Demokratien, und es ist wichtig, den Wählern und ihren Vertretern gegenüber verantwortlich zu sein. Die Notenbanken sollten nur aus dem politischen Tagesgeschäft herausgehalten werden. Ich denke, dies ist weiterhin gewährleistet.

Die Fed überprüft ihre geldpolitische Strategie. Ein viel diskutiertes Thema ist das Inflationsziel von zwei Prozent. Wie ist Ihre Position dazu?
Fed-Chef Jerome Powell hat erklärt, dass das Zwei-Prozent-Ziel nicht Teil der Überprüfung sein soll. Ich denke, dieses Ziel ist zu einem internationalen Standard geworden. Viele andere Länder haben es. Wenn die USA jetzt davon abweichen, würde das Chaos auf den Devisenmärkten auslösen.

Was könnte sich denn verändern?
Eine Möglichkeit wäre ein durchschnittliches Inflationsziel. Man könnte sagen, wenn wir in einem Jahr das Inflationsziel nach unten hin verfehlen, werden wir im nächsten Jahr eine etwas höhere Inflation anstreben.

Ein anderes Thema ist ein sogenanntes Management der Renditekurve, wie es die japanische Notenbank betreibt. Dabei werden auch für die langfristigen Renditen Ziele vorgegeben.
Das sollte Teil der Debatte sein. Ich war nach der Finanzkrise überrascht, dass das nicht mehr im Vordergrund stand. Damals wurde argumentiert, dass die Bilanz außer Kontrolle geraten würde, wenn Ziele für längerfristige Zinsen angestrebt würden. Rückblickend ist in den letzten zehn Jahren genau das durch die quantitative Lockerung, also die Anleihekäufe, passiert.

Die Japaner haben eine Zinskurvensteuerung eingeführt, und die zehnjährigen Renditen liegen dort, wo die Notenbank sie haben will. Gleichzeitig konnte das Volumen der monatlichen Wertpapierkäufe gegenüber der Phase der quantitativen Lockerung reduziert werden.

Herr Bullard, vielen Dank für das Interview.

Mehr zum Thema: Ist die Unabhängigkeit der Notenbanken in Gefahr? US-Präsident Donald Trump mischt sich jedenfalls vermehrt in die Geldpolitik ein. Doch das Phänomen lässt sich nicht nur auf die USA beschränken.

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