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IWF-Chefökonomin im Interview „Für Deutschland ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu investieren“

Gita Gopinath plädiert für mehr kreditfinanzierte staatliche Investitionen in Deutschland. Gleichzeitig warnt sie vor Risiken für die Weltwirtschaft.
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Die 47-Jährige ist seit Anfang des Jahres Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds. Quelle: Hindustan Times/Getty Images
Gita Gopinath

Die 47-Jährige ist seit Anfang des Jahres Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds.

(Foto: Hindustan Times/Getty Images)

Frankfurt Die Chefvolkswirtin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Gita Gopinath, fürchtet erhebliche Folgen, falls der Handelskonflikt zwischen den USA und China auf andere Teile der Welt und die Autoindustrie übergreifen sollte. „In den meisten unserer Simulationen kommen wir zu dem Ergebnis, dass eine Eskalation des Handelskonflikts, der die Autoindustrie einschließt, erhebliche Auswirkungen auf das weltweite Wachstum hätte“, sagte sie im Interview mit dem Handelsblatt. „In einzelnen Ländern könnten die Folgen so stark sein, dass es zu einer Rezession führt.“

Gopinath begrüßt, dass die Notenbanken auf das veränderte wirtschaftliche Umfeld bereits reagiert haben. Sie seien bestrebt, „ein Abwärtsszenario zu verhindern“. Allerdings sei der Spielraum der Geldpolitik deutlich geringer als während der Finanzkrise 2008. Wenn es zu einem stärkeren Abschwung komme, sieht sie vor allem die Fiskalpolitik gefordert.

„In einigen Ländern wie Deutschland gibt es sicherlich Spielraum, um fiskalpolitisch mehr zu tun – auch jetzt schon“, so Gopinath. Angesichts der Tatsache, dass man sich zu negativen Zinsen verschulden könne und erhebliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheitsversorgung nötig seien, „sollte die Fiskalpolitik stärker eingesetzt werden“. Aus Kosten-Nutzen-Sicht sei „jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu investieren, wenn man bedenkt, wie günstig es ist.“ Die Ausgaben für Infrastruktur müssten ohnehin getätigt werden.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Frau Gopinath, die Weltwirtschaft ist an einem schwierigen Punkt, und es gibt viele Risiken. Was kann die Politik tun, wenn es zu einem stärkeren Abschwung kommt?
Wir begrüßen, dass die Geldpolitik auf das veränderte Umfeld reagiert hat. Die Notenbanken weltweit sind bestrebt, ein Abwärtsszenario zu verhindern.

Aber haben die Notenbanken überhaupt noch Mittel, um zu reagieren?
Es gibt noch Spielraum, aber er ist nicht groß. Vor allem im Vergleich zu 2008. Wenn es zu einem stärkeren Abschwung kommt, wäre die Fiskalpolitik gefordert.

Was sollen die Regierungen tun?
In einigen Ländern wie Deutschland gibt es sicherlich Spielraum, um fiskalpolitisch mehr zu tun – auch jetzt schon. Die Fiskalpolitik sollte stärker eingesetzt werden angesichts der Tatsache, dass man sich zu negativen Zinsen verschulden kann und erhebliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheitsversorgung nötig sind.

In anderen Ländern, die keinen Spielraum haben, ist es schwieriger, die Fiskalpolitik einzusetzen, aber auch dort sollte sie im Falle eines stärkeren Abschwungs genutzt werden, weshalb es wichtig ist, jetzt Finanzpolster anzulegen. Im aktuellen Umfeld niedriger Zinssätze ist es auch wichtig, makroprudenzielle Instrumente einzusetzen, um zu verhindern, dass sich finanzielle Risiken aufbauen.

Deutschland sollte die Möglichkeit nutzen, dass es sich zu negativen Zinsen verschulden kann.

Sie meinen regulatorische Maßnahmen, die die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems verbessern. Haben sich denn schon finanzielle Risiken aufgebaut?
Die Verschuldung ist sehr hoch – sowohl des Privatsektors als auch des öffentlichen Sektors weltweit. Verschiedene Teile der Welt sind unterschiedlich davon betroffen. Derzeit sind die Finanzierungsbedingungen äußerst günstig, aber dabei wird es möglicherweise nicht bleiben. Wenn sich die Stimmung an den Finanzmärkten ändert, könnten die Zinskosten für hochverschuldete Länder deutlich steigen.

Wäre es für den deutschen Staat wirklich sinnvoll, sich stärker zu verschulden, um Investitionen zu finanzieren, trotz der mit höheren Schulden verbundenen Risiken?
Deutschland hat den fiskalischen Spielraum und sollte die Möglichkeit nutzen, dass es sich zu negativen Zinsen verschulden kann. Es gibt sinnvolle Investitionsmöglichkeiten. Aus Kosten-Nutzen-Sicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu investieren, wenn man bedenkt, wie günstig es ist. Die Ausgaben für Infrastruktur müssen ja ohnehin getätigt werden. Es geht nicht nur um die kurzfristige Sicht, sondern auch um die langfristige.

Wie meinen Sie das?
Das Problem Deutschlands ist, dass das prognostizierte langfristige Wachstum wegen des geringen Produktivitätsfortschritts und der alternden Bevölkerung schwach ist. Deshalb ist es wichtig, das Wachstum durch Investitionen heute zu erhöhen.

In Deutschland wird über die sogenannte Schuldenbremse debattiert, die das Haushaltsdefizit des Bundes auf maximal 0,35 Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt, sofern es keinen Abschwung gibt. Ist eine solche Regel wirklich sinnvoll?
Dies wäre der richtige Zeitpunkt, um die Ausgaben zu erhöhen und die erforderlichen Investitionen zu tätigen. Aus unserer Sicht hat Deutschland viel Spielraum, um im Rahmen der Regel mehr zu tun.

Olivier Blanchard – einer Ihrer Vorgänger als Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds – argumentiert, dass die Kosten und Risiken höherer Schulden heute viel geringer sind als früher. Teilen Sie diese Einschätzung?
Das trifft sicherlich zu, wenn Sie sich zu negativen Zinsen verschulden können. Die Kosten sind nicht mehr so hoch wie in der Vergangenheit. Gleichzeitig erwarten wir nicht, dass die Zinsen für immer auf diesem Niveau bleiben werden. Wenn Sie ein Land sind, dessen Schulden nicht tragbar erscheinen, kann sich das dramatisch ändern. Wenn die Stimmung an den Märkten kippt und die Zinsen steigen, sind Sie in einer schwierigeren Lage.

Lassen Sie uns über die wirtschaftlichen Aussichten sprechen. Das weltweite Wachstum hat sich deutlich abgeschwächt, und die Unsicherheit ist groß. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?
Die Weltwirtschaft ist an einem empfindlichen Punkt. Im ersten Quartal dieses Jahres gab es positive Überraschungen in den USA, der Euro-Zone und China. Gleichzeitig gab es negative Überraschungen in Lateinamerika und den asiatischen Schwellenländern. Es ist nicht zu erwarten, dass die positiven Überraschungen anhalten.

Wir gehen in unserem Wirtschaftsausblick von April davon aus, dass das weltweite Wachstum in diesem Jahr bei etwa 3,3 Prozent liegt. Wir erwarten eine Erholung zum Jahresende. Aber die Situation ist ungewiss, weil es viele Risiken gibt.

Welches Risiko macht Ihnen am meisten Sorgen?
Der Handelskonflikt, der auch auf den Technologiesektor übergegriffen hat. Es ist ein großes Risiko, dass der Konflikt ernsthaft eskaliert. Nicht nur zwischen den USA und China, er könnte auch auf andere Teile der Welt und auf die Autoindustrie übergreifen.

Die Autobranche hat in Deutschland besondere Bedeutung. Wie stark würden höhere Autozölle die Wirtschaft in Deutschland und Europa treffen?
Die Auswirkungen könnten erheblich sein. In der Autoindustrie gibt es sehr weit verzweigte Lieferketten. Zölle würden also viele Länder treffen, auch solche, gegen die sie gar nicht direkt gerichtet sind. In den meisten unserer Simulationen kommen wir zu dem Ergebnis, dass eine Eskalation des Handelskonflikts, der die Autoindustrie einschließt, erhebliche Auswirkungen auf das weltweite Wachstum hätte.

„Erhebliche Auswirkungen“ heißt, dass dies zu einer Rezession führen würde?
In einzelnen Ländern könnten die Folgen so stark sein, dass es zu einer Rezession führt.

In Ländern wie Deutschland?
Ich möchte keine Länder nennen.

Wer ist vom Handelskonflikt am meisten betroffen: Die USA, weil sie im Mittelpunkt des Konflikts stehen, oder eher andere Länder?
Die direkten Auswirkungen für die USA werden gering sein, weil die Volkswirtschaft dort ziemlich geschlossen ist und stärker von der Inlandsnachfrage abhängt. Wenn man aber zusätzliche Risiken für das Vertrauen und die Finanzmärkte einbezieht, sind die negativen Auswirkungen größer.

Ich glaube, alle sind sich einig, dass für die USA die negativen Effekte auf das Vertrauen und die Finanzmärkte bedeutender sind als die direkten Effekte auf den Handel. In offenen Volkswirtschaften wie Deutschland oder China ist das anders.

Hat der Handelskonflikt auch längerfristige Auswirkungen auf das Wachstum?
Wenn die Unsicherheit über die Zölle anhält, erwarten wir deutliche Änderungen der globalen Lieferketten. In China sind die Kosten bereits gestiegen, und die Unternehmen haben bereits nach anderen Standorten für ihre Produktion gesucht, wie Befragungen signalisieren. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China könnte der Anlass sein, solche Schritte umzusetzen.

Was meinen Sie genau?
Multinationale Konzerne, die Standorte in China haben, könnten in andere Länder ziehen. Selbst chinesische Unternehmen könnten beschließen, die Produktion in andere Länder zu verlagern. Einige Länder würden davon profitieren. Gleichzeitig wird es schwer, Standorte zu finden, wo Unternehmen in der Größenordnung produzieren können wie in China.

An den Finanzmärkten haben Investoren zeitweise riskantere Anlagen gemieden. Wie wirkt sich das auf die globalen Kapitalflüsse aus?
Die Risikoneigung hat sich in den vergangenen Monaten geändert und dadurch ist es zu Kapitalströmen in die Schwellenländer hinein und heraus gekommen. Sie sind sehr anfällig für Stimmungsänderungen an den Finanzmärkten. Ihnen hilft, dass die Notenbanken die Zinsen sehr niedrig halten. Unter dem Strich haben sie Kapitalzuflüsse zu verzeichnen. Aber die Schwellenländer müssen vorsichtig sein, dass sie sich nicht übermäßig in Fremdwährungen verschulden und zu viele Schulden aufbauen. Denn das Umfeld kann sich schnell ändern.

Wie besorgt sind Sie über den Brexit?
Für Europa ist das ein wichtiges Risiko. Wenn es einen Brexit ohne Abkommen gibt, wird das sehr kostspielig für Großbritannien, aber auch für Irland und in geringerem Umfang auch für die anderen EU-Länder.

Sie haben sich in Ihrer Forschung mit der Rolle des Dollars im internationalen Währungssystem befasst. Im vergangenen Jahr ist sein Anteil an den weltweiten Währungsreserven auf den niedrigsten Stand der vergangenen zwei Jahrzehnte gefallen. Könnte der Dollar seine beherrschende Stellung verlieren?
Der Dollar dominiert immer noch im Handel, bei den internationalen Schulden und den Währungsreserven. Sein Anteil an den Währungsreserven ist zurückgegangen und der des Euros und anderer Währungen gestiegen. Der Rückgang ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass Länder ihre Dollar-Reserven genutzt haben, um am Devisenmarkt zu intervenieren, als ihre Währungen 2018 unter Druck standen.

Ich würde nicht sagen, dass es einen Wendepunkt bei der Rolle des Dollars gibt. Das könnte sich in Zukunft ändern. Es kann lange dauern, bis solche Veränderungen einsetzen, aber wenn sie begonnen haben, kann es sehr schnell gehen.

Aber der Wandel vom Pfund zum Dollar als weltweiter Leitwährung hat sich doch auch über einen längeren Zeitraum vollzogen.
Ich glaube, es gibt eine Phase der Instabilität. In den Zwischenkriegsjahren hat der Dollar den Status mit dem Pfund geteilt. In der Übergangsphase gibt es normalerweise eine weitere Währung zur Wahl, die ebenfalls als sicher gilt. Jegliche Risiken in einer der beiden Währungen führen dazu, dass die Leute sie zulasten der anderen Währung abstoßen. Daher gibt es stärkere Schwankungen an den Märkten, bevor sich die Lage wieder stabilisiert. Wenn ein solcher Übergang einsetzt, kann es sein, dass die Hilfe globaler Institutionen wie des IWF nötig ist.

Aber in den nächsten zehn Jahren ist das nicht abzusehen, oder?
Nein. Im Moment spricht wenig dafür, dass eine andere Währung den Status der Leitwährung übernehmen könnte. Das kann sich aber natürlich in Zukunft ändern.

Manche Experten sagen, dass es ein stärker multipolares Währungssystem geben könnte. Einige Zentralbanken haben bereits einen Teil ihrer Reserven vom Dollar auf andere Währungen umgestellt.
Es gibt sicherlich eine gewisse Bewegung aus dem Dollar heraus. Aber die Frage ist: Was sind die Alternativen? Im Falle des Renminbi ist China im internationalen Handel stark, aber es muss noch einiges tun, um sein Finanzsystem weiterzuentwickeln. Im Falle des Euros gibt es nicht genug sichere Wertpapiere. Die Möglichkeiten für die Märkte, auf andere Währungen auszuweichen, sind also beschränkt.

Frau Gopinath, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Das globale Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, die Exporte gehen zurück. Der IWF senkt seine Konjunkturprognose – das betrifft besonders Deutschland.

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