Joachim Fels „Die Grenze für EZB-Anleihekäufe ist der Himmel“

Morgan-Stanley-Chefökonomen Joachim Fels erwartet, dass die EZB 2012 die Zinsen weiter senkt. Außerdem rechnet er mit einer massiven Ausweitung der Anleihekäufe. Seine Erwartungen für die deutsche Konjunktur sind düster.
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Joachim Fels ist Chefökonom der US-Großbank Morgan Stanley. Quelle: Ute Schmidt/bildfolio

Joachim Fels ist Chefökonom der US-Großbank Morgan Stanley.

(Foto: Ute Schmidt/bildfolio)

Joachim Fels ist Chefvolkswirt der US-Investmentbank Morgan Stanley. Er hat in Saarbrücken und Bologna Volkswirtschaft studiert und später in Kiel geforscht. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geldpolitik.

Handelsblatt: Herr Fels, die Konjunktur ist eingeknickt, vor allem in Europa. Hat die Politik noch Mittel, um die Wirtschaft zu beleben?

Joachim Fels: Die Fiskalpolitik nicht mehr, aber die Geldpolitik. Die Überschrift über dem Jahr 2012 wird lauten: „Schleusen auf, Teil 2“.  2009 haben die Zentralbanken mit extremen Leitzinssenkungen und einer darüber hinaus gehenden Lockerung eine neue Depression verhindert, doch 2011 haben sie die Zügel wieder angezogen. Nun hat sich die Konjunktur weltweit abgekühlt, die Inflation ist gesunken und es wird Zeit für eine neue Lockerung, sowohl in den Schwellenländern als auch in den Industriestaaten.

War die Leitzinserhöhung der EZB von 1 auf 1,5 Prozent im vergangenen Jahr also falsch?

Eine solche Anhebung mag lächerlich wirken, aber sie hat dazu beigetragen, dass die Euro-Zone jetzt in die Rezession rutscht. Sie kam zu der Zeit, als die Banken und Regierungen der Euro-Zone enorme Finanzierungsprobleme hatten und hat den Finanzmärkten signalisiert, dass ein Abschwung bevorsteht. Das heißt aber, dass das Risiko einer Staatspleite steigt, und darauf haben die Anleger mit dem Verkauf von Anleihen reagiert. So hat eine kleine Zinserhöhung eine große Wirkung entfaltet.

Wie genau wird die neue Lockerung aussehen?

In den Schwellenländern wird es eine Reihe von Leitzinssenkungen geben, das hat ja schon begonnen. Und in den Industrieländern werden wir überall quantitative Lockerung durch Anleihekäufe sehen, in den USA, Japan, Großbritannien - und auch die EZB wird diesmal mitmachen.

Wie kommen Sie darauf?

Die Rechtfertigung dafür wird sein, dass das eine rein geldpolitische Maßnahme ist. Zuerst einmal wird die EZB die Leitzinsen weiter senken, bis auf ein halbes Prozent. Damit wird sie vielleicht schon im Februar, spätestens im März anfangen. Dann wird sie ihre Prognosen für Wachstum und Inflation nach unten korrigieren. Und dann gibt es nur noch einen Weg, um dafür zu sorgen, dass die Geldpolitik ihre gewünschte Wirkung entfaltet: Eine Ausweitung der Anleihekäufe. Die EZB wird in großem Umfang Anleihen von Staaten, Banken und Unternehmen kaufen - und zwar gleichmäßig aus allen Ländern der Euro-Zone bis zu einem festgesetzten Betrag.

Wie weit kann das gehen? Schon jetzt ist die Bilanzsumme der EZB doch auf fast drei Billionen Euro aufgebläht.

Die Grenze dafür ist der Himmel. Die EZB kann ihre Bilanzsumme beliebig ausweiten, weil sie ja das Geld selber drucken kann. Es gibt zwar eine politische Grenze, die vor allem dadurch definiert wird, ob die Öffentlichkeit dem Euro noch traut, aber die sehe ich noch lange nicht erreicht. Auch theoretisch lässt sich keine optimale Größe für die Bilanzsumme einer Notenbank festlegen.

„Die EZB kann die Inflation nicht allein steuern“
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26 Kommentare zu "Joachim Fels: „Die Grenze für EZB-Anleihekäufe ist der Himmel“"

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  • Die Schlußfolgerung erscheint mir nicht ganz schlüssig - die Politik kann deswegen nichts gegen dieses System tun, weil alle, die Geld besitzen, mit drin hängen. Nur so wird erklärbar, dass niemand gegen das Privileg der Privatbanken vorgehen will am Leid des Steuerzahlers "gutes Geld" zu verdienen. Warum stoppen wir nicht einfach die Zwischenhändler "Privatbanken" mit ihren Promiboni aus und lassen öffentlich-rechtliche Institute soviel Geld drucken wie nötig ist, bis eine kontrollierte Inflationsrate allen Beteiligten einen entsprechenden Beitrag abverlangt hat. Gleichzeitig müßte man in Europa Regeln zu Sachwertbesitz definieren, die verhindern, dass riesige Geldvermögen z.B. unter Umgehung von Erbschaftssteuer oder Einkommensteuerforderungen in Sachwerten geparkt werden (siehe griechische Immobilienkäufe in Berlin). Irgendwann muß Schluß damit gemacht werden, die sogenannten Investoren wie Feudalherren zu behandeln. Irgendwann ist die Zeit reif aufzustehen und zu handeln. Und diesbezüglich sehe ich große Chancen den günstigen Zeitpunkt schon bald zu erwischen!

  • Die Grenze dafür ist der Himmel. Die EZB kann ihre Bilanzsumme beliebig ausweiten, weil sie ja das Geld selber drucken kann, sagt Joachim Fels, Chefvolkswirt der US-Investmentbank Morgan Stanley.
    Die Unabhängigkeit der Bank ist damit aus berufenem Mund wieder einmal bewiesen, denn es heißt ja auch „ Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“.
    Das Problem wäre aber, Wer schleppt schon gern die Druckmaschinen in Wolkenhöhe und eventuell noch weiter hinauf? Da ist guter Rat teuer, dann trotzdem noch einen richtigen Weg zu finden?
    Joachim Fels : „Die Politik wählt den intransparenten Weg. Die Euro-Bonds entstehen praktisch in den Büchern der EZB, dort wo es keiner sieht. Eine Alternative ist noch, dass der dauerhafte Rettungsschirm ESM doch eine Banklizenz erhält, sich also bei der EZB refinanzieren kann. Dann könnten die Risiken auf die Bücher des ESM verlagert werden, und wenn ihm Verluste entstehen, müssten die Steuerzahler die tragen.“
    Alles - klar? Also Himmel her oder hin – Am Ende muss der Steuerzahler doch wieder das „ ganze Universum“ schultern - und die Frage erhebt sich sofort , sollte er lieber nicht schon vorher und nicht immer erst hinterher die fiskalischen Politiker zum Teufel wünschen?

  • @eckhardstephan
    Zitat:
    Wehe, Wehe, wenn eine künftige Krise der Weltwirtschaft auf diesen gigantischen Schuldenberg trifft!
    ------
    Da stimme ich ihnen voll zu.
    Und, der Punkt wird kommen. Alle werden auf diesen Schuldenberg treffen.
    Die Bürger werden ebenfalls -"irgendwann"- merken, dass die schulden auf normalen Weg niemals bezahlt werden können.
    Dann stirbt der Glaube an die Allmacht des Systems. Genau von diesem "Glauben" an den ewig währenden Finanzgott der virtuellen Geldvermehrung ohne reale Güter-Produktion, leben sie. Bricht der weg, dann ist Feierabend. Was dann wohl los ist, wenn die Leute ihr Geld nicht wieder sehen, auch das wird der Fall sein, wo soll es denn herkommen, es ist doch längst verzockt.
    Wie heißt es doch: Selig die Gläubigen, denn sie werden Gott schauen. "Gott Goldmann" erwartet sie dann.

  • Ebendiese Nibelungentreue in die (bisher) funktionierende Geldpolitik der "unbegrenzt" emittierenden Notenbank wird der schlussendliche Sargnagel für das Abendland sein. Die Dialektik der Unbegrenztheit ist nur die unendliche Zahl von Begrenztheiten,- in diesem Fall ist diese Begrenztheit das Vertrauen der Investoren. Nur ein Depp ignoriert, dass der Himmel sofort einstürzt, wenn der Glaube an die Rückführung der Schulden einmal dahin ist. Wehe, Wehe, wenn eine künftige Krise der Weltwirtschaft auf diesen gigantischen Schuldenberg trifft!

  • Herr Fels :.."Der politische Widerstand gegen eine fiskalische Lösung der Krise ist zu groß. Also wird es eine monetäre Lösung geben müssen..."
    Diese Aussage bedeutet, dass Staatshaushalte auch in der Zukunft nur mit der Aufnahme neuer Schulden ausgeglichen werden können und diese Schulden nur durch "Vermögenstransfers", in welcher Form auch immer, "ausgeglichen" werden.
    Herr Fels beschreibt indirekt das Problem sehr präzise.
    Die Tatsache einer sich ständig verstärkenden Kluft zwischen Arm und Reich und insbesondere im Hinblick auf eine Weltbevölkerung von derzeit 7 Milliarden Menschen, die sich ca. alle 12 Jahre um eine weitere Milliarde vermehrt, stellt sich zwingend die Frage nach der gerechten Verteilung des durch die Produktion von Gütern und Dienstleistungen Erwirtschafteten.
    Diagnose :
    Das effektive kapitalistische Wirtschaftssystem leidet an der Krankheit der Verteilungsgerechtigkeit und läuft Gefahr, am Gerechtigkeitsmangel zugrunde zu gehen.
    Nur wegen dieses Mangels sind überhaupt die Finanzprobleme erklärbar.


  • Wenn Herr Fels sagt, dass die 0.5%-Anhebung des EZB-leitzinses dazu beigetragen habe, dass ... die Anleger nun wegen dieser kleinen Erhöhung plötzlich erkannt hätten, dass das Risiko von Staatspleiten gestiegen sei, dann ist das absolut lächerlich.
    Das Problem Griechenlands und anderer Länder ist doch fundamental und nicht konjunkturell: Zu hohe Staatsverschuldung, riesiger Staatsapparat, der nur kostet, und v.a. demographische Probleme. Im Falle Griechenlands z.B. gehen jetzt starke Jahrgänge von Staatsbeamten in Rente. Und dann neue Kredite? Für die Rente?
    Auch bei einem EZB-Leitzins von 0% hätte Griechenland kein neues Geld ohne Garantie anderer Staaten bekommen.

  • "Die Grenze für EZB-Anleihekäufe ist der Himmel"

    Wohl eher die Hölle und genau da gehören Quacksalber wie dieser ahnungslose Tölpel hin, der nicht mal zu ahnen scheint, dass er analog dem Zusammenbruch der Ostblockwirtschaft, den selbigen einer von Falschgeld manipulierten und unterspülten West(ex Markt)wirtschaft vorbereitet.

  • @ whoknows

    Klasse Zusammenfassung - genau das ist "geplant".

    weltenbrand

  • @ Kampagnenplattform-Handelsblatt

    Genau. Bretterbudenland hat fertig: Statt des Weißkopfseeadlers kreist nur noch der Pleitegeier!!!

    Mit aufrichtiger Schadenfreude und
    apokalyptischem Gigatodgruß

  • Die EZB plant beliebiger Höhe Staatsanleihen in 2012 aufzukaufen.
    "Die Grenze für die EZB - Anleihekäufe ist der Himmel"!

    Der deutsche Steuerzahler haftet hier automatisch mit 28% bei der EZB, ohne Summenbegrenzung.

    Dazu kommen nun schon mehrere Rettungsschirme, wo auch kaum noch ein Politiker versteht, was die ganzen Namenskürzel dort bedeuten und in welcher Höhe dort Deutschland, also der Steuerzahler haftet.

    Die Deutsche Bundesbank wird immer mehr zum Gläubiger der Euro-Krisenländer. Der sogenannte Target-2-Saldo ist per Ende Oktober gegenüber dem Vormonat um 15,9 Milliarden Euro gestiegen auf 465,5 Milliarden Euro gestiegen.

    Seit Anfang des Jahres haben sich die Target-Kredite um rund 140 Milliarden Euro erhöht. Kritiker sagen, diese Buchungen verbärgen Rettungsaktionen gegenüber Irland, Griechenland, Spanien, Portugal und Italien, wofür letztlich der Steuerzahler hafte.

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