Kampf gegen Kapitalflucht Türkei bringt die Bazooka in Stellung

Die türkische Notenbank will alle Instrumente nutzen, um den Verfall der Lira zu stoppen. Auch Indien ergreift Maßnahmen. Die Schwellenländer stehen massiv unter Druck – nicht zuletzt wegen der US-Geldpolitik.
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Die türkische Lira notiert gegenüber dem Dollar auf einem historischen Tief. Das setzt die Notenbank massiv unter Druck. Quelle: Reuters

Die türkische Lira notiert gegenüber dem Dollar auf einem historischen Tief. Das setzt die Notenbank massiv unter Druck.

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DüsseldorfDie türkische Zentralbank nährt Spekulationen über eine unmittelbar bevorstehende Zinserhöhung. Die Mitglieder der Notenbank kommen im Laufe des Tages zu einer Krisensitzung zusammen, deren Ergebnisse am Abend veröffentlicht werden sollen. Man werde alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente effektiv einsetzen, sagte Gouverneur Erdem Basci in Ankara. Falls erforderlich, werde der Zentralbankrat nicht zögern, die Geldpolitik zu straffen. In der Wortwahl erinnert das an EZB-Chef Mario Draghi, der einst eine geldpolitische „Bazooka“ ankündigte, um den Euro zu retten.

Während Draghi damit Zinssenkungen und Anleihekäufe meinte, geht es für die türkische Zentralbank um das Gegenteil: Experten rechnen mit einer „aggressiven“ Zinsanhebung. Dies wäre der verzweifelte Versuch, sich gegen die Kapitalflucht zu stemmen. In den vergangenen drei Monaten ist die türkische Lira gegenüber dem US-Dollar um fast 20 Prozent eingebrochen – auf den tiefsten Stand aller Zeiten.

Die Türkei ist nicht das einzige Schwellenland, dass sich mit diesem Problem herumschlägt. Auch die indische Zentralbank hat überraschend ihren Leitzins von 7,75 auf 8,0 Prozent angehoben – und begründete dies mit kräftig steigenden Preisen. „Der Markt hat definitiv die Schwellenländer im Blick, besonders die schwachen“, sagt Jeffrey Halley, Devisenhändler bei Saxo Capital Markets in Singapur. Besonders hart erwischt es Staaten mit hohen Handelsbilanzdefiziten, die auf den Zustrom von Kapital aus dem Ausland angewiesen sind. Investoren haben bereits ein Schlagwort für die am meisten gefährdeten Staaten erfunden: Indien, Indonesien, die Türkei, Brasilien und Südafrika werden als die „Fragilen Fünf“ bezeichnet.

Auch wenn jedes Land mit ganz eigenen Widrigkeiten zu kämpfen hat, so haben sie ein gemeinsames Problem: Nachdem jahrelang Milliarden über Milliarden in die aufstrebenden Volkswirtschaften geflossen sind, kehren sich nun die Kapitalströme um. Im schlimmsten Fall könnten die Zuflüsse in die Schwellenländer innerhalb weniger Monate um 50 bis 80 Prozent einbrechen, schätzt die Weltbank in einem aktuellen Report. „Rund ein Viertel der Schwellenländer könnten kurzfristig von den globalen Kapitalströmen abgeschnitten werden.“ Für die Weltbank ist dies zwar nicht das wahrscheinlichste Szenario. Sie sieht dies jedoch als Risiko.

In den vergangenen Jahren haben Investoren viel Kapital in den sogenannten Emerging Markets angelegt, wo die Zinsen deutlich höher lagen als im Westen. Nach Schätzungen sind seit 2009 rund vier Billionen Dollar in die Schwellenländer geströmt.

Befeuert wurde dies durch die lockere Geldpolitik in den westlichen Ländern. Die Notenbanken in den USA und Europa senkten die Zinsen bis zur Unkenntlichkeit – und pumpten schwindelerregende Summen in die Wirtschaft. Allein die Federal Reserve (Fed) spendierte mehr als drei Billionen Dollar für den Ankauf von Staatsanleihen und Immobilienpapieren. Doch nun will die Fed einen neuen geldpolitischen Kurs einschlagen.

„Schwellenländer sind wehrlos gegenüber Kapitalabflüssen“
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11 Kommentare zu "Kampf gegen Kapitalflucht: Türkei bringt die Bazooka in Stellung"

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  • Natürlich ist das Geld eigentlich völlig wertlos, oder zumindest extrem überbewertet. Aber auch hier gilt: Den richtigen Zeitpunkt abschätzen!

    NOCH bekomme ich für das Geld reale Sachwerte, wie Gold und Grundstücke. Da das Geld aber von den Notenbanken gedruckt wird wie Klopapier dürfte es bald genauso viel wert sein wie Klopapier. Wohl dem der es rechtzeitig in reale werte umgewandelt hat.

  • Es gibt zwei Auswege, um aus der Falle der Exponentialfunktion des Zinseszins (die unserem Schuldgeldsystem "geschuldet" ist) zu entkommen - und beide Auswege bringen massive Kollateralschäden mit sich.
    Mike Maloney hat diese beiden Auswege am Beispiel der USA kurz und prägnant auf den Punkt gebracht:
    1) to default on the debt (= Staatsbankrott mit entsprechenden "Haircuts": die Schulden werden bei den Gläubigern abgeschrieben)
    2) to hyperinflate it away (also die Weimarer "Lösung")
    http://www.youtube.com/watch?v=yKjqHDb_Kjs
    Der Mittelstand, der Durchschnittsverdiener und -sparer sind also bei der zweiten "Lösung" die Leidtragenden.
    Jedoch läuft diese "Lösung" in aller Regel unkontrolliert und chaotisch ab - dagegen kann man die erste Variante kontrolliert versuchen (Zypern war dazu ein Test). Da das gesamte System betroffen ist, kann man dies also auch als Versuch eines "kontrollierten Resets" bezeichnen.
    Das Zeitfenster, welche Lösung angestrebt wird, dürfte sich in nicht allzu ferner Zukunft schließen - Yellen und co. werden es uns also bald wissen lassen...

  • @TSK

    hmm, Sie haben also aus 300.000 Fiat-Euro 390.000 Fiat-Euro gemacht.

  • Gäääähn, westliche Anleger sind wie Ratten... die kommen wieder.

    Wo sollen sie das Geld sonst investieren? In ihren eigenen aussterbenden, schrumpfenden und wirtschaftlich massiv absteigenden Ländern? Natürlich wird das Geld in die Länder fließen die stark wachsen, also in die Schwellenländern.

    Die türkische Lira ist vor 2-3 Jahren ggü. dem Euro von 2,70 auf 2,20TL/€ gestiegen. Ich habe damals 300.000€ bei 2,70TL/€ in TL investiert. 1 Jahr später zu 2,20TL/€ wieder verkauft. Meine Rendite (inkl. 9% Zinden auf TL Einlagen) innerhalb von 12 Monaten lag bei knapp 30%. Ich habe innerhalb eines Jahren aus 300.000€ knapp 390.000€ gemacht. Die türkische Lira steigt und fällt sehr stark. Man muss nur wissen wann ein- und wann auszusteigen ist und sich in der türkischen Politik auf dem laufenden halten. Zur Zeit siehts riskant aus, aber Mittel und Lanfristig ist auf jeden Fall viel Rendite zu holen. Ich bleibe dran.

  • @inflate

    Bauprojekte kann sich sogar Nord Korea selbst finanzieren. Dafür sind kaum ausländische Geldmittel zwingend. Eventuell war das eine oder andere Mega-Hotel als ausländische Investition geplant. Beim anhaltenden türkischen Tourismusboom kann aber auch das keine wirkliche Kreditklemme auslösen, weil sich solche narrensichere Investitionen über den sekundären Kapitalmarkt (oder Venturekapital) finanzieren lassen. Ich halte da schon eher an meiner Vermutung fest, dass diverse Börsenunternehmen mit westlichen Fiatwährungen aufgekauft werden sollten. -- Aber jetzt ist Schluss mit diesem Unfug.

  • Alles ist doch ganz einfach. Es wird weiterhin massiv Geld gedruckt. Es lebe die "Dovish" Janet Yellen und "Supermario".Die kleinen Sparerdeppen werden enteignet, die Lebensversicherungen taugen nichts mehr, die Renntenkassen werden entleert. Hauptsache der Dax und der Dow Jones werden noch steigen, die Superrreichen werden durch Aktien noch reicher (das Geld wird kaum in Arbeitsplätze investiert). Sie werden doch nicht glauben, dass unsere tüchtigen Notenbankenchefs die Schwellenländer und die "armen" Bôrsenspekulanten im Stich lassen. Eins ist sicher: das Geld der Börsenspekulanten und der Schwellenländerreichen wird kaum in die Wirtschaft gesteckt.

  • Sie haben absolut Recht. Genau das tat damals Anfang der 1980er Jahre übrigens auch der damalige FED-Chef Paul Volcker: er katapultierte die Prime Rate auf über 20%. Damit war das Thema Stagflation in den USA auch durch: es kam zu einer (kurzen) Bereinigungskrise, aber danach konnte die Wirtschaft wieder neu aufblühen.
    Wenn Sie sich die Leistungsbilanz der Türkei anschauen, dann sehen Sie sehr deutlich, dass der Aufschwung (insbesondere durch den Bauboom) in der Türkei alleine vom billigen Kredit getrieben war: die Türkei steht hier an 186. Stelle von 193 Staaten:
    https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2187rank.html
    Jetzt fließt das ausländische Kapital wieder ab, und der (ungesunde) kreditfinanzierte Boom ist zu Ende.
    Eine Frage noch zum Schluss: Was glauben Sie, was passieren würde, wenn der Staat, der hier in der Statistik an letzter Stelle steht (und jetzt die größte Schuldner-Nation der Welt ist), heute das gleiche tun würde als damals unter Paul Volcker (als er die größte Gläubiger-Nation war)? ;-)
    Wenn man der festen Überzeugung ist, in einem Schuldgeldsystem mittels Deficit-Spending alleine durch Konsum Aufschwung und Wohlstand erzeugen zu können, dann muss man letztendlich eben auch die Konsequenzen (der Exponentialfunktion des Zinseszins)tragen:
    http://research.stlouisfed.org/fred2/series/GFDEBTN?cid=5

  • USA = - 17 Billionen Staatsschulden
    USA Währungsreserven [2012] +150 Mrd


    EU = - 11,5 Billionen Staatsschulden
    EU [EZB] Währungsreserven [Nov.2010] +59 Mrd


    USA = Staatsverschuldung = - 17 Billionen US $
    EU = gesamte Staatsverschuldung = - 11,5 Billionen €

    Russland = Staatsverschuldung = - 0,7 Billionen US $
    Indien= Staatsverschuldung = - 1.0 Billionen US $
    Argentinien = Staatsverschuldung = - 0,197 Billionen
    Brasilien = Staatsverschuldung = - 0,4 Billionen
    Türkei = Staatsverschuldung = - 0,31 Billionen

    USA = Handelbilanzdefizit = - 45 Mrd US $
    EU Handelbilanzdefizit = - 256 Mrd [letzter verfügbarer Stand Eurostat 2008]

    Russland = Handelsüberschuss + 212 Mrd US $
    Indien = Handelsbilanzdefizit -15 Mrd US $
    Argentinien = Handelsüberschuss + 272 Millionen US $
    Brasilien = Handelsüberschuss + 2,6 Mrd US $
    Türkei = Handelsbilanzdefizit – 7,1 Mrd US $

    In Summe betrachtet: Die USA und EU stehen um vieles schlechter dar als die Schwellenländer.


  • Aber bitte! Lasst sie ziehen. Diese Kapitalabflüsse sind ganz im Interesse der Emerging-Markets, da es sich dabei ausschließlich um Fiat-Kapital handelt. Hier dachten doch tatsächlich einige Schlauköpfe sie könnten die Börsen der Schwellenländer billig aufkaufen und sich so Rohstoffe und Wachstumsperspektiven unter den Nagel reißen. Langfristig sind die BRICs + Türkei + Argentinien ohnehin besser darn ohne die Fiat-Währungen Dollar/Euro/Yen/Pfund auszukommen und auf einen Goldstandard zu setzen. Wer argentinisches Rindfleisch, russisches Erdgas oder indische Computerkomponenten haben will, soll künftig Waggonladungen an Gold aufbieten. Wie, Ihr habt keines mehr? dann friert Euch den A**ch ab!

  • Offensichtlich bereitet sich die Türkei auf den Beitritt in die EU vor.
    Schulden, Korruption und ein unbegrenztes Selbstbewusstsein, wenn es darum geht, Forderungen zu stellen.
    Passt schon.

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