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Kommentar Draghi muss nachladen

Der Chef der EZB hat die Märkte falsch eingeschätzt. Aber wer einmal daneben trifft, hat immer noch die Chance auf einen zweiten, besseren Schuss. Damit kann er auch seine Kritiker in die Schranken weisen, die mit ihren Argumenten überwiegend noch weiter daneben liegen.
04.12.2015 - 01:48 Uhr

Draghi flutet die Märkte

New York Was tut ein Jäger, wenn der erste Schuss nicht gesessen hat? Er wird erst einmal die Büchse nachladen. Und dann das Wild verfolgen um zu schauen, ob er es nicht doch so gut getroffen hat, dass es am Ende erliegt. Oder, wenn es ein glatter Fehlschuss war, wird er der Beute nachstellen und beim zweiten Schuss hoffentlich besser zielen.

Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, war in den letzten Jahren meist ein guter Schütze. Eine Weile hat er die Märkte allein durch seine Worte so getroffen, dass sie sich nach seinen Vorstellungen bewegten. Danach hat er mit seinen geldpolitischen Manövern häufig die Erwartungen der Märkte übertroffen – und sie damit wieder in die richtige Richtung bewegt. Aber am Donnerstag ist das Gegenteil passiert: Die Märkte waren enttäuscht, weil sie mehr erwartet hatten. Diese Reaktion war sicher nicht geplant. Draghi hätte vorher die Erwartungen dämpfen müssen oder sie gar nicht erst so anfachen dürfen. Oder er hätte am Donnerstag mehr liefern müssen.

Die gute Nachricht ist: Die ersten Reaktionen sahen schlimmer aus als sie sind. Viele Investoren sind einfach auf dem falschen Fuß erwischt worden, vor allem im Devisenmarkt. Sie hatten auf einen fallenden Euro gewettet. Als sich zeigte, dass das Gegenteil passiert, haben sie rasch Euros gekauft, um sich gegen noch höhere Verluste zu schützen. Wenn derart massive Positionen am Markt aufgelöst werden, sind die ersten Kursreaktionen heftig, aber meist auch nur von begrenzter Dauer.

Trotzdem bleibt das Problem: Draghi hat für einen Moment die Fühlung zu den Märkten verloren, auf die er dringend angewiesen ist, um seine geldpolitischen Ziele zu erreichen. In den USA, wo die weltweit entscheidenden Investoren sitzen, wird schon ganz leise gefragt, ob Draghi vielleicht nicht mehr liefern konnte, weil der Widerstand bei seinen EZB-Kollegen zu groß war. Sollte sich dieser Eindruck verfestigen – was noch nicht der Fall ist -, dann wäre das fatal. Noch schlimmer wäre die Einschätzung, der EZB-Chef würde vor dem Dauerfeuer aus Kritik, vor allem aus der deutschen Politik, zurückweichen. Ein Europa mit einem Notenbank-Chef, der als lahme Ente erscheint – das könnte wirklich niemand gebrauchen.

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    Draghi muss reagieren. Er muss seine Büchse nachladen. Er muss den Märkten entweder deutlich machen, dass sie ihn falsch verstanden haben und seine Geldpolitik expansiver ist, als sie in ihrer Reaktion verstanden haben. Oder er muss klar machen, dass er sich einen zweiten Schuss vorbehält, weil der erste nicht gesessen hat. Und wenn es nötig ist, muss er den zweiten Schuss auch abfeuern. Nur so kann er die ökonomische Entwicklung in Euro-Land einigermaßen unter Kontrolle behalten. Und wenn nicht er, wer dann?

    Draghi im Konfetti-Regen
    Beherzter Sprung
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    Während Mario Draghi die ersten Sätze spricht, springt die Aktivistin auf das Podium. Es soll sich um eine Frauenrechtlerin von Femen handeln. Die EZB sagte dazu, dass sich die junge Frau mit einem falschem Journalistenausweis eingeschlichen habe. Sie habe dabei den regulären Sicherheitscheck mit Metalldetektor passiert. EZB-Präsident Draghi habe die Pressekonferenz nach dem Vorfall ruhig fortgesetzt.

    (Foto: Reuters)
    Der Schreckmoment
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    Eine Frau auf Draghis Tisch: Der EZB-Chef erschreckt heftig, Arme und Hände in Abwehrhaltung.

    (Foto: dpa)
    Die Szenerie
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    Die Fotografen zücken die Kameras, vom Rand des Podiums eilt ein Sicherheitsmann herbei. Währenddessen hat die Aktivistin längst einen Stapel Papier in die Höhe geworfen – und hat sich noch etwas anderes ausgedacht...

    (Foto: AFP)
    Konfetti frei!
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    Die Frau bewirft den EZB-Chef mit Konfetti. Der Sicherheitsmann umkurvt derweil erst einmal die Pressesprecherin.

    (Foto: AFP)
    Draghi in Sicherheit
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    Dann ist die „Gefahr“ gebannt. Die Frau wird vom Tisch gezerrt. Dabei schreit sie „Stopp the ECB-Dicktatorship“ (deutsch: „Stoppt die EZB Diktatur“).

    (Foto: AFP)
    Aktion beendet
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    Doch einfach macht sie es den Sicherheitsleuten nicht. Zufrieden feiert sie ihren Erfolg.

    (Foto: Reuters)
    Pressekonferenz unterbrochen
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    Die Pressekonferenz mit Draghi wurde kurzzeitig unterbrochen. Die Femen-Aktivistin wagt noch einen letzten Schrei...

    (Foto: Reuters)

    Seine Kritiker, die ihm eine zu expansive Geldpolitik vorwerfen, haben überwiegend vergessen, was das gesetzliche Mandat der Notenbank ist: auf eine stabile Preisentwicklung hinzuwirken. Genau das versucht Draghi. Wer seine Mittel für falsch hält, sollte sagen, welche Alternativen er denn vorschlägt, wenn er oder sie noch ernst genommen werden will. Statt dessen wirft man ihm vor, dass die Zinsen zu niedrig für die Sparer sind. Aber es gehört nicht zur gesetzlichen Aufgabe der Notenbank, die Sparer zu beglücken, so hart das auch klingen mag. Im Grunde werfen seine Kritiker ihm vor, dass er seinen gesetzlichen Auftrag erfüllt, statt sich auf andere Ziele zu konzentrieren, die sie selber für wichtiger halten. Und diese Kritik kommt aus politischen Kreisen, die sonst gerne auf die Einhaltung der Regeln pochen.

    Auch der häufig gehörte Vorwurf Draghis Politik gefährde die Stabilität des Finanzsystems, ist sehr fade. Die US-Notenbank musste sich oft genug dasselbe anhören. Sie hat darauf regelmäßig und zu Recht geantwortet, dass ein Zusammenbruch der Konjunktur, der ohne Unterstützung der Geldpolitik eingetreten wäre, die Stabilität noch weitaus mehr gefährdet hätte.
    Der Vorwurf, Draghi unterstützte mit seiner Politik schwache Euro-Staaten, ist noch unsinniger. Selbst wenn es stimmen würde, dass das seine vorrangige Absicht ist, was keinesfalls nachweisbar ist: Was ist denn schlecht daran, gefährdete Staaten zu stabilisieren? Man kann Draghi schlecht einerseits vorwerfen, dass er die Stabilität gefährdet, und dann wieder, dass er zur Stabilität beiträgt. Oder wünschen die Kritiker sich ein Szenario, bei dem die Euro-Zone zusammenbricht, aber dann bitte schön aus den ihrer Meinung nach richtigen Gründen? Hier spukt im Hintergrund der Dogmatismus der Bundesbank, die die Euro-Zone, wenn sie das Sagen hätte, wahrscheinlich ordnungspolitisch korrekt vor die Wand fahren würde.

    So hilft die EZB den Schuldenmachern
    Italien profitiert
    1 von 9

    Die EZB hat Anfang März ihr neues Anti-Krisen-Programm gestartet. Sie „druckt“ frisches Geld und kauft damit Wertpapiere. Fachleute nennen dies quantitative Lockerung oder schlicht „QE“ („Quantitative Easing“). EZB-Präsident Mario Draghi hatte die Märkte seit Monaten darauf vorbereitet. Im Januar gab der EZB-Rat mit breiter Mehrheit grünes Licht – gegen den Widerstand etwa von Bundesbankpräsident Jens Weidmann und dem deutschen EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger. Seitdem preisen die Märkte das „QE“. Die Rendite für italienische zweijährige Staatsanleihen ist seit Jahresbeginn deutlich gefallen.

    Rendite (Jahresbeginn): 0,53 Prozent
    Rendite (18.03.2015): 0,29 Prozent
    Quelle: Bloomberg

    Langfristig günstiger
    2 von 9

    Die Rendite zehnjähriger italienischer Anleihen ist ebenfalls zurückgegangen. Italien kann sich damit deutlich günstiger Geld am Markt leihen. Das Land fiel während der Krise 2012 nicht nur wegen seiner Schulden, sondern auch wegen politischer Querelen auf. Die Zinsen lagen dementsprechend 2011/2012 bei fast sieben Prozent. Rund drei Jahre später sind die heutigen Zinsen für das Land deutlich niedriger.

    Rendite (Jahresbeginn): 1,89 Prozent
    Rendite (18.03.2015): 1,37 Prozent
    Quelle: Bloomberg

    Starkes Portugal
    3 von 9

    Am stärksten profitierten in der ersten Woche der EZB-Geldflut portugiesische Staatsanleihen. Die Rendite der 30-jährigen Anleihen aus Portugal fiel die sechste Woche in Folge und erreichte Mitte März ein Rekordtief. Auch für zweijährige Staatsanleihen ging es bei der Rendite deutlich abwärts. Zu Krisenzeiten lag die Rendite hier noch über 20 Prozent. Heute liegt sie nahe Null.

    Rendite (Jahresbeginn): 0,42 Prozent
    Rendite (18.03.2015): 0,11 Prozent
    Quelle: Bloomberg

    Rendite auf Vorkrisenniveau
    4 von 9

    Auch bei der Rendite zehnjähriger portugiesischer Staatsanleihen ging es nach unten. Die Differenz zur Rendite der  Bundesanleihen sank auf 130 Basispunkte – die kleinste Differenz seit April 2010. Die Renditen zeigen auch sehr deutlich, warum am Aktienmarkt Kauflaune herrscht: Mit Staatsanleihen kann man kaum noch Rendite erwirtschaften. Zum Vergleich: Im Sommer 2012 zahlte Portugal für seine zehnjährigen Anleihen mehr als 17 Prozent Zinsen.

    Rendite (Jahresbeginn): 2,69 Prozent
    Rendite (18.03.2015): 1,75 Prozent
    Quelle: Bloomberg

    Spanien kommt günstiger an Geld
    5 von 9

    Auch Spaniens Staatsanleihen sind seit Jahresbeginn beliebter. Die steigende Nachfrage ließ die Rendite konstant fallen. Zum Vergleich: Im Sommer 2012 forderten Anleger am Markt noch fast sieben Prozent Rendite für zweijährige spanische Staatspapiere.

    Rendite (Jahresbeginn): 0,4 Prozent
    Rendite (18.03.2015): 0,16 Prozent
    Quelle: Bloomberg

    Renditen weit unter Krisenniveau
    6 von 9

    Im Sommer 2012 zahlte Spanien mehr als sieben Prozent Zinsen für seine zehnjährigen Staatsanleihen. Im Sommer 2012 kam dann Draghis Versprechen „alles zu tun, was nötig sei“, um den Euro zu retten. Seitdem ging es bei den Renditen der Staatsanleihen konstant abwärts. Anfang 2015 betrugen die Zinsen nur noch 1,6 Prozent und fielen als Folge des „QE“ der EZB noch weiter.

    Rendite (Jahresbeginn): 1,6 Prozent
    Rendite (18.03.2015): 1,34 Prozent
    Quelle: Bloomberg

    Deutschland: Geld leihen und dafür zahlen
    7 von 9

    Eine besondere Situation zeigt sich bei den Bundesanleihen. Bei zweijährigen Staatspapieren der Bundesrepublik bekamen Anleger zu Jahresbeginn eine negative Rendite. Sprich: Investoren zahlen Geld, um Deutschland ihr Geld zu leihen. Durch die Staatsanleihekäufe der EZB ist die Rendite sogar noch weiter ins Minus gerutscht.

    Rendite (Jahresbeginn): - 0,1 Prozent
    Rendite (18.03.2015): - 0,23 Prozent
    Quelle: Bloomberg


    Letztlich ist es in Europa wie in den USA: Die Kritiker der Notenbank aus den Reihen der Politik lenken nur von ihrer eigenen Unfähigkeit ab, Probleme zu lösen. Die EZB kann die Probleme der Eurozone nicht lösen, sondern nur abmildern. Lösen können sie nur die gewählten Politiker. Aber so lange sie das nicht tun, bleibt Draghi nichts anderes übrig, als seinen gesetzlichen Auftrag zu erfüllen und die drohende Deflation zu bekämpfen, die letztlich durch das schwache Wachstum der in strukturelle Probleme verstrickten Euro-Zone bedingt ist. Der Fehlschuss von Draghi in dieser Woche sollte die Politiker aufrütteln und ihnen klar machen, dass ihr Spiel, sich zugleich auf die Notenbank zu verlassen und sie zu kritisieren, brandgefährlich ist.

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