Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Konjunktur Türkische Zentralbank leitet Kurswechsel in der Geldpolitik ein

Verschiedene Ökonomen sehen im Vorgehen der Zentralbank eine „Zinssenkung durch die Hintertür“. Analysten reagieren weitgehend skeptisch.
Kommentieren
Die Türkei leidet unter wirtschaftlichen und politischen Spannungen. Quelle: dpa
Flaggen in Istanbul

Die Türkei leidet unter wirtschaftlichen und politischen Spannungen.

(Foto: dpa)

Istanbul Die türkische Wirtschaft leidet: Die Inflation ist hoch, die Produktion des Landes sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt. Inzwischen hat jeder siebte arbeitsfähige Mensch im Land keinen Job mehr, die Regierung nimmt immer weniger Steuern ein. Und die weltweite Wirtschaftsflaute verstärkt den Druck auf ein Schwellenland wie die Türkei noch weiter.

Gleichzeitig hat die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan derzeit keine Reformen zu bieten, die eine Belebung der Konjunktur zur Folge haben könnten. Stattdessen will die Zentralbank aktiv werden – und bereitet die Banken des Landes sowie Investoren offenbar auf einen Kurswechsel in der Geldpolitik vor.

Mit einem speziellen Vehikel sollen Banken für bestimmte Zeit günstiger an Geld kommen, als dies unter dem derzeitigen Leitzins der Fall ist. Ökonomen nennen diesen Schritt eine „Zinssenkung durch die Hintertür“.

Die Zentralbank lässt damit die Zügel wieder etwas lockerer, nachdem sie zuvor die Lira gestärkt hatte. Zuvor hatten innen- und geopolitische Spannungen sowie eine grassierende Inflation die Geldwächter gezwungen, mittels hoher Leitzinsen gegen den Wertverlust der türkischen Währung vorzugehen.

Alleine in diesem Jahr hat die Lira zum US-Dollar zehn Prozent an Wert verloren. Nur der argentinische Peso weist weltweit eine schlechtere Entwicklung auf. Innerhalb von zwei Jahren beträgt der Wertverlust der türkischen Währung über 60 Prozent.

Hinzu kommt, dass am Sonntag die Kommunalwahl in Istanbul wiederholt wird. Die Metropole mit ihren 16 Millionen Einwohnern repräsentiert ein Drittel der türkischen Wirtschaftskraft. Bei der ursprünglichen Wahl hatte zunächst die Opposition gewonnen, ehe Erdogans AKP die Wahl wegen vermeintlicher Unregelmäßigkeiten überprüfen ließ und ein Gericht die Neuwahl anordnete. Nun, so glauben politische Beobachter, könnte ein Sieg der AKP neuerlich für massive Proteste und Unruhen sorgen.

Wertpapiergeschäfte zum Schutz der Wirtschaft

Vor diesen Hintergründen geht es nun offenbar darum, die Wirtschaft zu stärken - mit niedrigeren Zinsen. Das Mittel der Wahl nennt sich Offenmarktpolitik. Zentralbanken nutzen dieses Vehikel, um flexibel auf die Geldmenge in einer Volkswirtschaft Einfluss zu nehmen. Offenmarktgeschäfte sind Käufe oder Verkäufe von Wertpapieren durch die Notenbank. Damit kann die Zentralbank bei eigens ausgeschriebenen Geschäften über die Konditionen auf entsprechende Erfordernisse reagieren.

Bei einem derzeitigen Leitzins von inzwischen 24 Prozent verteuern sich Kredite für Unternehmen und Privatpersonen. Der Konsum geht zurück, die Wirtschaft schwächelt. Gleichzeitig sinken mit der Nachfrage auch die Preise – die Inflation wird gedämpft. Doch die hohe Arbeitslosigkeit ist ein Indiz dafür, dass den Unternehmen das Geld fehlt, um neue Jobs zu schaffen. In diesem Fall würden niedrigere Leitzinsen helfen.

In einer Erklärung der türkischen Zentralbank vom vergangenen Mittwoch wurde bereits erwähnt, dass die Geldpolitik die Wirksamkeit der eigenen Maßnahmen erhöhen muss. Der Zinssatz, der auf die Offenmarktpolitik jetzt angewandt wird, liegt 100 Basispunkte unter dem Leitzins der Zentralbank von 24 Prozent. Praktisch können sich Banken dadurch schon jetzt zu einem Zins von „nur noch“ 23 Prozent frisches Geld von der Zentralbank leihen, um es an Unternehmen und Konsumenten weiterzureichen.

„Durch die Hintertür“

Analysten deuten den Schritt als versteckte Zinssenkung, sind aber angesichts des Effekts dieser Maßnahme skeptisch. Guillaume Tresca von Credit Agricole schreibt dazu auf Twitter: „(Dieser Schritt) scheint durch die Hintertür gemacht worden zu sein. Das ist nicht gerade eine Zinssenkung, aber es sieht aus wie eine Zinsverbilligung. Auch nicht gut für die Glaubwürdigkeit der Türkei.“

Inan Demir von Nomura ergänzt: „Die durchschnittlichen Finanzierungskosten werden sinken, was zu einer Lockerung der Geldpolitik in diesem Land führen wird. Aber wir werden sehen, wie stark die durchschnittlichen Finanzierungskosten sinken werden oder ob sie signifikant sind.“

Devlet Bahceli, Chef der nationalistischen MHP, die derzeit mit der Regierungspartei AKP quasi eine Koalition bildet, forderte kürzlich sogar eine komplett neue Geldpolitik. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten seines Landes seien ein Indiz dafür, dass jemand „der politischen und wirtschaftlichen Stabilität des Landes Schaden zufügen“ wolle.

Das neue Geld-Regime solle die türkischen Wirtschaftsbeziehungen und Zahlungskanäle festigen, forderte Bahceli – wohl in Anlehnung auf drohende Sanktionen der USA gegen die Türkei im Zuge eines beschlossenen Waffendeals mit Russland. „Das Thema sollte ganz oben auf der Agenda stehen“, forderte Bahceli.

Mehr: Türkische Aktien rutschen in den Bärenmarkt. Das liegt vor allem an der schwachen Lira. Ausländische Investoren sind verunsichert.

Startseite

Mehr zu: Konjunktur - Türkische Zentralbank leitet Kurswechsel in der Geldpolitik ein

0 Kommentare zu "Konjunktur: Türkische Zentralbank leitet Kurswechsel in der Geldpolitik ein"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote