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Krypto-Finanzierungsrunden Deutsche Finanzaufsicht stoppt erstmals virtuellen Börsengang

Die Bafin greift beim ICO des Unternehmens Rise präventiv durch – ein Novum bei den Finanzaufsehern. Für die lasch kontrollierte Kryptobranche ist das ein Warnsignal.
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Bafin: Finanzaufsicht stoppt erstmals virtuellen Börsengang Quelle: dpa
Bafin-Gebäude

Die Finanzaufsicht wird im noch schwach regulierten Kryptomarkt aktiv.

(Foto: dpa)

Frankfurt, DüsseldorfVom Stadtstreicher zum Millionär: Geht es nach den Machern von Rise, ist das bald so einfach wie nie. „Wohlstand demokratisieren“ lautet das Versprechen zweier Werbespots, die die Firma auf Youtube hochgeladen hat. Knapp 1,3 Millionen Mal wurden sie angesehen. Schauplatz ist der Berliner Ku’damm.

Ein Anzugträger läuft in einen vermeintlichen Obdachlosen hinein, schnauzt den Alten rüde an. Doch als der junge Schnösel seinen Kleinwagen aufschließen will, bricht der Alte in Gelächter aus, steigt in einen Lamborghini und braust davon. Auf der Tür des Luxuswagens: das Rise-Logo.

Bescheiden tritt die Firma nicht auf. Die Homepage verspricht „Investieren wie ein Milliardär“: „Rise entwickelt erstklassige KI-basierte Handelsstrategien, die seit 2012 die globalen Märkte übertroffen haben.“ Das soll eine fabelhafte Rendite ermöglichen: 675 Prozent binnen fünf Jahren. An diesen „innovativen Strategien“ sollten künftige Investoren partizipieren, indem sie sich an einem geplanten sogenannten virtuellen Börsengang (ICO) beteiligen.

Bei einem ICO gibt ein Unternehmen virtuelle „Token“ – eine Art digitale Wertmarken – aus. 120 Millionen Euro wollten die Macher so einnehmen, hieß es im Herbst, und den größten deutschen ICO, Envion, um 20 Millionen übertreffen. Doch aus den Plänen wurde nichts – bis heute ist der ICO nicht gestartet. Jetzt ist klar, warum.

Wie das Handelsblatt aus Finanzkreisen erfahren hat, ist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) eingeschritten und hat Ende 2018 den Stopp des ICOs erwirkt. Für die Behörde ist das ein Paradigmenwechsel. Lange hatte sie das Kryptouniversum nur aus der Ferne beobachtet. Verbraucherschützer hatten diesen Ansatz heftig kritisiert.

Auch Experten wie der Frankfurter Finanzprofessor Volker Brühl bezeichneten die Bafin als „viel zu passiv“. Doch nach den Skandalen des Jahres 2018, als Milliarden an Anlegergeld in betrügerischen Projekten landeten, ist nun offenbar der Geduldsfaden gerissen. Im Gleichklang mit anderen westlichen Aufsehern handelt die Bafin zunehmend präventiv. Der Fall Rise könnte nur das erste Beispiel sein. Für die deutsche Kryptobranche, die sich unter der laxen Aufsicht zum Mekka für Enthusiasten wie Betrüger entwickelt hat, wird er zum Menetekel.

Warnsignal für die Branche

Die Geschichte von Rise folgt einem bekannten Muster. Am Beginn stehen fantastische Versprechungen von dreistelligen Renditen. Rise-Chef Stefan Tittel gibt sich bis heute überzeugt, die richtige Strategie zu haben. „Wir entwickeln und forschen seit 2012“, sagt der 44-jährige Münchener. Rise handele Optionen, Indizes, Aktien und Kryptowährungen mithilfe von „systematischen, automatischen, algorithmenbasierten Handelssystemen“ sowie Künstlicher Intelligenz.

Vom größten deutschen ICO Envion, der 2018 spektakulär scheiterte, versuchte sich Rise demonstrativ abzusetzen. Man arbeite mit einer Bafin-lizenzierten Vermögensverwaltung aus München zusammen, erklärte Rise in seiner ersten Pressemitteilung. Die Basis für den ICO sollte ein Genussschein-Modell bilden, bei dem sich deutsche Investoren erst ab einer Summe von 200.000 Euro beteiligen dürfen. „All diese unsauber aufgesetzten Initiativen, zu welchen augenscheinlich auch Envion gehört, trugen dazu bei, dass der ICO an sich in Verruf geriet“, sagt Tittel. Rise sollte das ändern: Die Intention sei gewesen, einen „ICO 2.0“ zu starten.

So schön das klingt – die Bafin hat dem Versprechen nicht geglaubt. Zunächst wiesen die Beamten darauf hin, dass Rise nicht mehr mit der Bafin-Lizenzierung der Vermögensverwaltung werben dürfe, das sei „irreführend“. Ende 2018 ging die Bafin ans Eingemachte und intervenierte hinter den Kulissen. Anhaltspunkte für ein Einschreiten hatte sie offenbar genug.

Allein die Handelsregisterauszüge des Firmengeflechts, das hinter Rise steht, sprechen schon eine deutliche Sprache. Die beteiligten Unternehmen haben nur ein bis fünf Angestellte – obwohl auf der Rise-Homepage allein 14 Führungskräfte und acht Berater aufgeführt sind. Die angegebenen Geschäftstätigkeiten unterscheiden sich teilweise erheblich von der Rise-Story.

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Und einen nennenswerten Umsatz gibt es seit Jahren nicht. So machte die Bafin-lizenzierte Münchener Vermögensverwaltung QR Capital, auf deren Technologie Rise nach eigenen Angaben zurückgreift, 2017 einen Bilanzverlust von rund 95.900 Euro. 2016 betrug der Verlust 117.600 Euro. Auch die frühere QR Research & Trading GmbH, kurz vor dem geplanten ICO in Rise Wealth Technologies GmbH umbenannt, schreibt rote Zahlen. Der angebliche langjährige Erfolg mit KI-basierter Geldanlage – in den Zahlen schlägt er sich nicht nieder.

Was Beobachter auch alarmiert: Beim Rise-Projekt gibt es erstaunliche personelle Überschneidungen zu Envion, dessen 30.000 ICO-Anleger immer noch auf die Rückzahlung ihrer Gelder warten. Mehrere Envion-Hintermänner sind auch beim Rise-ICO aktiv, darunter der frühere PR-Chef von Envion, der Ex-Opernsänger und heutige „ICO-Berater“ Laurent Martin. Geführt ist er als Beschäftigter der Berlin Technology Group, die beim ICO unterstützt. Auf Nachfrage bestätigt Martin, er arbeite unter anderem für Rise als Netzwerker und Kommunikator und begleite die Firma zu Veranstaltungen.

Indirekt an Bord ist sogar der einstige Kopf von Envion, Michael Luckow. Dieser sagte dem Handelsblatt: „Ich habe meine Kontakte genutzt und Menschen und Firmen zusammengebracht. So habe ich zum Beispiel auch Herrn Martin mit den besten Empfehlungen an die Betreiber von Rise vermittelt.“ Selbst sei er „weder direkt noch indirekt an Rise beteiligt“. Rise-Chef Tittel erklärt, sein Projekt habe mit Envion „schlicht nichts zu tun“.

Und: „Weder ich noch irgendein Rise-Gesellschafter oder Mitarbeiter unserer Firma war oder ist bei Envion (…) oder hat jemals Envion-Token besessen oder besitzt welche.“ Er könne versichern, „dass niemand von Envion oder aus deren Umfeld bei uns investiert ist oder in Form von Token an einem ICO partizipiert, den wir unter Umständen in der Zukunft umsetzen“. Martin sei ihm „im Vorfeld weder persönlich noch sonst wie bekannt“ gewesen. Luckow sei ihm „flüchtig“ bekannt, außerdem der CEO von Envion, Michael Woestmann.

Wolf Brandes, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Hessen, hält das Vorgehen von Rise für höchst suspekt. Die personellen Überschneidungen zur Mannschaft hinter Envion seien problematisch – und auch, dass die Beteiligung von Akteuren wie Martin verschwiegen werde. „Gerade beim grauen Kapitalmarkt ist es wichtig, alle Beteiligten vor dem Investment zu kennen, damit Anleger sich ein Bild machen können, ob Interessenkonflikte vorliegen“, sagt Brandes.

Die Macher würben mit sehr hohen Renditen, während ausreichende Risikohinweise fehlten. „In einer Beispielrechnung von Rise, die auf der Homepage zu sehen war, stieg der Wert in fünf Jahren um 675 Prozent. Selbst im schlechtesten Szenario wird eine Rendite von 100 Prozent in Aussicht gestellt. Dies ist fernab jeder Gewinnchance für übliche Risikoinvestments.“ Brandes Rat: Finger weg.

Rise-CEO Tittel sagte, das Renditemodell sei „verbesserungswürdig“ gewesen. Problematisch sei die Darstellung der Mindestrendite von 100 Prozent, „da der Hinweis, dass es sich um das schlechteste Ergebnis anhand unserer Modellrechnungen handelt, auf den ersten Blick nicht erkennbar genug dargestellt wurde“. Inzwischen sind die Renditerechnungen nicht mehr online, auch das Konzeptpapier für den ICO ist verschwunden.

Der Bafin haben diese Änderungen nicht gereicht. Offiziell will die Behörde nicht Stellung nehmen. Einzelfälle kommentiere man nicht. Aber Mittel und Wege, auf einen Stopp des ICO zu drängen, hatten die Aufseher offenbar genug. Ihr Eingreifen hat möglicherweise einen neuen Anlegerskandal verhindert – für den Moment.

Auf Anfrage erklärt Rise-Chef Tittel, der vorläufige Stopp des ICOs hänge mit der „allgemeinen Marktsituation im Bereich Kryptowährungen“ zusammen, sein Team arbeite „weiterhin und unvermindert an der Skalierung unseres Geschäfts“. Mehr werde man im Laufe des Jahres sagen können. Einen neuen ICO-Anlauf von vornherein ausschließen darf die Bafin laut eigener Aussage nicht. Der vermeintliche Stadtstreicher mit dem teuren Sportflitzer, er könnte abermals zum Youtube-Helden werden.

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