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Laurence Boon im Interview OECD-Chefvolkswirtin: „Deutschland sollte im Ausland investieren“

Laurence Boon fordert, die Aktienanlage für Großinvestoren zu erleichtern. In Europa erhofft sie sich eine aktivere Finanzpolitik von solventen Staaten.
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OECD-Chefvolkswirtin: „Deutschland sollte im Ausland investieren“ Quelle: Bloomberg
Laurence Boone

Die Ökonomin warnt unter anderem vor den Folgen des Brexits.

(Foto: Bloomberg)

Laurence Boone lässt sich in kein politisches Schema pressen. Die OECD-Chefvolkswirtin setzt auf Handel und starke Kapitalmärkte, räumt aber zugleich ein, dass Ökonomen sich zu wenig um die Verlierer der Globalisierung kümmern. Sie kritisiert Deutschlands Abhängigkeit vom Export und lobt zugleich die Integration von Migranten.

Frau Boone, in Deutschland ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe neulich unter null gerutscht. Wie sollte Deutschland darauf reagieren?
Das ist eine Herausforderung für Investoren. Niedrige Zinsen sollten sie zum Kauf von produktiveren, risikoreicheren Anlagen als Staatsanleihen veranlassen, zum Beispiel von Aktien im heimischen Markt oder im Ausland. Es gibt auch in der Euro-Zone Länder, die wirtschaftlich aufholen und höhere Renditen bieten. Dort anzulegen würde Deutschland helfen und damit auch Europa.

Welche deutschen Investoren meinen Sie?
Zum Beispiel Pensionsfonds und Versicherer. Bei der Altersvorsorge braucht man einen Kern, der natürlich sicher sein muss. Aber es ist möglich, in einer zweiten Schicht ein etwas höheres Risiko einzugehen, der Rendite wegen. Dafür müssen aber die Bedingungen stimmen. Es geht da um Auflagen und Bestimmungen zur Rechnungslegung. Wir brauchen mehr Aktienanlagen – für die Sparer und um die Wirtschaft dynamischer zu machen.

Sprechen Sie die Vorschriften unter dem Stichwort „Solvency II“ an, die den Versicherern den Kauf von Aktien erschweren?
Solvency II ist ein Beispiel. Diese Themen sind politisch nicht so sexy, aber wir müssen sie angehen.

Die deutsche Volkswirtschaft insgesamt lebt ja sehr stark vom Export. Hat sich dieses Modell in einer Zeit von Handelskriegen überlebt?
Die Globalisierung ist nicht vorbei. Der Außenhandel lag bei 1995 bei 43 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP), heute sind es 70 Prozent. Aber die Welt ändert sich. Sie wird heute stärker von der Digitalisierung als vom Handel angetrieben. Deutschland muss, wie alle Länder, sich anpassen und mehr in die digitale Infrastruktur investieren.

Welche Anpassungen sind noch notwendig?
Wir bei der OECD empfehlen Deutschland schon lange, den Wettbewerb auf Warenmärkten zu stärken, außerdem im Dienstleistungsbereich, etwa bei Ladenöffnungszeiten, flexibler zu werden. Steuererleichterungen für Zweitverdiener wären auch hilfreich. Und natürlich ein leichterer Zugang für Frauen zu guten Jobs durch den Aufbau geeigneter Strukturen zur Kinderbetreuung.

Das ist eine lange Liste. Sehen Sie Fortschritte?
Es ist wichtig, dass Deutschlands Dynamik mehr auf Konsum beruht und weniger auf dem Export. Beeindruckend finden wir aber die Bemühungen, Migranten möglichst schnell zu integrieren.

Das Wachstum ist ja in ganz Europa schwach. Wie kann man da gegensteuern?
Die weltweite Abschwächung hat viele Ursachen, von den steigenden Spannungen in der Handelspolitik über das gedämpfte Wachstum in China bis hin zu den politischen Unwägbarkeiten in Europa. Wir glauben aber, dass sich das globale Wachstum stabilisiert – wegen der günstigen Finanzierungsbedingungen, der Erholung der Arbeitsmärkte und des robusten Konsums.

Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, hat große Sorgen geäußert, weil auch der Handel innerhalb Europas zurückgegangen ist.
Die Lieferketten in Europa sind tief integriert. Das ist großartig, wenn alles gut läuft, weil die Länder sich gegenseitig stärken. Aber das kann sich umdrehen, wenn es zu Spannungen kommt.

Können Sie ein Beispiel geben?
Nehmen Sie die Automobilindustrie. Der Beitrag Frankreichs und Italiens zu den deutschen Autoexporten entspricht etwa zehn Prozent der dortigen Autoexporte.

Wie kann die Politik die Wirtschaft stärken?
Die Regierungen müssen zusammenarbeiten. In Europa brauchen wir in den Ländern mit niedriger Verschuldung einen koordinierten finanzpolitischen Schub – dazu strukturelle Reformen.

Also mehr Staatsschulden?
Bis zu einem gewissen Grad, aber das allein reicht nicht. Die wenig verschuldeten Länder sollten der Euro-Zone einen Stimulus in Höhe eines halben Prozents der Wirtschaftsleistung verabreichen. Wenn zusätzlich alle Länder durch strukturelle Reformen die Produktivität um 0,2 Prozentpunkte verbessern, dann könnte die Währungsunion innerhalb von zwei Jahren um einen halben Prozentpunkt ihres BIP zusätzlich wachsen.

Wie stark ist der Einfluss des Brexits?
Wir können jetzt schon Auswirkungen der Unsicherheit sehen, die diese Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union mit sich bringen. Die Investitionen sind seit zwei Jahren ins Stocken geraten. Wenn wir das britische BIP mit dem anderer Länder wie den USA, Deutschland und Frankreich vergleichen, dann ist es zwei Prozent niedriger, als es ohne Brexit wäre. Ein harter Brexit würde die Wirtschaft noch mehr schädigen. Wir hoffen sehr, dass Großbritannien so eng wie möglich mit der EU verbunden bleibt.

Und wie schätzen Sie die Situation in Italien ein?
Seit Längerem ist das schwache Wachstum das größte Problem dort. Die Lösung ist, die ebenfalls schon lange niedrige Produktivität zu verbessern. Italien muss seine exzessive Bürokratie abbauen, den Wettbewerb stärken und die Effizienz der Justiz stärken. Außerdem braucht es hohe Investitionen in die Bildung. Eine aktive Arbeitsmarktpolitik muss vor allem jungen Menschen und weniger Qualifizierten helfen. Und die Ungleichheit zwischen Nord und Süd hemmt das Wachstum.

Sie sind jetzt seit rund einem Jahr Chefökonomin der OECD. Was kann der Beitrag Ihrer Zunft für die Wohlfahrt in Europa sein?
Unsere Analyse muss sich mehr auf Ungleichheit und die Aushöhlung der wirtschaftlich schwächeren Schichten konzentrieren. Wir haben uns lange allein auf die Produktivität fokussiert, in der Hoffnung, dass das allen nützt. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, um die besten Strategien zu finden für ein starkes, nachhaltigeres Wachstum, das alle mit einschließt.

Frau Boone, vielen Dank für das Gespräch.

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