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Lira-Verfall 17,9 Prozent Inflation in der Türkei – Zentralbank kündigt Reaktion an

Die Inflation in der Türkei ist im August auf den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen. Eine Erhöhung des Leitzinses ist wahrscheinlich, doch die Preise könnten weiter steigen.
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Türkei: Zentralbank kündigt Reaktion auf hohe Inflation an Quelle: AP
Markthalle in Istanbul

Die Lira hat seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent zum Dollar verloren.

(Foto: AP)

IstanbulDie Türkei hält die Anleger in Atem: Unmittelbar nach Bekanntwerden der höchsten Inflationszahlen seit 2003 hat die türkische Zentralbank ein eigenes Statement veröffentlicht – und sich besorgt gezeigt. Die Entwicklungen bei den Preissteigerungen gäben Anlass zur Sorge, heißt es in der Stellungnahme. „Die Zentralbank wird die notwendige Antwort geben, um die Preisstabilität im Land zu unterstützen.“ Beim nächsten Treffen am 13. September wollen die Notenbanker ihre Politik den Entwicklungen bei der Inflation anpassen.

Die jüngsten Zahlen des Statistikinstituts Tüik zeigen, dass die Preise im August dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahresmonat um 17,9 Prozent angestiegen sind.

Im Jahr 2003, als die türkische Partei AKP die Regierungsgeschäfte übernahm, hatten die Wissenschaftler ein Versprechen abgegeben: Die alten Zeiten mit zweistelligen Inflationsraten, mit denen die Vorgängerregierungen zu tun hatten, sollten vorbei sein. Jetzt, unter der AKP, sollte alles besser werden, auch was die Preissteigerungen im Land betrifft.

Ein Versprechen, das sich nun, 15 Jahre später, als Wolkenkuckucksheim entpuppt – eine Fantasiewelt, in die sich die Statistiker hineingesponnen haben.

Auch die Kerninflation, die preissensible Produkte wie Energiedienstleistungen außer Acht lässt, stieg auf 17,22 Prozent an. Das ist in Bezug auf die neue Zeitrechnung ab dem Jahr 2003 ein trauriger Rekord.

Die immer weiter ansteigende Inflation setzte am Montag auch dem Wechselkurs der türkischen Lira erneut zu. Der Dollar verteuerte sich um bis zu 3,3 Prozent auf 6,7304 Lira. Zu Jahresbeginn kostete ein US-Dollar noch 3,75 Lira.

Finanzminister Berat Albayrak versuchte, die Inflationszahlen zu relativieren. „Temporäre Schocks nach einem solchen Abfall sind normal“, erklärte er den krassen Preisanstieg innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten.

Für die galoppierende Inflation gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist der Verfall der Landeswährung, die seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent an Wert verloren hat. Verantwortlich dafür ist zum einen die Finanzpolitik der USA. Das Ende der Finanzkrise sowie eine nationalistisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump sorgen für einen starken Dollar. Währungen aus Schwellenländern leiden darunter.

Denn eine schwächelnde Währung verteuert die Importe aus anderen Ländern und Währungsräumen. Das gilt vor allem für die Länder, die besonders viel Öl importieren müssen, dessen Preis in Dollar berechnet wird. Rohöl und verarbeitete Produkte wie Benzin oder Kerosin für Flugzeuge verteuern sich dadurch: Die Inflation in dem Bereich steigt an. Dementsprechend verzeichneten den jüngsten Daten zufolge Transportdienstleistungen in der Türkei den stärksten Preisanstieg in Höhe von 27,13 Prozent im Vergleich zum August 2017.

Auch die Preise für Lebensmittel und antialkoholische Getränke stiegen um 19,75 Prozent an – und das, obwohl die Türkei sich zum größten Teil selbst versorgen kann.

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Ein weiterer Grund ist die Politik aus Ankara, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Einmal, weil Staatschef Erdogan zuletzt viel Vertrauen verspielt hat, etwa bei Investoren. So kündigte Erdogan im Mai an, künftig seine Kontrolle über die Zentralbank ausweiten zu wollen. Zwar dürfte wohl keine Notenbank der Welt existieren, die vollständig unabhängig von der Politik agiert. Trotzdem sorgten Erdogans Äußerungen unter Investoren für Unbehagen.

„Eine unabhängige Notenbank ist essenziell für die Türkei“, resümierte zum Beispiel Timothy Ash, Senior-Analyst für Schwellenländer beim Londoner Vermögensverwalter Blue Bay. „Wer genau hinschaut, der sieht sofort, dass die Lira jedes Mal an Stärke gewann, wenn die Türkische Zentralbank orthodoxe Maßnahmen ergriffen hatte.“ Vergrößert wurde die Unzufriedenheit daher, als die Währungshüter eine von den Anlegern geforderte Erhöhung des Leitzinses ablehnten und ihn bei 17,75 Prozent beließen.

Hinzu kommt: Neuer Finanzminister in Ankara ist Berat Albayrak. Der war zuvor Energieminister und ist gleichzeitig Erdogans Schwiegersohn. Niemand hatte zuvor geahnt, dass der türkische Staatschef das wichtigste Ministerium der Regierung einem Familienangehörigen anvertraut.

All dies führte zu einem großen Vertrauensverlust unter Investoren. Die Folgen: Ratingagenturen wie Fitch oder Moody’s senkten den Daumen über das Land. Unzählige Anleger folgten dem Rat und zogen ihr Geld aus der Türkei ab. Auch das schwächte die Lira und trieb damit die Inflation weiter an.

Doch zum Teil ist die Preissteigerung auch gewollt. Die Führung in Ankara kündigte bereits im Juni an, künftig auf einzelne Produkte und Dienstleistungen höhere Steuern erheben zu wollen, etwa auf Alkohol oder importierte Automobile. Wenn solche Steuern ansteigen, steigt in der Regel der Verkaufspreis – und damit die gemessene Inflation.

Doch auch die Erzeugerpreise haben sich stark verteuert. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stiegen sie im August um 32,13 Prozent an – auch dies ist ein Rekordwert.

Experten sind sich einig: Das einzige Mittel, um die Inflation und den abfallenden Wechselkurs zu bekämpfen, ist eine Leitzinserhöhung durch die Zentralbank. In ihrer Stellungnahme vom Montag deutet sie das zumindest an. Die Zentralbank wolle weiterhin alle Instrumente nutzen, um ihr Primärziel stabiler Preise zu erreichen. „Die Geldpolitik wird daher beim nächsten Treffen des geldpolitischen Rats im September neu ausgerichtet.“ Im Raum steht eine Erhöhung des Leitzinses auf 20 Prozent, wie das Handelsblatt erfahren hat.

Ob das reicht, um die Inflation wirksam zu bekämpfen? Zunächst könnte es noch schlimmer kommen. Die drastische Abwertung der Lira in den vergangenen Wochen spiegele sich in den am Montag veröffentlichten Zahlen nämlich noch gar nicht wider, betont Commerzbank-Analyst Tata Ghose. „Vor den Ereignissen im August sah unser Basisszenario eine Inflationsbeschleunigung auf rund 18 Prozent in den kommenden Monaten vor“, erklärt er. „Jetzt halten wir 25 bis 30 Prozent bis Ende 2018 für wahrscheinlich.“

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