Martin Brown „Vollgeld ist ein Irrglaube“ – das sagt zumindest ein Schweizer Ökonom

Aus Sicht des Ökonomen Martin Brown verspricht die Initiative zur Reform des Geldsystems mehr, als sie halten kann. Banken müssten auch in Zukunft gerettet werden.
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Das Vollgeldsystem könne Finanzkrisen nicht verhindern, meint der Wissenschaftler. Quelle: Alma/HSG Alumni
Martin Brown, Professor für Bankwirtschaft

Das Vollgeldsystem könne Finanzkrisen nicht verhindern, meint der Wissenschaftler.

(Foto: Alma/HSG Alumni)

ZürichMit Krisen kennt sich Martin Brown aus: Der Professor für Bankwirtschaft forscht an der Universität in St. Gallen zu Banken und Finanzentscheidungen von Privatleuten. Früher hat er bei der Schweizerischen Nationalbank gearbeitet.

Herr Brown, worum geht es bei der Vollgeld-Initiative?
Das Geld, das heute als sogenanntes Buchgeld auf den Girokonten der Banken liegt, soll in Zukunft wie Bargeld in einem Safe behandelt werden. Die Banken würden es nur verwahren, aber letztlich wären es Ansprüche gegen die Schweizerische Nationalbank. Das nennt man Vollgeld.

Welche Vorteile hätte ein solches Vollgeldsystem?
Die Initianten glauben, dass Bankeinlagen dadurch sicherer werden und es zu weniger Finanzkrisen kommt. Denn die Menschen müssten bei einer Krise nicht mehr zu ihrer Bank rennen, um ihre Ersparnisse abzuheben.

Das hört sich doch schlüssig an…
… aber ich halte es für einen Irrglauben. Als die Vollgeld-Idee erstmals diskutiert wurde – in den 1930er-Jahren –, waren sogenannte Bankruns tatsächlich ein Problem. Heute haben wir eine Einlagensicherung

Aber Finanzkrisen gibt es doch trotzdem.
Ja, aber sie werden durch andere Faktoren ausgelöst. Banken geraten in Schieflage, weil sie sich verspekulieren. Dagegen gibt es wirksamere Maßnahmen, etwa höhere Kapitalanforderungen. Die jüngste Finanzkrise hätte dagegen auch das Vollgeldsystem nicht verhindert.

Immerhin könnte der Staat die Banken dann doch abwickeln, ohne unsere Ersparnisse zu gefährden. Die Institute wären nicht mehr zu groß, um sie scheitern zu lassen.
So einfach ist es leider nicht. Große schweizerische Institute wie die UBS, die Credit Suisse oder die Postfinanz sind ja nicht nur systemrelevant, weil sie Girokonten anbieten. Sie übernehmen wesentliche Dienstleistungen wie die Abwicklung von Wertpapiergeschäften, die Kreditvergabe oder den Zahlungsverkehr. Deshalb könnte man sie nicht einfach abwickeln, Vollgeld hin oder her.

Die Nationalbank könnte die Geldmenge durch das Vollgeld besser steuern. Würde das nicht helfen, Kreditzyklen und Spekulationsblasen zu verhindern?
Auch von dem Argument bin ich nicht überzeugt. Wir wissen aus der Erfahrung der Finanzkrise, dass mit Hypotheken besicherte Kredite eine Hauptursache für Spekulationsblasen im Immobilienmarkt sind. Daran würde auch das Vollgeldsystem nichts ändern.

Inwiefern?
Wenn die Häuserpreise steigen, sorgt das für eine höhere Kreditvergabe, weil die Haushalte und Kleinunternehmen wertvollere Sicherheiten anzubieten haben. Dieses prozyklische Kreditangebot heizt die Häuserpreise und die Konjunktur weiter an. Das gilt aber auch umgekehrt. Sinken die Hauspreise, dann stockt die Kreditvergabe, und die Aussichten für die Realwirtschaft trüben sich ein. An diesen Zyklen würde auch das Vollgeldsystem nichts ändern.

Könnte die Nationalbank bei einer Spekulationsblase nicht einschreiten und die Geldmenge reduzieren?
Das könnte sie, sofern in einem Vollgeldsystem die Banken sich stark über Kredite der Nationalbank refinanzieren. Aber die Banken könnten sich das Geld auch am Kapitalmarkt beschaffen. Da gibt es ein grundsätzliches Problem. Durch die Einführung des Vollgeldsystems würden die Banken rund 500 Milliarden Franken aus ihren Bilanzen verlieren. Dieses Geld werden sie sich woanders verschaffen. Das könnte die Institute womöglich noch anfälliger für Krisen machen.

Das müssen Sie erklären.
Statt sich über Einlagen zu refinanzieren, würden die Institute am Kapitalmarkt frisches Geld aufnehmen. Die Banken dürften dabei auch auf kurzfristige Anleihen zurückgreifen. Aus der Pleite der britischen Bank Northern Rock haben wir gelernt, dass das sehr gefährlich werden kann, wenn sich diese Anleihen nicht refinanzieren lassen. So könnte die Einführung des Vollgeldsystems die Krisengefahr sogar verschärfen.

Notenbankchef Thomas Jordan hat sich gegen das Vollgeld ausgesprochen. Darf sich die Notenbank in die Debatte einmischen?
Die SNB hat sich immer zu Wort gemeldet, wenn eine Initiative ihre Handlungsfähigkeit betrifft. Und das wäre beim Vollgeld eindeutig der Fall. Die SNB fürchtet, vor den Karren der Politik gespannt zu werden. Schon heute ist die Nationalbank deren Begehrlichkeiten ausgesetzt, aber im Vollgeldsystem dürften die Kantone und der Bund noch mehr Druck machen, damit die Bank neues Vollgeld schafft.

Wie ein Vollgeldfan klingen Sie nicht gerade.
Aus meiner Sicht gibt es viele der Vorteile nicht, mit denen die Initianten werben. Zugleich könnte das Vollgeldsystem für die Finanzstabilität sogar nachteilig sein. Trotzdem hat die Initiative auch eine positive Seite.

Welche denn?
Finanzthemen werden selten in der Öffentlichkeit diskutiert. Ich finde es gut, dass die Menschen sich Gedanken um ihr Geldsystem machen. Auch in der Ökonomie gibt es ein neues Interesse über grundlegende Fragen der Geldschöpfung. Egal, wie die Abstimmung ausgeht: Diese Debatte wird weitergehen.

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4 Kommentare zu "Martin Brown: „Vollgeld ist ein Irrglaube“ – das sagt zumindest ein Schweizer Ökonom"

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  • Die Grundfrage, auf die hier Prof. Brown nur am Rande eingeht, ist diejenige, wer für die Herstellung des Geldes (Münzen, Banknoten und Buchgeld) zuständig sein soll und war am besten dazu geeignet ist.
    Sind es die privaten Banken, die im Eigeninteresse Kredite vergeben, oder auch mit selbst erzeugten Buchgeldern einkaufen können (Immobilien, Wertpapiere usw).
    Oder wäre es eher die Nationalbank, die gemäss Verfassung im „Gesamtinteresse des Landes“ zu wirken hat.
    Diese wichtige Frage wird aber üblicherweise ausgeklammert, denn die Begründung warum hier private, profitorientierte Banken besser geeignet sein sollen, ist doch nicht einfach logisch zu liefern.

    Ewald Kornmann
    Mitglied des Initiativkomitees der Vollgeld-Initiative

  • Auch die Behauptung, die Banken würden CHF 500 Mrd. aus ihren Bilanzen verlieren, ist vollkommen aus der Luft gegriffen und so komplett falsch. Die Bilanzsummen der Banken würden bei der Umstellung genau gleich hoch bleiben. Auf der Homepage der Initiative ist dies auch im Detail beschrieben. Dies zeigt, dass aus einem Missverständnis eine komplett falsche Schlussfolgerung gezogen wird.
    Im Gegenteil zur Aussage von Prof. Brown ,würden die Banken kurzfristig sogar stabiler, denn die ausgelagerten kurzfristigen Kundeneinlagen (Girokonten der Gelemenge M1) würden durch eine langfristige Position der Nationalbank ersetzt. Die Fristen der Aktiv- und Passivseite der Bankbilanzen würden also eher angeglichen.

    Als Schlussfolgerung stellt sich nun die Frage, wie fundiert die Aussagen von Prof. Brown überhaupt sind, wenn er so gravierende Missverständnisse noch hat und trotzdem bereits seine Kommentare abgibt. Aber auch dies ist typisch für die Schlussphase des Abstimmungskampfes. Es wird mit Behauptungen ohne jede fachliche Begründung Angst geschürt, um ein ablehnendes Ergebnis zu erzwingen.

    Ewald Kornmann
    Mitglied des Initiativkomitees der Vollgeld-Initiative

  • Wenn Prof. Brown sagt, höhere Kapitalanforderungen seien wirksamer, mag dies theoretisch richtig sein, doch genau diese wurden im Parlament im letzten Jahr als Gegenvorschlag eingebracht und abgelehnt. Das sind die demokratischen Realitäten.
    Was über die Immobilienblase gesagt wird, ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei, was war zuerste. Denn es ist doch wohl eher so, dass durch die grosszügige Kreditvergabe der Banken die Preise nach oben getrieben werden, als dass die steigenden Preise die Hypotheken erhöhen würden. Hier wird Ursache und Wirkung klar verwechselt. Was aber bei Ökonomen durchaus öfters vorkommt. Wie sollen denn die Preise steigen, wenn die Hypotheken und damit die Zahlungsfähigkeit der potentiellen Käufer nicht steigen würde? Bei den bereits sehr hohen Schweizer Immobilienpreisen und den dazu recht geringen Eigenkapitalien ist dies eine absurde Reihenfolgenbehauptung. Die Summe der ausstehenden Hypotheken wächst seit Jahrzehnten schneller als die Löhne. Solange die Tragbarkeit gegeben ist, ist dies auch zulässig, vergrössert aber die Kreditbasis, auf der die Banken durch die Zinsspanne ihre Einnahmen erziehlen. Die Banken haben also durchaus ein Eigeninteresse, solange die Kunden Zins und Rückzahlung irgendwie finanzieren zu können, aufs Ganze zu gehen und noch etwas mehr Kredite zu vergeben.

    Ewald Kornmann
    Mitglied des Initiativkomitees der Vollgeld-Initiative

  • Der „Irrglaube“ von Martin Brown

    Kollege Martin Brown bedient sich der nicht sehr wissenschaftlichen Pappkameraden-Methode: Man unterstelle einem missliebigen Reformvorschlag Ziele, die zu lösen er gar nicht beansprucht, und schiesse ihn dann mit dem Hinweis ab, dass er diese gar nicht verwirklichen könne.

    Die Vollgeld-Initiative (VGI) will nicht oder zumindest nicht unmittelbar die Banken stabilisieren und zukünftige Finanzkrisen verhindern; sie will unmittelbar nur sicherstellen, dass im Falle strauchelnder Banken die Geldvermögen auf den Zahlungskonten der Bankkunden (Personen und Firmen) nicht in die Konkursmasse fallen. Statt ein blosses Zahlungsversprechen der Bank in Form von Bankengiralgeld (das mehr als 80% der heute zirkulierenden Geldmenge ausmacht) sollen diese Konten gesetzliches Zahlungsmittel enthalten und von den Banken ausserhalb ihrer Bilanz geführt werden, so wie heute schon die Wertschriftendepots der Kunden. Damit stellt das (Voll-)Geld auf diesen Konten quasi elektronisches Bargeld dar. Das zirkulierende Geld ist dann unabhängig von seiner technischen Form (Münzen, Noten oder eben „elektronisches Geld“ auf Vollgeldkonten) stets vollwertiges gesetzliches Zahlungsmittel. Dass die Vollgeldreform dieses zeitgemässe Ziel verwirklichen würde, ist sachlich nicht zu bestreiten.

    Und was sagt Martin Brown auf die entsprechende Frage? Er nennt es einfach einen „Irrglauben“ und weicht weiträumig auf andere Probleme aus – als ob die VGI beanspruche, ein Allheilmittel zu sein. Da er aber keine Alternative benennt, läuft das de facto auf seinen „Irrglauben“ hinaus, der Status quo unseres Geld- und Finanzsystems sei schon die beste aller möglichen Finanzwelten.

    Wer davon nicht überzeugt ist und dazu etwas Substanzielles von unabhängiger Seite lesen möchte, dem sei der gleichentags unter dem Titel „Why the Swiss should vote for ‚Vollgeld‘“ erschienene Leitartikel von Martin Wolf in der FINANCIAL TIMES empfohlen.

    Peter Ulrich, Prof. em. Uni St. Gallen

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