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Morgan-Stanley-Chefvolkswirt„Die Fed will die Wirtschaft bremsen, nicht zerstören“

Fed-Chef Powell bremst die Erwartungen an den Märkten. Doch Morgan-Stanley-Chefvolkswirt Seth Carpenter erklärt, warum er schon bald mit Zinssenkungen rechnet.Frank Wiebe 27.11.2023 - 15:11 Uhr aktualisiert

Frankfurt. Der Chef der US-Notenbank (Fed) bleibt bewusst vorsichtig. Auf einer Konferenz in Washington sagte Jerome Powell am Donnerstag, „dass der weitere Fortschritt hin zu unserem Inflationsziel von zwei Prozent nicht gesichert ist“. Die wichtige Botschaft folgte sogleich: „Wenn es angemessen werden sollte, die Geldpolitik noch weiter zu straffen, werden wir nicht zögern, das zu tun.“

Powell ist darum bemüht, trotz zwei aufeinanderfolgender Zinspausen überzogene Erwartungen der Märkte zu bremsen. Denn er weiß, dass die letzte Phase im Kampf gegen Preissteigerungen oft die schwierigste ist. Ganz ähnlich hatte sich vor Kurzem auch Isabel Schnabel aus dem Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) geäußert.

Hinzu kommt, dass zuletzt die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen wieder gesunken sind. Während hohe Renditen die Wirtschaft und damit auch die Inflation bremsen, haben niedrigere Zinssätze den gegenteiligen Effekt. Seth Carpenter, Chefvolkswirt der US-Bank Morgan Stanley, erklärt im Gespräch, warum er trotzdem optimistisch bleibt.

Vor Kurzem hatte Goldman Sachs gewarnt, die starke Erholung der Märkte in der ersten Novemberwoche senke die Finanzierungskosten und komme vom Effekt her einer Zinssenkung der Fed um einen halben Prozentpunkt gleich. Kein Wunder also, dass Powell alles tut, um die Märkte nicht noch mehr zu beflügeln, was diesen Effekt noch verstärken würde.

Carpenter, der früher selbst bei der Fed und zeitweise auch im US-Finanzministerium gearbeitet hat, verweist darauf, dass der jüngste Renditerückgang weniger dramatisch aussieht, wenn man die längerfristige Entwicklung betrachtet. Am Freitag lag die Rendite für zehnjährige US-Renditen bei 4,6 Prozent, nachdem sie Anfang 2021 deutlich unter einem Prozent gelegen, vor wenigen Wochen im Oktober aber die Marke von fünf Prozent überschritten hatte.

Carpenter sagt: „Es ist richtig, dass die US-Renditen zuletzt etwas zurückgegangen sind. Aber nicht so weit, dass das nennenswerten Einfluss auf die Geldpolitik haben sollte.“ Und er fügt hinzu: „Die Fed will die Wirtschaft bremsen, aber nicht zerstören. Sie hat bei Beginn der Zinserhöhungen einen Zeithorizont von vier Jahren vorgesehen, um die Inflation wieder auf zwei Prozent zu bekommen. Das ist eine relativ lange Zeit.“ Die Notenbank hatte den Erhöhungsprozess im März 2022 begonnen.

Der Experte erwähnt dabei auch Paul Volcker, den viel bewunderten Fed-Chef, der in den 80er-Jahren die hohe Inflation unter Kontrolle gebracht hatte, allerdings zulasten einer schweren wirtschaftlichen Krise. Das zeige eine wesentliche Schwierigkeit der Geldpolitik: Die volle Wirkung von Zinserhöhungen zeigt sich erst mit Verzögerung. Deshalb besteht die Gefahr, dass eine zu starke Straffung mehr Schaden anrichtet als nötig. Laut Carpenter beträgt dieses sogenannte „lag“ in den USA etwa zwölf Monate, für den Euro-Raum seien zwölf bis 18 Monate eine realistische Annahme. Die EZB hatte im Juli 2022 mit den Erhöhungen begonnen und erst Ende Oktober die erste Pause vollzogen.

Fed und EZB: Wann Carpenter die ersten Senkungen erwartet

Ähnlich wie auch EZB-Chefin Christine Lagarde hat Powell immer wieder betont, dass die weitere Geldpolitik von Daten abhängig sei. Carpenter erläutert dazu: „Wichtig ist, dass die Inflation schneller gesunken ist als von der Fed selbst prognostiziert.“ Seiner Einschätzung nach will die Fed eine Kerninflation von 2,5 bis 3,0 Prozent sehen, bevor sie ihre Leitzinsen (s. Grafik) wieder senkt. Bei der Kerninflation bleiben die schwankungsfälligen Preise für Lebensmittel und Energie außen vor. Dieser Wert gilt daher als besonders aussagekräftig für den Preisdruck in der Breite der Wirtschaft.

Carpenter nennt noch eine weitere Bedingung für die Lockerung: Die Kerninflation über sechs Monate sollte niedriger liegen als die über zwölf Monate und die über drei Monate niedriger als die über sechs Monate: Damit wäre ein Abwärtstrend dokumentiert. Meist wird die Inflationsrate einfach als Preisveränderung über zwölf Monate errechnet. Sie lässt sich aber auch über kürzere Zeiträume bis hin zu einem Monat messen und dann – unter Berücksichtigung des Zinseszinseffekts – auf vergleichbare Werte für ein Jahr hochrechnen.

Der Morgan-Stanley-Chefökonom ist der Überzeugung, dass die Daten schon jetzt in die richtige Richtung weisen. Je nachdem wie sie ausfallen, sollte die Fed seiner Auffassung nach im März, Juni oder September mit Zinssenkungen beginnen und den Leitzins, der derzeit als Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent definiert ist, in zwei Jahren auf rund 2,5 Prozent senken.

Für Europa sieht der Experte einen ähnlichen Trend: „Die Wirtschaft im Euro-Raum ist etwas schwach, und das dürfte noch bis ins kommende Jahr hinein anhalten. Die Inflation geht zurück.“ Er glaubt daher: „Die EZB könnte die Zinsen im Juni zum ersten Mal senken, dann gibt es auch neue, belastbare  Daten vom Arbeitsmarkt.“ Denkbar wäre aus seiner Sicht ein Schritt von einem halbem Prozentpunkt (50 Basispunkte). „Danach sollte es mit der Zeit weiter nach unten gehen auf rund zwei Prozent, das Niveau sehen wir als neutral an“, sagt er. Zurzeit liegt der Leitzins bei 4,5 Prozent.

Kann es auch zu noch schnelleren Zinssenkungen kommen? Ja, sagt Carpenter, bei einer Krise im Finanzsystem oder einer unerwartet schweren Rezession. Dann könnte die Fed die Zinsen rasch um 50 oder 75 Basispunkte senken, glaubt der Experte.

Beim Blick zurück sagt Carpenter: „Fed und EZB hätten etwas eher die Zinsen erhöhen können. Aber es ist schwer abzuschätzen, ob das einen großen Unterschied gemacht hätte.“ Ähnlich hatte sich vor einigen Monaten Schnabel geäußert. In den USA hat seiner Meinung nach die großzügige Finanzpolitik die Nachfrage der Verbraucher gestärkt und so zur Inflation „beigetragen, aber sie nicht ausgelöst“. Er sagt: „Einige bekannte US-Ökonomen haben der Finanzpolitik eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Inflation zugesprochen. Aber dieselben haben auch gesagt, dass wir einige Jahre mit Arbeitslosigkeit von rund sechs Prozent brauchen, um die Inflation unter Kontrolle zu bekommen. Und das hat sich jetzt schon als falsch herausgestellt.“ Die Standpunkte, die er erwähnt, hatte unter anderem Ex-Finanzminister Larry Summers vertreten, ähnlich auch Harvard-Ökonom Jason Furman.

Erstpublikation: 12.11.2023, 17:34 Uhr.

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