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Nach Lira-Absturz Türkischer Finanzminister Albayrak will keine Kapitalverkehrskontrollen

Die Türkei will ihre Haushaltsziele durch eine straffere Ausgabenpolitik erreichen, versicherte Berat Albayrak während einer Telefonkonferenz.
16.08.2018 - 16:48 Uhr Kommentieren

„Der Absturz der türkischen Lira ist ein Lehrstück, wie man es nicht macht“

Istanbul/Ankara In der Lira-Krise hat der türkische Finanzminister Berat Albayrak möglichen Kapitalverkehrskontrollen eine Absage erteilt. Diese stünden niemals auf der Agenda, sagte Albayrak laut Teilnehmern einer Telefonkonferenz mit etwa 3000 Investoren und Ökonomen am Donnerstag. Man arbeite an einem Plan zur Bekämpfung der hohen Inflation und des hohen außenwirtschaftlichen Defizits des Landes. Die Verringerung der Inflation habe dabei oberste Priorität.

Der türkische Bankensektor sei gesund und stark, versicherte der Finanzminister und Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan mit Verweis auf jüngste Stresstests. Zudem verfüge die Notenbank über Devisenreserven von mehr als 90 Milliarden US-Dollar (rund 79 Milliarden Euro). Durch ambitionierte Sparmaßnahmen werde man die Staatsfinanzen verbessern. Die jüngsten Kursschwankungen an den türkischen Finanzmärkten seien nicht durch realwirtschaftliche Faktoren begründet, sagte Albayrak.

Auch habe die Türkei nicht vor, Hilfen des Internationalen Währungsfonds wegen der aktuellen Währungskrise anzunehmen. Das Land werde seine Haushaltsziele durch eine straffere Ausgabenpolitik erreichen, sagte der Finanzminister. Der Fokus liege zudem darauf, ausländische Direktinvestitionen ins Land zu holen - wie zuletzt die Zusagen Katars. Zum Streit mit den USA sagte er, weltweit seien viele Staaten mit amerikanischen Sanktionen konfrontiert. Die Antwort darauf sollten koordinierte Schritte sein. Die Türkei werde durch diese Phase zusammen mit anderen Ländern wie Deutschland, Russland und China navigieren.

Die Lira verliert schon seit Monaten an Wert, aber der Streit mit den USA um das Schicksal des in der Türkei wegen Terrorvorwürfen festgehaltenen US-Pastors Andrew Brunson hatte sie Freitag und Montag auf neue Tiefststände abstürzen lassen. Die USA hatten am Freitag aus Frustration über mangelnde Fortschritte in der Brunson-Affäre Zölle für zwei türkische Produkte stark angehoben. Die Türkei schlug am Mittwoch mit gleich 22 Sanktionen gegen US-Produkte zurück.

Die Lira erholte sich etwas nach Notmaßnahmen der türkischen Zentralbank ab Montag sowie einem Angebot des Golfstaats Katar am Mittwoch, 15 Milliarden Dollar in der Türkei zu investieren. Mit Kapitalverkehrskontrollen soll in einer Währungskrise zum Beispiel verhindert werden, dass internationale Investoren ruckartig zu viele Finanzmittel aus einer angeschlagenen Wirtschaft abziehen.

Albayrak wird von vielen Investoren kritisiert. „Was gegen ihn spricht ist, dass er Erdogans Schwiegersohn ist“, sagte Paul McNamara, Investment Director bei GAM London Limited. „Selbst wenn er der beste Mann für den Job war, sieht das nach Dritter Welt aus.“ Albayrak, der mit Erdogans Tochter Esra verheiratet ist, studierte Bank- und Finanzwesen in den Vereinigten Staaten und arbeitete für den türkischen Mischkonzern Calik Holding. Dieser steht Erdogans Partei AKP nahe.

Ausgelöst wurde die Währungskrise durch die Sorge von Investoren über den wachsenden Einfluss von Präsident Erdogan auf die Wirtschaft und seine Forderungen nach niedrigeren Zinsen trotz hoher Inflation. Dazu kommt, dass die Türkei mit dem Nato-Partner USA politisch über Kreuz liegt, was sich auf die Wirtschaftsbeziehungen auswirkt.

Die USA wollen auch im Falle eine Freilassung ihres Staatsbürgers Andrew Brunson an höheren Zöllen für Stahl aus der Türkei festhalten. Es gebe keine Pläne, dies zu ändern, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders. Allerdings könnten die Sanktionen gegen zwei türkische Minister zurückgenommen werden, sollte der unter Hausarrest stehende US-Pastor frei kommen.

Ermittler werfen Brunson Verbindungen zu dem in den USA lebenden Geistlichen Fethullah Gülen vor, der nach Darstellung der Regierung hinter dem Putschversuch vor zwei Jahren steckt.

Die Bundesregierung sichert einem Zeitungsbericht zufolge trotz fortbestehender Belastungen im deutsch-türkischen Verhältnis Exportgeschäfte deutscher Firmen in der Türkei weiter in hohem Maße ab. Das geht aus der Antwort der Regierung auf eine kleine parlamentarische Anfrage der Linkspartei hervor, wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ berichtete.

„In den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 hat die Bundesregierung Lieferungen und Leistungen in die Türkei in Höhe von 831,7 Millionen Euro mit Exportgarantien abgesichert“, zitierte die Zeitung aus der Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums. Über intensive Einzelfallprüfungen werde dem Risiko ausreichend Rechnung getragen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat nach eigenen Angaben weiter keine Anzeichen dafür, dass die Türkei in ihrer aktuellen Krise den Fonds um finanzielle Unterstützung bitten will. Eine Sprecherin sagte, der IWF beobachte die Lage in der Türkei genau. Man habe das Land aufgefordert, gegen seine wirtschaftlichen Ungleichgewichte vorzugehen.

Die türkischen Aufsichtsbehörden hatten wegen der Krise Devisen-Tauschgeschäfte ihrer Banken mit ausländischen Investoren weiter eingeschränkt. Die Zentralbank hatte zu Wochenbeginn angekündigt, alle nötigen Schritte zu unternehmen, um die Liquiditätsversorgung der heimischen Geldhäuser zu gewährleisten.

  • rtr
  • dpa
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