Türkische Lira-Noten

Die Währung fiel am Mittwoch zum Dollar und zum Euro auf Allzeittiefstände.

(Foto: Reuters)

Nach Notfallsitzung Türkische Notenbank kämpft gegen Lira-Absturz und hebt Leitzins an

Die türkische Notenbank stemmt sich gegen die Talfahrt der Landeswährung Lira und die hohe Inflation. Das Vertrauen in die Währung sinkt, die Angst der Anleger wächst.
Kommentieren

Ankara, IstanbulDie türkische Notenbank hat mit einem überraschenden Zinsschritt auf den Verfall ihrer Landeswährung Lira reagiert. Einer ihrer Leitzinsen – der Spätausleihungssatz – werde von 13,5 Prozent auf 16,5 Prozent angehoben, teilte die Zentralbank am Mittwoch in Ankara überraschend mit. Die anderen Zinssätze wurden nicht angetastet.

Es handelte sich um eine außerordentliche Sitzung, nachdem die türkische Lira am Mittwoch erneut stark unter Druck geraten war. Nach der Entscheidung erholte sich die Lira von vorherigen Verlusten: Der Dollar notierte zur türkischen Währung am Abend um 0,4 Prozent tiefer, nachdem er am Vormittag noch über fünf Prozent zugelegt hatte.

„Es ist höchste Zeit, die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik wiederherzustellen und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen“, erklärte Vizeregierungschef Mehmet Simsek. Zuvor mussten am Vormittag für einen Dollar bis zu 4,92 Lira und für einen Euro bis zu 5,77 Lira gezahlt werden und damit jeweils so viel wie noch nie.

Seit mehreren Wochen befindet sich die Währung auf Talfahrt: Seit Beginn des Jahres hat die türkische Währung zum Euro etwa 25 Prozent an Wert verloren. Devisenexperten der Commerzbank sprachen vor der Notenbankentscheidung bereits von einer „Währungskrise“. Die nächste reguläre Zinssitzung der Notenbank ist für den 7. Juni angesetzt.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan unternimmt nichts, um den Verfall aufzuhalten. Er fordert so niedrige Zinsen wie möglich, um Unternehmer und Konsumenten bei Laune zu halten. Kürzlich senkte die Regierung den Zins für Hauskredite der staatseigenen Ziraat-Bank auf 0,98 Prozent. Das treibt die Wirtschaft weiter an – und verwässert gleichzeitig den Wert der Lira.

Die Notenbank des Landes hatte bislang auf stur geschaltet statt gegenzusteuern. Laut Gesetz ist sie zwar unabhängig. Aber in einem Interview mit Bloomberg hat Erdogan angekündigt, dass er im Falle eines Sieges bei den Präsidentschaftswahlen am 24. Juni selbst die Geldpolitik des Landes bestimmen will.

Für den Verfall der Lira gibt es mehrere Gründe. Erstens ist der US-Dollar stärker geworden, höhere Zinsen in den USA ziehen Kapital an. Das spüren viele Schwellenländer wie die Türkei in Form von Kapitalabflüssen.

Hinzu kommt: Der Nahe Osten gleicht einem Pulverfass. Das spürt die türkische Wirtschaft, die früher viele Güter nach Syrien und in den Irak exportiert hat.

Das Bruttoinlandsprodukt der Türkei hat zwar 2017 um 7,4 Prozent zugelegt, weltweit ein Rekord in dem Jahr. Doch das Wachstum beruhte auf kreditfinanziertem Konsum, der Markt wurde mit Bargeld überflutet. Dadurch stieg die Inflation, während sich das Außenhandelsdefizit gleichzeitig vergrößerte. Das seien Zeichen einer Überhitzung der türkischen Wirtschaft, schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF).

Den jüngsten Sturz der Lira haben Investoren zu verantworten, die entweder aus Japan stammen oder sich in Yen verschuldet hatten. Sie hatten lange gehofft, dass sich die Lira besser als der Yen entwickeln würde, und dementsprechend mit ihrem Geld auf eine Lira-Rally gewettet. Die blieb aus, diese Investoren machten wochenlang Verluste.

In den japanischen Handelsstunden, am frühen Morgen in der Türkei, beendeten sie ihre Verlustserie, indem sie ihre Lira-Investments abstießen. Sogenannte Carry-Trades, bei denen spekulative Investments mit billigen Yen-Krediten finanziert werden, wirken oft als Brandbeschleuniger, wenn sie in Krisensituationen rückgängig gemacht werden. „Das könnte bedeuten, dass nun das Schlimmste vorbei ist“, sagt Piotr Matys, Schwellenländerexperte bei der Rabobank in London.

Die Wirtschaft reagiert mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Aktionismus. Viele große Konzerne profitieren einerseits von der schwachen Lira, weil dadurch ihre Exporte im Ausland günstiger werden.

Auf der anderen Seite sitzt die türkische Wirtschaft, ohne Banken gerechnet, auf einem Schuldenberg von 222 Milliarden US-Dollar, der auch in der amerikanischen Währung zurückgezahlt werden muss. Anders ausgedrückt: Mit jedem Cent, den die türkische Lira zum Greenback verliert, verteuern sich diese Schulden. Längst ist daher in der Türkei von einer möglichen Bankenkrise die Rede.

Der Nahrungsmittelkonzern Ülker beispielsweise musste im Frühjahr mehrere milliardenschwere Kredite umschulden. Chairman Ali Ülker soll den Banken angedroht haben, gar nichts mehr zurückzuzahlen, sollten sie ihm keinen günstigeren neuen Kredit verschaffen.

Himmet Karadag, Chef der türkischen Börse, hat eine simple Erklärung für die Krise: Er vermutet eine Verschwörung gegen Erdogan, um die türkische Wirtschaft vor der Wahl Ende Juni in schlechtem Licht dastehen zu lassen.

Mit Material von dpa und Reuters

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Nach Notfallsitzung - Türkische Notenbank kämpft gegen Lira-Absturz und hebt Leitzins an

0 Kommentare zu "Nach Notfallsitzung: Türkische Notenbank kämpft gegen Lira-Absturz und hebt Leitzins an"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%