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Niederländischer Notenbankchef „Die EZB hat viel Munition verschossen“

Die EZB will die Wirtschaft im Euro-Raum stützen. Ihr Ratsmitglied Klaas Knot bezweifelt aber, dass ein gestaffelter Einlagenzins dabei hilft.
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Der niederländische Notenbankchef gilt als Kandidat für die Nachfolge von Mario Draghi. Quelle: Bloomberg
Klaas Knot

Der niederländische Notenbankchef gilt als Kandidat für die Nachfolge von Mario Draghi.

(Foto: Bloomberg)

FrankfurtDer niederländische Notenbankchef Klaas Knot hat seine Skepsis gegenüber einer möglichen Staffelung des Einlagenzinses bekräftigt. „Ich müsste einen klaren geldpolitischen Grund sehen, um das in Erwägung zu ziehen,“ sagte das EZB-Ratsmitglied im Interview mit dem Handelsblatt.

Derzeit zahlen Banken, die über Nacht Geld bei der Notenbank parken, darauf einen Minuszins von 0,4 Prozent. Deutsche Banken haben vergleichsweise viel überschüssige Liquidität, die sie bei der EZB anlegen, und klagen daher häufig über den Effekt negativer Zinsen. In der Notenbank soll es erste Überlegungen geben, eine Art Freibetrag einzuführen, bis zu dem dann wahrscheinlich ein Zins von Null gelten würde. Erst für höhere Anlagebeträge wären die 0,4 Prozent fällig. 

Voraussetzung für eine Staffelung des Einlagenzins wäre aus Sicht von Knot, dass es zumindest einige Hinweise gibt, dass die Negativzinsen durch ihre Effekte auf die Profitabilität der Banken die Wirkung der Geldpolitik stören würden. Darüber hinaus müsse er überzeugt sein, dass eine Staffelung des Einlagenzinses der beste Weg sei, um das zu lösen. „In beiden Punkten habe ich meine Zweifel“, sagte Knot.

Kritiker fürchten auch, dass eine Staffelung des Einlagenzinses ein zu starkes Signal für auf Dauer niedrige Zinsen geben würde. Hierzu sagte Knot, er sehe keinen Grund dafür, die Funktion der Forward Guidance, also der Orientierung über die künftige Geldpolitik, durch eine Zinsstaffelung zu ersetzen. 

Hinsichtlich der geplanten neuen Langfristkredite der EZB für Banken (TLTRO III) sagte Knot, dass er davon ausgehe, dass die Konditionen dieser Kredite „weniger vorteilhaft als zuletzt“ sein würden. Daher sei zu erwarten, dass ein geringeres Volumen abgerufen werde. „Wir sollten wirklich vermeiden, dass wir in ein paar Jahren über einen TLTRO IV oder V sprechen müssen.“

Mehr Details zu den Konditionen werde es voraussichtlich im Sommer geben. Die erste Tranche der neuen Langfristkredite ist für September geplant. „Daher wäre der logische Zeitpunkt, um weitere Details zu nennen, im Juni oder Juli“, sagte Knot.

Der niederländische Notenbankchef erwartet, dass „die Wirtschaft in der Euro-Zone im zweiten Halbjahr wieder Tempo aufnimmt“. Die Nachfrage sei immer noch robust und man sehe einen gewissen Anstieg der Löhne und verfügbaren Einkommen. „Wir sollten die aktuelle Situation nicht dramatisieren.“ Nach wie vor sieht er die Option für eine Zinserhöhung. „Wenn das von uns erwartete Basisszenario eintritt, erhält unsere Forward Guidance die Möglichkeit einer Zinserhöhung 2020.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit dem niederländischen Notenbankchef:

Herr Knot, zuletzt waren einige wirtschaftliche Daten schwächer. Wie geht es der Euro-Zone?
Es ist klar, dass es eine Abkühlung gibt, aber keine Rezession oder gar eine neue Krise.

Aber was steckt hinter dieser Abkühlung?
Nachdem die Wirtschaft vier Jahre hintereinander schneller gewachsen ist als das wirtschaftliche Potenzial, war zu erwarten, dass es danach eine Abschwächung des Wachstums gibt. Dazu kommen Risiken aus dem äußeren Umfeld. Dennoch erwarten wir, dass die Wirtschaft in der Euro-Zone im zweiten Halbjahr wieder Tempo aufnimmt. Die Nachfrage ist robust, und man sieht einen gewissen Anstieg der Löhne und verfügbaren Einkommen. Wir sollten die aktuelle Situation nicht dramatisieren.

Hat die EZB zu stark auf die Daten reagiert?
Nein. Sie musste die Erwartung eines Anstiegs der Inflation etwas hinausschieben und damit auch eine mögliche Zinserhöhung.

Wann könnte es den ersten Zinsschritt geben?
Wenn unser Basisszenario eintritt, erhält unsere Forward Guidance, also die Orientierung über die künftige Geldpolitik, die Möglichkeit einer Zinserhöhung 2020.

Und wenn es schlechter läuft als erwartet, wird die EZB dann überhaupt eine Zinserhöhung schaffen, bevor die nächste Rezession kommt?
Ich bin kein Hellseher. Das hängt von den eingehenden Daten ab.

Es gibt Diskussionen über eine mögliche Staffelung des Einlagenzins für Banken. Wie ist ihre Haltung dazu?
Ich müsste einen klaren geldpolitischen Grund sehen, um das in Erwägung zu ziehen. Dafür müsste es zumindest einige Hinweise geben, dass die Negativzinsen durch ihre Effekte auf die Profitabilität der Banken die Wirkung der Geldpolitik stören. Darüber hinaus müsste ich überzeugt sein, dass eine Staffelung des Einlagenzinses der beste Weg wäre, um das zu lösen. In beiden Punkten habe ich meine Zweifel. Jedenfalls könnten die Auswirkungen für die Banken sehr unterschiedlich sein, je nach Größe und Geschäftsmodell.

Kritiker fürchten, dass eine Staffelung des Einlagenzinses ein zu starkes Signal für auf Dauer niedrige Zinsen geben würde. Wäre eine solche Festlegung nicht problematisch?
Um die Erwartungen über die künftige Zinsentwicklung zu steuern, haben wir vor Kurzem unsere Forward Guidance angepasst. Ich glaube, es ist allgemein bekannt, dass sich die Forward Guidance im Einklang damit entwickelt, wie wir eingehende Daten bewerten. Ich sehe keinen Grund dafür, dass eine Zinsstaffelung diese Funktion übernimmt.

Es gibt die Befürchtung, dass es der Euro-Zone ähnlich ergeht wie Japan, dass wir also für lange Zeit mit niedrigen Zinsen leben müssen.
Das lässt sich nicht ausschließen. Es hat damit zu tun, dass es mehr Ersparnisse gibt, als für Investitionen benötigt werden. Es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage.

Das wird die Sparer wenig trösten.
Wenn die Bevölkerung im Schnitt immer älter wird, steigt die Sparquote. In dieser Hinsicht hängt Europa zehn bis 15 Jahre hinter Japan zurück. Wir erleben da einen ähnlichen strukturellen Wandel.

Wie soll es dann zu einer Normalisierung der Geldpolitik kommen?
Ich befürworte sehr stark eine Normalisierung, sobald es die Bedingungen erlauben. Aber selbst wenn uns das gelingen sollte, werden die Zinsen danach deutlich niedriger sein als vor der Finanzkrise. Das zeigt sich derzeit auch in den USA.

Sollte man dann das Ziel von zwei Prozent Inflation abschwächen?
Nein, aber es ist ein mittelfristiges Ziel. Die Schwere der Krise und die finanzielle Fragmentierung, die damit einhergegangen ist, bedeuten, dass diese Frist heute länger ist als gewohnt.

Viele Ökonomen glauben, dass die Notenbanken künftige Rezessionen nicht mehr abfangen können. Sollte die Finanzpolitik mehr tun?
Manche Staaten haben Spielraum dafür – andere nicht. Man muss feststellen, dass die Geldpolitik überlastet worden ist und dass die EZB schon eine Menge Munition verschossen hat. Leider haben viele Staaten die Zeit der lockeren Geldpolitik nicht genutzt, um ihre Finanzen zu sanieren.

Hätten die Staaten im Euro-Raum mehr gespart, wäre die Erholung noch langsamer abgelaufen.
Ich habe ja nicht dafür plädiert, Ausgaben aktiv zu kürzen. Aber man hätte zusätzliche Einnahmen, die durch die Geldpolitik wie Manna vom Himmel fielen, zum Schuldenabbau nutzen können. Gleichzeitig gab es kaum strukturelle Reformen.

Liegt das auch an der lockeren Geldpolitik mit massiven Ankäufen von Staatsanleihen?
Ich kann nicht in die Köpfe anderer politischer Entscheidungsträger hineinschauen. Aber ich glaube, dass hier eine Chance verpasst wurde. Jetzt sind wir in einer Situation, wo die Konjunktur abkühlt und wir zu wenig fiskalische Spielräume haben.

Die EZB hat nicht nur den ersten Zinsschritt hinausgeschoben, sondern auch das Programm zur langfristigen Refinanzierung der Banken, bekannt unter der Abkürzung TLTRO, verlängert. War es nötig, die Banken noch länger zu unterstützen?
Wir wollen sicherstellen, dass die Kreditbedingungen günstig bleiben, damit unsere Geldpolitik funktioniert. Aus bisherigen Programmen laufen etwa 720 Milliarden Euro aus. Wenn diese Finanzierungen mit einer Klippe enden, könnte das zu einer neuerlichen Kreditverknappung führen.

Aber irgendwann muss doch Schluss damit sein.
Ich sehe das neue Programm, TLTRO III, als eine Brücke. Es soll den Übergang zu einer Finanzierung über die Märkte abmildern. Die Konditionen des neuen Programms werden weniger vorteilhaft als zuletzt sein, daher sollten wir erwarten, dass ein geringeres Volumen abgerufen wird. Wir sollten vermeiden, dass wir in ein paar Jahren über einen TLTRO IV oder V sprechen müssen.

Also wird der Zins für die neuen Langfristkredite (TLTRO III) eher über dem Leitzins liegen?
Wir haben über die Besonderheiten noch nicht gesprochen. Es ist klar, dass der Zins an den Leitzins gebunden wird und es muss eine Differenzierung geben zwischen Banken, die die Kreditziele erreichen und denen, die sie nicht erreichen.

Wann werden Sie über die genauen Konditionen entscheiden?
Die erste Tranche der neuen Langfristkredite ist für September vorgesehen. Daher wäre der logische Zeitpunkt um weitere Details zu nennen im Juni oder Juli.

Es besteht die Befürchtung, dass zum Beispiel die italienischen Banken die Kredite nutzen, um noch mehr Staatsanleihen zu kaufen.
In den Ländern, wo wir uns wegen der gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Banken und Staaten sorgen, haben die Geldhäuser bereits den maximalen Rahmen des aktuellen Programms ausgeschöpft und einen Teil in Staatsanleihen investiert. Sie können im neuen Programm allenfalls ihren Bestand an Staatsanleihen behalten, es gibt keinen Spielraum für zusätzliche Käufe.

Wie sehen Sie in ihrer Rolle als Bankenaufseher die Geldhäuser in der Euro-Zone?
Es gibt zu viele Banken in Europa. Die Geldhäuser haben zwar mehr Kapital und sind sicherer als vor der Finanzkrise. Aber viele haben ein Ertragsproblem. Sie sind sicher, aber nicht wirklich gesund.

Lässt sich das Problem durch Fusionen beheben?
Ich halte Fusionen unter kleineren Banken für sinnvoll. Wenn es zu viele von ihnen gibt, drückt das auch die Gewinnspannen der großen Banken, die mit ihnen konkurrieren. Ich bin aber skeptisch gegenüber Fusionen unter großen Banken.

Warum?
Wir hatten auf nationaler Ebene in der letzten Krise mit dem Problem zu tun, dass Banken zu groß waren, um schadlos abgewickelt zu werden. Wir sollten dieses Problem jetzt nicht noch einmal auf europäischer Ebene schaffen. Normalerweise geht es bei großen Fusionen darum, Kosten durch ‧Synergien zu senken. Die Synergien bei den Erlösen werden häufig übertrieben, um eine Fusion zu rechtfertigen, aber daraus wird in der Praxis meistens nichts. Und Kosten kann man auch ohne Fusion senken.

Das heißt, sie lehnen Fusionen großer Banken nicht nur auf nationaler Ebene ab, sondern auch grenzüberschreitende Zusammenschlüsse.
Es müsste jedenfalls einen guten geschäftlichen Grund dafür geben. Und dass eine starke Bank eine schwache übernimmt, um deren Probleme zu lösen, hat selten funktioniert. Die Gefahr ist eher, dass die schwache Bank die starke Bank ansteckt.

Wie schwer wiegen die Probleme mit notleidenden Krediten?
Da gab es zuletzt ermutigende Daten, vor allem aus Italien, die nahelegen, dass das Problem dort erkannt ist und angegangen wird. Die Frage ist, ob diese Entwicklung weitergeht, wenn sich jetzt die Wirtschaft abschwächt. Man will ja die Probleme des vorherigen Abschwungs bereinigen, bevor es mit der Wirtschaft das nächste Mal abwärts geht.

Was muss passieren, um die Euro-Zone sicherer zu machen?
In diesem Zusammenhang ist ein Risikoausgleich auf privater Ebene wichtiger als einer auf staatlicher Ebene. Deswegen brauchen wir dringend einen einheitlichen Kapitalmarkt. Dazu gehört zum Beispiel auch eine stärkere Finanzierung durch Aktien statt durch Bankkredite.

Kann es eine Kapitalmarktunion ohne ein ausreichendes Angebot an sicheren Wertpapieren geben? Es gibt ja Vorschläge, solche Papiere durch eine Strukturierung von Staatsanleihen zu schaffen.
Ich würde es vorziehen, dass wir durch eine solide Finanzpolitik mehr sichere Staatsanleihen schaffen. Heute haben viele Länder deutlich höhere Schuldenquoten als vor der Finanzkrise.

Was brauchen wir denn noch außer der Kapitalmarktunion, um den Euro stabiler zu machen?
Wir müssen die Bankenunion vollenden. Dazu gehört auch eine gemeinsame Versicherung der Bankeinlagen.

Das wird viele Sparer skeptisch stimmen.
Wir könnten damit anfangen, die Liquidität der nationalen Einlagensicherungen zusammenzulegen. Das würde schon ihre Schlagkraft erhöhen. Letztlich bin ich aber überzeugt, dass wir eine vollständig europäische Einlagensicherung brauchen. Denn ein Euro auf einem Bankkonto muss überall in der Euro-Zone gleich sicher sein, wenn wir die finanzielle Fragmentierung überwinden wollen.

Mario Draghi hat als EZB-Präsident ja viel für den Zusammenhalt der Euro-Zone getan. Was ist die größte Herausforderung für seinen Nachfolger, der ihn im November ablöst?
Sein Nachfolger wird eine sehr vorsichtige Normalisierung der Geldpolitik zu bewältigen haben.

Wie wichtig ist dabei die Person des Präsidenten?
Der Präsident leitet den EZB-Rat und setzt seine Agenda. Auf der anderen Seite hat der EZB-Rat 25 unabhängige Mitglieder. Entscheidungen basieren auf dem Ausblick für die Preisstabilität und hängen mehr von den eingehenden Daten ab als von geldpolitischer Ideologie.

Wie Anleger trotz Nullzins sinnvoll investieren

Manche Leute sagen auch, dass Geldpolitik außer in Krisen quasi per Autopilot läuft.
Dem muss ich widersprechen. Die Märkte sind zunehmend abhängig geworden von der lockeren Geldpolitik. Um diese Abhängigkeit von der EZB zu lösen, ist ein behutsamer Prozess nötig.

Was ist heute das größte politische Risiko?
Zurzeit ist es der Brexit. Die Märkte haben einen harten Brexit nicht eingepreist. Sollte er kommen, kann es potenziell eine deutliche Neubewertung an den Märkten geben und das Pfund würde unter Druck geraten.

Und die wirtschaftlichen Folgen des Brexits?
Kurzfristig haben wir uns im Finanzbereich gut vorbereitet. Ich erwarte dort keine akuten Probleme, aber im Handel wird es wahrscheinlich technische Störungen geben, wenn sich LKW-Kolonnen in Dover und Calais bilden und ähnliches. Auf lange Sicht ist der Brexit Ausdruck einer Deglobalisierung, die das Produktivitätswachstum drückt.

Wie gut funktioniert die weltweite Zusammenarbeit noch? Derzeit gibt es stärkere politische Spannungen zwischen Europa und den USA.
Als Geldpolitiker muss man mit dem politischen Umfeld leben, in dem man arbeitet. Die internationale Zusammenarbeit zwischen den Notenbanken wie der Federal Reserve, Bank von England, Bank von Japan und der chinesischen Notenbank funktioniert weiter. Das illustriert die Arbeit des Finanzstabilitätsrats (FSB).
Zum Schluss eine persönliche Frage: Würden Sie gerne Draghis Nachfolger werden?
Diese Art von Fragen beantworte nicht. Ich konzentriere mich auf meine Funktionen als Präsident der niederländischen Notenbank und Vize-Chef des Finanzstabilitätsrats.

Herr Knot, vielen Dank für das Gespräch

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