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Inflation

Verbraucher spüren es im Geldbeutel: Das Leben in Deutschland ist teurer geworden.

(Foto: dpa)

Preissteigerung Wieso die deutsche Inflation im Oktober so hoch lag

Die Preise sind im Oktober so stark gestiegen wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Das liegt nicht nur an höheren Energiepreisen.
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DüsseldorfDie Preise in Deutschland steigen. Im Oktober kletterte die Inflationsrate auf 2,5 Prozent und somit auf den höchsten Stand seit September 2008 – dem Beginn der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Das Statistische Bundesamt (Destatis) bestätigte damit am Dienstag seine vorläufigen Schätzungen.

Was zunächst vor allem negativ klingt – die Tatsache, dass viele Waren teurer werden –, kann jedoch auch gute Seiten haben. Wie stark der Einzelne von der wachsenden Inflation betroffen ist, unterscheidet sich von Fall zu Fall.

Treiber des starken jüngsten Preisanstiegs waren die wachsenden Energiekosten. Die offizielle Inflationsrate gibt an, um wie viel Prozent ein repräsentativer Warenkorb teurer geworden ist. Der durchschnittliche Verbraucher verwendet laut Destatis zehn Prozent seiner Ausgaben auf Energie, kauft also zum Beispiel Benzin, Strom oder Heizöl. Und in diesem Sektor sind die Preise im Oktober um ganze 8,9 Prozent angezogen im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Neben dem gestiegenen Ölpreis trieben auch die Niedrigwasserstände der Flüsse die Kosten für Energie: Schiffe konnten maximal halb so viel Benzin, Diesel und Heizöl transportieren wie gewöhnlich – was die Preise weiter klettern ließ.

Aber auch andere Güterkategorien trieben die Inflationsrate an. So kosteten Pauschalreisen in der Herbstferienzeit 7,1 Prozent mehr als im Oktober 2017. Sie fließen mit rund drei Prozent in den Warenkorb der Statistiker ein.

Nahrungsmittel, die rund ein Zehntel der Ausgaben ausmachen, sind hingegen nur moderat teurer geworden; im Oktober 2018 lag die Preissteigerung gegenüber dem Vorjahr hier bei 2,8 Prozent.

Da die Preise für Energie und Nahrungsmittel im Vergleich zu anderen Gütern sehr anfällig für Schwankungen sind, berechnet das Statistische Bundesamt auch eine Kerninflationsrate, aus der diese beiden Produktkategorien herausgerechnet werden. Sie lag im Oktober in Deutschland bei soliden 1,7 Prozent – und damit unter dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von annähernd zwei Prozent.

Kreditnehmer profitieren – Sparer leiden

Eine steigende Inflation ist für den einzelnen Verbraucher vor allem dann problematisch, wenn die Preise stärker anziehen als der eigene Lohn. Wer jeden Monat gleich viel verdient, aber weniger von seinem Geld kaufen kann, verliert indirekt an Einkommen.

Ist Deutschland angesichts der jüngsten Zahlen bereits in dieser problematischen Zone – muss die EZB durch höhere Zinsen also gegensteuern? Nicht unbedingt. Das Schreckensbild überhöhter Preissteigerungen trifft in Deutschland schlicht noch nicht zu.

Nach jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes sind die Löhne im Land zuletzt stärker gestiegen als die Verbraucherpreise. Nach Abzug der Inflation hatten die Beschäftigten demnach im zweiten Quartal 2018 immer noch ein halbes Prozent mehr Geld in der Tasche als ein Jahr zuvor.

Ist also für alle Verbraucher Entwarnung angesagt? Noch einmal nein: Es kann sich lohnen, nachzurechnen, ob die Situation auf einen selbst zutrifft. Denn je nach Branche entwickelten sich die Löhne sehr unterschiedlich.

Auch was die Ausgabenseite angeht, sagt die allgemeine Inflationsrate allein wenig über die persönliche Situation aus. Sie ist ein Durchschnittswert über die gesamte Bevölkerung. Wer zum Beispiel relativ wenig für Energie ausgibt, dafür aber sehr viel für Bildung, für die die Preise jüngst gefallen sind, ist einer geringeren Preissteigerung ausgesetzt als die ausgewiesenen 2,5 Prozent vermuten lassen.

Das Statistische Bundesamt bietet daher einen Inflationsrechner an, mit dessen Hilfe Verbraucher anhand der eigenen Konsumgewohnheiten ihre persönliche Inflationsrate berechnen können.

Fleißige Sparer verlieren derzeit im Schnitt besonders viel Geld. Haben sie ihre Spargroschen trotz mickriger Zinsen als Tages- oder Festgeld geparkt, frisst die vergleichsweise hohe Inflation das Ersparte auf. In der Sprache der Statistiker: Liegt ihre persönliche Inflationsrate über den aktuell sehr niedrigen Zinsen der Bank – was wahrscheinlich ist –, wird ihr Vermögen mit der Zeit weniger.

So lag nach Berechnung der Direktbank Comdirect der Realzins – also der tatsächliche Zins für Spareinlagen nach Abzug der durchschnittlichen Inflationsrate – im dritten Quartal 2018 auf dem historischen Tiefstand von minus 1,92 Prozent.

Gleichzeitig profitierten beispielsweise Hausbauer von günstigen Finanzierungen: Die Zinsen für Immobilienkredite liegen auf einem historischen Tiefststand.

EZB lässt sich mit Zinserhöhungen Zeit

Mittelfristig will die Europäische Zentralbank (EZB), dass die Preise im Euro-Raum wieder steigen. Als erklärtes Ziel hat sie eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent ausgegeben. Erst bei diesem Wert sehen die Notenbanker die Preisstabilität gewahrt, ist die Deflationsgefahr gebannt.

Denn wenn die Güterpreise kaum steigen, gar stagnieren oder fallen, kann das Verbraucher und Unternehmen dazu verleiten, Anschaffungen und Investitionen aufzuschieben, ganz nach dem Kalkül: Es könnte ja in absehbarer Zeit noch günstiger werden.

Diese Haltung kann die ganze Konjunktur ausbremsen. Im schlimmsten Fall friert die Wirtschaftsentwicklung ein, müssen Firmen Mitarbeiter entlassen. Entsteht eine Abwärtsspirale aus rückläufigen Preisen quer durch alle Warengruppen sowie schrumpfender Wirtschaft, landet ein Land in der Deflationsfalle.

Im ganzen Euro-Raum lagt die Teuerung im Oktober leicht unter dem deutschen Rekordwert. Nach Schätzungen des europäischen Statistikamts (Eurostat) belief sich die Inflation auf 2,2 Prozent, nach 2,1 Prozent im September. Auch auf europäischer Ebene lag die Rate damit über dem Zielwert der EZB.

Diese könnte nun theoretisch die Leitzinsen erhöhen, um die Inflation auszubremsen. Die Währungshüter mahnen jedoch zur Geduld: Die EZB lässt sich mit dem Ende der Nullzinspolitik noch Zeit. Zum Jahresende 2018 streben die Zentralbanker zunächst den Stopp neuer Anleihenkäufe an.

Höhere Zinsen wollen sie frühestens im Herbst 2019 beschließen. Das ermöglicht es der EZB, die weitere Entwicklung zu beobachten. Für sie ist vor allem wichtig, ob der jüngste Inflationsanstieg ein kurzes Strohfeuer bleibt – oder zum nachhaltigen Trend wird. Wenn die Preissteigerung Ausdruck einer starken Konjunkturentwicklung ist, will die EZB die Zinsen anheben. Andernfalls droht die Inflationsrate wieder zu sinken.

Vor allem die umstrittene Schuldenpolitik der italienischen Regierung dämpft nach Einschätzung der EU die Konjunkturaussichten für den Euroraum. Hinzu kommen die Spannungen im Welthandel sowie die Gefahr eines ungeregelten Brexits. „Unsicherheiten und Risiken, innerhalb Europas und außerhalb, nehmen zu und wirken sich negativ auf die Wirtschaftstätigkeit aus“, warnte EU-Finanzkommissar Valdis Dombrovskis.

Wie es mit der Preissteigerung, den Leitzinsen und dem Wirtschaftswachstum in Europa weitergeht, ist also weniger eindeutig, als die jüngsten deutschen Inflationssprünge vermuten lassen.

Mit Material von Reuters und dpa.

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