Schweizer Franken ohne Mindestkurs „Was die Notenbank veranstaltet, ist ein Tsunami“

1,20 Franken je Euro: Der Mindestkurs der Schweizer Währung war Gesetz. Bis heute. Notenbank-Chef Thomas Jordan reagiert auf die wahrscheinlichen Anleihekäufe der EZB. Swatch-Chef Nick Hayek gibt sich ungehalten.
Update: 15.01.2015 - 19:52 Uhr 43 Kommentare
Quelle: Imago
(Foto: Imago)

Zürich/DüsseldorfBrechend voll war der Pressesaal der Notenbank in Zürich, als Thomas Jordan am Donnerstagmittag eintrat, um die überraschendste Entscheidung seiner Amtszeit zu erläutern. Gut eine Stunde dauerte die Befragung des Chefs der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Doch am Ende blieb Jordan einen überzeugende Begründung schuldig, der die Aufgabe des Franken-Mindestkurses zum jetzigen Zeitpunkt rechtfertigen würde.

Der Moment sei richtig gewesen, das Kursziel von 1,20 Franken je Euro aufzugeben, sagte Jordan. Ein Festhalten an dem Kursziel hätte auf lange Sicht keinen Sinn ergeben. „Der Ausstieg musste überraschend erfolgen“, erklärte er.

Die Finanzmärkte hat dieser Schritt kalt erwischt. Sie reagierten mit heftigen Turbulenzen. Der Dax brach zunächst ein, schoss dann aber wieder über die Marke von 10.000 Punkten. Die Schweizer Börse blieb dagegen tief im Minus. Schließlich hatte die SNB bis zuletzt zugesichert, das Kursziel unter allen Umständen mit unbegrenzten Devisenkäufen verteidigen zu wollen.

Doch der Druck durch die EZB wurde offenbar zu groß: Ökonomen sehen einen engen Zusammenhang zwischen der Entscheidung der Schweizer Notenbank und der Aussicht auf eine neue Geldspritze der Europäischen Zentralbank. „Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses hängt mit der EZB-Politik zusammen“, sagt Alexander Rathke von der Schweizer Konjunkturforschungsstelle (KOF) aus Zürich zu Handelsblatt Online.

Viele Ökonomen rechnen damit, dass die EZB auf der Ratssitzung am Donnerstag nächster Woche grünes Licht für massive Anleihekäufe gibt. Sie könnte dann entsprechend ihres Kapitalschlüssels Staatsanleihen der Euro-Länder kaufen. Tendenziell würde dies den Wechselkurs des Euro schwächen. „Die Aussicht auf massive Anleihekäufe im Zusammenspiel mit der Russland-Krise hat den Druck auf die Schweizer Notenbank verstärkt“, sagt Rathke.

SNB-Chef Jordan hingegen trat Vermutungen entgegen, die Schweizer Notenbank könnte faktisch zu dem Schritt gezwungen gewesen sein. Marktdruck sei nicht ausschlaggebend gewesen, so der Notenbankchef.

Zuletzt lag der Wechselkurs des Frankens sehr nahe an dem von der SNB festgesetzten Mindestkurs von 1,20 Euro. Das spricht dafür, dass die SNB stärker intervenieren musste. Sprich: Sie druckt Franken und tauscht diese am Devisenmarkt in Euro, um die Zielmarke für den Wechselkurs zu verteidigen. Der Nebeneffekt ist eine höhere Inflation und eine Ausweitung der Zentralbankbilanz. Höhere Preise sind für die Eidgenossen im Moment jedoch das geringere Problem. 2012 und 2013 war die Inflation in der Schweiz negativ, 2014 lag sie nur knapp über der Nullmarke.

Die Auswirkungen sind auch bei Verbrauchern zu spüren. An den Geldautomaten der Bank Postfinance können vorübergehend keine Euro-Noten mehr bezogen werden. Dies sagte ein Postfinance-Sprecher der Schweizer Wirtschaftsnachrichtenagentur AWP. „Wir haben nach dem Entscheid der Schweizerische Nationalbank (SNB) den Devisenhandel vorübergehend ausgesetzt.“ Dies gelte für die Geldautomaten, aber auch für Internettransaktionen. „Am Devisenmarkt findet derzeit keine adäquate Preisbildung statt“, begründete er die Maßnahme. Wann der Stopp aufgehoben wird, sei derzeit noch offen. Bei anderen Schweizer Banken können hingegen weiter Euro-Noten bezogen werden, wie die AWP berichtet. So gebe es bei den Raiffeisen-Banken laut einem Firmensprecher keine generelle Anweisung zur Einschränkung des Euro-Bezugs.

Viel Kritik aus der Exportwirtschaft
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Schweizer Franken ohne Mindestkurs - „Was die Notenbank veranstaltet, ist ein Tsunami“

43 Kommentare zu "Schweizer Franken ohne Mindestkurs: „Was die Notenbank veranstaltet, ist ein Tsunami“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Das wird für die Schweizer nun nicht mehr so einfach. Deutsche Firmen werden wohl überwiegend durch Exporte profitieren, Die Schweizer haben aber gleich wieder mit einem neuen Urteil nachgelegt, wie ich im folgendem Artikel gelesen habe:

    http://www.finance-magazin.de/geld-liquiditaet/cash-management/cash-pooling-in-der-schweiz-wird-schwieriger/

    Das bedeutet wiederum für große Firmen mit Tochterunternehmen in der Schweiz, dass es schwieriger wird Geld der Tochterfirmen in den Mutterkonzern zu transferieren.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • Hayek jr. soll halt die Preise um 50% erhöhen für seien Uhren - wie das sonst so üblich ist - und die Milliarden für´s eigene Konto zählen.

    Dem fehlt nichts - wie auch der anderen Industrie.
    Die konnten allesamt in früheren Jahren ganz hervorragend mit dem starken Franken leben.

    Nun ist halt wieder ein wenig Denken und rationalisieren angesagt. Das hat nie geschadet - im Gegenteil.

  • Es war ein Fehler, den CHF an den Euro zu binden. Ich finde es sehr mutig und bemerkenswert, dass die Schweizer Zentralbank ihren Fehler zugibt und rückgängig macht. Das wird recht schmerzhaft für die Schweiz, aber alles andere wäre eine Katastrophe geworden. Ich bin gespannt, wielange die Deutschen brauchen um festzustellen, dass der Euro, so wie es die Mehrzahl der beteiligten Länder will und gewohnt ist, eine Weichwährung ist. Wir sollten unsere französischen und italienischen Freunde befragen, wie man sich als Anleger in einem Weichwährungsraum verhält... Die Haushaltsfinanzierung durch die EZB zementiert eine Haftungsunion, die offensichtlich von Frau Merkel von Anfang an angestrebt worden sein muß. Deshalb auch die seinerzeitigen Rücktritte der Bundesbankpräsidenten...Und all diese Entwicklungen laufen völlig undemokratisch ab. Das Volk wird nicht gefragt. Wenn sich die AfD nicht blöd anstellt bzw. in die rechte Schmuddelecke stellt und selbst demoniert, wird sie sagenhafte Wahlergebnisse einfahren können.

  • So ein Schwachsinn.....

  • Der Kommentar und die Analyse des geschriebenen sind
    absolut richtig. Mehr Wirtschaftsökonomie würde den Redakteuren gut tun.

  • Deutschland muß raus aus dem Euro, bevor die ahnungslose Merkel all unsere Altersvorsorge hat vernichten können.

    Die Wahl in HH wird der AfD ein zweistelliges Ergebnis bescheren.

  • An eine spontane Entscheidung glaube ich nicht.Ich denke, die SNB hat den gestrigen Schritt durch die Einführung von Negativzinsen vor ein paar Wochen von langer Hand vorbereitet. Sinn und Zweck der Einführung von Negativzinsen war es offenbar, die zu erwartenden Bocksprünge des Wechselkurses zu dämpfen, was anscheinend teilweise gelungen ist.

  • Kommentar zu "Was vom Tage bleibt"
    Er zieht 3 Lehren aus der schweizer Freigabe ihrer Währung:
    Lehre 1. Schweiz fällt in Ohnmacht. falsch: Es hat noch nie ein Land mit stabiler Währung an Wohlstand verloren!!! Er glaubt in Griechenland würde dasselbe passieren, nur umgekehrt. Richtig. Er setzt die Griechen auf Ecstasy. falsch. Es wird Chaos werden. Übrigens passiert die Situation (Währungsabwertung) gerade in Rußland. Da spricht das HB von Konjunktureinbruch und hohen Inflationsraten.Ja was jetzt?? Gleiches Spiel, unterschiedlicher Ausgang?? Unglaubwürdig!
    Lehre 2:Manipulationen können langfristig nicht verteidigt werden. Richtig (hoffentlich) Dann aber total falsch: Nicht die Aufgabe von unsinnigem Tuen ist das Risiko, sondern die Beibehaltung (koste es was es wolle)
    Lehre 3:falsch: Gelddrucken hat noch nie (WDH: nie) und nirgens einen mittelfristigen Aufschwund bewirkt.Das (Manipulieren der Zinsen)geht auch nicht zu Lasten der Schweizer, sondern der deutschen Sparer, Festgeldinhabern, Inhabern von Lebensversicherungen, Risterrentnern usw.)
    Sein Resüme: Die Schweiz soll dem Euro beitreten. Das ist, als wenn man Ribery raten würde, endlich zu Werder Bremen zu wechseln.Herr Stock würde gut als Berater in die Politik passen.Ob "Lügenpresse" wirklich ein Unwort ist??

  • Ich möchte hiermit den mutigen Entscheidern der Schweizerischen Nationalbank danken.

    Seit der Einführung der 1.20 Limite subventioniert die Schweiz den EURO Irrsinn. Und jetzt wäre noch der Draghi Tsunami dazu gekommen. Lieber eine Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

    Bravo Eidgenossen !

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%