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Strategiewechsel der US-Notenbank Fed-Chef Powell kündigt neues Inflationsziel an und rückt den Arbeitsmarkt in den Fokus

Die Fed steuert in Zukunft weiterhin eine Preissteigerung von zwei Prozent pro Jahr an. Aber sie definiert dieses Ziel so, dass es tatsächlich auch etwas mehr werden darf.
27.08.2020 Update: 28.08.2020 - 02:44 Uhr 4 Kommentare
Der Chef der US-Notenbank Fed verkündet einen Strategiewechsel. Quelle: AFP
Jerome Powell

Der Chef der US-Notenbank Fed verkündet einen Strategiewechsel.

(Foto: AFP)

Denver, Frankfurt Alle haben darauf gewartet, und Jerome Powell hat geliefert: Der Chef der US-Notenbank (Fed) kündigte am Donnerstag auf dem virtuellen Notenbanker-Treffen in Jackson Hole ein neues, noch flexibleres Inflationsziel an. Künftig darf die Preissteigerung für eine Weile höher als zwei Prozent liegen, wenn sie sich zuvor für einen längeren Zeitraum darunter bewegt hat.

Mit diesem Schritt, den Märkte und Ökonomen erwartet hatten, schafft sich die Fed eine Menge Spielraum. Weil über viele Jahre die Inflation tatsächlich unterhalb des angestrebten Ziels lag, gibt es für die Notenbank keinen Druck einzugreifen, wenn die Inflation in Zukunft höher laufen sollte; seit Jahren war schon die Rede davon, sie „durchschnittlich“ beim gewünschten Ziel zu halten. Die Fed kann damit auf lange Zeit niedrige Zinsen und eine insgesamt großzügige Geldpolitik beibehalten.

Mit diesem historischem Schritt rückt die Fed auch den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit stärker in den Mittelpunkt, die im Zuge der Pandemie auf neue Höchststände geklettert ist und gerade bei Geringverdienern für existenzielle Ängste sorgt. So will die Fed künftig nicht mehr die „Abweichungen vom maximalen Beschäftigungslevel“ berücksichtigen, sondern nur noch eine „Unterschreitung“, erklärte der Notenbankchef.

Es ist auf den ersten Blick nur eine kleine sprachliche Änderung. Doch die Notenbank impliziert damit, dass die Arbeitslosenquote nicht mehr zu niedrig sein kann.

Beobachter halten das für eine wichtige strukturelle Veränderung. Bislang galt unter den Währungshütern die Annahme, dass man zwischen einer zu geringen Arbeitslosenquote und zu hoher Inflation abwägen muss. Doch der Zusammenhang, der im theoretischen Modell von der sogenannten Phillipskurve abgebildet wird, ist für die Fed in den Hintergrund gerückt. Die Arbeitslosenquote kann Powell zufolge also zu hoch sein, aber eigentlich nicht zu niedrig.

Unterstützung für untere Einkommensschichten

Der Notenbankchef verweist auf die Entwicklungen vor Beginn der Coronakrise. Die Arbeitslosenquote war auf dem niedrigsten Stand seit über 50 Jahren. Doch trotz des heiß laufenden Job-Marktes sei es nicht zu höherer Inflation gekommen. Stattdessen hätten Geringverdiener endlich „Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen, die ihre Leben verändert haben“, betonte Powell.

Ebrahim Rahbari, Ökonom der Citigroup, sieht darin noch einen weiteren Grund für die Fed, „das Ende der Lockerungsmaßnahmen weiter hinauszuzögern.“

Mit dem Schritt strebt die Fed implizit an, das soziale Gefälle in den USA zu bekämpfen, das durch die Pandemie noch weiter auseinandergedriftet ist. Damit könnte sie auch einem politischen Eingriff vorbeugen. Joe Biden, der Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei hatte im Juli gefordert, dass die Fed explizit Ungleichgewichte auf dem Arbeitsmarkt und bei der Vermögensverteilung abfedern solle.

Blick auf die Inflationserwartungen

Powell betonte aber am Donnerstag, dass die Fed auch unter der neuen Strategie die Inflation nicht unkontrolliert nach oben schießen lassen wolle: „Wenn es zu einem exzessiven Inflationsdruck kommen sollte oder wenn die Inflationserwartungen in einer Weise ausscheren sollten, die unserem Ziel widerspricht, dann werden wir natürlich ohne zu zögern handeln“, stellte er klar.

Der Notenbanker präsentierte eine subtile Rechtfertigung der Anpassung. Danach geht es der Fed jetzt vor allem darum, die Inflationserwartungen möglichst stabil zu halten und weniger die Inflation selbst. Weil eine lang anhaltend zu niedrige Preissteigerung diese Erwartungen drückt, sei es geboten, die Perspektive für eine Zielüberschreitung offenzuhalten, argumentierte er. Dabei fügte er hinzu: „Unsere Entscheidungen über eine angemessene Geldpolitik werden weiterhin von einer breiten Spanne von Überlegungen getragen und nicht von irgendeiner Formel diktiert.“

Diese neue Art der Inflationssteuerung lässt einen großen Ermessensspielraum. Denn solange offenbleibt, welche vergangenen Zeiträume innerhalb welcher späteren Periode ausgeglichen werden sollen, liefert die Durchschnittsbetrachtung keine eindeutigen Vorgaben.

Abschluss einer großen Debatte

Vor Powells Ansprache hatte sich an den Märkten eine gewisse Nervosität gezeigt. Weil die Investoren weitgehend schon von langfristig niedrigen Zinsen ausgegangen waren, hätte eine Enttäuschung deutliche Marktreaktionen nach sich gezogen. Tatsächlich führte die Erfüllung der Erwartungen zunächst zu einem Anstieg der Aktienkurse sowie einem Einknicken des Dollars und der Kurse von US-Staatsanleihen. Kurz darauf setzte aber eine Gegenbewegung ein.

Powell hielt seine Ansprache im Rahmen des jährlichen Notenbanktreffens, das traditionell in Jackson Hole in den Rocky Mountains stattfindet, dieses Jahr aber virtuell abgewickelt wird. Die Formulierung der neuen Strategie schließt eine Debatte ab, die im Jahr 2019 begonnen hatte und Gespräche mit vielen Bevölkerungsgruppen einschloss.

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Der Fed-Chef betonte, dass die Notenbank auf geänderte Rahmenbedingungen reagiere. Er nannte vier entscheidende Trends seit dem Jahr 2012, in dem zum ersten Mal das Ziel von zwei Prozent explizit formuliert wurde: Das Wachstum ist niedriger als früher, die Zinsen sind weltweit gefallen, der Arbeitsmarkt war bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie sehr stark, und die Inflation ist trotzdem nicht angestiegen. Powell betonte deshalb: „Eine permanent zu niedrige Inflation birgt ernste Risiken für die Wirtschaft.“ Denn, so führte er aus, sie bringe die Notenbank bei den Zinsen an die Nulllinie und schränke ihren Spielraum ein, die Wirtschaft bei einem Einbruch zu stabilisieren.

Die EZB diskutiert ähnlich

Die Europäische Zentralbank (EZB) plant eine ähnliche Überprüfung der Strategie. Der Start dieses Prozesses hat sich wegen der Coronakrise aber verschoben und ist jetzt für den Herbst geplant. Ähnlich wie in den USA soll es dann auch Veranstaltungen geben, die dem Dialog mit verschiedenen Gruppen der Gesellschaft dienen.

Ein Thema dürfte auch bei der EZB das Inflationsziel sein. Bisher will die Notenbank offiziell eine Teuerungsrate von „nahe an, aber unter zwei Prozent“ anstreben. Vor gut einem Jahr hatte aber Mario Draghi, der Vorgänger der heutigen EZB-Präsidentin Christine Lagarde, betont, das Inflationsziel sei „symmetrisch“. Gemeint war damit, dass die EZB eine zu niedrige Inflation genauso energisch bekämpfen will wie eine zu hohe Preissteigerung.

Die Erwartung ist relativ groß, dass im Rahmen der Überprüfung schlicht ein Ziel von zwei Prozent angegeben wird, ohne die Betonung darauf, dass diese Grenze eher unter- als überschritten werden soll. Das würde der bisherigen Definition in den USA entsprechen. Ob die Diskussion so weit geht, dieses Ziel nur als langjährigen Durchschnitt anzusteuern, ist allerdings fraglich.

Anleger erhoffen sich in den kommenden Wochen weitere Details von der Fed. Am Montag spricht Powells Vize Richard Clarida bei einer Veranstaltung des Think Tanks Peterson Institut über die neue Strategie. Am Dienstag folgt Gouverneurin Lael Brainard zum gleichen Thema bei der Brookings Institution.

Mehr: Beim Jackson-Hole-Symposium der Notenbanker wird Lane über europäische Geldpolitik sprechen – nicht Christine Lagarde. Die EZB-Präsidentin weiß, was sie an dem Iren hat.

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4 Kommentare zu "Strategiewechsel der US-Notenbank: Fed-Chef Powell kündigt neues Inflationsziel an und rückt den Arbeitsmarkt in den Fokus"

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  • Krisenzeiten erfordern smarte Maßnahmen. Jetzt zeigt sich wieder die Überlegenheit des modernen Geldsystems, das durch die Zentralbanken gesteuert werden kann. Ein besseres System ist kaum vorstellbar. Die anderen Systeme, wovon einige nur in der Phantasie von Crash-Propheten und Gold-Junkies existieren, würden wahrscheinlich enorme Verwerfungen hervorrufen und schon in Kürze Not und Elend entstehen lassen. Regierungen müssen stets das Heft in der Hand behalten können, mittels Zentralbank und klug gesteuerter Geldschöpfung. Zusammen mit Geldschöpfung und der Lenkung des Geldes in gewünschte Märkte, was bisher die EZB gezwungen war zu unterlassen, ist das smarte Plus des Geld-Systems. Das gegenwärtig Geldsystem ist sozusagen sexy, die negativen Aspekte sind gering und beherrschbar. Im Zweifelsfalle streicht man eine Null auf den Noten, und bucht bei der Staatsbank die Schulden aus, hat aber keine Millionen von Armen geschaffen durch religionsähnlichen pervertierten Dogmatismus.

  • Und was bedeutet dies nun in der Praxis - ich denke es wird noch mehr Geld gedruckt bzw. erschaffen. Da sind sind Sachwerte künftig noch mehr gefragt und wenn sich die EZB daran anschließt dann gibt es wohl einen Wettstreit - wer druckt am meissten?

  • "Lower for longer" war einmal - jetzt heißt es wohl "lower forever"...

  • Die EZB sollte sich ähnlich verhalten, aber leider ist die EZB gefangen in den alten Regeln, die man von der Deutschen Bundesbank übernommen hat. Diesen dämlichen Monetarismus. Die alte Bundesbank hat, nachdem Kohl die DM über die DDR ausgeschüttet hatte, die dümmliche Idee, das ach so viel geschöpfte Geld wieder einsammeln zu wollen und hat den Diskontsatz in den Bereich von 8 % angehoben. Daraufhin begann in ganz Deutschland das wirtschaftliche Siechtum und die deutsche Baubranche brach um 50% zusammen. Wer baut denn noch bei solchen Zinsen? Danke Deutsche Bundesbank für deine Zerstörungswirkung mit hohen Zinsen und einer altmodischen Geld-Theorie, die man nie richtig thematisiert hat. Die damaligen Verantwortlichen sollte man als das bezeichnen, was sie sind, Fehl-Entscheider. Leider ist dieses Denkmodell noch nicht gestorben, die Crash-Propheten trommeln es derzeit, tagtäglich, fleißig weiter.

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