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Stress in der Notenbank Eine umstrittene Karriere in der EZB

Der Personalrat der EZB kritisiert die Führung, weil die Leitung des Brüsseler Büros ohne Ausschreibung vergeben wurde. In einem Brief ist nun von Vetternwirtschaft die Rede. Die Notenbank bestreitet die Vorwürfe.
31.07.2016 - 17:26 Uhr
In der Notenbank gibt es Ärger um die Personalpolitik. Quelle: dpa
EZB-Zentrale

In der Notenbank gibt es Ärger um die Personalpolitik.

(Foto: dpa)

Frankfurt Sie haben einen Master-Abschluss in Volkswirtschaft, Arbeitserfahrung bei einer Zentralbank und sprechen gut Englisch? Vielleicht wären Sie genau der oder die Richtige, um das Büro der Europäischen Zentralbank in Brüssel zu leiten. Das einzige Problem: Die Stelle wurde nicht ausgeschrieben. Sie geht an den EZB-Berater Stéphane Rottier, „per direkter Ernennung“.

Die Personalie werde als „eindrucksvolles Beispiel von Vetternwirtschaft wahrgenommen“, heißt es in einem Brief des EZB-Personalrats an das Direktorium der Notenbank, der dem Handelsblatt vorliegt. Denn Rottier ist Berater und enger Vertrauter von EZB-Direktoriumsmitglied Peter Praet. Damit gerät die EZB als öffentliche Institution in Verdacht, Jobs nach Beziehungen zu vergeben und nicht nach Qualifikation.

Die Notenbank bestreitet die Vorwürfe. Die Arbeit für ein Direktoriumsmitglied habe keinen Einfluss darauf, ob ein Kandidat für eine Position infrage komme oder nicht. Berufungen bei ihr basierten auf Fähigkeit und Leistung. Doch viele Mitarbeiter der EZB sehen das anders. Damit droht der Notenbank in einer Phase, in der ihre Arbeit besonders gefordert ist, ein Streit um die Betriebskultur. Hans Ochmann, Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum, warnt vor einem Vertrauensproblem für die Notenbank: „Die Mitarbeiter müssen das Gefühl haben, dass jeder die gleiche Chance hat.“

Die EZB ist eine der mächtigsten Institutionen Europas. Seit der Finanzkrise ist sie noch einflussreicher geworden, kauft Wertpapiere für viele Milliarden und kontrolliert die wichtigsten Banken. Für den Personalrat geht es deshalb um mehr als nur eine Stellenausschreibung. „Bitte sehen Sie diesen Brief als Weckruf für die Europäische Union“, schreiben EZB-Personalratschef Carlos Bowles und seine Kollegen.

Europa und die EU stecken in einer Identitätskrise. Für die Personalvertreter ist deshalb bezeichnend, dass die EZB ausgerechnet am Tag des Brexit-Referendums die pikante Mitteilung ins Intranet stellt. Die Mitarbeiter erfahren, dass Rottier per „direkter Ernennung“ zum neuen Chef des Brüsseler Büros der Notenbank berufen wird. Und damit nicht genug: Das EZB-Direktorium mit Mario Dra‧ghi an der Spitze hat die Position zwei Wochen zuvor um eine Gehaltsstufe aufgewertet, wodurch sich die Bezahlung um bis zu 40 Prozent erhöht. Für Rottier heißt das, dass er im Vergleich zum jetzigen Posten gar um zwei Stufen besser bezahlt werden wird – er verdient künftig mindestens rund 170 000 Euro pro Jahr. Aus Sicht der Personalvertreter weckt das den Verdacht der Vetternwirtschaft.

Denn Stéphane Rottier verbindet eine gemeinsame Karriere mit Peter Praet. Beide waren im Juni 2011 von der belgischen Notenbank nach Frankfurt gewechselt. Praet wurde Chefvolkswirt der EZB, Rottier sein Berater. Durch die Ernennung Rottiers bekomme „ein Bewerber, der nie erfolgreich ein Einstellungsverfahren der EZB bestanden hat, einen unbefristeten Vertrag für eine Stelle im höheren Management und eine Beförderung um zwei Gehaltsstufen“, schreiben die Arbeitnehmervertreter. Das Fehlen eines leistungsorientierten Wettbewerbs deute darauf hin, dass andere Faktoren als Leistung bei der Stellenvergabe eine Rolle gespielt haben könnten.

Das weist die EZB zurück: Stéphane Rottier sei ein erfahrener Ökonom, der promoviert habe, fünf Sprachen spreche und über reiche Erfahrung in internationalen Organisationen verfüge. Die Aufwertung der Stelle begründet die Bank damit, dass man die Tätigkeit in Brüssel stärken und das Gehalt an das des Leiters des Büros in Washington angleichen wolle.

Rottier erhielt den Brüsseler Job über eine sogenannte Reserveliste. Er hatte sich als Leiter des Büros in Washington beworben und dafür ein Einstellungsverfahren durchlaufen. Dabei war er nicht zum Zuge gekommen, aber auf die Reserveliste gesetzt worden. Darauf landen Bewerber, die für einen Posten als geeignet eingestuft, aber bislang nicht berücksichtigt wurden. Die Listen werden nicht veröffentlicht. Der Personalrat kritisiert, dass sich die Listen zu einem Einfallstor entwickelt hätten, „um hinter der Nebelwand eines früheren Auswahlverfahrens handverlesene Kandidaten auszuwählen“. Die EZB verteidigt die Reservelisten. Durch sie könne die Bank einen größeren Nutzen aus den aufwendigen Einstellungsverfahren ziehen. Außerdem werde verhindert, dass Bewerber wiederholt durch die gleichen Einstellungsverfahren gehen müssten. Eine Veröffentlichung der Reservelisten sei nicht im Interesse der Beschäftigten. Von Vetternwirtschaft könne keine Rede sein, schließlich habe Praet nichts damit zu tun gehabt, dass Rottier auf der Reserveliste landete.

Doch der Fall Rottier ist nicht der einzige, der bei Mitarbeitern der EZB für Unmut sorgt. Das zeigt eine Mitarbeiterbefragung aus dem vergangenen Jahr. Damals hatten die meisten EZB-Angestellten auf die Frage, wie Mitarbeiter typischerweise befördert werden, geantwortet: Indem man die „richtigen Leute“ kennt. Erst an vierter Stelle nannten sie gute Leistung im Job als Kriterium. Auf die Frage, ob die EZB gut darin sei, die kompetentesten Leute zu befördern, äußerten sich nur 19 Prozent positiv.

„Wir prüfen, die Ernennung anzufechten“, sagt Personalratschef Bowles über den Fall Rottier. Zwar hat er keine direkte Anfechtungsmöglichkeit. Er kann aber die Anfechtung durch eine Einzelperson unterstützen. In dem Brief fordern Bowles und seine Kollegen vor allem mehr Transparenz. Reservelisten und freie Stellen im höheren Management sollten öffentlich gemacht werden. In jedem Bewerbungsgremium sollte ein Vertreter des Personalrats sitzen und die Bewerbungsunterlagen lesen dürfen. Die EZB verweist darauf, dass sie Schulungen anbietet, damit Personalvertreter auf Anfrage an Auswahlgremien teilnehmen können. Bowles sagt, er habe die Schulung schon 2014 gemacht, doch gefragt worden sei er noch nie.

Falls Sie sich für den Posten in Brüssel interessieren sollten, ist es wohl zu spät: Schon am 1. September soll Rottier seine Stelle antreten.

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