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Hans Werner Sinn

Der Ex-Ifo-Chef meldet sich erneut zu Wort im Streit über die Target-2-Salden.

(Foto: Daniel Delang für Handelsblatt)

Target2-Salden Annäherung im Ökonomen-Streit über die Billionen-Forderung der Bundesbank

Das Ifo-Institut warnt erneut vor den so genannten Target-2-Salden. Und schlägt zwei Möglichkeiten vor, um die Risiken zu begrenzen.
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Er hat es wieder getan: Hans Werner Sinn warnt vor den so genannten Target-2-Salden. Diesmal gegen Jahresende in einer Veröffentlichung des Ifo-Instituts, das er bis 2016 geleitet hat.

Zusammen mit seinem Nachfolger Clemens Fuest wendet er sich gegen die These seiner Kritiker, diese Salden seien „irrelevante Verrechnungsposten“. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber eine gewisse Annäherung zwischen den Ifo-Thesen und der Gegenposition, die zum Beispiel von DIW-Chef Marcel Fratzscher vertreten wird.

Die Target-2-Salden entstehen durch Überweisungen zwischen Notenbanken des Euro-Systems. Wenn zum Beispiel die Bank von Italien Geld an die Bundesbank überweist, entsteht damit eine Verbindlichkeit der Italiener gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB), die als Zwischenstufe eingeschaltet ist (oder ein vorher bestehendes Guthaben wird entsprechend kleiner).

Indem die EZB das Geld weiter nach Deutschland überweist, entsteht eine Forderung der Bundesbank an die EZB. So ergeben sich bei jeder Zahlung wechselseitige Forderungen und entsprechende Verbindlichkeiten. Der Saldo daraus ist der so genannte Target-2-Saldo, der bei der Bundesbank im ablaufenden Jahr beinahe eine Billion Euro, also eine hohe Forderung an die EZB, erreicht hat.

Sinn warnt seit langem vor diesem Saldo, seine Kritiker sehen darin eher Panikmache. Den größten negativen Saldo, also eine Verbindlichkeit gegenüber der EZB, hat Italien mit fast einer halben Billion.

Aber wie weit unterscheiden sich die Standpunkte eigentlich? Fuest und Sinn schreiben zu Recht: „Es gilt heute als unstrittig, dass diese Forderungen im Risiko stehen, sollten Target-Schuldner aus dem Euro-System austreten.“

Würde sich Italien aus dem Euro verabschieden, so die plausible Überlegung, dann würde das Land seine Verbindlichkeit gegenüber der EZB vermutlich streichen. Die EZB müsste einen Verlust verbuchen, der entweder in ihren Büchern stehen bleibt oder anteilig auf die anderen Euroländer verteilt wird, so dass dort hohe Verluste bei den jeweiligen Notenbanken entstehen.

Dabei räumen Fuest und Sinn ein: „Es ist zutreffend, dass im Fall einer Streichung der Target-Schulden eines einzelnen Landes die Folgen für Deutschland unabhängig davon sind, wie hoch die deutschen Target-Forderungen sind. Deutschland wäre an den Ausfällen stets in der Höhe seines EZB-Kapitalanteils beteiligt.“

Damit ist klar, dass die knappe Billion in der Bilanz der Bundesbank zunächst gar keine Rolle spielt. Sie wäre nur dann von Bedeutung, wenn Deutschland den Euro verlässt oder das gesamte Eurosystem auseinander fliegt. Die Autoren mutmaßen aber, Deutschland könnte auch in anderen Fällen gebeten werden, sich überproportional an Target-2-Verlusten zu beteiligen.

Zusammenbruch ohne Austritt?

Das Ifo-Papier untersucht dann einen Spezialfall – nämlich den, dass ein Euro-Land finanziell zusammenbricht, aber trotzdem den Euro behält. In dem Fall, so argumentieren die beiden Wissenschaftler, würde es auch zu Ausfällen kommen, also nicht nur beim Ausstieg eines Landes aus der gemeinsamen Währung.

Ihre Argumentation ist plausibel: Der Zusammenbruch eines Landes könnte dazu führen, dass es seine Verbindlichkeiten auch der EZB gegenüber nicht mehr begleichen kann. Aber wie relevant ist dieser Fall? Wie wahrscheinlich ist er?

Die Annahme, dass eigentlich nur der Austritt eines Target-Schuldners ein Risiko darstellt, dürfte weithin von der Überzeugung getragen sein, dass ein finanzieller Zusammenbruch praktisch immer auch zu einem Austritt führt, oder ein Austritt einem derartigen Zusammenbruch zuvorkommt, um rechtzeitig eine eigene Währung in Umlauf bringen zu können. Es sollte aber kein großes Problem sein, Fuest und Sinn zuzugestehen, dass zumindest theoretisch auch ein Zusammenbruch ohne Austritt möglich ist.

Damit ließe sich als Konsens formulieren, dass Target-2-Verbindlichkeiten beim Austritt oder Kollaps eines Euro-Staates wahrscheinlich zu Schäden führen.

Das Ifo-Papier besagt nicht explizit, dass es außer diesen Fällen keine weiteren Risiken gibt, führt aber auch keine weiteren Risiken aus. Somit fragt sich, ob es bei der Risikoanalyse überhaupt noch einen nennenswerten Unterschied zwischen Ifo und Gegnern wie dem DIW gibt.

Wichtig auch: Das Ifo-Papier benennt präzise, dass ein Verlust in einer Notenbankbilanz in der Praxis allein als Ausfall von Notenbank-Gewinnen für den staatlichen Haushalt spürbar würde, also in Deutschland als Ausfall des Bundesbankgewinns über viele Jahre hinweg.

Die Frage ist aber, ob der Zusammenbruch eines Euro-Landes nicht viel dramatischere Auswirkungen als diesen Ausfall hätte, der in Deutschland zum Beispiel pro Jahr meist einem niedrigen einstelligen Milliardenbetrag entspricht.

Was bleibt, sind Unterschiede im Sprachgebrauch und Forderungen des Ifo-Instituts zur Absicherung. Fuest und Sinn beharren darauf, „im Sinne einer aufklärenden Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit“ sei es notwendig, die Target-Salden als „Überziehungskredite“ zu bezeichnen. Sie sprechen auch von einer „erzwungenen Vergabe von Krediten“.

Noch mehr im Sinne einer aufklärenden Kommunikation wäre, die Fakten präzise zu benennen: Target-2-Salden sind Verbindlichkeiten und Forderungen, die im Rahmen des Zahlungsverkehrs entstehen. Da unser Währungssystem im wesentlichen auf Buchgeld beruht, ist es ja immer mit Forderungen und Verbindlichkeiten verbunden – jedes Sparguthaben ist eine Verbindlichkeit der Bank und eine Forderung des Kunden.

Eine Art Golddeckung des Euros

Fuest und Sinn schlagen dann vor, die Salden entweder durch Goldbestände abzusichern oder Obergrenzen dafür einzuführen. Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass die Europäer den Deutschen zu Liebe eine Art Golddeckung des Euros einführen, zumal ja die Goldreserven eines jeden Landes recht willkürlich dessen Zahlungsfähigkeit innerhalb des Euro-Raums bestimmen würden.

Reine Obergrenzen würde nach Angabe der Autoren dazu führen, dass mehr Zahlungen in Form von privaten Krediten abgewickelt und entsprechend risikogerecht bepreist würden. Aber: Im Krisenfall könnte das dazu führen, dass zum Beispiel ein deutscher Exporteur eine Rechnung eines italienischen Kunden nicht mehr bezahlt bekommt, obwohl der eigentlich zahlungsfähig ist. Es fragt sich, ob nicht andere Mechanismen zur Beseitigung von wirtschaftlichen Ungleichgewichten vorteilhafter wären.

Die Idee, den Euro zu einer starken, für Investoren attraktiven Währung zu machen, kann man jedenfalls vergessen, wenn der interne Zahlungsverkehr des Euroraums in Frage gestellt wird.

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