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Türkei „Erdogans geldpolitisches Experiment wird scheitern“

Devisenanalyst Ulrich Leuchtmann erklärt seine Prognose für die Volkswirtschaft der Türkei. Er ist sicher: Das Land kann eine neue Lira-Krise nicht verkraften.
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Türkei: Lira-Krise – Erdogans Geldpolitik zum Scheitern verurteilt Quelle: AP
Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident hat in der Vergangenheit gegen eine „internationale Zinslobby“ Stimmung gemacht – eine vermeintliche globale Allianz von Spekulanten, die der Notenbank hohe Zinsen aufzwingt, um der türkischen Wirtschaft zu schaden.

(Foto: AP)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den Chef der türkischen Zentralbank Murat Cetinkaya entlassen und durch den bisherigen Vize Murat Uysal ersetzt. Dieser gilt als Befürworter einer lockeren Geldpolitik. Das passt ins Bild: Erdogan verlangt niedrigere Zinsen, um die inzwischen in einer Rezession steckende Wirtschaft anzukurbeln.

An den Finanzmärkten wurde die wiederholte Kritik des türkischen Präsidenten an der Zentralbank als Angriff auf deren Unabhängigkeit aufgefasst. Über dieses Thema sprachen wir mit Commerzbank-Devisenanalyst Ulrich Leuchtmann.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Leuchtmann, warum ist die türkische Lira nach der Entlassung des Zentralbank-Gouverneurs nicht noch deutlicher gefallen?
Das hat zwei Gründe. Zum einen machen die absehbaren Lockerungen der Geldpolitik in den USA und Europa Hochzinswährungen relativ attraktiv. Die Rendite von türkischen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren liegt schließlich bei über 16 Prozent. Und zum anderen sinken die Inflationszahlen.

Dann ist die Lage in der Türkei nicht so schlecht?
Es ist falsch, aus dem Rückgang der Vorjahresrate der Konsumentenpreise auf eine nachlassende Inflations-Dynamik zu schließen. Der Rückgang ist ausschließlich einem Basiseffekt geschuldet: Die hohen Preissprünge vom Sommer 2018 fallen aus dem Vorjahresvergleich heraus. Damit ist absehbar, dass ungefähr ab Dezember auch die Vorjahresrate der Inflation wieder anziehen dürfte.

Kehrt dann auch die Lira-Krise aus dem Jahr 2018 zurück?
Ja, früher oder später, weil mit der Ablösung des Zentralbank-Gouverneurs klar ist, dass selbst die jetzige Geldpolitik nicht mehr fortgesetzt werden kann. Diesmal dürften auch die Höchststände aus dem vergangenen Jahr, als ein US-Dollar bei sieben Lira lag, überschritten werden. Die Fremdwährungs-Verschuldung dürfte bei einer Wiederholung der damaligen Ereignisse zu einem noch größeren Problem werden. 

Aber die Krise von 2018 hat die Türkei doch überstanden?
Ja. Doch eine neue Lira-Krise dürfte die türkische Volkswirtschaft nicht mehr so verkraften. Die Probleme sind größer geworden. Diesmal droht eine Spirale aus Lira-Abwertung und zunehmenden Bilanz-Problemen der Haushalte und Unternehmen.

Der Devisenanalyst der Commerzbank rechnet damit, dass die Türkei bei einer erneuten Lira-Krise auf die Hilfe des Internationalen Währungsfonds angewiesen sein könnte. Quelle: PR
Ulrich Leuchtmann

Der Devisenanalyst der Commerzbank rechnet damit, dass die Türkei bei einer erneuten Lira-Krise auf die Hilfe des Internationalen Währungsfonds angewiesen sein könnte.

(Foto: PR)

Haben Sie dafür Beispiele?
Die Auslandsverbindlichkeiten der Türkei sind im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beispielsweise auf rund 60 Prozent gestiegen; die Fremdwährungs-Verbindlichkeiten der Unternehmen belaufen sich auf 188 Milliarden Dollar, rund 25 Prozent des BIP. Angesichts dieser Zahlen ist ein hoher Realzins, der Leitzins abzüglich der Inflationsrate, nicht nur notwendig, um die Inflation zu kontrollieren, sondern auch, um den Finanzierungsbedarf der Volkswirtschaft zu decken.
Wird – wie wir prognostizieren – der Realzins im kommenden Jahr negativ, dürfte deutlich weniger Kapital in den Staat am Bosporus fließen. Sollte die Lira beispielsweise weitere 25 Prozent abwerten, dürften viele Unternehmen und auch der Bankensektor vor größeren Problemen stehen.

Aber die türkische Zentralbank kann doch wie 2018 mit Zinserhöhungen gegensteuern?
Die Gefahr ist, dass die Zentralbank – wenn sie letztendlich doch kapitulieren muss – mit Zinserhöhungen weitaus weniger ausrichten kann als bisher. Anders als 2018 würde der Markt allzu leicht erkennen, dass Not-Zinserhöhungen nur kurzfristiger Natur wären. Dadurch kann die Wirkung von Zinserhöhungen verpuffen. Die nächste Lira-Krise dürfte viel schwerer einzudämmen sein.

Wie tief wird die Lira Ihrer Ansicht nach noch fallen?
Das Ausmaß der Abwertung in solch einem Szenario abzuschätzen, ist nahezu unmöglich. Unsere Prognosen für die Wechselkurse sind daher nicht mehr als grobe Indikationen unserer Angst vor solch einem Szenario. Für März 2020 vermuten wir 9,30 Lira gegenüber dem Euro und 7,75 Lira gegenüber dem Dollar. Angesichts dieser Risiken haben wir auch unsere BIP-Prognose für die türkische Weltwirtschaft angepasst.
Für 2019 erwarten wir nun ein Minus in Höhe von zwei Prozent. Auch für 2020 gehen wir von einer schrumpfenden Wirtschaft aus. Wir glauben, dass Erdogans geldpolitisches Experiment scheitern wird.

Und dann?
Die Türkei dürfte anschließend auf internationale Hilfe vom Internationalen Währungsfonds zurückgreifen. Das wäre aber wahrscheinlich mit einem grundlegenden Wechsel der Geldpolitik verbunden. Die einzige Alternative wäre in diesem Szenario die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen – diese könnten aber mit langfristig noch schädlicheren Folgen verbunden sein. Wir befürchten, dass – bevor es besser wird – die Türkei noch durch ein Tal der Tränen schreiten muss.

Wenn es sicher scheint, dass die Lira abwertet, warum gibt es keine großen Spekulationen auf oder Absicherungen gegen diese Entwicklung?
Solche sogenannten Short-Positionen in hochverzinslichen Währungen sind oft nicht attraktiv. Die Kosten für Spekulationen auf eine fallende Lira gegenüber dem Euro liegen aktuell bei rund 18 Prozent jährlich. Da wagen es nur wenige Profi-Anleger, angesichts solcher Kosten darauf zu spekulieren oder sich dagegen abzusichern. Wir glauben, die Lira-Abwertung erfolgt in schnellen Wellen – denn die Marktteilnehmer verhalten sich aktuell nicht so, wie sie es ihrer Meinung zur türkischen Währung entsprechend tun müssten.

Ist der Umgang der Türkei mit ihrer Notenbank einzigartig?
In etlichen Ländern steht die Unabhängigkeit der Zentralbank unter Beschuss. Wir sehen das in Europa und insbesondere in den USA. Jedes Land, in dem die Politik die Zentralbanker in ihrer Arbeit beeinflusst, riskiert eine Schwäche seiner Währung. Das ist keine Besonderheit der Türkei. Allerdings ist der Grad der politischen Einflussnahme in der Türkei besonders hoch. Der Devisenmarkt hat schon lange vermutet, dass die türkische Zentralbank unter der Fuchtel von Präsident Recep Tayyip Erdogan steht. Mit der Entlassung des Zentralbank-Gouverneurs sind jetzt alle Zweifel beseitigt.

Mehr: Erdgas-Rausch im Mittelmeer – Warum die Türkei auf Konfrontation mit Zypern und Griechenland setzt.

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  • Was ein schlechter Politiker in kurzer Zeit zerstören kann, kann ein anderer Politiker nur über lange Zeiträume korrigieren. Es ist eine Schande wie eine ursprünglich prosperierende Türkei innerhalb weniger Jahre gegen die Wand gefahren wird.

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